Mitten im Malestream

MITTEN IM MALESTREAM

Richtungsstreits in der neuen Frauenbewegung

Ein Film-Essay von Helke Sander

92 Min. DVD oder BETA

Farbe und s/w

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Worum geht es bei MITTEN IM MALESTREAM?

Anders als zur Studentenbewegung, zu der es eine Fülle analytischer Filme und sogar Fernseh-Serien gibt, gibt es das bisher zur Frauenbewegung nicht.

Nirgendwo wird aufgegriffen, dass die Frauenbewegung so einheitlich nicht war, sondern dass es in ihr Richtungskämpfe gab, die hauptsächlich über die Kinderfrage ausgetragen wurden.

Heute weiss das kaum mehr jemand, weil die Öffentlichkeit – wenn überhaupt –  nur über den Teil berichtet, der sich letztlich durchgesetzt hat.

Der Film verwendet eine Fülle alter Dokumentarmaterialien, die häufig von Filmemacherinnen oder Journalistinnen oder Medien-Avangardistinnen normalerweise auf eigene Kosten und  auf den ersten elektronischen Geräten aufgenommen wurden. Meine Arbeit, die sich über nahezu zwei Jahre hinzog, war es, dieses Material zu suchen und zu finden und häufig auch: wieder sichtbar zu machen. (Man denke an das Format Japan Standard 1).

Ich selber machte 1968 nicht nur Filme, ich war auch politisch aktiv und als Bürgerin gewissermassen eine der Gründerinnen der deutschen Frauenbewegung. Darum komme ich ab und zu in dem Film vor, nicht nur als diejenige, die die Diskussion leitet, sondern auch als politisch Handelnde.

Es werden die Kernfragen der neuen Frauenbewegung in diesem Film berührt: Mütterpolitik, Selbstverständnis von Männern als  Väter, die wichtige 218-Kampagne, der real existierende Gebärstreik von Frauen, die politische Auseinandersetzung der Frauenbewegung mit den beiden christlichen Kirchen.

An der Diskussionsrunde in Berlin im Herbst 2004, die sich als roter Faden durch den Film zieht,  nahmen teil:

Halina Bendkowski, feministische Männerforscherin

Gisela Erler, Familienservice GmbH

Peggi Liebisch, Vorstand Verband alleinerziehender Mütter und Väter

Dr. Johanna Mierendorff, Kinderrechtlerin

Signe Theill, Künstlerin, Kuratorin

Bettina Schoeller , Regisseurin, Autorin

Dr. Annegret Stopczyk , Philosophin

Helke Sander, Autorin, Regisseurin

Produktion: Helke Sander Filmproduktion © 2005

Sponsor: Sansoussi Business Academy

Mit Unterstützung von Hannelore Mabry – Bayrisches Archiv der Frauenbewegung

Disposition und Presse zu Mitten im Malestream:

Jutta Platte, Tel. +49 (0)30 61 62 47 69, mobile: +49 (0) 177 763 93 62, info@helke-sander.de


Worum geht es bei MITTEN IM MALESTREAM?

Heute weiss kaum mehr jemand, dass die Frauenbewegung 1968 mit dem Anliegen anfing, die Gesellschaften so zu verändern, dass Frauen darin Kinder gebären können, ohne selber dadurch Nachteile zu haben und ins Abseits zu geraten. Diese Anfänge waren international und antipatriarchal. Die beginnende neue Frauenbewegung fühlte sich verbunden mit dem Kampf gegen Ausbeutung und Armut. Die Frauen damals fragten sich: Was eint uns, was trennt uns? In welcher Weise profitieren wir in den westlichen Ländern von den herrschenden (Ohn)Machtsverhältnissen? Wie lässt sich die Arbeit gegen Ausbeutung mit der Arbeit gegen das Patriarchat verbinden? Was ist Gleichberechtigung, was ist Befreiung? Das waren Fragen, die politisch beantwortet werden wollten und die schon Anfang der siebziger Jahre zu lähmenden Krisen führten. Als Alice Schwarzer 1971 die 218 – Kampagne von Frankreich nach Deutschland brachte, nahmen die vielen bestehenden Gruppen dies  erleichtert auf, sie gab ein gemeinsames Ziel und  befreite wenigstens vorübergehend von unbeantworteten Fragen. Die Bewegung hatte ungeheuren Zustrom und die vielfältige Praxis der beteiligten Frauen veränderte das Bild der Bundesrepublik und machte sie demokratischer.

