Mein neues Buch

15. April 2019

Die Entstehung der
Geschlechterhierarchie
als unbeabsichtigte Nebenwirkung
sozialer Folgen der Gebärfähigkeit und des Fellverlusts 

Ein Essay von Helke Sander
Verlag Zukunft & Gesellschaft
ISBN 978-3-00-055652-4, 26,90 €
E-Book ISBN 987-3-00-055689-0, 11,99 €

Geschlechterhierarchie

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KURZFASSUNG  (scroll down for english version)

Vor genau 50 Jahren, im Januar 1968, parallel zur Gründung des „Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“ in Berlin, fing ich an, mir Gedanken darüber zu machen, ab wann Frauen weltweit weitgehend rechtlos wurden. Diesen Verlust der Selbstbestimmung gibt es bei anderen Säugetieren nicht. Das führte mich allmählich immer tiefer in die Vorgeschichte. Mein Ausgangspunkt waren ca. 4 Millionen Jahre Menschheitsgeschichte, um diesen langen und zunächst langsamen Prozess zu begreifen. Er ging aus vom selbstbestimmten Primatenmädchen zur schon menschenähnlichen Urahnin, die gewisse neue und nur sie betreffende biologische Probleme mit ihrer Verstandeskraft löste und endete bei der Homo sapiens-Frau ohne Bürgerrechte. Dabei haben mich besonders die Gründe für den Beginn der sogenannten Arbeitsteilung interessiert. Diesen Begriff verwende ich heute nicht mehr, sondern ersetze ihn durch „Beginn der Tausch-Beziehungen zwischen Frauen und Männern“.

Dieser so selbstverständlich gewordene Begriff Arbeitsteilung, besonders gern noch als natürliche Arbeitsteilungbezeichnet, hat viel dazu beigetragen, die Vorgeschichte bis heute gründlich zu vernebeln. Wie es im Verlauf der Entwicklung allmählich dazu kam, dass unsere Vormenschen, die über Millionen Jahre selber dafür verantwortlich waren, ihre Nahrung zu suchen und sich gar nichts teilten, in langen Zeiträumen dazu übergehen konnten, soziale Strukturen zu entwickeln, die mit diesem Tausch einhergingen, beschreibe ich in meinem Essay. Besondere Triebfedern für die Entwicklung waren Frauen. Den länger werdenden Schwangerschaften, unfertigeren Kindern bei der Geburt, schwereren Geburten durch den aufrechten Gang, waren die werdenden Menschenfrauen hilflos ausgesetzt. Gegen das Handikap des Fellverlusts, an dem sich die Kleinkinder nicht mehr festklammern konnten und so die Mütter bei der Nahrungssuche behinderten, erfanden Frauen zweckgebundene Tragevorrichtungen, um weiterhin beide Hände frei zu haben. Außerdem entwickelten diese Frauen die schon bei Primaten vorsprachlich vorhandene Kommunikation zwischen Frauen und Kindern weiter. Männer hatten noch lange keinerlei Notwendigkeit zur Entwicklung spezieller Werkzeuge oder gegenseitiger Kommunikation.

Außerdem gehe ich gründlich auf die Sensation ein, die das Begreifen der regelmäßigen Menstruation bei den betroffenen Frauen und bei den Männern auslöste.

Auch das muss man sich als Jahrtausende währende allmähliche Erkenntnis vorstellen. Die Menstruation, die außer Tag und Nacht eine weitere Gliederung von Zeit darstellte und mit dem Erkennen der Mondphasen und Springfluten Verbindungen zwischen Frauen und dem Kosmos ermöglichte. Dies war auch der Anfang, dass den werdenden Menschen die Zwei-Geschlechtlichkeit bewusst wurde und die Fähigkeit der Frauen, zu gebären. Dies war begleitet von der Erkenntnis, dass Kinder aus dem Blut entstehen und führte zu unterschiedlichsten Gebräuchen von Männern, frauenähnlicher durch Blutrituale zu werden.

Ich verlege den Beginn der Tauschbeziehungen und das heißt den ersten Wechsel vom instinkthaften zu sozialem Verhalten ungefähr in die Zeit von 800.000 bis vor ca. 300.000 Jahren und behaupte, dass dieser Handel zunächst zwischen Frauen stattfand. Vor ca. 300.000 Jahren hatten sich aus verschiedenen, im Buch beschriebenen Gründen die Tätigkeiten von Frauen und Männern so differenziert, dass Männer mit neu erfundenen speziellen Werkzeugen – den Schöninger Speeren z.B. – größere Tiere erlegen konnten und zum ersten Mal dazu beitragen konnten, proteinreiche Nahrung zu beschaffen und sich am Tausch zu beteiligen. Das begründete vollkommen neue Eigenschaften und Gesetze (Konkurrenz, zeitversetzte Fürsorge, erste Regeln für das Sexualleben).

Diese Entwicklung weg vom instinkthaften und hin zum sozialen Verhalten hinterließ allerdings auch Spuren, die sich erst allmählich zeigten. Einerseits machte der neue Handel zwischen den Geschlechtern das Leben leichter, andererseits verloren alle Mitglieder mit jedem Entwicklungsschritt auch etwas von ihrer früheren tierischen Autonomie – was sich im Laufe der Jahrtausende potenzierte und beschleunigte.

Vom Tausch an begründet sich die sehr langsam einsetzende Vorherrschaft der Männer, deren Tätigkeiten nun neue, durchaus anerkannte und von allen geteilte, soziale unumkehrbare Regeln schufen, deren Folgen erst später erkennbar wurden. Schon nah an unserer Zeit begann die allmähliche Domestizierung der Tiere, was weitgehend schon zur Tätigkeit der Männer gehörte und das entstehen ließ, was wir heute mit Arbeit bezeichnen. Es entstanden erste Hierarchien durch die Viehzucht und das in der Vorzeit unbekannte Überlegenheitsgefühl von Menschen über Tiere nahm Gestalt an. Schon in historischer Zeit, bei den Griechen, wurden Sklaven und Frauen in diese Hierarchien einbezogen. Dennoch wird mit den „alten Griechen“ auch heute noch der Anfang der Kultur beschworen und ihre Ordnung mit Demokratie bezeichnet, obwohl Frauen und Sklaven von der Politik schon ausgeschlossen waren. Die Geschichten über die Kämpfe am Götterhimmel, aus dem die vorher dominierenden Frauen zuerst reduziert und dann zugunsten eines einzigen Gottes total verbannt wurden, spiegeln die realen irdischen Kämpfe um die Vorherrschaft.

