Aktuelles

Immer wieder richtig:
„Das Vergangene ist nicht tot,
es ist nicht einmal vergangen“
William Faulkner

Folgen aus der Urgeschichte für heute

In meinem Buch „Die Entstehung der Geschlechterhierarchie
begründe ich, dass am Anfang der sozialen Beziehungen nicht die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, sondern davor höchstwahrscheinlich zunächst noch der Tausch zwischen Frauen und Frauen stand
und
dass die Sexualität erst im Neolithikum – mit dem Beginn tatsächlicher Arbeit und Arbeitsteilung – allmählich Teil des
schon hierarchisch gegliederten Sozialverhaltens wurde, weil erst zu diesem Zeitpunkt die Regulierung der Sexualität Sinn zu machen begann.

Diese meine Thesen sind natürlich nicht im üblichen Sinne beweisbar – wie auch andere Behauptungen über das Zusammenleben in der Vorgeschichte nicht. Es sprechen aber viele bisher vernachlässigte Indizien dafür und ermöglichen endlich überzeugende Antworten auf Fragen, die bisher entweder gar nicht oder aber nachweisbar falsch gegeben worden sind und sie erlauben es, die Evolutionsgeschichte als etwas zu begreifen, in der beide Geschlechter lernten, Probleme, die sich aus ihrer Biologie ergaben in soziale Regeln zu verwandeln – und so zu Menschen wurden. Ein Prozess, der viele Jahrhunderttauende dauerte. Ein Verständnis für diese Prozesse wird man weder bei den Weltbestsellern E.O. Wilson noch bei Yuval Harari finden, bei denen das Wort FRAU praktisch nicht vorkommt.

Was ich schon im Buch immer wieder thematisiert habe, ist meine These, dass a) jede neue Erfindung, jeder Fortschritt, einerseits die Lebensweisen differenzierten und z.T. erleichterten, immer aber auch b) Kehrseien hatten, die zumindest in den Anfangsjahren der Menschheitsgeschichte oft Jahrtausende benötigten, bevor sie bewusst werden konnten und ihrerseits wieder neue Probleme mit sich brachten, die, wenn sie bewältigt werden sollten, wiederum Kehrseiten hatten usw.
So sind die ersten Beziehungen zwischen den werdenden Menschen, die neben dem instinktiven Verhalten untereinander ein Sozialleben zu prägen begannen, davon gekennzeichnet, dass die bisher autonomen und selbst verantwortlichen Wesen mit jedem neuen Fortschritt gleichzeitig immer mehr Teile ihrer früheren Autonomie verloren. Bis die ersten Tauschbeziehungen sich entwickeln konnten, sorgte jede und jeder für sich mit Ausnahme der Mütter von Kleinkindern, die auch für diese sorgten. Dieser Autonomieverlust der einzelnen baute sich langsam auf. Ein Teil der früheren Eigenständigkeit wurde an die Gruppe abgegeben. Das hat sich bis in die heute globalisierte Welt so fortgesetzt und erfasst immer weitere Bereiche.

Jahrhunderttausende lang wurden Abfälle in Bäche und Flüsse geworfen und zersetzten sich auf ihrem Weg zum Meer, ohne Schäden zu verursachen. Der massenhafte Gebrauch von Plastik ist erst einige Jahrzehnte alt, aber die Menschheit schmeißt immer noch alles ins Wasser und hat in kürzester Zeit nicht nur die Meere verseucht, sondern auch alle darin lebenden Wesen, von denen sich wiederum die Menschen ernähren und dadurch krank werden. Das hätte von Anfang an als Problem erkannt werden können, wurde aber nirgends zum politischen Thema. Dass uralte Verhaltensweisen heute unumkehrbare Schäden verursachen, wird erst langsam allgemein bewusst, ohne aber schon zu brauchbaren Gegenmaßnahmen geführt zu haben.
Die Atomkraft sollte friedlich sein. Unter dieser Prämisse wurde sie nach dem Schrecken der Bombardierungen aufgebaut. Trotz schon eingetretener „friedlicher“ Katastrophen weiß man immer noch nicht, wo der anfallende Müll für die nächsten Jahrtausende begraben werden soll.
Die Herstellung von Elektrizität durch natürliche Windenergie ist eine großartige Erfindung. Allerdings hat sie beeindruckende Nebenwirkungen: Sie zerstört Landschaften, ist gefährlich für Vögel und tatsächlich außerordentlich laut. Usw.