Zweierlei blieb allerdings auf der Strecke: Theoretisches Arbeiten bekam etwas Anrüchiges und Frauen mit Kindern gerieten in die Minderheit mitsamt ihren Fragen zur Frauengrundsituation, der Gebärfähigkeit.  Die inzwischen durchgesetzte „Pille“ machte es möglich, dass sich junge Frauen zum ersten mal in der Geschichte um sich selber kümmern konnten, sie mussten nicht mehr schwanger werden, sie wurden es auch nicht und so gerieten Mütterpolitik, Kinderpolitik, Gebärstreik, die Auseinandersetzung mit den christlichen Kirchen und das Nachdenken über neue stabile Lebensformen für Kinder und Erwachsene trotz weniger monogamer Sexualität  ins Abseits. Dieser Mangel oder auch: diese Realitätsferne trieb auch Frauen aus der Bewegung wieder hinaus. Manche gingen in die etablierten, andere in die neu entstehenden Parteien, in kleine selbständig arbeitende Gruppen oder auch in die RAF. Diese Flucht aus der Bewegung heraus  bei gleichzeitigem dauernden Zulauf zu ihr  blieb aber den meisten Beteiligten und besonders der Öffentlichkeit verborgen. Die daraus entstehenden Konflikte kamen nur noch in Abständen und in vereinzelten Ausbrüchen an die Oberfläche.

Über einige dieser Konflikte erzählt der Film.

H.S.

 

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Carola Ebeling interviewt Helke Sander zu

MITTEN IM MALESTREAM:

Der Film versucht, die Geschichte der neuen deutschen Frauenbewegung seit 1968 nachzuzeichnen, sie zu rekonstruieren.  Was war Ihr Anlass? Warum schien Ihnen das notwendig?

Wenn man zum Beispiel die Studentenbewegung betrachtet, dann gibt es unendlich viele Filme, die versuchen, sie in die bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte einzuordnen. Es gibt auch einige Filme zur Frauenbewegung, aber die beschäftigen sich weniger mit der Bewegung als mit einzelnen Aspekten. Und sie sind verschwunden: Zum einen, weil sie nie mehr gezeigt werden, zum anderen, weil viele Filme tatsächlich verlorengegangen sind. Was sich durchgesetzt hat, ist das, was seit 1971 mit Alice Schwarzer verbunden wird.

Geht es Ihnen darum, die Frauenbewegung als gesellschaftspolitische Bewegung sichtbar zu machen? Auch darum, zu zeigen, dass sie – wie andere gesellschaftspolitische Bewegungen auch – von Brüchen und Strömungen geprägt und längst nicht so einheitlich war, wie es heute oft erinnert wird?

Ja. Da muss man nur mal in Bonn in das Haus der Geschichte gehen. Da hängt in einem Glaskasten eine lila Latzhose – das ist tatsächlich das, was den Historikern zur Frauenbewegung eingefallen ist. Und das ist natürlich eine unglaubliche Reduzierung und nimmt außerdem überhaupt nicht zur Kenntnis, dass die Frauenbewegung das Bild der Bundesrepublik Deutschland, das äußere Bild, unglaublich verändert hat. Es hätte zum Beispiel vorher niemals im Straßenbild einen Mann mit Kinderwagen gegeben, das war undenkbar. Dass Frauen sich heute einigermaßen gleichberechtigt bewegen können, ist natürlich auch dieser Bewegung geschuldet.

Das macht der Film ja auch sichtbar: Dass die heutige Alltagsrealität maßgeblich durch die Forderungen der Frauenbewegung geprägt ist. Geht es Ihnen auch darum, die Frauenbewegung  aufzuwerten, sie zu würdigen als eine Bewegung, die viel bewirkt hat?

Ja. Aber weil es sowenig darüber gibt, musste ich mich aufs Grobe beschränken. Deshalb habe ich auch die Bezeichnung „Film-Essay“ gewählt: Der Film ist sehr argumentativ, es wird viel darin gesprochen. Hätte ich auf mehr Vorwissen zurückgreifen können, hätte ich den Film vielleicht auch anders gemacht. Jetzt deckt er eine Lücke ab.

Was genau macht diese Lücke aus?

