Kinder sind keine Rinder

KINDER SIND KEINE RINDER

Deutsch­land 1969/1970. 16 mm, s/w, 26 Minuten (Kurz­fas­sung 1972). Regie und Buch: Helke Sander. Kamera: Helke Sander, Charles Völsen, Ingo Kratisch. Ton: Johannes Beringer. Schnitt: Helke Sander, Liese­lotte Wawi­loff. Mitar­beit: Wiebke Mahler, Sohni Fischer, Ulrich Ströhle, Birgit Peters, Harald Friedrich

Darsteller: Kinder, Frau Sein­soth, Spre­cherin: Ruth Müller

Urauf­füh­rung: 9.10.1979 Mann­heim (XIX. Inter­na­tio­nale Film­woche, Wettbewerb)

 

Zum Film

Der Film wurde im ersten Schü­ler­laden Witz­le­ben­s­trasse gedreht. Die Kinder geben gemeinsam die Zeitung „Radau” heraus, schreiben, malen und drucken die Zeitung und verteilen sie an andere Kinder.

Der in diesem Film gezeigte erste Schü­ler­laden in Berlin entstand im Januar 1969 als Kritik an der Entwick­lung der Kinder­läden. Die Kinder­läden wurden im Januar 1968 vom Akti­onsrat zur Befreiung der Frauen als Selbst­hilfe orga­ni­siert. Durch die Kinder­läden sollten die Frauen Zeit erhalten, um sich die Voraus­set­zungen zur Arbeit zu schaffen. Damit die selbst­ge­grün­deten Läden keine Elite­stätten würden, war es eine der ersten Hand­lungen, „Summer­hill“ zu lesen, um daran aufzu­zeigen, wie die Kinder­läden sich nicht verstehen sollten. Die erste poli­tisch verstan­dene Tat war der Versuch zur Orga­ni­sie­rung der Kinder­gärt­ne­rinnen im Februar 1968.  Wir versuchten heraus­zu­be­kommen, wie die herr­schende Klasse sich das Klischee der dienenden Frau zunutze macht, um ihre Ziele durch­zu­setzen. Die Kinder­gärt­ne­rinnen versuchten, die Wider­sprüche zu erar­beiten, die zwischen den Kindern einer­seits und den Erzie­hungs­in­sti­tu­tionen ande­rer­seits bestehen. Sie entdeckten, dass sie mit ihrem Beruf eine miese Vermitt­ler­rolle zu spielen, gezwungen sind, die immer auf Kosten der Kinder geht.

Während wir Frauen uns abmühten, von unserer Unter­drü­ckung auf die Ursache dieser Unter­drü­ckung zu kommen, die Kinder­gärt­ne­rinnen z.B. Marx und Mao zu lesen verlangten, wir aber alle nicht wussten, wie das zu lesen und zu verstehen sei (und sich auch niemand bereit fand, uns dies zu erklären, entwi­ckelten sich die Kinder­läden sprung­haft weiter. Sie verloren mehr und mehr ihren Ursprungs­cha­rakter und wurden zum Selbst­zweck. Dies geschah dadurch, dass mehr und mehr Männer sich plötz­lich für Erzie­hung inter­es­sierten, weil sie einen öffent­li­chen Charakter anzu­nehmen im Begriff war. Die Frauen, die über die Kinder­läden ursprüng­lich die Grund­lagen für ihre eigene Arbeit schaffen wollten, wurden wieder absor­biert. Die Kinder­länden wurden zu „sozia­lis­ti­schen” Kinder­läden, eine Kritik daran war nicht mehr möglich. In dieser Situa­tion entstand der Gedanke, noch einmal anders anzu­fangen und die Konflikte, die mit und durch die bürger­liche Erzie­hung entstehen, in Schü­ler­läden mit Arbei­ter­kin­dern aufzu­zeigen und sie  zur Grund­lage der Mobi­li­sie­rung der Frauen zu machen.

KINDER SIND KEINE RINDER ist ein Film für Kinder. Wir griffen einen Punkt heraus, mit dem wir uns im Laden viel beschäf­tigt haben, nämlich die Lage der Kinder an der Spiel­platz­si­tua­tion klar zu machen. Die Probleme im Laden waren so groß, dass wir mit dem Film nur schwer weiter­kamen. Die Tätig­keiten sollten erst einsichtig werden, um dann gedreht werden zu können. Die vielen unvor­her­ge­se­henen Schwie­rig­keiten brachten es mit sich, dass die Betreu­er­gruppe ständig wech­selte. Wir hatten die Schü­ler­läden initi­iert und auch viele anti­au­to­ri­täre Fehler nicht gemacht – weil wir ja gera­dezu eine Anti­grün­dung auf diese Fehler waren. Da aber die meisten berufs­tätig waren, hatten wir kaum Zeit, mit den bald darauf entste­henden anderen Läden, die meist studen­ti­sche Grün­dungen waren, in Kontakt zu kommen und gerieten so in eine schäd­liche Isolation.