Als Nebeneffekt meiner Untersuchungen ergab sich außerdem ein Blick auf das voraussichtliche Ende der Menschheitsgeschichte, das, wie ich zeige, schon in seinen Anfängen angelegt ist. Anders als der Autor Yuval Harari (dessen Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ ich erst nach Fertigstellung meines Buches gelesen habe), führe ich dieses Ende nicht auf „wissenschaftliche Revolutionen“, die gewissermaßen aus dem Nichts kommen, zurück, sondern begründe diese Entwicklung mit den allmählich immer deutlicher werdenden und sich von Beginn des sozialen Miteinanders anhäufenden Kehrseiten jeden Fortschritts, auf die mit immer neuen Erfindungen, Handlungen, Gesetzen reagiert werden muss, um sie unter Kontrolle zu behalten und die mit den größer werdenden Gemeinschaften immer komplexer wurden und ihrerseits wieder neue Reaktionen herausfordern. Der Verstand, der uns zu Menschen gemacht hat, wird uns eines Tages umbringen. Heute führt er nicht nur zur Meeres-Luft- und Weltraumverschmutzung, sondern auch zur Mensch-Maschine und zur Digitalisierung aller Lebensbereiche, deren Folgen noch kaum begriffen werden. Es gibt keinerlei Bruch in der Menschheitsgeschichte, sondern eine sich zunehmend beschleunigende Verwicklung.

In dem Kriminalroman von David Lagercrantz „Verschwörung“ findet das eine gute Beschreibung:

„…Was glauben Sie, wie sich ein Computer fühlt, wenn er aufwacht und merkt, dass er von primitiven Wesen wie uns gefangen gehalten und kontrolliert wird? Warum sollte er sich mit einer solchen Situation abfinden? Warum sollte er überhaupt noch Rücksicht auf uns nehmen und zulassen, dass wir in seinem Inneren wühlen, um diesen Prozess zu stoppen? Wir riskieren eine Intelligenzexplosion, die Vernor Vinge als ´technologische Singularität´ bezeichnet hat. Alles, was anschließend passiert, liegt jenseits unseres Ereignishorizonts.“ (TB Heyne S.244)

Wie andere Urgeschichtsforscher spekuliere ich auch, nur aus einer anderen Perspektive.

© Helke Sander März 2018

 

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Helke Sander:

The Origins of Gender Hierarchy: A New Evolutionary Approach

 

SUMMARY

Fifty years ago, in January 1968, at the same time as the „Action Council for the Liberation of Women“ was founded in Berlin, I started to think about the point in time when women across the globe were to a great extent deprived of their natural rights. Other female mammals never seemed to have suffered such a loss of their status. This line of thinking gradually led me to delve more and more deeply into the study of prehistoric times. To understand this long-lasting, initially slow-moving process, I took as my point of departure the very beginning of human development four million years ago. It started with the self-determined primate girl, led to a female ancestor already similar to humans, who solved certain new biological problems that affected her alone using the power of her mind – and ended with the subordination of homo sapiens woman.

I was particularly interested in the reasons behind the onset of the so-called division of labor. I no longer use this term; I have substituted „the beginning of a barter trade between men and women“ for it. The terms division of laborand natural division of labor, which are used as a matter of course, have obfuscated – to the present day – what prehistoric times were like. For millions of years our ancestors were individually responsible for finding their own food. In my essay I describe the gradual evolutionary transition from this condition to the social structures which accompanied barter trade.

Women, in particular, drove this development. These early females, who were growing ever closer to homo sapiens, were gradually but irreversibly subjected to longer pregnancies, less fully developed offspring, and more difficult births due to their upright posture. As they evolved and lost their coats of fur, moreover, their infants could no longer cling to them while they foraged for food. As a result of this development the early females built carrying devices so that they could continue to have both hands free. They also further developed the pre-linguistic communication that already existed among female primates and their young. The largely solitary males had, as I argue, no such need to develop special tools or reciprocal communication until much later.

I also analyze the social and cultural effects triggered by the discovery of women’s – and only women’s – regular menstrual bleeding. This insight too must be imagined as an understanding that developed slowly over millennia. Menstrual bleeding was, besides day and night, an element that structured time and drew a connection between women and the cosmos with its lunar phases and spring tides. Recognition of the importance of menstruation coincided with the evolving human species’ growing awareness of the existence of two genders and women’s child-bearing ability, along with the understanding that children grow out of this blood. In turn, a wide range of customs developed around male blood rituals which allowed men symbolically to imitate women’s mysterious powers to give birth and to bleed and not die.

I place the beginning of barter relationships, i.e., the first change from instinctive individual behavior to social behavior, in the time period between about 800,000 and 300,000 years ago. I argue that this trade was initially conducted only among women. By about 300,000 years ago the activities of men and women had become in many aspects so differentiated – for a multitude of reasons that I discuss in my book – that men were able to hunt larger animals using newly invented special tools, the Schöningen spears for example. For the first time, they were able to contribute to procuring especially protein-rich food and participate in the barter. This gave rise to fundamentally new character traits and laws (competition, taking turns in caring for children, first set of rules for sex life). This shift from instinctive towards social behavior left traces that only became visible over time. The new trade between the sexes made life easier, but at the same time with each new step in the evolution, all members of this society lost more of their earlier animal-like autonomy – a process which increased and accelerated over the course of thousands of years.

