Mein neues Buch

Die Entste­hung der Geschlech­ter­hier­ar­chie als unbe­ab­sich­tigte Neben­wir­kung sozialer Folgen der Gebär­fä­hig­keit und des Fellverlusts 

Ein Essay von Helke Sander
Verlag Zukunft & Gesell­schaft
ISBN 978−3−00−055652−4, 26,90 €
E-Book ISBN 987−3−00−055689−0, 11,99 €

Geschlechterhierarchie

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KURZFASSUNG  (scroll down for english version)

Vor genau 50 Jahren, im Januar 1968, parallel zur Grün­dung des „Akti­ons­rats zur Befreiung der Frauen“ in Berlin, fing ich an, mir Gedanken darüber zu machen, ab wann Frauen welt­weit weit­ge­hend rechtlos wurden. Diesen Verlust der Selbst­be­stim­mung gibt es bei anderen Säuge­tieren nicht. Das führte mich allmäh­lich immer tiefer in die Vorge­schichte. Mein Ausgangs­punkt waren ca. 4 Millionen Jahre Mensch­heits­ge­schichte, um diesen langen und zunächst lang­samen Prozess zu begreifen. Er ging aus vom selbst­be­stimmten Prima­ten­mäd­chen zur schon menschen­ähn­li­chen Urahnin, die gewisse neue und nur sie betref­fende biolo­gi­sche Probleme mit ihrer Verstan­des­kraft löste und endete bei der Homo sapiens-Frau ohne Bürger­rechte. Dabei haben mich beson­ders die Gründe für den Beginn der soge­nannten Arbeits­tei­lung inter­es­siert. Diesen Begriff verwende ich heute nicht mehr, sondern ersetze ihn durch „Beginn der Tausch-Beziehungen zwischen Frauen und Männern“.

Dieser so selbst­ver­ständ­lich gewor­dene Begriff Arbeits­tei­lung, beson­ders gern noch als natür­liche Arbeits­tei­lungbezeichnet, hat viel dazu beige­tragen, die Vorge­schichte bis heute gründ­lich zu verne­beln. Wie es im Verlauf der Entwick­lung allmäh­lich dazu kam, dass unsere Vormen­schen, die über Millionen Jahre selber dafür verant­wort­lich waren, ihre Nahrung zu suchen und sich gar nichts teilten, in langen Zeit­räumen dazu über­gehen konnten, soziale Struk­turen zu entwi­ckeln, die mit diesem Tausch einher­gingen, beschreibe ich in meinem Essay. Beson­dere Trieb­fe­dern für die Entwick­lung waren Frauen. Den länger werdenden Schwan­ger­schaften, unfer­ti­geren Kindern bei der Geburt, schwe­reren Geburten durch den aufrechten Gang, waren die werdenden Menschen­frauen hilflos ausge­setzt. Gegen das Handikap des Fell­ver­lusts, an dem sich die Klein­kinder nicht mehr fest­klam­mern konnten und so die Mütter bei der Nahrungs­suche behin­derten, erfanden Frauen zweck­ge­bun­dene Trage­vor­rich­tungen, um weiterhin beide Hände frei zu haben. Außerdem entwi­ckelten diese Frauen die schon bei Primaten vorsprach­lich vorhan­dene Kommu­ni­ka­tion zwischen Frauen und Kindern weiter. Männer hatten noch lange keinerlei Notwen­dig­keit zur Entwick­lung spezi­eller Werk­zeuge oder gegen­sei­tiger Kommunikation.

Außerdem gehe ich gründ­lich auf die Sensa­tion ein, die das Begreifen der regel­mä­ßigen Mens­trua­tion bei den betrof­fenen Frauen und bei den Männern auslöste.

Auch das muss man sich als Jahr­tau­sende währende allmäh­liche Erkenntnis vorstellen. Die Mens­trua­tion, die außer Tag und Nacht eine weitere Glie­de­rung von Zeit darstellte und mit dem Erkennen der Mond­phasen und Spring­fluten Verbin­dungen zwischen Frauen und dem Kosmos ermög­lichte. Dies war auch der Anfang, dass den werdenden Menschen die Zwei-Geschlechtlichkeit bewusst wurde und die Fähig­keit der Frauen, zu gebären. Dies war begleitet von der Erkenntnis, dass Kinder aus dem Blut entstehen und führte zu unter­schied­lichsten Gebräu­chen von Männern, frau­e­n­ähn­li­cher durch Blut­ri­tuale zu werden.

Ich verlege den Beginn der Tausch­be­zie­hungen und das heißt den ersten Wechsel vom instinkt­haften zu sozialem Verhalten unge­fähr in die Zeit von 800.000 bis vor ca. 300.000 Jahren und behaupte, dass dieser Handel zunächst zwischen Frauen statt­fand. Vor ca. 300.000 Jahren hatten sich aus verschie­denen, im Buch beschrie­benen Gründen die Tätig­keiten von Frauen und Männern so diffe­ren­ziert, dass Männer mit neu erfun­denen spezi­ellen Werk­zeugen – den Schö­ninger Speeren z.B. – größere Tiere erlegen konnten und zum ersten Mal dazu beitragen konnten, prote­in­reiche Nahrung zu beschaffen und sich am Tausch zu betei­ligen. Das begrün­dete voll­kommen neue Eigen­schaften und Gesetze (Konkur­renz, zeit­ver­setzte Fürsorge, erste Regeln für das Sexualleben).

Diese Entwick­lung weg vom instinkt­haften und hin zum sozialen Verhalten hinter­ließ aller­dings auch Spuren, die sich erst allmäh­lich zeigten. Einer­seits machte der neue Handel zwischen den Geschlech­tern das Leben leichter, ande­rer­seits verloren alle Mitglieder mit jedem Entwick­lungs­schritt auch etwas von ihrer früheren tieri­schen Auto­nomie – was sich im Laufe der Jahr­tau­sende poten­zierte und beschleunigte.

Vom Tausch an begründet sich die sehr langsam einset­zende Vorherr­schaft der Männer, deren Tätig­keiten nun neue, durchaus aner­kannte und von allen geteilte, soziale unum­kehr­bare Regeln schufen, deren Folgen erst später erkennbar wurden. Schon nah an unserer Zeit begann die allmäh­liche Domes­ti­zie­rung der Tiere, was weit­ge­hend schon zur Tätig­keit der Männer gehörte und das entstehen ließ, was wir heute mit Arbeit bezeichnen. Es entstanden erste Hier­ar­chien durch die Vieh­zucht und das in der Vorzeit unbe­kannte Über­le­gen­heits­ge­fühl von Menschen über Tiere nahm Gestalt an. Schon in histo­ri­scher Zeit, bei den Grie­chen, wurden Sklaven und Frauen in diese Hier­ar­chien einbe­zogen. Dennoch wird mit den „alten Grie­chen“ auch heute noch der Anfang der Kultur beschworen und ihre Ordnung mit Demo­kratie bezeichnet, obwohl Frauen und Sklaven von der Politik schon ausge­schlossen waren. Die Geschichten über die Kämpfe am Götter­himmel, aus dem die vorher domi­nie­renden Frauen zuerst redu­ziert und dann zugunsten eines einzigen Gottes total verbannt wurden, spie­geln die realen irdi­schen Kämpfe um die Vorherrschaft.