Auf einem ganz anderen Gebiet vollzieht sich Ähnliches:
Bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts kam es niemanden in den Sinn und schon gar nicht den Schwangeren, Väter bei der Geburt dabei haben zu wollen. Millionen Jahre war die Geburt Frauensache und das mit gutem Grund. Die Anwesenheit von Vätern durchgesetzt zu haben, hatte sicher viel mit der neuen Frauenbewegung zu tun und schien dem Wunsch nach neuen Gemeinsamkeiten, Verantwortlichkeiten und Gleichberechtigung näher zu kommen. Die unangenehmen Kehrseiten dieser Neuerung werden kaum ausgesprochen, sie unterliegen nahezu einem Denkverbot. Es müsste sonst zugegeben werden, dass sich durch Väter im Kreißsaal die oben genannten Wünsche nicht realisieren lassen. Statt sich durch die Anwesenheit des Mannes und die seine vorausgesetzte Liebe und Fürsorge zu entspannen, baut sich das Gegenteil auf. Frauen, die den Mann bisher nur als Sexualpartner kannten, verunsichern, versuchen ihre Schmerzen zu unterdrücken, denken über ihr Aussehen nach oder machen sich zum jammernden Kind, das in den Armen des Mannes Schutz sucht und für ihn kaum mehr Ähnlichkeiten mit der begehrten eigenständigen Person hat. Möglicherweise hat das Paar in Schwangerschaftskursen gelernt, gemeinsam zu hecheln, um so die Geburt zu einem gemeinsamen Erlebnis zu machen und väterliche Gefühle zu begründen. Es kommt allerdings nicht selten vor, dass der Mann plötzlich Beistand braucht, ohnmächtig wird oder sich ekelt und so die Aufmerksamkeit von der Schwangeren abzieht. Das sind nur ein paar der Schwierigkeiten, die die Geburt für beide Eltern eher erschweren als erleichtern.
Ganz anders handhaben muslimische Gesellschaften diese Frage. Im Iran und Libanon soll die Anwesenheit der Männer verboten sein. Die schwangeren religiösen muslimischen Frauen beschäftigt dagegen mehr die Frage, ob und unter welchen Umständen sie die Anwesenheit männlicher Ärzte in deutschen Krankenhäusern ertragen und ob sie sich deshalb während der Geburt verschleiern sollen oder nicht. Den Mann dabei haben zu wollen, kommt offenbar nur wenigen Frauen aus diesem Kulturkreis in den Sinn (Aus Wikipedia Recherchen).
Gewissermaßen sind alle diese Verhaltensweisen
schon Kehrseiten von Kehrseiten der Sitten, die in neolithischen Zeiten einsetzten, als sich Frauen mehr und mehr an die Produktionsweisen der Männer anpassen mussten und seit einigen tausend Jahren immer wieder versuchen, sich aus dieser untergeordneten Position wieder zu befreien, oft mit ungeeigneten Mitteln.
Ich gehe im folgenden Text mit mehr Material als im Buch auf die Folgen der Regulierung des Sexualverhaltens und ihre Folgen für heute ein. Zur Erinnerung: Meine These war, dass neben der Entwicklung des Tauschs statt „Arbeitsteilung“ die Sexualität erst sehr spät, nämlich in neolithischen Zeiten allmählich sozialisiert wurde, weil dies zwingend notwendig wurde für die neu entstehenden hierarchisch gegliederten Arbeitswelten mit Viehzucht und Landwirtschaft sowie Berufen, die mit den Stadtgründungen entstanden. Erst in diesen Zeiten begannen auch die Anfänge der Frauenunterdrückung, bzw. die Anfänge patriarchaler Strukturen, die ich deshalb als den ersten Gau in der Menschheit bezeichnet habe. Immer verbunden mit neuen Fortschritten und Umwälzungen, die nicht mehr rückgängig zu machen waren.
Dabei spielten die neuen Regeln eine entscheidende Rolle, die hauptsächlich für Frauen die Sexualität zum ersten Mal zum Teil einer gesellschaftlichen Ordnung machten und langsam die patriarchale Familie etablieren konnte, nachdem von Affenzeiten an über mehrere Millionen Jahre hinweg Sexualität vermutlich stattfand, ohne in soziale Regeln eingebunden zu sein, weil das bis dahin auch keinen Sinn machte. Das änderte sich, wie gesagt mit dem Bekanntwerden, welche Rolle die Männer bei der Zeugung spielten und mit dem Beginn tatsächlicher Arbeit, Arbeitsteilung und Hierarchisierung.