The barter trade was the origin of the predominance of men that very slowly became manifest. Their activities created new, generally accepted rules that were shared by everyone and which became socially irreversible – the impact of this would become evident only later. Closer to our times, animals were gradually domesticated. This was largely done by men and led to the emergence of what we call work today. The first hierarchies were established by raising livestock, when humans‘ feeling of superiority over animals – unknown in prehistoric times – took shape. In early historical times, in ancient Greece, slaves and women were included in these hierarchies. Even today, the „ancient Greeks“ are often invoked as the originators of Western culture, and their political order is designated as the first democracy, despite the fact that women and slaves were excluded from participation. The sagas about struggles in the realm of the gods where previously dominant goddesses were first reduced and then banned altogether in favor of one single god reflect the actual struggle for dominance on earth.

As a side effect of my studies, I came to see the probable end of human history, which, as I argue, was already laid out at its very outset. In contrast to the writer Yuval Harari (whose bestselling book „Sapiens: A Brief History of Humankind“ I read only after I had completed my book), I do not ascribe this end to „scientific revolutions“ which happen more or less out of the blue; instead I explain this development as a result of the inevitabledownsides or negative features of any progress, aspects which becomeevident, slowly but surely, recurring and accumulating in a process that has been ongoing since the beginning of our social co-existence. These negative aspects need to be met continuously with new inventions, actions, and laws to control them. They become ever more complex as communities grow and in turn provoke new reactions. The mind which has made us human will one day kill us. Today it leads us not only to marine, air and space pollution but also to the artificial intelligence of man-machines and the digitization of all aspects of life, the consequences of which have hardly been understood. There is no discontinuity in human history, only an increasingly accelerated complexity. A good description of this can be found in David Lagercrantz‘ crime novel „The Girl in the Spider’s Web“:

How do you think a computer would feel when it wakes up to find itself captured and controlled by primitive little creatures like us? Why would it put up with that? Why on earth should it show us any consideration, still less let us dig around in its entrails in order to shut down the process? We risk being confronted by an explosion of intelligence, a technological singularity, as Vernor Vinge put it. Everything that happens after that lies beyond our event horizon. (MacLehose Press, p. 193)

I speculate, just as other researchers of prehistoric times do, but I do so from a different perspective, that of a curious woman.

© Helke Sander March 2018

Übersetzt von Joey Horsley

 

German version published at Verlag Zukunft und Gesellschaft 2017

Die Entstehung der Geschlechterhierarchie

ISBN 978-3-00-055652-4, 26,90 €
E-Book ISBN 987-3-00-055689-0, 11,99 €

 

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Kritik zum Buch „Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen“ 

von E. O. Wilson (not available in English)

 
„Ich werde darlegen, dass die Wissenschaft besonders in den letzten zwei Jahrzehnten so weit fortgeschritten ist, dass wir die Fragen, woher wir kommen und was wir sind, jetzt kohärent angehen können. Dafür brauchen wir allerdings Antworten auf zwei noch grundlegendere Fragen, die die Suche aufgeworfen hat. Erstens die Frage, warum höher entwickeltes soziales Leben überhaupt existiert und in der Geschichte des Lebens so selten ist. Und zweitens die Frage nach den Antriebskräften, die es haben aufkommen lassen.“ (S.19)

In diesem Text gehe ich hauptsächlich auf die zweite Frage nach den Antriebskräften ein und ziehe daraus einige andere Schlussfolgerungen als Wilson. Dabei scheinen die Gewichte zunächst klar verteilt:

Wilson ist ein berühmter Biologe, der Verlag nennt ihn sogar den berühmtesten Biologen unserer Zeit. Er hat die Soziobiologe begründet und ist bekannt als Forscher in Biodiversität, Evolution und Tierverhalten, besonders von Insekten und Ameisen.

Ich bin Filmregisseurin, habe nie Biologie studiert und befasse mich seit doch immerhin 50 Jahren mit der Frage, wo die Anfänge der weltweiten Unterdrückung der Frauen liegen, was mich tief in die Vorgeschichte und die Anfänge der Menschheit führte.

Nun kommt das Wort „Frau“ auf den knapp 400 Seiten über die biologische Geschichte DES MENSCHEN bei Wilson meines Wissens nur einmal im weiter unten abgedruckten Zitat vor. Das ist erstaunlich, weil doch gerade Frauen in der Evolution besondere Probleme zu bewältigen hatten, deren Lösungen ein soziales Leben nach meiner Auffassung überhaupt erst ermöglichten und für Wilsons Frage nach den Antriebskräften wesentlich ist. In meinem Buch von 2017 gehe ich genau darauf ein: Die Entstehung der Geschlechterhierarchie als unbeabsichtigte Nebenwirkung sozialer Folgen der Gebärfähigkeit und des Fellverlusts, Verlag Zukunft und Gesellschaft  2017

Eusozialität [1] ist ein häufig von Wilson benutzter Begriff, der ursprünglich für die Erklärung von Insektengemeinschaften geschaffen wurde, die mehrere Generationen umfassen und über eine interne Aufgabenteilung verfügen. Dieser Begriff wird von Wilson auch auf menschliche Gesellschaften angewandt.

Bei der menschlichen Eusozialität „vollzog sich die Zusammenfindung von kleinen Gruppen an den Lagerstätten. Diese Verbände bestanden aus ausgedehnten Familien sowie – das ist noch bei heutigen Jäger- und Sammler-Gesellschaften der Fall – aus außenstehenden Frauen (Hervorhebung von HS)Ausnahmslos alle Tierarten, die Eusozialität praktizieren, bauen zunächst Nester, die sie gegen Feinde verteidigen. Wie schon ihre Vorgänger zogen sie im Nest die Brut auf, gingen auf Futtersuche außerhalb des Nestes und brachten die Beute nach Hause, um sie mit anderen zu teilen.“ (S.44)

Diese Begriffe: ausgedehnte Familien, außenstehende Frauen und Teilung der Nahrung setzen schon ein ausgeprägtes soziales und nicht von Instinkten geprägtes Leben voraus. Wie dieses aber entsteht, gehört ja zu den eigentlichen Wundern, wird hier jedoch als gegeben vorausgesetzt.