Als Neben­ef­fekt meiner Unter­su­chungen ergab sich außerdem ein Blick auf das voraus­sicht­liche Ende der Mensch­heits­ge­schichte, das, wie ich zeige, schon in seinen Anfängen ange­legt ist. Anders als der Autor Yuval Harari (dessen Best­seller „Eine kurze Geschichte der Mensch­heit“ ich erst nach Fertig­stel­lung meines Buches gelesen habe), führe ich dieses Ende nicht auf „wissen­schaft­liche Revo­lu­tionen“, die gewis­ser­maßen aus dem Nichts kommen, zurück, sondern begründe diese Entwick­lung mit den allmäh­lich immer deut­li­cher werdenden und sich von Beginn des sozialen Mitein­an­ders anhäu­fenden Kehr­seiten jeden Fort­schritts, auf die mit immer neuen Erfin­dungen, Hand­lungen, Gesetzen reagiert werden muss, um sie unter Kontrolle zu behalten und die mit den größer werdenden Gemein­schaften immer komplexer wurden und ihrer­seits wieder neue Reak­tionen heraus­for­dern. Der Verstand, der uns zu Menschen gemacht hat, wird uns eines Tages umbringen. Heute führt er nicht nur zur Meeres-Luft– und Welt­raum­ver­schmut­zung, sondern auch zur Mensch-Maschine und zur Digi­ta­li­sie­rung aller Lebens­be­reiche, deren Folgen noch kaum begriffen werden. Es gibt keinerlei Bruch in der Mensch­heits­ge­schichte, sondern eine sich zuneh­mend beschleu­ni­gende Verwicklung.

In dem Krimi­nal­roman von David Lager­crantz „Verschwö­rung“ findet das eine gute Beschreibung:

…Was glauben Sie, wie sich ein Computer fühlt, wenn er aufwacht und merkt, dass er von primi­tiven Wesen wie uns gefangen gehalten und kontrol­liert wird? Warum sollte er sich mit einer solchen Situa­tion abfinden? Warum sollte er über­haupt noch Rück­sicht auf uns nehmen und zulassen, dass wir in seinem Inneren wühlen, um diesen Prozess zu stoppen? Wir riskieren eine Intel­li­genz­ex­plo­sion, die Vernor Vinge als ´tech­no­lo­gi­sche Singu­la­rität´ bezeichnet hat. Alles, was anschlie­ßend passiert, liegt jenseits unseres Ereig­nis­hori­zonts.“ (TB Heyne S.244)

Wie andere Urge­schichts­for­scher speku­liere ich auch, nur aus einer anderen Perspektive.

© Helke Sander März 2018

 

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Helke Sander:

The Origins of Gender Hier­archy: A New Evolu­tio­nary Approach

 

SUMMARY

Fifty years ago, in January 1968, at the same time as the „Action Council for the Libe­ra­tion of Women” was founded in Berlin, I started to think about the point in time when women across the globe were to a great extent deprived of their natural rights. Other female mammals never seemed to have suffered such a loss of their status. This line of thin­king gradually led me to delve more and more deeply into the study of prehis­toric times. To under­stand this long-lasting, initi­ally slow-moving process, I took as my point of depar­ture the very begin­ning of human deve­lop­ment four million years ago. It started with the self-determined primate girl, led to a female ancestor already similar to humans, who solved certain new biolo­gical problems that affected her alone using the power of her mind – and ended with the subordi­na­tion of homo sapiens woman.

I was parti­cu­larly inte­rested in the reasons behind the onset of the so-called divi­sion of labor. I no longer use this term; I have substi­tuted „the begin­ning of a barter trade between men and women” for it. The terms divi­sion of laborand natural divi­sion of labor, which are used as a matter of course, have obfu­scated – to the present day – what prehis­toric times were like. For millions of years our ance­s­tors were indi­vi­dually responsible for finding their own food. In my essay I describe the gradual evolu­tio­nary tran­si­tion from this condi­tion to the social struc­tures which accom­pa­nied barter trade.

Women, in parti­cular, drove this deve­lop­ment. These early females, who were growing ever closer to homo sapiens, were gradually but irre­ver­sibly subjected to longer pregnan­cies, less fully deve­l­oped offspring, and more diffi­cult births due to their upright posture. As they evolved and lost their coats of fur, more­over, their infants could no longer cling to them while they foraged for food. As a result of this deve­lop­ment the early females built carrying devices so that they could continue to have both hands free. They also further deve­l­oped the pre-linguistic commu­ni­ca­tion that already existed among female primates and their young. The largely soli­tary males had, as I argue, no such need to develop special tools or reciprocal commu­ni­ca­tion until much later.

I also analyze the social and cultural effects trig­gered by the disco­very of women’s – and only women’s – regular mens­trual blee­ding. This insight too must be imagined as an under­stan­ding that deve­l­oped slowly over mill­ennia. Mens­trual blee­ding was, besides day and night, an element that struc­tured time and drew a connec­tion between women and the cosmos with its lunar phases and spring tides. Reco­gni­tion of the import­ance of mens­trua­tion coin­cided with the evol­ving human species’ growing awareness of the exis­tence of two genders and women’s child-bearing ability, along with the under­stan­ding that children grow out of this blood. In turn, a wide range of customs deve­l­oped around male blood rituals which allowed men symbo­li­cally to imitate women’s myste­rious powers to give birth and to bleed and not die.

I place the begin­ning of barter rela­ti­onships, i.e., the first change from instinc­tive indi­vi­dual beha­vior to social beha­vior, in the time period between about 800,000 and 300,000 years ago. I argue that this trade was initi­ally conducted only among women. By about 300,000 years ago the activi­ties of men and women had become in many aspects so diffe­ren­tiated – for a multi­tude of reasons that I discuss in my book – that men were able to hunt larger animals using newly invented special tools, the Schö­ningen spears for example. For the first time, they were able to contri­bute to procu­ring espe­cially protein-rich food and parti­ci­pate in the barter. This gave rise to funda­men­tally new character traits and laws (compe­ti­tion, taking turns in caring for children, first set of rules for sex life). This shift from instinc­tive towards social beha­vior left traces that only became visible over time. The new trade between the sexes made life easier, but at the same time with each new step in the evolu­tion, all members of this society lost more of their earlier animal-like auto­nomy – a process which increased and acce­le­rated over the course of thousands of years.