Das Frau­en­pro­blem ging in der ganzen Schü­ler­la­den­de­batte unter. Durch die vielen unvor­her­ge­se­henen Schwie­rig­keiten und die wech­selnden Mitar­beiter wurde es auch bei uns zuneh­mend schwie­riger, den Zusam­men­hang noch klar zu machen. Bei einigen stellte es sich erst während der Arbeit heraus, dass sie für die Arbeit mit Kindern nicht geeignet waren, sondern haupt­säch­lich eine Gruppe suchten, bei der sie mitar­beiten konnten. Alles Versagen wurde dann persön­lich inter­pre­tiert, so dass oft aus tatsäch­li­chen Schwie­rig­keiten keine poli­ti­schen Konse­quenzen gezogen wurden, sondern persön­liche. Durch die zuneh­mende Orga­ni­sie­rung wurden Versuche wie Schü­ler­läden sowieso diskri­mi­niert, und viele Schwie­rig­keiten wurden nicht mehr bewäl­tigt, sondern ohne Erklä­rung als „Hand­wer­kelei” abgetan.

Der Film, so wie er heute zu sehen ist, zeigt nicht die Schwie­rig­keiten, sondern ideal­ty­pisch das, was wir trotz aller Schwie­rig­keiten auch noch gemacht haben. Die Neufas­sung ist etwas gekürzt: Die Teile mit unrich­tigen Infor­ma­tionen wurden heraus­ge­nommen. Hinzu­ge­kommen ist eine Erklä­rung über das Ende der Schülerläden.

Helke Sander, 1972 zur Neufas­sung, in: Deut­sche Film– und Fern­seh­aka­demie Berlin, Filmin­for­ma­tion 14, November 1972

 

 

Kinder sind keine Rinder
 Für Helke Sander

Ein braves Rind

Gehorcht geschwind.

Zwei brave Rinder

Gehor­chen geschwinder.

Drei brave Rinder

Folgen aufs Wort.

Doch Katzen und Kinder,

die laufen fort.

Hans Stempel und Martin Ripkens: Purzel­baum. Verse für Kinder, München 1972

Ein von mir vorge­schla­gener Film über den Akti­onsrat zur Befreiung der Frauen in Berlin wurde wegen meiner „mangelnden Objek­ti­vität als Frau“ (O-Ton NDR-Redakteur) nicht geneh­migt. Der Film wurde dann gedreht von Gerhard Bott. Der Akti­onsrat war wesent­lich von mir mitin­iti­iert worden, aber das poli­ti­sche Subjekt durfte sich nicht selber äußern.

Da war es nur konse­quent, dass der geplante Film über die Kinder­läden auch nicht von mir gedreht werden konnte. Die Kinder­läden waren eine Grün­dung von mir, was aber in dem damals sehr popu­lären Film „Erzie­hung zum Unge­horsam” (1969) von Bott nicht zur Sprache kam. Er wusste vermut­lich nicht einmal, dass diese Kinder­läden eine Erfin­dung von Frauen des Akti­ons­rates waren, weil er nur mit den Männern  des inzwi­schen gegrün­deten „Zentral­rats der anti­au­to­ri­tären Kinder­läden“ Umgang pflegte, die uns sogar irgend­wann Haus­verbot erteilt hatten und auf den Hinweis der Frauen auf den Zusam­men­hang von Frau­en­be­feiung und Kinder­frage stereotyp antwor­teten, dass sie schon bei der „Befreiung des Menschen“ seien. Ich erin­nere mich an eine Szene, bei der Bott und ich gleich­zeitig im Schü­ler­laden Neukölln drehten. Ich mit kleinstem Team, alle arbei­teten unbe­zahlt, er mit großem Equip­ment vom NDR.

Was mir damals schmerz­lich bewusst wurde und auch nicht einer gewissen Komik entbehrte, war, dass andere von meinen poli­ti­schen Arbeiten gut leben konnten, während ich am Exis­tenz­mi­nimum schrammte.

Helke Sander, 2003