Wilson springt häufig von den Affen zu den Hominiden und zum Homo sapiens vor und zurück, so dass oft kaum zu erahnen ist, von welchen Primaten oder welcher Stufe der Menschheit er gerade spricht. Hinlänglich bewiesen ist inzwischen vor allem durch Genanalysen, dass werdende Menschenmädchen nach der Pubertät ihre Gruppe, bzw. die Mütter häufig verließen, es gibt aber auch Hinweise darauf, dass dies auch werdende Männer taten, die sich anderen Kleingruppen anschlossen, sofern sie überhaupt auf eine trafen. Die Auskünfte sind spärlich, weil sie auf seltenen Funden von sich unterschiedlich entwickelnden Hominiden beruhen. Auf Grund von äußeren Umständen, vor allem klimatischen, schwankt die Gesamtbevölkerung sehr, was nach Wilson (S. 105) sogar zum Fast-Aussterben des afrikanischen Homo sapiens um die Zeit vor 100.000 Jahren geführt haben soll. Dennoch bleibt unklar, ob er von Primaten oder Hominiden spricht. Die Forschungen geben ein sehr differenziertes Bild vom Zusammenleben der Schimpansen in freier Wildbahn. Es gibt Großgruppen, die 40-60 Tiere umfassen können, die sich wiederum aufgliedern können in Kleingruppen, die aus ca. 6 Tieren bestehen und die gemischtgeschlechtlich oder nur weiblich oder nur männlich sein können. Bei den Bonobos sind die Untergruppen oft größer und die männlichen Mitglieder bleiben normalerweise ihr Leben lang in der Muttergruppe, die sich aber ebenfalls auflösen und neu gruppieren kann. Schon bei den Affen geht es also äußerst vielfältig zu und man kann deren Formen des zumeist nicht einmal ständigen Zusammenlebens nicht einfach auf die sich von den Primaten weg entwickelnde werdende Menschheit übertragen. An anderer Stelle suggeriert Wilson, dass es von vornherein Gemeinschaften gab, die ihre Nahrung teilten, was bei meist vegetarischer Nahrung äußerst unwahrscheinlich ist. (Er begründet das mit Eusozialität). Wie und dass es dazu überhaupt zum Teilen, bzw. einem Tausch kommen konnte – ein Begriff, den ich vorziehe, – ist ein sich über Jahrhunderttausende hinziehender komplizierter und sicher von vielen Rückschlägen begleiteter Prozess, dem ich mich in meinem Buch annähere.

An dieser Stelle möchte ich schon anmerken, was praktisch nie hinterfragt wird: Wir gehen bei Vergleichen von Primaten und Menschen normalerweise von heute wildlebenden Affengesellschaften aus und schließen daraus, dass sie auch schon vor 6 Millionen Jahren, als sich die Hominiden von den Affen trennten, so gelebt haben wie heute. Es könnte ja sein, dass in dieser Zeit die Schimpansen ebenfalls Entwicklungen durchgemacht haben und Eigenschaften wie Kooperation, Aggression oder gelegentliche Anfänge der Nahrungsteilung sich erst nach der Trennung auch bei ihnen durchzusetzen begonnen haben. Es ist jedenfalls nicht selbstverständlich, sich bei Analogien auf die heutigen Verhaltensweisen von Schimpansen zu beziehen, die sich durch ihre ständig kleiner werdenden Lebensräume im Lauf der Millionen Jahre verändert haben können.

Aber Wilson stellt in dem Zitat noch andere Behauptungen auf, die vollkommen schwammig sind und sich zumindest in der vorliegenden Schrift nicht konkret belegen lassen. So schreibt er, dass Homo erectus, die Neandertaler und Homo sapiens feste Lagerstätten hatten und sich die Nahrung teilten, das entspricht einem Zeitraum zwischen ca. 2 Millionen und ca. 30.000 Jahren. Von hauptsächlich vegetarisch lebenden Schimpansen wissen wir hingegen, dass sie ihr Nest allein jeden Abend neu bauen. Sie zogen den Pflanzen hinterher, weil die Jagd auf Kleingetier nicht ausreichte, um eine Person satt zu machen. Jede und jeder war ständig mit Nahrungssuche befasst, um den eigenen Magen zu füllen. Es dürfte deshalb sehr selten Situationen gegeben haben, bei dem eine Gruppe auf ein größeres Stück Aas oder auf ein durch Feuer umgekommenes Tier traf, was dieser Gruppe erlaubte, für längere Zeit an einem Ort bleiben zu können.

Und so ist es auch bei den früheren Menschenarten. Die Jagd auf Kleingetier wurde von beiden Geschlechtern betrieben, beide sammelten Wurzeln und andere pflanzliche Nahrungsmittel und beide suchten und bearbeiteten passende Werkzeuge. Warum sich die Tätigkeiten zwischen Frauen und Männern in langen Zeiträumen zu differenzieren begannen, behandle ich ausführlich in meinem Buch.

Wer da wann nach „Hause“ ging, wie W. schreibt, um die Nahrung auch noch zu teilen, bleibt vollkommen unklar.

Seine Behauptung wird z.T. auf S. 59 wieder aufgehoben, wenn er schreibt, dass Bonobos nicht teilen.

Wie es zur Nahrungsteilung, bzw. zum Tausch und damit zum sozialen Leben kam, ist eins der ganz großen Wunder der Evolution und brauchte vermutlich viele Jahrhunderttausende, bis die Anfänge einer Kooperation, die es schon im Tierreich gab, sich zu einer festen und automatisierten Einrichtung entwickeln konnten und dies auch erst, als die Produktionsmittel – die Werkzeuge – und die Handhabung natürlich entstandenen Feuers von den einzelnen so weit entwickelt worden waren, dass damit die Voraussetzungen da waren, immer wieder in der Lage zu sein, Proteine für größere Gruppen zu beschaffen. Wilson spricht „von gut organisierten Gruppen, die untereinander um Reviere und andere Ressourcen konkurrierten…. wir können dann erwarten, dass das Ergebnis dieser Gruppenkonkurrenz weitgehend von genauen Sozialverhalten dieser Gruppe bestimmt wird. Die relevanten Merkmale sind Größe und Dichte der Gruppe sowie die Qualität von Kommunikation und Arbeitsteilung zwischen ihren Mitgliedern.“ (S.70, Hervorhebung von HS).