The barter trade was the origin of the predo­mi­nance of men that very slowly became mani­fest. Their activi­ties created new, gene­rally accepted rules that were shared by ever­yone and which became soci­ally irre­ver­sible — the impact of this would become evident only later. Closer to our times, animals were gradually domesti­cated. This was largely done by men and led to the emer­gence of what we call work today. The first hier­ar­chies were esta­blished by raising livestock, when humans’ feeling of supe­rio­rity over animals — unknown in prehis­toric times — took shape. In early histo­rical times, in ancient Greece, slaves and women were included in these hier­ar­chies. Even today, the „ancient Greeks” are often invoked as the origi­na­tors of Western culture, and their poli­tical order is desi­gnated as the first demo­cracy, despite the fact that women and slaves were excluded from parti­ci­pa­tion. The sagas about struggles in the realm of the gods where previously domi­nant goddesses were first reduced and then banned alto­ge­ther in favor of one single god reflect the actual struggle for domi­nance on earth.

As a side effect of my studies, I came to see the probable end of human history, which, as I argue, was already laid out at its very outset. In contrast to the writer Yuval Harari (whose best­sel­ling book „Sapiens: A Brief History of Human­kind” I read only after I had completed my book), I do not ascribe this end to „scien­tific revo­lu­tions” which happen more or less out of the blue; instead I explain this deve­lop­ment as a result of the inevi­tabledown­sides or nega­tive features of any progress, aspects which beco­mee­vi­dent, slowly but surely, recur­ring and accu­mu­la­ting in a process that has been ongoing since the begin­ning of our social co-existence. These nega­tive aspects need to be met conti­nuously with new inven­tions, actions, and laws to control them. They become ever more complex as commu­nities grow and in turn provoke new reac­tions. The mind which has made us human will one day kill us. Today it leads us not only to marine, air and space pollu­tion but also to the arti­fi­cial intel­li­gence of man-machines and the digi­tiza­tion of all aspects of life, the conse­quences of which have hardly been under­s­tood. There is no discon­ti­nuity in human history, only an incre­a­singly acce­le­rated comple­xity. A good descrip­tion of this can be found in David Lager­crantz’ crime novel „The Girl in the Spider’s Web”:

How do you think a computer would feel when it wakes up to find itself captured and controlled by primi­tive little crea­tures like us? Why would it put up with that? Why on earth should it show us any conside­ra­tion, still less let us dig around in its entrails in order to shut down the process? We risk being confronted by an explo­sion of intel­li­gence, a tech­no­lo­gical singu­la­rity, as Vernor Vinge put it. Ever­y­thing that happens after that lies beyond our event horizon. (MacLe­hose Press, p. 193)

I specu­late, just as other rese­ar­chers of prehis­toric times do, but I do so from a diffe­rent perspec­tive, that of a curious woman.

© Helke Sander March 2018

Über­setzt von Joey Horsley

 

German version published at Verlag Zukunft und Gesell­schaft 2017

Die Entste­hung der Geschlechterhierarchie

ISBN 978−3−00−055652−4, 26,90 €
E-Book ISBN 987−3−00−055689−0, 11,99 €

 

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Kritik zum Buch „Die soziale Erobe­rung der Erde. Eine biolo­gi­sche Geschichte des Menschen” 

von E. O. Wilson (not avail­able in English)

 
„Ich werde darlegen, dass die Wissen­schaft beson­ders in den letzten zwei Jahr­zehnten so weit fort­ge­schritten ist, dass wir die Fragen, woher wir kommen und was wir sind, jetzt kohä­rent angehen können. Dafür brau­chen wir aller­dings Antworten auf zwei noch grund­le­gen­dere Fragen, die die Suche aufge­worfen hat. Erstens die Frage, warum höher entwi­ckeltes soziales Leben über­haupt exis­tiert und in der Geschichte des Lebens so selten ist. Und zwei­tens die Frage nach den Antriebs­kräften, die es haben aufkommen lassen.“ (S.19)

In diesem Text gehe ich haupt­säch­lich auf die zweite Frage nach den Antriebs­kräften ein und ziehe daraus einige andere Schluss­fol­ge­rungen als Wilson. Dabei scheinen die Gewichte zunächst klar verteilt:

Wilson ist ein berühmter Biologe, der Verlag nennt ihn sogar den berühm­testen Biologen unserer Zeit. Er hat die Sozio­bio­loge begründet und ist bekannt als Forscher in Biodi­ver­sität, Evolu­tion und Tier­ver­halten, beson­ders von Insekten und Ameisen.

Ich bin Film­re­gis­seurin, habe nie Biologie studiert und befasse mich seit doch immerhin 50 Jahren mit der Frage, wo die Anfänge der welt­weiten Unter­drü­ckung der Frauen liegen, was mich tief in die Vorge­schichte und die Anfänge der Mensch­heit führte.

Nun kommt das Wort „Frau“ auf den knapp 400 Seiten über die biolo­gi­sche Geschichte DES MENSCHEN bei Wilson meines Wissens nur einmal im weiter unten abge­druckten Zitat vor. Das ist erstaun­lich, weil doch gerade Frauen in der Evolu­tion beson­dere Probleme zu bewäl­tigen hatten, deren Lösungen ein soziales Leben nach meiner Auffas­sung über­haupt erst ermög­lichten und für Wilsons Frage nach den Antriebs­kräften wesent­lich ist. In meinem Buch von 2017 gehe ich genau darauf ein: Die Entste­hung der Geschlech­ter­hier­ar­chie als unbe­ab­sich­tigte Neben­wir­kung sozialer Folgen der Gebär­fä­hig­keit und des Fell­ver­lusts, Verlag Zukunft und Gesell­schaft  2017

Euso­zia­lität [1] ist ein häufig von Wilson benutzter Begriff, der ursprüng­lich für die Erklä­rung von Insek­ten­ge­mein­schaften geschaffen wurde, die mehrere Gene­ra­tionen umfassen und über eine interne Aufga­ben­tei­lung verfügen. Dieser Begriff wird von Wilson auch auf mensch­liche Gesell­schaften angewandt.

Bei der mensch­li­chen Euso­zia­lität „vollzog sich die Zusam­men­fin­dung von kleinen Gruppen an den Lager­stätten. Diese Verbände bestanden aus ausge­dehnten Fami­lien sowie – das ist noch bei heutigen Jäger– und Sammler-Gesellschaften der Fall – aus außen­ste­henden Frauen (Hervor­he­bung von HS)Ausnahmslos alle Tier­arten, die Euso­zia­lität prak­ti­zieren, bauen zunächst Nester, die sie gegen Feinde vertei­digen. Wie schon ihre Vorgänger zogen sie im Nest die Brut auf, gingen auf Futter­suche außer­halb des Nestes und brachten die Beute nach Hause, um sie mit anderen zu teilen.“ (S.44)

Diese Begriffe: ausge­dehnte Fami­lien, außen­ste­hende Frauen und Teilung der Nahrung setzen schon ein ausge­prägtes soziales und nicht von Instinkten geprägtes Leben voraus. Wie dieses aber entsteht, gehört ja zu den eigent­li­chen Wundern, wird hier jedoch als gegeben vorausgesetzt.