Die Hauptlücke besteht eben darin, dass die neue deutsche Frauenbewegung im öffentlichen Bewusstsein erst 1971 anfängt, und zwar mit Alice Schwarzer. Ich will deren Verdienste überhaupt nicht beschneiden, aber das ist eben nicht wahr. Indem das aber immer wieder behauptet wird, verstellt man sich den Blick darauf, wie schwierig  und komplex es in den drei Jahren zuvor war, seit 1968. Die „Paragraph 218 – Kampagne“, die auf die Stern-Aktion folgte, hat sich auf die Gruppen gestützt, die es vorher schon gab. Es wurde dann eine ganz große Bewegung, das ist unbestritten, aber die ganze politische Infrastruktur, auf die sich stützte, war vorher entstanden.

An dieser reduzierenden öffentlichen Wahrnehmung haben und hatten ja auch die Medien Anteil. Sie kritisieren, dass es damals wenig Interesse gab…

… ja, und hinzu kommt, dass die Fernsehanstalten heute auch kein Interesse an dem Thema haben, ebenso wenig die Filmförderungsanstalten. Das ist ein sich immer wieder neu schaffender Kreislauf, wo sich eine Öffentlichkeit durchsetzt, die einen differenzierten Blick verhindert.

Im Film zeigen Sie viel altes Archivmaterial, auch aus der Zeit vor 1971. Und das diskutieren Sie dann zusammen mit acht weiteren Frauen. Das ist eine Mischung aus rückblickendem Gespräch und aktueller Diskussion, in der die Fragen in die Gegenwart geholt werden. Nach welchen Kriterien haben Sie die Runde zusammengestellt?

Ich wollte Frauen darin haben, die mit den verschiedenen Phasen der Frauenbewegung zu tun hatten. Und insbesondere auch einige, die mit den später in Vergessenheit geratenen Phasen zu tun hatten, das heißt mit der Kinderfrage.

Die ist in ihrem Film zentral.

Ja, denn das war die entscheidende Frage am Anfang, 1968.

Die Kinderfrage hat zu einer Spaltung in der Frauenbewegung geführt.

Ja, aber das war später. Und es war auch eigentlich keine Spaltung. Das ist eben komplizierter und das muss man wissen, wenn man verstehen will, warum das auch heute wieder eine Rolle spielt. Die ersten Frauen, die 1968 mit der Studentenbewegung sympathisierten und den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen gründeten, waren fast ausschließlich Mütter – und gleichzeitig waren sie politisch interessierte Frauen, die die in der Studentenbewegung aufgeworfenen Fragen auch auf sich bezogen. Vom Nachdenken über die schwierige gesellschaftliche Situation mit Kindern kam man dazu, über sich als Frau nachzudenken. Aber ohne den Zusammenhang zu dem zu verlieren, was wir ja richtig an der Linken fanden. Die Diskussionen um die Inhalte wurden immer heftiger. Unser Ansatz war: Die meisten Frauen weltweit haben Kinder, und will man tatsächlich etwas verändern, muss man da ansetzen, bei der komplizierten Situation der Mütter. Da kann man Frauen nicht zum Nebenwiderspruch erklären, wie das die Linke getan hat.

Und vom sozialistischen Standpunkt aus war es konsequent, auch über die Unterschiede zwischen den Frauen nachzudenken. Wo kann man gemeinsam etwas machen, wo überwiegen Schichtunterschiede oder die der verschiedenen Gesellschaften?  Daran haben sich die Frauen wirklich das Hirn zerbissen. Und das wurde ab 1971 sehr vereinfacht. Da war dann der Mann schuld. Bis dahin wurde das in einem allgemeinen linken Denkdiskurs gedacht: Was macht es eigentlich aus, in dieser Gesellschaft Frau zu sein? Die Anfänge der Frauenbewegung setzten auf eine gesamtgesellschaftliche Veränderung, und es wurde global gedacht. Das ist nach 1971 nur noch in Rudimenten übriggeblieben.

Wie würden Sie die damalige Stimmung und Atmosphäre beschreiben?

Das ist mir wirklich das Allerwichtigste: Es ging zu Beginn nicht darum, sich als Opfer zu fühlen. Diese Verve und diese Lust sich zu treffen, zu diskutieren, wären sonst gar nicht möglich gewesen.