Wie es meist üblich ist bei der Beschreibung der Vorgeschichte, wird die eigentliche Sensation übergangen. Plötzlich ist das soziale Leben da: Menschen konkurrieren, kommunizieren und machen Arbeitsteilung. Primaten und Australopicinen und noch viele nachfolgende Menschenarten sind organisiert und kämpfen gemeinsam unter männlicher Führung gegen Feinde. Ob die Gebiete derart dicht besiedelt waren, dass sich die Gruppen überhaupt treffen und gegenseitig die Nahrung streitig machen konnten, bleibt unbeantwortet. Außerdem wird hier schon der Begriff Arbeit verwendet, der in dieser frühen Phase völlig unangebracht ist, weil es Arbeit in unserem Sinn noch gar nicht geben konnte. Die Menschen machten das, was Tiere auch machen: Sie suchten für sich selber Nahrung und versuchten, sich vor Fressfeinden zu schützen. Sie leben einfach. Was sie allmählich mit zunehmender eigener Geschicklichkeit und Produktivität lernen werden, ist der Tausch, was mindestens so revolutionär war wie heute die Digitalisierung und vollkommen neuen Produktionsweisen den Weg bahnte. Darum ist auch Unsinn, wenn Wilson auf S. 131 schreibt: „Die Urformen der Zivilisation kamen kurz nach dem Beginn der Landwirtschaft auf oder gar noch davor“. So wird aus der Altsteinzeit ins Neolithikum gesprungen.

Dass es zum Tausch überhaupt kommt, ist ein von vielen Rückschlägen begleitetes Wunder, dessen Anfänge weit in die Vorgeschichte zurück gehen. Aus natürlich entstandenem Feuer musste erstmal ein gebratenes Tier geborgen werden, und zwar mehrfach in einer Menschengeneration, bevor daraus weitere Schlüsse gezogen werden konnten. Und Feuer zu bewahren setzte ebenfalls lange Entwicklungen voraus. Eine verlässliche Nahrungsquelle, so dass ein Gedanke wie Tausch überhaupt in die Gehirne eindringen konnte, war das lange nicht.

Vollkommen auf sich selbst gestellte Individuen lernten allmählich, andere nicht als Fress-Konkurrenten, sondern als Bereicherung zu empfinden. Das konnte immer wieder schief gehen, bevor derartige Situationen mit einiger Sicherheit regelmäßiger stattfinden und geübt werden konnten und es mussten dafür einige Voraussetzungen erfüllt sein. Nach meiner Meinung war die Handhabung natürlich entstandenen Feuers in Kombination mit den Schöninger Speeren z.B. (in anderen Landstrichen waren es andere Produkte und andere Werkzeuge) der Ausgangspunkt, dass es zu einem sich allmählich automatisierenden Tausch kommen konnte, der selber wieder unglaubliche Entwicklungsschritte ermöglichte. Zur Zeit dieser Errungenschaften konnte sich überhaupt erst ein Tausch etablieren, während sich gleichzeitig die Tätigkeiten der beiden Geschlechter schon insoweit differenzierten, dass es theoretisch überhaupt möglich wurde, den Gedanken aufkommen zu lassen, dass das, was die einen evtl. im Überfluss hatten, mit den Nahrungsmitteln anderer zu tauschen. Aber auch darauf mussten die Menschen erstmal kommen, die bisher nur für sich gesorgt hatten und dies auch weiterhin taten, wenn das Angebot knapp war. Die Behauptung von Wilson auf S. 101, dass beide Eltern Brutpflege betrieben, ist eine wirklich erstaunliche und durch nichts belegte Behauptung. Sie ist ja nicht einmal heute durchgesetzt.

Jede dieser neuen Erfindungen veränderte die bisher durch Instinkte zusammengehaltene Gruppe ein Stückchen mehr in ein durch soziales Verhalten geprägtes Leben und entfernte sich so ein Stückchen weiter vom tierischen Leben. Mit der Durchsetzung des Tauschs ging allerdings auch etwas von der früheren Autonomie der Einzelnen verloren. Allmählich entstand eine sozial geprägte Gruppe, in der das Überleben durch den Zusammenhalt und strikte Regeln garantiert wurde. Das sollte allerdings erst Jahrtausende später ins Bewusstsein dringen. Es entwickelten sich feste Systeme, die sich in der Praxis bis heute zeigen, aber dauerndem Bedeutungswandel unterworfen waren.

Zuerst gab es Tausch innerhalb einer Gruppe, später zwischen den Gruppen. Das Zusammenschließen mehrerer Gruppen zu einer Einheit schränkte die Freiheiten der Einzelnen immer weiter ein. Sehr viel später, als der Begriff Arbeit und Arbeitsteilung Sinn zu machen begann, wurden zuerst die Tiere domestiziert, dann die Frauen und die Sklaven, dann einzelne Völker, bis wir heute in einer globalisierten Welt gelandet sind, in der die Einzelnen zwar einige demokratische Rechte haben, aber als Einzelne keinerlei Einfluss mehr darauf, wie die schmutzigen Kehrseiten des Fortschritts rückgängig gemacht werden können und die Einsicht sich verbreitet, dass dies auch nie mehr der Fall sein wird. Unser Verstand wird uns umbringen.

Die negativen Folgen der Entwicklung und das Bewusstsein von Autonomieverlust führten schon sehr früh zu Protesten, Aufständen, Revolutionen und angepassten Gottesvorstellungen, was die Entwicklungen in immer größerer Schnelligkeit beeinflusste und pervertierte. Besonders fassbar wird dies nach meiner Einschätzung seit frühen sumerischen und babylonischen Zeiten durch die Kämpfe am Götterhimmel durch die heute noch zugänglichen überlieferten Geschichten. Zuerst gab es verehrte Naturerscheinungen, später wurden sie personalisiert zu Muttergöttinnen, die dann durch viele Kämpfe mit aufstrebenden männlichen Göttern ihre Vormachtstellung verloren und schließlich in Ein-Mann-Religionen endeten. Die Göttergestalten spiegelten die realen Kämpfe um Macht und Einfluss in einer schon späten Phase der Menschheit wider.