EXKURS
Bevor ich auf die neue Sexordnung eingehe, möchte ich noch einen kleinen Exkurs zurück machen und noch einmal darauf hinweisen, welche Revolution im Hirn die Erfindung des Tauschs – vermutlich im Zusammenhang mit der Benutzung natürlich entstandenen Feuers – wahrscheinlich zuerst zwischen Frauen und später zwischen Männern und Frauen gemacht hatte. Man muss sich die Zeit nehmen und sich vorstellen oder das zumindest versuchen, dass es etwas absolut Neues war, als zum ersten Mal eine Frau oder ein Mann etwas einer anderen Frau oder einem anderen Mann abgab, um dafür etwas zu bekommen, was die oder der andere gesammelt oder gejagt hatte. Niemand konnte sicher sein, dass dies auch klappte und die empfangene Person nicht mit dem Produkt wegrannte, ohne ihrerseits etwas vom selbst Gesammelten oder Gejagten dem Gegenüber zu geben. Das Misstrauen muss gigantisch gewesen sein und sich oft genug auch bestätigt haben. Immer wieder musste es neu versucht und bekräftigt werden unter der gespannten Teilnahme der ganzen Gruppe. Es muss lange gedauert haben, bevor sich Regeln etablieren konnten, die sicherstellten, dass diese Versuche auch klappten. Die Durchsetzung dieser Regeln ist darum nicht nur ein gigantischer Schritt zum Menschen hin, sondern auch mit den Anfängen für die Erfindungen von Bestrafungen verbunden. Außerdem mit der Sitte, dass bestimmte Personen einander verpflichtet wurden, von ihren Erträgen einander etwas abzugeben. Dies wurde rituell bekräftigt und zur Grundlage der später sogenannten Ehe, die heute immer im Zusammenhang gebracht wird mit der Sexualität, während ich allein die gegenseitige Versorgung damit begründe. Diese gegenseitige Verpflichtung zum Produktentausch machte den Speisezettel reicher und die gegenseitige Abhängigkeit größer. Möglicherweise diente dieser Tausch auch dazu, Begegnungen mit anderen Gruppen friedlich ablaufen zu lassen, weil sie dadurch von eventuell vorher unbekannten Produkten Bereicherungen erfuhren und möglicherweise deshalb auch Männer oder Frauen anderer Gruppen zu dem Zweck in die eigene aufnahmen. Es ist vorstellbar und ziemlich überzeugend, dass die Neugier eventuelle Feindseligkeiten oder Ängste überwog.
Die berühmte für die Vorgeschichte angenommene Matri-oder Patrilokalität, die immer schon unsere Vorstellungen von Familie umfasst haben, diente meiner Erkenntnis nach ausschließlich der Durchsetzung neuer Handelsbeziehungen.
Diese sensationelle Regelung stellte die Nahrungsbeschaffung auf eine vollkommen neue Stufe der menschlichen Entwicklung. Es ging um „Fleisch gegen Grütze“. Und da die Tätigkeiten von Männern und Frauen im Lauf der Menschwerdung sich mehr und mehr differenzierten, war es ebenfalls ein gewaltiger Fortschritt, jeweils bestimmte Männer und bestimmte Frauen einander für die Nahrungsbeschaffung zu verpflichten. Sie bekamen es zum ersten Mal wirklich miteinander zu tun. Vorher war Sex weitgehend unreguliert wie im Tierreich und vermutlich nicht der Überlegung wert. Und es ist anzunehmen, dass unsere Vorzeitmenschen nicht monogam lebten. Allerdings ist vorstellbar, dass die gegenseitige Verpflichtung auch zu Vorlieben beim Sex mit bestimmten Personen führen konnten und neue Gefühle schufen, die sich auf bestimmte Individuen bezogen, so dass der späteren unterdrückerischen patriarchalen Familie in aller Harmlosigkeit der Boden bereitet werden konnte. Man darf nicht vergessen, dass diese Neurungen wirklich zum ersten Mal stattfanden und es lange dauerte, bevor sich die Neuerungen automatisieren konnten. Sie schufen völlig neue Möglichkeiten, bereicherten das Leben, machten es aber auch komplizierter.