Aber es ging doch darum, Unterdrückungsmechanismen zu kritisieren und zu benennen…

….ja, aber eben auch intellektuell, es war auch eine große Lust. Es gab einen großen Hunger nach Theorie. Die Zersplitterung der Studentenbewegung hat auch die Frauen betroffen, viele sind in die entstehenden Gruppen oder Parteien gegangen. Die 218-Kampagne 1971 hatte eine große bindende Wirkung. Einerseits hat sie einen unglaublichen Aufschwung gebracht und sehr viele neue Frauen angesprochen, die mit der Linken nichts mehr zu tun hatten. Die Frauenbewegung war sehr vital und hat mit unzähligen Projekten, die es ja in ganz vielen Städten gab, viel bewirkt. Auf der anderen Seite wurde es aber auch flacher, wurde immer persönlicher, immer innerlicher – fast zu einer Art life-style. Es war nicht mehr die Vorstellung, die ganze Gesellschaft, weltweit, zugunsten der Frauen, auch der armen Frauen, verändern zu wollen.

Hoffen Sie, dass der Film diesen vergessenen gesamtgesellschaftlichen Ansatz wieder ins Bewusstsein rückt und dazu beitragen kann, dass er durch neue Diskussionen wieder belebt wird?

Ja, das wäre sehr schön, wenn das wieder in die Wahrnehmung geriete, man sich damit wieder beschäftigen würde.

Die Kinderfrage ist heute weiterhin unter dem Schlagwort der Vereinbarkeit von Beruf und Familie relevant. Sie wird von den betroffenen Frauen aber meist nicht als politische oder gar feministische Problematik wahrgenommen. Auch die sehr jungen Frauen sind wenig daran interessiert, eine Beziehung zwischen ihnen selbstverständlich erscheinenden Verhältnissen und der Frauenbewegung herzustellen.

Ich denke, dass wir für viele Jüngere so abschreckende Figuren geworden sind. Das hat auch Gründe: Ich möchte mich auch nicht mit der lila Latzhose identifizieren…

… ja, aber das ist doch eben nur das Klischee.

Viele Junge wissen das aber eben nicht. Die haben so seltsame Bilder im Kopf, von im Kreis hüpfenden Frauen, die seltsame Sprüche machen. Was hängen geblieben ist, das sind so ganz merkwürdige Bilder und die würde ich gerne ein bisschen zurechtrücken.

 

Begleitende Texte

Zur Begleitung des Films „Mitten im Malestream“ von Helke Sander kann auf einige Texte verwiesen werden, die H.S. im Laufe der Jahrzehnte zu den Anfängen der neuen Frauenbewegung und zur Kinderfrage veröffentlicht hat.

Genauere bibliografische Angaben sind zu finden unter www.helke-sander.de unter Veröffentlichungen oder auch im Kinematheksheft 97 / Oktober 2003 bei: Freunde der deutschen Kinemathek Berlin („Freunde der Dt. Kinemathek“, <fdk@fdk-berlin.de>), zum Preis von 10 Euro.

Die  sogenannten „Diskussionspapiere“ aus den Jahren 1968 und 1969 (vielfach gemeinsam mit Ludmilla Müller), die intern im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen gelesen und diskutiert wurden, sind dort nicht aufgenommen und zur Zeit nicht zugänglich.

Rede von H.S: im September 1968 zur 23. Deligiertenkonferenz des SDS in Frankfurt 1968, später auch bekannt unter“Tomatenrede“. Vielfach veröffentlicht.

Selbstverständnis des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen (Arbeitspapier mit Ludmilla Müller, zur Zeit nicht erhältlich)

Projekt Betriebskindergarten. In: Rote Presse Korrespondenz 27/28 1969

Frauenhandbuch Nr.1 von Brot und Rosen, 2. erweiterte Auflage, 1974 besonders das Vorwort.

Erklärung von Brot und Rosen zur Kinderfrage  durch H.S. vor dem Kuratorium der Bundesregierung zum Jahr der Frau 1975

Mütter sind politische Personen. In: Courage Nr.9 1978

Oh Lucy, Erzählung.  München Kunstmann 1991

Die Gewaltdebatte seit Lucy. In: Test the West: Geschlechterdemokratie und Gewalt, Wien. Hrsg., von Johanna Dohnal

Überlegung zur Bewegung. In: Was Frauen bewegt und was sie bewegen, Frkf. .Fischer Taschenbuch 1998

Mr.Baroody und die Mütter. In: Emma Nr.4 1999, Köln

Für Marie Marcks. In: Marie Marcks, Karikaturen der letzten 50 Jahre, Heidelberg 2000.

Interview: Hilke Schläger: Das Private ist das Politische (über die Rezeption der SDS-Rede), in: „Mein Kopf gehört mir“ München 1988

Interview: Ute Kaetzel: Die 68gerinnen Rowohlt Berlin 2002.  Darin: Nicht Opfer sein, sondern Macht haben.