Dieses Bewusstwerden der zunehmenden gegenseitigen Abhängigkeit ist auch der Grund für die gerade in sogenannten primitiven Gesellschaften mit äußerster Härte durchgesetzten Regeln. Damit wurde das Überleben der Gruppe gesichert. Es sind ungeheuer lange Zeiträume, in denen sich ein soziales Leben herausbildete. Das wird nicht allen Menschengruppen gelungen sein. Wenn sie überhaupt aufeinandertrafen, dann wurden erste Differenzierungen zwischen den Gruppen sichtbar. Es wird Gruppen gegeben haben, bei denen es die äußeren Umstände erlaubten, diesen ersten regelmäßigen Tausch über lange Zeit zu üben und andere, denen es nicht vergönnt war, weil sie in den falschen Gegenden lebten, die die Entwicklungen aus unterschiedlichsten Gründen verzögerten und sie möglicherweise schon in Abhängigkeiten von weiter entwickelten Stämmen brachte.

Ich habe analysiert, dass es biologische Gründe gab, die Frauen dazu brachten, Vorreiterinnen bei der Entwicklung des Verstandes und neuer Werkzeuge gewesen zu sein und was sie dazu brachte, die schon in Affengesellschaften vorhandene starke Kommunikation unter Frauen weiter auszubauen.

Bevor ich das weiter ausführe, muss ich auf einen anderen, bei Wilson zentralen Aspekt eingehen.

Er erwähnt häufig eine schon zu Beginn der Menschheitsgeschichte bestehende Konkurrenz unter Gruppen und schlussfolgert „Der Krieg als angeborenes Übel der Menschheit“ (Überschrift Kapitel 8).

Dieses angeborene Übel wird von Wilson auf S. 89 auch näher präzisiert. Er verlegt es keineswegs in die Vorzeit, sondern in die Jahre 40.000-12.000. Aus dieser Zeit gibt es datierte Leichenfunde, die alle durch Gewalteinwirkung auf den Kopf gestorben waren. Dadurch hält er seine Kriegstheorie für „bewiesen“. Da gibt es schon die Anfänge domestizierter Tiere mit Tendenz zur Viehzucht, es gibt ausgefeilte Werkzeuge, es gibt eine gesellschaftliche Organisation mit geregeltem Tausch und die Anfänge von Arbeit, es gibt die Anfänge großer Architektur in Städten und tausende von geschnitzten, oder aus Stein bearbeiteten in ganz Europa gefundenen Frauenfiguren, die einen Eindruck davon geben können, mit welchen Fragen sich die Menschen befassten. Wir befinden uns nun aber einige hunderttausend, wenn nicht Millionen Jahre nach der Menschwerdung, so dass die Behauptung, der Krieg sei gewissermaßen den werdenden Menschen angeboren, unerklärt bleibt.

S. 81 Wilson: „Jeder Stamm wusste zu Recht, dass er, wenn er nicht bewaffnet und kampfbereit war, in seiner schieren Existenz bedroht war. In der Geschichte war das Hauptziel für die Fortentwicklung der meisten Technologien immer die Steigerung der Kampffähigkeit“.

Das ist pure Ideologie. Mit dieser These lassen sich die Verbrechen der Nazizeit, die Hutu-Tutsi-Schlächtereien und die stalinistischen Hinrichtungsbefehle mit der Vorzeit begründen: Menschen sind eben so.

Neue Gruppen machten neugierig, sie konnten voneinander lernen, neue Geschlechtspartner finden und dadurch neue Gruppen bilden. Dass es zu Krieg überhaupt kommen konnte, ist meines Wissens erst in einer sehr späten Phase der Menschwerdung denkbar und mit dem Aufkommen der Viehzucht gibt es auch vielfältige Gründe dafür.

Schon in Affenzeiten haben sich Individuen aus ganz unterschiedlichen, individuellen Motiven geprügelt oder auch getötet. Sehr viel später war es vermutlich der Kampf um ein Wasserloch, das nicht für alle, die darauf Anspruch erhoben, ausreichte. Bei Dürre und Viehhaltung wiederum mochte es um grüne Weiden gehen, die von mehreren entdeckt worden waren. Je größer der Fortschritt, desto heftiger und tödlicher die Reaktionen. Von einer persönlichen Aggression ging es über zur spontanen oder begründeten Gruppenaggression. Heute gibt es die Einsätze tödlicher Waffen über tausende Kilometer Entfernung, ohne dass die sogenannten Feinde sich kennen müssten.

Bevor jedoch all diese Erfindungen stattfanden, lernten die werdenden Menschen aufrecht zu gehen, und sie verloren ihr Fell.

Dieser Fellverlust verursachte gleichzeitig einen Quantensprung in der Entwicklung. Anders als behaarte Tiere, lernten die Menschen zu schwitzen, was sie zu ausdauerndem Laufen und Jagen befähigte.

Der Fellverlust brachte vor allem Frauen dazu, ihre Intelligenz zu entwickeln. Die Kleinkinder konnten sich nicht mehr im Fell der Mütter festhalten und wurden so zu einer Bedrohung. Diese Bedrohung führte zur Entwicklung des Verstandes, von dem auch die Männer profitierten. Frauen mussten Möglichkeiten entwickeln, Tragevorrichtungen für Kleinkinder zu konstruieren, um weiter beide Hände frei haben zu können. Damit begann eine Explosion anderer Erfindungen und Hirntätigkeiten sowie weitere geschlechtsspezifische Differenzierungen.

Dennoch wird es Jahrhunderttausende gedauert haben, bevor sich eine gegenseitige Tauschbeziehung etablieren konnte oder sich die Beobachtung, dass aus einer Nuss ein neuer Nussbaum wachsen kann, als Wissen im Gehirn festsetzte, so dass daraus Anwendungen entstehen konnten.