Wie grundlegend dieses gegenseitige neue Geben und Nehmen war, kann auch noch heute nachvollzogen werden und hat in früheren und heutigen bäuerlichen Gegenden feste Regeln entwickelt: Es gibt kein Fest auf der Welt, bei dem nicht alle etwas mitbringen und es gegenseitig darbieten. Es ist wie eine immer neue ritualisierte Versicherung, sich nicht im Stich zu lassen. Theoretisch wären Zusammenkünfte auch ohne diese Gaben möglich. Dass diese Sitten immer noch praktiziert werden, zeugt von diesen für die Menschheit einschneidenden Erlebnissen.

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Seit den ersten Tauschbeziehungen lassen sich durch gefundene und zeitlich bestimmbare Werkzeuge und z.T. durch pflanzliche und tierische Hinterlassenschaften bestimmte Entwicklungslinien feststellen, die durch unterschiedliche Tätigkeiten der Geschlechter hervorgerufen wurden und jeweils die weiteren Handlungen und deren Folgen prägten.
Ich habe im Buch ausführlich beschrieben, warum die frühen Menschenfrauen eine Vorliebe für feste Orte entwickelten, während Männer eher die Tendenz hatten, Tieren zu folgen: Vögeln, Fischen, Kleingetier. Das Großwild dürfte zu den Ausnahmen gehört haben. Die Ortsgebundenheit ließ sich nicht immer durchsetzen, aber setzte der Wanderlust auch immer wieder Grenzen. Durch Beobachtung lernten Frauen diese Orte jedenfalls gründlicher kennen und machten sie durch ihre Kenntnisse im Lauf der Jahrhunderttausende für sich nutzbar. Sie erkannten z.B., dass aus Kernen oder Samen neue Pflanzen entstanden und systematisierten diese Kenntnisse. Es sind immer Abweichungen von diesem Schema denkbar, die auf konkrete spezielle Probleme zurück zu führen sind.
Mir geht es darum, eine Entwicklung zu beschreiben, die unglaubliche Fähigkeiten hervorbrachte, andererseits aber auch wie eine Falle wirkte, die, einmal zugeschnappt, die Richtung diktierte, die die Menschheit insgesamt nehmen musste.
Allerdings differenzierten sich die Tätigkeiten nur sehr allmählich. Wie ausgeprägt das war, lag an den örtlichen Gegebenheiten. Es ist immer auch denkbar, dass in bestimmten Gegenden alle dasselbe machten, und erst später, als es schon weiter entwickelte Gesellschaften gab, diese ihre Sitten den anderen aufdrücken konnten. Die Weiterentwicklung bestand jedenfalls grundsätzlich in der zunehmenden Trennung von Frauen und Männerarbeiten, verbunden mit einer Statusverschiebung für Frauen, was sich einige Jahrtausende lang hinzog bis die untergeordnete Stellung der Frau nahezu weltweit die Regel wurde und heute von der Geschichtsschreibung und Philosophie nahezu einstimmig mit dem Anfang der Zivilisation gleichgesetzt wird und die Grundlage aller spät erfundenen monotheistischen Religionen bildet. Erst in den letzten Jahrzehnten haben sich Frauen in den westlichen Ländern frühere Männerberufe wieder angeeignet.
Zurück zum Tausch und der allmählichen Einbeziehung der Sexualität in soziale Regeln in den Jahrtausenden des Neolithikums.
Im Neolithikum hatten die Menschen schon ein höchst kompliziertes Gemeinwesen entwickelt. Es gab stabile gegenseitige Verpflichtungen. Die Kenntnisse über das Gegenüber hatten sich entwickelt, Gefühle von Zu-oder Abneigung waren entstanden, Im Neolithikum konnten die Menschen sprechen und bald auch die Schrift erfinden. Es ist denkbar, dass jetzt auch festere sexuelle Verhältnisse entstehen konnten, zuerst sicher noch wie im Tierreich ohne damit verbundene moralische Überlegungen oder mit Ausschließlichkeitsansprüchen.
Bisher bestand die Familie aus der Mutter und ihren Kindern. Sie allein waren verwandt und empfanden sich auch so. Es war natürlich, dass der Schwesternbruder als nächster Verwandter galt. Es ist nicht zu belegen, aber es spricht vieles dafür, dass diese Verwandtschaft der Grund dafür war, dass der Mutterbruder in vielen Gesellschaften der männliche Beschützer der Kinder der Schwester wurde.
Reste davon sind hier und da noch überliefert: Bei Indianerstämmen spielte das noch eine Rolle, im Finnischen ist „Eno“ die Bezeichnung für den Mutterbruder und „Setä“ für den Bruder des Vaters. Beide Begriffe bedeuten aber nicht dasselbe wie bei uns der einheitliche „Onkel“.
Im vordynastischen Ägypten brauchte der Pharao die Zustimmung seiner Schwester. (Doris Wolf: „5000 Jahre Patriarchat sind genug“).
In wieder anderen Varianten hat der älteste Bruder auch heute noch in muslimischen Familien eine herausragende Rolle – wenn auch eine fatale als Kontrolleur der Schwester. Daran kann man erkennen, wie sich Bedeutungen umdrehen und vormals vernünftige Regeln ins Gegenteil verkehrt werden, wenn das ursprüngliche Wissen verloren gegangen oder unterdrückt worden ist.
Unsere heutigen Gesellschaften schleppen diese Bedeutungswandel aus vorgeschichtlichen Zeiten immer weiter unbearbeitet mit sich herum.