Wilson springt häufig von den Affen zu den Homi­niden und zum Homo sapiens vor und zurück, so dass oft kaum zu erahnen ist, von welchen Primaten oder welcher Stufe der Mensch­heit er gerade spricht. Hinläng­lich bewiesen ist inzwi­schen vor allem durch Genana­lysen, dass werdende Menschen­mäd­chen nach der Pubertät ihre Gruppe, bzw. die Mütter häufig verließen, es gibt aber auch Hinweise darauf, dass dies auch werdende Männer taten, die sich anderen Klein­gruppen anschlossen, sofern sie über­haupt auf eine trafen. Die Auskünfte sind spär­lich, weil sie auf seltenen Funden von sich unter­schied­lich entwi­ckelnden Homi­niden beruhen. Auf Grund von äußeren Umständen, vor allem klima­ti­schen, schwankt die Gesamt­be­völ­ke­rung sehr, was nach Wilson (S. 105) sogar zum Fast-Aussterben des afri­ka­ni­schen Homo sapiens um die Zeit vor 100.000 Jahren geführt haben soll. Dennoch bleibt unklar, ob er von Primaten oder Homi­niden spricht. Die Forschungen geben ein sehr diffe­ren­ziertes Bild vom Zusam­men­leben der Schim­pansen in freier Wild­bahn. Es gibt Groß­gruppen, die 40–60 Tiere umfassen können, die sich wiederum aufglie­dern können in Klein­gruppen, die aus ca. 6 Tieren bestehen und die gemischt­ge­schlecht­lich oder nur weib­lich oder nur männ­lich sein können. Bei den Bonobos sind die Unter­gruppen oft größer und die männ­li­chen Mitglieder bleiben norma­ler­weise ihr Leben lang in der Mutter­gruppe, die sich aber eben­falls auflösen und neu grup­pieren kann. Schon bei den Affen geht es also äußerst viel­fältig zu und man kann deren Formen des zumeist nicht einmal stän­digen Zusam­men­le­bens nicht einfach auf die sich von den Primaten weg entwi­ckelnde werdende Mensch­heit über­tragen. An anderer Stelle sugge­riert Wilson, dass es von vorn­herein Gemein­schaften gab, die ihre Nahrung teilten, was bei meist vege­ta­ri­scher Nahrung äußerst unwahr­schein­lich ist. (Er begründet das mit Euso­zia­lität). Wie und dass es dazu über­haupt zum Teilen, bzw. einem Tausch kommen konnte — ein Begriff, den ich vorziehe, — ist ein sich über Jahr­hun­dert­tau­sende hinzie­hender kompli­zierter und sicher von vielen Rück­schlägen beglei­teter Prozess, dem ich mich in meinem Buch annähere.

An dieser Stelle möchte ich schon anmerken, was prak­tisch nie hinter­fragt wird: Wir gehen bei Verglei­chen von Primaten und Menschen norma­ler­weise von heute wild­le­benden Affen­ge­sell­schaften aus und schließen daraus, dass sie auch schon vor 6 Millionen Jahren, als sich die Homi­niden von den Affen trennten, so gelebt haben wie heute. Es könnte ja sein, dass in dieser Zeit die Schim­pansen eben­falls Entwick­lungen durch­ge­macht haben und Eigen­schaften wie Koope­ra­tion, Aggres­sion oder gele­gent­liche Anfänge der Nahrungs­tei­lung sich erst nach der Tren­nung auch bei ihnen durch­zu­setzen begonnen haben. Es ist jeden­falls nicht selbst­ver­ständ­lich, sich bei Analo­gien auf die heutigen Verhal­tens­weisen von Schim­pansen zu beziehen, die sich durch ihre ständig kleiner werdenden Lebens­räume im Lauf der Millionen Jahre verän­dert haben können.

Aber Wilson stellt in dem Zitat noch andere Behaup­tungen auf, die voll­kommen schwammig sind und sich zumin­dest in der vorlie­genden Schrift nicht konkret belegen lassen. So schreibt er, dass Homo erectus, die Nean­der­taler und Homo sapiens feste Lager­stätten hatten und sich die Nahrung teilten, das entspricht einem Zeit­raum zwischen ca. 2 Millionen und ca. 30.000 Jahren. Von haupt­säch­lich vege­ta­risch lebenden Schim­pansen wissen wir hingegen, dass sie ihr Nest allein jeden Abend neu bauen. Sie zogen den Pflanzen hinterher, weil die Jagd auf Klein­ge­tier nicht ausreichte, um eine Person satt zu machen. Jede und jeder war ständig mit Nahrungs­suche befasst, um den eigenen Magen zu füllen. Es dürfte deshalb sehr selten Situa­tionen gegeben haben, bei dem eine Gruppe auf ein größeres Stück Aas oder auf ein durch Feuer umge­kom­menes Tier traf, was dieser Gruppe erlaubte, für längere Zeit an einem Ort bleiben zu können.

Und so ist es auch bei den früheren Menschen­arten. Die Jagd auf Klein­ge­tier wurde von beiden Geschlech­tern betrieben, beide sammelten Wurzeln und andere pflanz­liche Nahrungs­mittel und beide suchten und bear­bei­teten passende Werk­zeuge. Warum sich die Tätig­keiten zwischen Frauen und Männern in langen Zeit­räumen zu diffe­ren­zieren begannen, behandle ich ausführ­lich in meinem Buch.

Wer da wann nach „Hause“ ging, wie W. schreibt, um die Nahrung auch noch zu teilen, bleibt voll­kommen unklar.

Seine Behaup­tung wird z.T. auf S. 59 wieder aufge­hoben, wenn er schreibt, dass Bonobos nicht teilen.

Wie es zur Nahrungs­tei­lung, bzw. zum Tausch und damit zum sozialen Leben kam, ist eins der ganz großen Wunder der Evolu­tion und brauchte vermut­lich viele Jahr­hun­dert­tau­sende, bis die Anfänge einer Koope­ra­tion, die es schon im Tier­reich gab, sich zu einer festen und auto­ma­ti­sierten Einrich­tung entwi­ckeln konnten und dies auch erst, als die Produk­ti­ons­mittel – die Werk­zeuge – und die Hand­ha­bung natür­lich entstan­denen Feuers von den einzelnen so weit entwi­ckelt worden waren, dass damit die Voraus­set­zungen da waren, immer wieder in der Lage zu sein, Proteine für größere Gruppen zu beschaffen. Wilson spricht „von gut orga­ni­sierten Gruppen, die unter­ein­ander um Reviere und andere Ressourcen konkur­rierten.… wir können dann erwarten, dass das Ergebnis dieser Grup­pen­kon­kur­renz weit­ge­hend von genauen Sozi­al­ver­halten dieser Gruppe bestimmt wird. Die rele­vanten Merk­male sind Größe und Dichte der Gruppe sowie die Qualität von Kommu­ni­ka­tion und Arbeits­tei­lung zwischen ihren Mitglie­dern.“ (S.70, Hervor­he­bung von HS).