Zu den Lagerstätten schreibt Wilson auf S. 59: „Fleischfresser, die sich an Lagerstätten aufhalten, weisen Verhaltensweisen auf, die umherwandernde Individuen nicht benötigen. Sie müssen die Arbeit teilen. Die einen sammeln und jagen Futter, die anderen bewachen das Lager und den Nachwuchs. Sie müssen Nahrung und zwar pflanzliche wie tierische so teilen, dass es für alle akzeptabel ist: Sonst würden die Bindungen, die sie zusammenhalten, geschwächt.“

Den Begriff Teilen halte ich für verkehrt. Er setzt, wie schon geschildert, voraus, dass es immer etwas zu teilen gab und dass die Fähigkeit dazu angeboren sei – was wiederum der Kriegstheorie widerspricht. Etwas zu tauschen, was eine hat und eine andere nicht und das möglicherweise mit der Erinnerung zu koppeln, dass die Gratifikation nicht auf dem Fuße, sondern erst morgen oder übermorgen erfolgt, zeigt einen Menschen, der sich schon weit vom Tierreich entfernt hat. So eine gegenseitige Hilfe stellt sich nicht von allein ein. Die Schritte und die Voraussetzungen dazu spielen bei Wilson aber keine Rolle. Er hätte dann auf die unterschiedlichen Entwicklungen der Geschlechter eingehen müssen. Zwar schreibt er auf S. 102, dass vor etwa 700.000 Jahren die Populationen des Homo erectus größere Hirne entwickelten und sich „zumindest rudimentär einige der eben genannten diagnostischen Merkmale des Homo sapiens bereits erworben (hatten)“.

Aber er beschreibt nicht, aufgrund welcher Probleme die Lösungen gefunden wurden und welche Auseinandersetzungen dazu nötig waren.

Ich komme aufgrund meiner Überlegungen zur Hirnentwicklung übrigens zu einem ähnlichen Schluss wie er und verlege den Beginn der Versuche, Tausch zu praktizieren, in die Zeit zwischen 800.000 und 400.000 Jahren, also in die Zeit, als erste offenbar länger verwendete menschliche Feuerstellen nachgewiesen wurden, was dann um 400.000 zu einem regelmäßigem Gebrauch natürlich entstandenen Feuers führte und die Männer in Mitteleuropa zumindest, mit der Erfindung der „Schöninger Speere“, in die Lage versetzte, ihrerseits zum ersten Mal relativ regelmäßig mit Fleisch etwas zum Tausch beitragen zu können. Das alles versetzte das Hirn in dauernde Schwingungen und trug zu immer neuen Erfindungen bei, die ununterbrochen das soziale Gefüge veränderten.

Unsere vielfältigen Vorfahren mussten sich erstmal zu Fleischfressern entwickeln, was schon voraussetzte, dass die Werkzeugproduktion auf einem hohen Stand war.

Angefangen hat dies mit dem allmählichen Begreifen von Zeit durch die regelmäßige Menstruation, die mit Himmelserscheinungen in Verbindung gebracht werden konnte. Sehen und Begreifen scheinbar selbstverständlicher Gegebenheiten wie z.B. das Vorhandensein zweier Geschlechter, brauchte vermutlich ebenfalls Jahrhunderttausende. Ich habe beschrieben, wie sich der weibliche Körper langsam umgestaltete, die Schwangerschaft länger wurde, die Zweibeinigkeit Vorteile und Nachteile bot, das Kind länger abhängig blieb und warum der  Fellverlust das Denken förderte und erste Tragegestelle für die Kinder ermöglichte. Wir wissen nicht, wie viele gescheiterte Versuche zur Menschwerdung es gab. Einige der ausgestorbenen Arten haben die Forscher nachweisen können.

Die Folgen der biologischen Umgestaltung machten es möglich, dass die vormals gleichen Verhaltensweisen bei der Futtersuche sich zwischen Männern und Frauen differenzierten. Aufgrund dieser Veränderungen in der weiblichen Biologie entwickelten sich die schon bei den Äffinnen vorhandenen Kooperationen bei den werdenden Menschenfrauen weiter. Bei ihnen gab es schon instinktive Hilfe, z.B. das Stillen von Kindern, deren Mütter gestorben waren, die Nähe zu den Tanten eher als zu männlichen Affen, was heute nachweisbar ist. Daher ist auch verständlich, dass die werdenden Frauen durch ihre bevorzugte Sesshaftigkeit eher in der Lage waren, das natürlich entstandene Feuer zu hüten und die Kinder bei anderen Frauen zu lassen, um sie durch Nahrung dafür zu entschädigen. Diesen Prozess muss man sich aber als außergewöhnlich schwierig vorstellen. Für irgendeine Art von Tausch gab es kein Vorbild. Was gelernt werden musste, war eine Art gegenseitige Verlässlichkeit. Bevor sich das etablieren konnte und zur Einsicht führte, dass es tatsächlich klappen kann, gab es sicher über lange Zeit Fehlversuche. Vermutlich wagten die werdenden Menschenfrauen solche Experimente aufgrund ihrer biologischen Probleme. Es gibt aus verschiedenen Gegenden Hinweise darauf, dass Äffinnen gemeinsam jagten, während dies bei männlichen Affen erst später zur Regel wurde.

Lange Zeit muss es eher von Zufällen abhängig gewesen sein, wenn hier und da mal ein größeres Tier, d.h. Futter für alle, gefunden oder gejagt werden konnte. Noch vom Homo ergaster wird vermutet, dass er Aasfresser war oder bei Glück die Reste der von Raubtieren erlegten Tiere für sich nutzen konnte.

Die in vielen Kulturen erhaltenen Paradiesvorstellungen sind vielleicht noch Reminiszenzen an eine Zeit der gleichberechtigten Lebensweise von Männern und Frauen, in der alle relativ hierarchielos miteinander die Welt entdeckten. Diese gleichberechtigte Lebensweise wurde immer wieder von Forschern beschrieben, die auf erst kürzlich entdeckte jungsteinzeitliche Gruppen stießen. (Was natürlich nur ein Hinweis und kein reeller Beweis sein kann, aber doch meiner Meinung nach der Wahrheit ziemlich nahekommen dürfte).
Kommen wir zum Sex. Normalerweise wird bei der Beschreibung von Heiratssitten damit selbstverständlich auch Sex verbunden.

Meine These ist eine andere.