Man kann sich auch bei den werdenden Menschen vorstellen, dass Sex lange so gehandhabt wurde wie bei den Schimpansen oder Bonobos, dass es also sowohl dominante Männchen gab, die ein sexuelles Vorrecht genossen oder aber auch wie bei den Bonobos, bei denen Sex dem allgemeinen Wohlbefinden dient und zwischen allen Altersgruppen und Geschlechtern praktiziert wird. Die Regelschwellung, die es bei Schimpansen und Bonobos gibt, haben Menschenfrauen nicht oder sie ist im Lauf der Millionen Jahre verloren gegangen. Sie könnte auch verschwunden sein, als die Sexualität in die feste soziale Ordnung eingebunden wurde und unabhängig von den Zeichen der Empfängnisbereitschaft wurde. Das wäre ein interessanter Forschungsgegenstand.

Während der Menschwerdung bis zum Tauschhandel waren die Mütter allein für die Kinder verantwortlich. Sie schützten sie auch teilweise vor den Vätern. Der Begriff VATER macht überhaupt erst Sinn, als die Rolle des Vaters bei der Zeugung bekannt wurde, was man für das Neolithikum annehmen kann, also etwa je nach Örtlichkeit vor ca. 12.000 Jahren und war mehr oder weniger vor 5.000 Jahren abgeschlossen.
In den Anfängen von Viehzucht und Landwirtschaft bildeten sich noch heute geltende Arbeitsteilungen heraus. Wie schon beschrieben, war die Viehzucht mehrheitlich in Männerhand und brauchte arbeitsteilige Mithelfer, was in erster Linie nun Söhne waren. Erst zu dem Zeitpunkt machte es auch Sinn, auf eigenen Kindern zu bestehen, den Verwandtschaftsbegriff zu erweitern und war ein Grund, die Sexualität der Frauen zu regulieren. Erst sehr viel später wurden auch untergeordnete Männer dem Sex-Verbot unterworfen oder von bestimmten Bedingungen abhängig gemacht, wie dem Nachweis, auch eine Familie ernähren zu können. Wie in einem Brennglas ist diese ganze Entwicklung kondensiert im Nahen Osten. Über Kleinasien und den fruchtbaren Halbmond zogen die Menschen von Afrika in den Norden, ließen sich nieder, zerteilten sich in unzählige Stämme, die in friedlichen Zeiten zu unglaublichen kulturellen Leistungen fähig waren oder sich bis aufs Blut bekämpften – auch dies bis heute. Sie erfanden die verschiedensten Götter und Sitten, ausgehend von der Verehrung der Natur, vorgestellt als weibliche Kraft und sich zersplitternd in eine Vielzahl von Gesellschaften, die jeweils ihre eigenen Götter und Formen des Zusammenlebens entwickelten, bis sie von stärkeren Gruppen überwältigt und in neue Systeme gezwungen wurden.
Die Kämpfe um Definitionsmacht sind nachzuvollziehen an der Entwicklung der Religionen, von den Urmütttern hin zu einem einzigen Gott – parallel zur Männerherrschaft.
Das sexuelle Begehren kann sich im Lauf des Lebens ändern
(und tut es auch meistens). Vor dem Neolithikum hatten Männer wie Frauen ein abwechslungsreiches Geschlechtsleben. Nun änderte sich das und schuf in den meisten Ländern ähnliche Gesetze für die Frauen, nämlich das absolute Gebot der Keuschheit in der Ehe, die nun bis auf Ausnahmen auch die Sexualität der Frauen an einen bestimmten Mann band. Hier entstanden viele Sitten, die noch lange Zeit in den unterschiedlichen Völkern gewisse Spielräume erlaubten. Nekla Kelek beschreibt das sehr gründlich für die vorislamische Zeit, in der in den Stammesgesellschaften Frauen durchaus verschiedene Männer haben konnten und noch lange eine relative Selbständigkeit genossen („Die unheilige Familie“, Droemer, 2019).