Wie es meist üblich ist bei der Beschrei­bung der Vorge­schichte, wird die eigent­liche Sensa­tion über­gangen. Plötz­lich ist das soziale Leben da: Menschen konkur­rieren, kommu­ni­zieren und machen Arbeits­tei­lung. Primaten und Austra­lo­pi­cinen und noch viele nach­fol­gende Menschen­arten sind orga­ni­siert und kämpfen gemeinsam unter männ­li­cher Führung gegen Feinde. Ob die Gebiete derart dicht besie­delt waren, dass sich die Gruppen über­haupt treffen und gegen­seitig die Nahrung streitig machen konnten, bleibt unbe­ant­wortet. Außerdem wird hier schon der Begriff Arbeit verwendet, der in dieser frühen Phase völlig unan­ge­bracht ist, weil es Arbeit in unserem Sinn noch gar nicht geben konnte. Die Menschen machten das, was Tiere auch machen: Sie suchten für sich selber Nahrung und versuchten, sich vor Fress­feinden zu schützen. Sie leben einfach. Was sie allmäh­lich mit zuneh­mender eigener Geschick­lich­keit und Produk­ti­vität lernen werden, ist der Tausch, was mindes­tens so revo­lu­tionär war wie heute die Digi­ta­li­sie­rung und voll­kommen neuen Produk­ti­ons­weisen den Weg bahnte. Darum ist auch Unsinn, wenn Wilson auf S. 131 schreibt: „Die Urformen der Zivi­li­sa­tion kamen kurz nach dem Beginn der Land­wirt­schaft auf oder gar noch davor“. So wird aus der Altstein­zeit ins Neoli­thikum gesprungen.

Dass es zum Tausch über­haupt kommt, ist ein von vielen Rück­schlägen beglei­tetes Wunder, dessen Anfänge weit in die Vorge­schichte zurück gehen. Aus natür­lich entstan­denem Feuer musste erstmal ein gebra­tenes Tier geborgen werden, und zwar mehr­fach in einer Menschen­ge­ne­ra­tion, bevor daraus weitere Schlüsse gezogen werden konnten. Und Feuer zu bewahren setzte eben­falls lange Entwick­lungen voraus. Eine verläss­liche Nahrungs­quelle, so dass ein Gedanke wie Tausch über­haupt in die Gehirne eindringen konnte, war das lange nicht.

Voll­kommen auf sich selbst gestellte Indi­vi­duen lernten allmäh­lich, andere nicht als Fress-Konkurrenten, sondern als Berei­che­rung zu empfinden. Das konnte immer wieder schief gehen, bevor derar­tige Situa­tionen mit einiger Sicher­heit regel­mä­ßiger statt­finden und geübt werden konnten und es mussten dafür einige Voraus­set­zungen erfüllt sein. Nach meiner Meinung war die Hand­ha­bung natür­lich entstan­denen Feuers in Kombi­na­tion mit den Schö­ninger Speeren z.B. (in anderen Land­stri­chen waren es andere Produkte und andere Werk­zeuge) der Ausgangs­punkt, dass es zu einem sich allmäh­lich auto­ma­ti­sie­renden Tausch kommen konnte, der selber wieder unglaub­liche Entwick­lungs­schritte ermög­lichte. Zur Zeit dieser Errun­gen­schaften konnte sich über­haupt erst ein Tausch etablieren, während sich gleich­zeitig die Tätig­keiten der beiden Geschlechter schon inso­weit diffe­ren­zierten, dass es theo­re­tisch über­haupt möglich wurde, den Gedanken aufkommen zu lassen, dass das, was die einen evtl. im Über­fluss hatten, mit den Nahrungs­mit­teln anderer zu tauschen. Aber auch darauf mussten die Menschen erstmal kommen, die bisher nur für sich gesorgt hatten und dies auch weiterhin taten, wenn das Angebot knapp war. Die Behaup­tung von Wilson auf S. 101, dass beide Eltern Brut­pflege betrieben, ist eine wirk­lich erstaun­liche und durch nichts belegte Behaup­tung. Sie ist ja nicht einmal heute durchgesetzt.

Jede dieser neuen Erfin­dungen verän­derte die bisher durch Instinkte zusam­men­ge­hal­tene Gruppe ein Stück­chen mehr in ein durch soziales Verhalten geprägtes Leben und entfernte sich so ein Stück­chen weiter vom tieri­schen Leben. Mit der Durch­set­zung des Tauschs ging aller­dings auch etwas von der früheren Auto­nomie der Einzelnen verloren. Allmäh­lich entstand eine sozial geprägte Gruppe, in der das Über­leben durch den Zusam­men­halt und strikte Regeln garan­tiert wurde. Das sollte aller­dings erst Jahr­tau­sende später ins Bewusst­sein dringen. Es entwi­ckelten sich feste Systeme, die sich in der Praxis bis heute zeigen, aber dauerndem Bedeu­tungs­wandel unter­worfen waren.

Zuerst gab es Tausch inner­halb einer Gruppe, später zwischen den Gruppen. Das Zusam­men­schließen mehrerer Gruppen zu einer Einheit schränkte die Frei­heiten der Einzelnen immer weiter ein. Sehr viel später, als der Begriff Arbeit und Arbeits­tei­lung Sinn zu machen begann, wurden zuerst die Tiere domes­ti­ziert, dann die Frauen und die Sklaven, dann einzelne Völker, bis wir heute in einer globa­li­sierten Welt gelandet sind, in der die Einzelnen zwar einige demo­kra­ti­sche Rechte haben, aber als Einzelne keinerlei Einfluss mehr darauf, wie die schmut­zigen Kehr­seiten des Fort­schritts rück­gängig gemacht werden können und die Einsicht sich verbreitet, dass dies auch nie mehr der Fall sein wird. Unser Verstand wird uns umbringen.

Die nega­tiven Folgen der Entwick­lung und das Bewusst­sein von Auto­no­mie­ver­lust führten schon sehr früh zu Protesten, Aufständen, Revo­lu­tionen und ange­passten Gottes­vor­stel­lungen, was die Entwick­lungen in immer größerer Schnel­lig­keit beein­flusste und perver­tierte. Beson­ders fassbar wird dies nach meiner Einschät­zung seit frühen sume­ri­schen und baby­lo­ni­schen Zeiten durch die Kämpfe am Götter­himmel durch die heute noch zugäng­li­chen über­lie­ferten Geschichten. Zuerst gab es verehrte Natur­er­schei­nungen, später wurden sie perso­na­li­siert zu Mutter­göt­tinnen, die dann durch viele Kämpfe mit aufstre­benden männ­li­chen Göttern ihre Vormacht­stel­lung verloren und schließ­lich in Ein-Mann-Religionen endeten. Die Götter­ge­stalten spie­gelten die realen Kämpfe um Macht und Einfluss in einer schon späten Phase der Mensch­heit wider.