Die in verschiedenen Völkern und Kontinenten entwickelten sogenannten Heiratsriten hatten anfänglich gar nichts mit Sex zu tun. Sie sollten sicherstellen, dass es verlässliche Verbindungen zwischen einem bestimmten Mann und einer bestimmten Frau gab, die gegenseitig verpflichtet wurden, sich mit Nahrungsmitteln von beiden Seiten zu versorgen. Oder, wie ich es in meinem Buch Oh Lucy genannt habe: Fleisch gegen Grütze.

Der Tausch war die Grundlage für ein sich allmählich herausbildendes soziales Gefüge zwischen Frauen und Männern. Sehr viel später sollte sich daraus die Ehe entwickeln, d.h. die Zuordnung von bestimmten Männern zu bestimmten Frauen.

Diese auf zwei Menschen begrenzte Regelung war eine geniale Erfindung, die in vielen Teilen der Welt ähnlich gemacht wurde und sich leichter überprüfen und durchsetzen ließ als ein allgemeines Gruppenteilen der Nahrungsmittel.

Sex spielte dabei nicht die geringste Rolle. Sex war noch nicht Teil des sozialen Lebens, es war noch instinktive Handlung und Vaterschaft war vermutlich bis ins Neolithikum und den Anfängen der Viehhaltung unbekannt. Nach meiner Überzeugung wurde Sex Teil der sozialen Ordnungen, als die Arbeitsteilung sich durchzusetzen begann und sich überhaupt ein Verhalten etablieren konnte, auf das der Begriff ARBEIT schon anwendbar war, weil die Tätigkeiten sich wesentlich zu unterscheiden begannen und Hierarchien etabliert wurden.

Dass die Sexualität so lange brauchte, um Teil des sozialen Zusammenhangs zu werden, ist vermutlich deshalb aus dem Blick geraten, weil sich die normale mitteleuropäische heutige Heiratspolitik vor allem auf die sexuelle Anziehung stützt und Katastrophen verursacht, wenn diese nachlässt und im Ergebnis die Patchworkfamilien und alleinstehende Mütter mit Kindern schafft. Der Versorgungsaspekt spielt heute eher in aus bäuerlichen Strukturen stammenden Migrantenfamilien noch eine entscheidende Rolle. Die übrigen bauen auf die nicht verlässliche Liebe und stellen die früheren Regelungen von den Füßen auf den Kopf.

Überall, wo heute noch strikte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern herrscht, war das ursprünglich ein gleichberechtigtes Übereinkommen zwischen den Geschlechtern für die gegenseitige Versorgung. Sexuell konnten alle noch lange machen, was sie wollten. Der Versorgungspartner musste nicht der Geschlechtspartner sein, obwohl zu vermuten ist, dass es sich aus praktischen Gründen allmählich dazu entwickelte. Dennoch sind wir noch Jahrtausende davon entfernt, dass für Frauen Versorgungspflicht und die an den Versorgungspartner gebundene Sexualität zusammenfielen und dies für Frauen zum Zwang und Normalzustand wurde. Selbst noch im alten strengen Sparta konnten die verheirateten Frauen LiebhaberInnen haben, wenn sie ihre Pflichten als Ehefrauen nicht vernachlässigten. Das Problem bei allen Untersuchungen zur Heiratspolitik in Vorzeiten oder bei heute noch jungsteinzeitlich lebenden Völkern ist, dass unter Heiratspolitik immer die Sexualität mitgedacht wird. Sie hatte da aber lange nichts zu suchen. Man muss sich die Regelungen zwischen den Geschlechtern eher vorstellen wie Handelsabkommen zwischen Völkern. TTIP als Beispiel.

Dass in den meisten Ländern der heutigen Welt die Treue der Frau an den Ehemann gebunden ist, wird nach wie vor meist streng kontrolliert. Dagegen ist der ursprüngliche Versorgungsaspekt vielfach nicht mehr bekannt.

Diese Fragen, wie Menschen sich kontinuierlich zu dem entwickelten, was wir heute sind, und wie aus den Entwicklungen immer weniger lösbare Verwicklungen wurden, spielen bei Wilson keine Rolle.

Helke Sander April 2019

 

E.O.Wilson: Die soziale Eroberung der Erde.
Eine biologische Geschichte des Menschen. 1. Auflage C.H. Beck Paperback 2014

 

[1] In der Terminologie nach Michener bezeichnet „eusozial“ das, was frühere Forscher sozialer Insekten meist einfach „sozial“ genannt hatten. Es handelt sich um die am höchsten integrierte Form des Sozialverhaltens bei Tierarten abseits des Menschen. Kennzeichnend für eusoziale Verbände sind:

  • kooperative Brutpflege durch mehrere Tiere
  • gemeinsame Nahrungsbeschaffung und auch -verteilung, zum Beispiel durch gegenseitige Fütterung (Trophallaxis)
  • der Verband umfasst mehrere unterscheidbare Teilgruppen, die arbeitsteilig verschiedene Aufgaben erfüllen, die Kasten genannt werden. Beispiele wären etwa Nahrungsbeschaffer (Arbeiter) und Verteidiger (Soldaten) in den Staaten der Termiten.
  • Zusammenleben von Tieren mehrerer Generationen, meist in Familienverbänden aus Müttern und Töchtern

Ein Verband, der diese Voraussetzungen erfüllt, wird dann Staat genannt, die entsprechende Art staatenbildend.

Innerhalb der Eusozialität werden noch zwei Abstufungen unterschieden.

  • hoch, oder komplex (eu)sozial sind Arten, bei denen sich die Kasten nicht nur in Verhalten, Physiologie und ggf. Körpergröße unterscheiden, sondern klar unterschiedliche Morphologie mit unterschiedlichen Merkmalen umfassen. Dazu gehören innerhalb der Bienen die Honigbienen (Apini) und die stachellosen Bienen (Meliponini)
  • primitiv (eu)sozial sind Arten, die eusozial sind, bei denen aber die Kasten nur am Verhalten oder ggf. der Physiologie, aber nicht morphologisch unterschieden werden können. Bei den Bienen gehören dazu z. B. viele Furchenbienen der Gattungen Halictus und Lasioglossum; die Hummeln (Bombus) stehen zwischen primitiv und komplex eusozial.

(laut Wikipedia)