Das ging zwar nicht für die Frauen aber für das Ordnungsprinzip der Gesellschaften so lange gut, wie die Frauen ihre Unselbstständigkeit und Rechtlosigkeit, zu der sie erzogen wurden, ertrugen. Im Grunde hat es sich bis vor Kurzem als Prinzip bewährt und zeigt erst heute ganz neue Seiten. Es macht heute klar, dass dieses System der patriarchalen Kleinfamilie nur solange funktioniert, wie die Frauen es mitmachen. Es wird dem Schein nach aufrechterhalten, weil auch tatsächlich heute niemand weiß, was an die Stelle gesetzt werden könnte. Tatsächlich gibt es ja immer wieder auch funktionierende Familien, in denen das Zusammenleben auf Zuneigung und Respekt beruht. Allerdings sind das quantitativ gesehen, die Ausnahmen.

War früher Scheidung keine Alternative, weil verboten, ist das heute ein zumindest vorübergehend gangbarer Weg. Statt multipler Verhältnisse gibt es nun häufig mehrere monogame nacheinander, auch für Frauen. Was ebenfalls neu ist, bzw. neu aufgelegt: dass Frauen auch ein Begehren zugestanden wird, was sich in den zunehmenden Scheidungsraten wegen Untreue der Frauen zeigt.
Die Patchworkfamilie ist ein von Betroffenen gewachsenes Modell, das viele Probleme erleichtert, aber noch kaum staatliche Förderung genießt. Das Gleiche gilt für Wohngemeinschaften. Die Prostitution ist eine Erfindung der Männer in schon arbeitsteiligen Gesellschaften und gehört fest verknüpft zur Ehe, auch wenn das offiziell nicht zugegeben wird, sondern im Gegenteil Hochzeiten und Hochzeitskleider für die Braut einen unglaublichen Boom erleben und ganze Branchen und Sender ernährt.
Das Familienbild war lange gekennzeichnet durch die Libertinage von Männern und den Treuezwang für Frauen. In der BRD sollen täglich eine Million Männer zu Prostituierten gehen. Die Zahl der Ehemänner dazu möge man sich ausrechnen.
Im Prinzip wird gegenseitige Treue vorausgesetzt aber kaum praktiziert. Dazu kommen noch weitere, früher unbekannte Probleme: In der Arbeitswelt wird Flexibilität verlangt, während Kinder Stabilität brauchen und feste lokale Bindungen. Das kann sich heute nur noch in wenigen Berufen durchsetzen und löst alte Familienbeziehungen auf, weil auch die Großeltern zumeist noch lange unter ähnlichen Bedingungen arbeiten. Dass Väter sich um die Kinder wie Mütter kümmern ist ein ziemlich neues Verhalten und nach wie vor nicht üblich. 90 % der Alleinerziehenden sind Frauen.
Elternurlaub, Vätermonate usw. spielen noch eine relativ geringe Rolle und sind z.T. Moden unterworfen. Aber doch bereichernd für die, die sich freiwillig dem aussetzen.

So hat die patriarchale Familie zwar die Frauen einige tausend Jahre systematisch unterdrückt und rechtlos gehalten, aber die Gesellschaft auch zusammengehalten. Die Verfügbarkeit der westlich erzogenen Frauen ist weggefallen, aber die andere brutale Seite wird deutlicher als je zuvor in den im Wesen lebenden muslimischen Gemeinschaften, in denen tausende Frauen wie in den Anfangszeiten der Unterdrückung
rechtlos gehalten werden und das Grundgesetz sie nicht schützt, weil sowohl Parteien wie die Linke oder die Grünen und die christlichen Kirchen dies unter Respektierung der Andersartigkeit der Lebensverhältnisse verbuchen und sich gemein machen mit Personen, die Verbrechen an Frauen begehen.
Was fehlt, ist eine schonungslose Analyse der bestehenden Verhältnisse.