Dieses Bewusst­werden der zuneh­menden gegen­sei­tigen Abhän­gig­keit ist auch der Grund für die gerade in soge­nannten primi­tiven Gesell­schaften mit äußerster Härte durch­ge­setzten Regeln. Damit wurde das Über­leben der Gruppe gesi­chert. Es sind unge­heuer lange Zeit­räume, in denen sich ein soziales Leben heraus­bil­dete. Das wird nicht allen Menschen­gruppen gelungen sein. Wenn sie über­haupt aufein­an­der­trafen, dann wurden erste Diffe­ren­zie­rungen zwischen den Gruppen sichtbar. Es wird Gruppen gegeben haben, bei denen es die äußeren Umstände erlaubten, diesen ersten regel­mä­ßigen Tausch über lange Zeit zu üben und andere, denen es nicht vergönnt war, weil sie in den falschen Gegenden lebten, die die Entwick­lungen aus unter­schied­lichsten Gründen verzö­gerten und sie mögli­cher­weise schon in Abhän­gig­keiten von weiter entwi­ckelten Stämmen brachte.

Ich habe analy­siert, dass es biolo­gi­sche Gründe gab, die Frauen dazu brachten, Vorrei­te­rinnen bei der Entwick­lung des Verstandes und neuer Werk­zeuge gewesen zu sein und was sie dazu brachte, die schon in Affen­ge­sell­schaften vorhan­dene starke Kommu­ni­ka­tion unter Frauen weiter auszubauen.

Bevor ich das weiter ausführe, muss ich auf einen anderen, bei Wilson zentralen Aspekt eingehen.

Er erwähnt häufig eine schon zu Beginn der Mensch­heits­ge­schichte beste­hende Konkur­renz unter Gruppen und schluss­fol­gert „Der Krieg als ange­bo­renes Übel der Mensch­heit“ (Über­schrift Kapitel 8).

Dieses ange­bo­rene Übel wird von Wilson auf S. 89 auch näher präzi­siert. Er verlegt es keines­wegs in die Vorzeit, sondern in die Jahre 40.000−12.000. Aus dieser Zeit gibt es datierte Leichen­funde, die alle durch Gewalt­ein­wir­kung auf den Kopf gestorben waren. Dadurch hält er seine Kriegs­theorie für „bewiesen“. Da gibt es schon die Anfänge domes­ti­zierter Tiere mit Tendenz zur Vieh­zucht, es gibt ausge­feilte Werk­zeuge, es gibt eine gesell­schaft­liche Orga­ni­sa­tion mit gere­geltem Tausch und die Anfänge von Arbeit, es gibt die Anfänge großer Archi­tektur in Städten und tausende von geschnitzten, oder aus Stein bear­bei­teten in ganz Europa gefun­denen Frau­en­fi­guren, die einen Eindruck davon geben können, mit welchen Fragen sich die Menschen befassten. Wir befinden uns nun aber einige hundert­tau­send, wenn nicht Millionen Jahre nach der Mensch­wer­dung, so dass die Behaup­tung, der Krieg sei gewis­ser­maßen den werdenden Menschen ange­boren, uner­klärt bleibt.

S. 81 Wilson: „Jeder Stamm wusste zu Recht, dass er, wenn er nicht bewaffnet und kampf­be­reit war, in seiner schieren Exis­tenz bedroht war. In der Geschichte war das Haupt­ziel für die Fort­ent­wick­lung der meisten Tech­no­lo­gien immer die Stei­ge­rung der Kampffähigkeit“.

Das ist pure Ideo­logie. Mit dieser These lassen sich die Verbre­chen der Nazi­zeit, die Hutu-Tutsi-Schlächtereien und die stali­nis­ti­schen Hinrich­tungs­be­fehle mit der Vorzeit begründen: Menschen sind eben so.

Neue Gruppen machten neugierig, sie konnten vonein­ander lernen, neue Geschlechts­partner finden und dadurch neue Gruppen bilden. Dass es zu Krieg über­haupt kommen konnte, ist meines Wissens erst in einer sehr späten Phase der Mensch­wer­dung denkbar und mit dem Aufkommen der Vieh­zucht gibt es auch viel­fäl­tige Gründe dafür.

Schon in Affen­zeiten haben sich Indi­vi­duen aus ganz unter­schied­li­chen, indi­vi­du­ellen Motiven geprü­gelt oder auch getötet. Sehr viel später war es vermut­lich der Kampf um ein Wasser­loch, das nicht für alle, die darauf Anspruch erhoben, ausreichte. Bei Dürre und Vieh­hal­tung wiederum mochte es um grüne Weiden gehen, die von mehreren entdeckt worden waren. Je größer der Fort­schritt, desto heftiger und tödli­cher die Reak­tionen. Von einer persön­li­chen Aggres­sion ging es über zur spon­tanen oder begrün­deten Grup­pe­n­ag­gres­sion. Heute gibt es die Einsätze tödli­cher Waffen über tausende Kilo­meter Entfer­nung, ohne dass die soge­nannten Feinde sich kennen müssten.

Bevor jedoch all diese Erfin­dungen statt­fanden, lernten die werdenden Menschen aufrecht zu gehen, und sie verloren ihr Fell.

Dieser Fell­ver­lust verur­sachte gleich­zeitig einen Quan­ten­sprung in der Entwick­lung. Anders als behaarte Tiere, lernten die Menschen zu schwitzen, was sie zu ausdau­erndem Laufen und Jagen befähigte.

Der Fell­ver­lust brachte vor allem Frauen dazu, ihre Intel­li­genz zu entwi­ckeln. Die Klein­kinder konnten sich nicht mehr im Fell der Mütter fest­halten und wurden so zu einer Bedro­hung. Diese Bedro­hung führte zur Entwick­lung des Verstandes, von dem auch die Männer profi­tierten. Frauen mussten Möglich­keiten entwi­ckeln, Trage­vor­rich­tungen für Klein­kinder zu konstru­ieren, um weiter beide Hände frei haben zu können. Damit begann eine Explo­sion anderer Erfin­dungen und Hirn­tä­tig­keiten sowie weitere geschlechts­spe­zi­fi­sche Differenzierungen.

Dennoch wird es Jahr­hun­dert­tau­sende gedauert haben, bevor sich eine gegen­sei­tige Tausch­be­zie­hung etablieren konnte oder sich die Beob­ach­tung, dass aus einer Nuss ein neuer Nuss­baum wachsen kann, als Wissen im Gehirn fest­setzte, so dass daraus Anwen­dungen entstehen konnten.