Helke Sander © Oktober 2019
Abdruck nur mit Genehmigung der Autorin.

 

 

 

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Vorbemerkung:

In meinem Buch von 2017:

Die Entstehung der
Geschlechterhierarchie
als unbeabsichtigte Nebenwirkung
sozialer Folgen der Gebärfähigkeit und des Fellverlusts

Ein Essay von Helke Sander
Verlag Zukunft & Gesellschaft
ISBN 978-3-00-055652-4, 26,90 €
E-Book ISBN 987-3-00-055689-0, 11,99 €

Geschlechterhierarchie

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habe ich detailliert beschrieben, wann und warum die Tätigkeiten zwischen den Geschlechtern sich zu differenzieren begannen und vor ca. 800.000 Jahren das einsetzte, was normalerweise mit dem Begriff „Arbeitsteilung“ umschrieben, aber zeitlich bisher in der Vorgeschichtsforschung nie belegt wurde. Ich benutze den Ausdruck Tausch, der treffender ist, weil nicht die Arbeit geteilt wurde, die es in unserem Sinn noch gar nicht gab, sondern die Produkte, die eine allmählich einsetzende Spezialisierung in den Tätigkeiten von Frauen und Männern hervorgebracht hatten.
Es ist nützlich, das Buch begleitend zu lesen. Der folgende Text über eine Erweiterung des Kapitels über die Viehzucht bezieht sich immer wieder auf das Buch und die darin enthaltene Literaturliste.

Mit dem Begriff Tausch (statt Arbeitsteilung) begannen die sozialen Beziehungen zwischen Frauen und Männern und ersetzten allmählich die bis dahin herrschenden instinktiven Beziehungen. Die Zeiträume, in denen sich der allmähliche Übergang verfestigte, sind zunächst in Jahrhunderttausenden zu bemessen und verkürzen sich im Verlauf der Entwicklung. Heute spielen sich wesentliche und umwälzende Erfindungen in Nanosekunden ab wie z.B. die digitale Gesichtserkennung mit noch unbekannten Folgen, die weitere noch unbekannte soziale Veränderungen hervorrufen werden.
Ich habe durch meine Arbeit diesen Einschnitt in der Menschheitsgeschichte – den Beginn des Tauschs – zeitlich markieren können, indem ich der Entwicklung der Produktionsmittel gefolgt bin. Damit ist zum ersten Mal eine Geschichtsschreibung von Urzeiten an aus der Perspektive der Frauen möglich und benennt die Probleme, die sich ihnen im Lauf der Zeit stellten. Die immer noch benutzten Theorien über „natürliche“ Arbeitsteilung oder andere verschwommene Begriffe werden vom Kopf auf die Füße gestellt und erlauben es, den Beginn der Frauenunterdrückung ebenfalls zeitlich zu markieren und die Gründe zu verstehen, warum der erste Gau der Menschheitsgeschichte gleichzeitig auch eine Zeit ungeheuren Fortschritts war.

Mit diesem Thema habe ich mich seit 1968 immer wieder kontinuierlich beschäftigt, da ich die Ursachen für die weltweite spätere Frauenunterdrückung herausfinden wollte. Ich musste dafür immer tiefer in die Vorgeschichte tauchen. Statt „Arbeitsteilung“ also habe ich herausgefunden, dass es der Tausch war, der die sozialen Beziehungen zwischen Frauen und Männern begründete. Das ist etwas vollkommen anderes. Es definiert die Geschlechter als gleichberechtigte Handelspartner und hat noch nichts mit Sex zu tun, der lange Zeit frei von sozialen Regeln ausgeübt wurde.
Der zweite Umschlag in der Geschlechterbeziehung geschah in den Jahrtausenden des Neolithikums. Diese Zeit markiert einerseits einen Schub in die Moderne, weit weg von den ursprünglich noch tierischen Lebensformen und bildet gleichzeitig den Ausgangspunkt für die daraus entstehenden hierarchischen Beziehungen zwischen Tieren und Menschen und Menschen und Menschen, deren erste Opfer Tiere und bald Frauen waren – sicher durchaus mit deren Zustimmung, weil die Kehrseiten des Fortschritts, nämlich die Aufgabe von immer mehr Autonomie, noch nicht erkannt werden konnten. Im nachfolgenden Text begründe ich diesen durch Viehzucht und Landwirtschaft verursachten Einschnitt, der nun tatsächlich durch Arbeitsteilung hervorgerufen wird, weil erst jetzt Arbeit entstand.