Zu den Lager­stätten schreibt Wilson auf S. 59: „Fleisch­fresser, die sich an Lager­stätten aufhalten, weisen Verhal­tens­weisen auf, die umher­wan­dernde Indi­vi­duen nicht benö­tigen. Sie müssen die Arbeit teilen. Die einen sammeln und jagen Futter, die anderen bewa­chen das Lager und den Nach­wuchs. Sie müssen Nahrung und zwar pflanz­liche wie tieri­sche so teilen, dass es für alle akzep­tabel ist: Sonst würden die Bindungen, die sie zusam­men­halten, geschwächt.“

Den Begriff Teilen halte ich für verkehrt. Er setzt, wie schon geschil­dert, voraus, dass es immer etwas zu teilen gab und dass die Fähig­keit dazu ange­boren sei – was wiederum der Kriegs­theorie wider­spricht. Etwas zu tauschen, was eine hat und eine andere nicht und das mögli­cher­weise mit der Erin­ne­rung zu koppeln, dass die Grati­fi­ka­tion nicht auf dem Fuße, sondern erst morgen oder über­morgen erfolgt, zeigt einen Menschen, der sich schon weit vom Tier­reich entfernt hat. So eine gegen­sei­tige Hilfe stellt sich nicht von allein ein. Die Schritte und die Voraus­set­zungen dazu spielen bei Wilson aber keine Rolle. Er hätte dann auf die unter­schied­li­chen Entwick­lungen der Geschlechter eingehen müssen. Zwar schreibt er auf S. 102, dass vor etwa 700.000 Jahren die Popu­la­tionen des Homo erectus größere Hirne entwi­ckelten und sich „zumin­dest rudi­mentär einige der eben genannten diagnos­ti­schen Merk­male des Homo sapiens bereits erworben (hatten)“.

Aber er beschreibt nicht, aufgrund welcher Probleme die Lösungen gefunden wurden und welche Ausein­an­der­set­zungen dazu nötig waren.

Ich komme aufgrund meiner Über­le­gungen zur Hirn­ent­wick­lung übri­gens zu einem ähnli­chen Schluss wie er und verlege den Beginn der Versuche, Tausch zu prak­ti­zieren, in die Zeit zwischen 800.000 und 400.000 Jahren, also in die Zeit, als erste offenbar länger verwen­dete mensch­liche Feuer­stellen nach­ge­wiesen wurden, was dann um 400.000 zu einem regel­mä­ßigem Gebrauch natür­lich entstan­denen Feuers führte und die Männer in Mittel­eu­ropa zumin­dest, mit der Erfin­dung der „Schö­ninger Speere“, in die Lage versetzte, ihrer­seits zum ersten Mal relativ regel­mäßig mit Fleisch etwas zum Tausch beitragen zu können. Das alles versetzte das Hirn in dauernde Schwin­gungen und trug zu immer neuen Erfin­dungen bei, die unun­ter­bro­chen das soziale Gefüge veränderten.

Unsere viel­fäl­tigen Vorfahren mussten sich erstmal zu Fleisch­fres­sern entwi­ckeln, was schon voraus­setzte, dass die Werk­zeug­pro­duk­tion auf einem hohen Stand war.

Ange­fangen hat dies mit dem allmäh­li­chen Begreifen von Zeit durch die regel­mä­ßige Mens­trua­tion, die mit Himmels­er­schei­nungen in Verbin­dung gebracht werden konnte. Sehen und Begreifen scheinbar selbst­ver­ständ­li­cher Gege­ben­heiten wie z.B. das Vorhan­den­sein zweier Geschlechter, brauchte vermut­lich eben­falls Jahr­hun­dert­tau­sende. Ich habe beschrieben, wie sich der weib­liche Körper langsam umge­stal­tete, die Schwan­ger­schaft länger wurde, die Zwei­bei­nig­keit Vorteile und Nach­teile bot, das Kind länger abhängig blieb und warum der  Fell­ver­lust das Denken förderte und erste Trage­ge­stelle für die Kinder ermög­lichte. Wir wissen nicht, wie viele geschei­terte Versuche zur Mensch­wer­dung es gab. Einige der ausge­stor­benen Arten haben die Forscher nach­weisen können.

Die Folgen der biolo­gi­schen Umge­stal­tung machten es möglich, dass die vormals glei­chen Verhal­tens­weisen bei der Futter­suche sich zwischen Männern und Frauen diffe­ren­zierten. Aufgrund dieser Verän­de­rungen in der weib­li­chen Biologie entwi­ckelten sich die schon bei den Äffinnen vorhan­denen Koope­ra­tionen bei den werdenden Menschen­frauen weiter. Bei ihnen gab es schon instink­tive Hilfe, z.B. das Stillen von Kindern, deren Mütter gestorben waren, die Nähe zu den Tanten eher als zu männ­li­chen Affen, was heute nach­weisbar ist. Daher ist auch verständ­lich, dass die werdenden Frauen durch ihre bevor­zugte Sess­haf­tig­keit eher in der Lage waren, das natür­lich entstan­dene Feuer zu hüten und die Kinder bei anderen Frauen zu lassen, um sie durch Nahrung dafür zu entschä­digen. Diesen Prozess muss man sich aber als außer­ge­wöhn­lich schwierig vorstellen. Für irgend­eine Art von Tausch gab es kein Vorbild. Was gelernt werden musste, war eine Art gegen­sei­tige Verläss­lich­keit. Bevor sich das etablieren konnte und zur Einsicht führte, dass es tatsäch­lich klappen kann, gab es sicher über lange Zeit Fehl­ver­suche. Vermut­lich wagten die werdenden Menschen­frauen solche Expe­ri­mente aufgrund ihrer biolo­gi­schen Probleme. Es gibt aus verschie­denen Gegenden Hinweise darauf, dass Äffinnen gemeinsam jagten, während dies bei männ­li­chen Affen erst später zur Regel wurde.

Lange Zeit muss es eher von Zufällen abhängig gewesen sein, wenn hier und da mal ein größeres Tier, d.h. Futter für alle, gefunden oder gejagt werden konnte. Noch vom Homo ergaster wird vermutet, dass er Aasfresser war oder bei Glück die Reste der von Raub­tieren erlegten Tiere für sich nutzen konnte.

Die in vielen Kulturen erhal­tenen Para­dies­vor­stel­lungen sind viel­leicht noch Remi­nis­zenzen an eine Zeit der gleich­be­rech­tigten Lebens­weise von Männern und Frauen, in der alle relativ hier­ar­chielos mitein­ander die Welt entdeckten. Diese gleich­be­rech­tigte Lebens­weise wurde immer wieder von Forschern beschrieben, die auf erst kürz­lich entdeckte jung­stein­zeit­liche Gruppen stießen. (Was natür­lich nur ein Hinweis und kein reeller Beweis sein kann, aber doch meiner Meinung nach der Wahr­heit ziem­lich nahe­kommen dürfte).
Kommen wir zum Sex. Norma­ler­weise wird bei der Beschrei­bung von Heirats­sitten damit selbst­ver­ständ­lich auch Sex verbunden.

Meine These ist eine andere.

Die in verschie­denen Völkern und Konti­nenten entwi­ckelten soge­nannten Heirats­riten hatten anfäng­lich gar nichts mit Sex zu tun. Sie sollten sicher­stellen, dass es verläss­liche Verbin­dungen zwischen einem bestimmten Mann und einer bestimmten Frau gab, die gegen­seitig verpflichtet wurden, sich mit Nahrungs­mit­teln von beiden Seiten zu versorgen. Oder, wie ich es in meinem Buch Oh Lucy genannt habe: Fleisch gegen Grütze.

Der Tausch war die Grund­lage für ein sich allmäh­lich heraus­bil­dendes soziales Gefüge zwischen Frauen und Männern. Sehr viel später sollte sich daraus die Ehe entwi­ckeln, d.h. die Zuord­nung von bestimmten Männern zu bestimmten Frauen.

Diese auf zwei Menschen begrenzte Rege­lung war eine geniale Erfin­dung, die in vielen Teilen der Welt ähnlich gemacht wurde und sich leichter über­prüfen und durch­setzen ließ als ein allge­meines Grup­pen­teilen der Nahrungsmittel.

Sex spielte dabei nicht die geringste Rolle. Sex war noch nicht Teil des sozialen Lebens, es war noch instink­tive Hand­lung und Vater­schaft war vermut­lich bis ins Neoli­thikum und den Anfängen der Vieh­hal­tung unbe­kannt. Nach meiner Über­zeu­gung wurde Sex Teil der sozialen Ordnungen, als die Arbeits­tei­lung sich durch­zu­setzen begann und sich über­haupt ein Verhalten etablieren konnte, auf das der Begriff ARBEIT schon anwendbar war, weil die Tätig­keiten sich wesent­lich zu unter­scheiden begannen und Hier­ar­chien etabliert wurden.

Dass die Sexua­lität so lange brauchte, um Teil des sozialen Zusam­men­hangs zu werden, ist vermut­lich deshalb aus dem Blick geraten, weil sich die normale mittel­eu­ro­päi­sche heutige Heirats­po­litik vor allem auf die sexu­elle Anzie­hung stützt und Kata­stro­phen verur­sacht, wenn diese nach­lässt und im Ergebnis die Patch­work­fa­mi­lien und allein­ste­hende Mütter mit Kindern schafft. Der Versor­gungs­as­pekt spielt heute eher in aus bäuer­li­chen Struk­turen stam­menden Migran­ten­fa­mi­lien noch eine entschei­dende Rolle. Die übrigen bauen auf die nicht verläss­liche Liebe und stellen die früheren Rege­lungen von den Füßen auf den Kopf.

Überall, wo heute noch strikte Arbeits­tei­lung zwischen den Geschlech­tern herrscht, war das ursprüng­lich ein gleich­be­rech­tigtes Über­ein­kommen zwischen den Geschlech­tern für die gegen­sei­tige Versor­gung. Sexuell konnten alle noch lange machen, was sie wollten. Der Versor­gungs­partner musste nicht der Geschlechts­partner sein, obwohl zu vermuten ist, dass es sich aus prak­ti­schen Gründen allmäh­lich dazu entwi­ckelte. Dennoch sind wir noch Jahr­tau­sende davon entfernt, dass für Frauen Versor­gungs­pflicht und die an den Versor­gungs­partner gebun­dene Sexua­lität zusam­men­fielen und dies für Frauen zum Zwang und Normal­zu­stand wurde. Selbst noch im alten strengen Sparta konnten die verhei­ra­teten Frauen Lieb­ha­be­rInnen haben, wenn sie ihre Pflichten als Ehefrauen nicht vernach­läs­sigten. Das Problem bei allen Unter­su­chungen zur Heirats­po­litik in Vorzeiten oder bei heute noch jung­stein­zeit­lich lebenden Völkern ist, dass unter Heirats­po­litik immer die Sexua­lität mitge­dacht wird. Sie hatte da aber lange nichts zu suchen. Man muss sich die Rege­lungen zwischen den Geschlech­tern eher vorstellen wie Handels­ab­kommen zwischen Völkern. TTIP als Beispiel.

Dass in den meisten Ländern der heutigen Welt die Treue der Frau an den Ehemann gebunden ist, wird nach wie vor meist streng kontrol­liert. Dagegen ist der ursprüng­liche Versor­gungs­as­pekt viel­fach nicht mehr bekannt.

Diese Fragen, wie Menschen sich konti­nu­ier­lich zu dem entwi­ckelten, was wir heute sind, und wie aus den Entwick­lungen immer weniger lösbare Verwick­lungen wurden, spielen bei Wilson keine Rolle.

Helke Sander April 2019

 

E.O.Wilson: Die soziale Erobe­rung der Erde.
Eine biolo­gi­sche Geschichte des Menschen. 1. Auflage C.H. Beck Paper­back 2014

 

[1] In der Termi­no­logie nach Michener bezeichnet „euso­zial“ das, was frühere Forscher sozialer Insekten meist einfach „sozial“ genannt hatten. Es handelt sich um die am höchsten inte­grierte Form des Sozi­al­ver­hal­tens bei Tier­arten abseits des Menschen. Kenn­zeich­nend für euso­ziale Verbände sind:

  • koope­ra­tive Brut­pflege durch mehrere Tiere
  • gemein­same Nahrungs­be­schaf­fung und auch –vertei­lung, zum Beispiel durch gegen­sei­tige Fütte­rung (Trophal­laxis)
  • der Verband umfasst mehrere unter­scheid­bare Teil­gruppen, die arbeits­teilig verschie­dene Aufgaben erfüllen, die Kasten genannt werden. Beispiele wären etwa Nahrungs­be­schaffer (Arbeiter) und Vertei­diger (Soldaten) in den Staaten der Termiten.
  • Zusam­men­leben von Tieren mehrerer Gene­ra­tionen, meist in Fami­li­en­ver­bänden aus Müttern und Töchtern

Ein Verband, der diese Voraus­set­zungen erfüllt, wird dann Staat genannt, die entspre­chende Art staatenbildend.

Inner­halb der Euso­zia­lität werden noch zwei Abstu­fungen unterschieden.

  • hoch, oder komplex (eu)sozial sind Arten, bei denen sich die Kasten nicht nur in Verhalten, Physio­logie und ggf. Körper­größe unter­scheiden, sondern klar unter­schied­liche Morpho­logie mit unter­schied­li­chen Merk­malen umfassen. Dazu gehören inner­halb der Bienen die Honig­bienen (Apini) und die stachel­losen Bienen (Meli­po­nini)
  • primitiv (eu)sozial sind Arten, die euso­zial sind, bei denen aber die Kasten nur am Verhalten oder ggf. der Physio­logie, aber nicht morpho­lo­gisch unter­schieden werden können. Bei den Bienen gehören dazu z. B. viele Furchen­bienen der Gattungen Halictus und Lasio­glossum; die Hummeln (Bombus) stehen zwischen primitiv und komplex eusozial.

(laut Wiki­pedia)

 

 

 

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