Helke Sander © August, 2019

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Viehzucht als Zeitenwende
Beginn von Arbeit, Unterdrückung und Ausbeutung
Der erste Gau

Der alte Begriff Arbeitsteilung ist untrennbar mit falschen Bedeutungen belastet. Er assoziiert fast automatisch auch ein Geschlechterverhältnis, das die Frauen ins Haus und zu den Kindern und die Männer ins Leben hinaustreibt, wo sie zu den Herren der Schöpfung avancieren und die Geschicke und Geschichte bestimmen. Das stimmt auch für die letzten paar tausend Jahre, aber nicht für die Millionen Jahre der Menschwerdung davor. Um es noch einmal zu sagen: Der Begriff Tausch ist mit Handel zwischen gleichberechtigten Partnern verbunden, die sich gegenseitig etwas zu bieten haben und gelernt haben, ihre Interessen auszugleichen. Dies genau ist geschehen und begründete die menschliche Kultur.
Mit dieser Erfindung verabschiedeten sich die werdenden Menschen vom Tierreich.
Wie im Buch beschrieben, kann ich einigermaßen genau – immer in Jahrtausenden gerechnet – die Zeit festlegen, wann und warum die zunächst selbstverständliche Gleichwertigkeit zwischen den Geschlechtern ein Ende fand. Sie beruhte darauf, dass jede und jeder über lange Zeiträume die eigene Nahrung suchen. Es gab keinen Anlass zur Hierarchisierung, es wurde noch nichts geteilt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es ziemlich schwer ist und eine Weile braucht, sich diese langen Zeiträume überhaupt vorstellen zu können, in denen die beginnende Menschheit zuerst langsam und dann immer schneller erstaunliche Fähigkeiten entwickelte, allerdings gleichzeitig immer auch ein Stückchen ihrer vorher bestehenden Autonomie auf der Strecke ließ. Am Anschaulichsten ist es, sich dabei vorzustellen, wie viele Jahrhunderttausende notwendig waren, bevor unsere Vormütter, die als Äffinnen starteten, die Tatsache ihrer Menstruation als zeitliche Wiederkehr begriffen und sie außerdem noch mit Himmelserscheinungen zu synchronisieren lernten. Das Staunen über diese Tatsachen hatte wiederum weitere Vorstellungen zur Folge und machte es sehr viele Jahrtausende später, zwischen ca. 40.000 und 15.000 v.d.Z. – möglich, über Kontinente verstreut tausende weiblicher Figuren zu schnitzen, die die Gebärfähigkeit der Frauen thematisierten, die wiederum viele Entwicklungen später zu Vorstellungen von Fruchtbarkeitsgöttinnen führten.
Wiederholungen im Text sind absichtlich, um das Neue im Verhalten der neuen Menschen gewissermaßen einzuhämmern.
(Anm.1)

In der bisherigen Geschichtsschreibung spielt diese Unterscheidung zwischen Arbeitsteilung und Tausch praktisch keine Rolle. Tausch kommt gar nicht vor als DAS Element, das soziale Beziehungen begründete. Die Vorgeschichtsforschung interessiert sich auch nicht für die Gründe dafür, dass sich die Tätigkeiten von Männern und Frauen im Lauf der Jahrhunderttausende zu differenzieren und spezialisieren begannen, obwohl alle noch selber für ihre Versorgung verantwortlich waren. Es geistert immer noch der Begriff der sogenannten natürlichen Arbeitsteilung durch die Forschung, an der gar nichts natürlich ist und bis heute das Verständnis der Urgeschichte verstellt und falsche Vorstellungen über das Leben von Frauen und Männern verbreitet. Sich mit speziellen Produkten gegenseitig unterstützen zu können, verlangte zunächst eine ausreichende Versorgung mit diesen Produkten. Die einen gewannen etwas, was die anderen nicht hatten, weil Frauen und Männer im Lauf der Zeit jeweils besondere Fähigkeiten bei der Nahrungssuche entwickelten. Ich habe die zunehmenden Unterschiede im Versorgungsverhalten anhand der Tätigkeiten um das natürlich entstandene Feuer begründet. Der beginnende Tausch setzte eine ungeheure Menge an neuen Fähigkeiten und Erkenntnissen in Gang. Dies alles geschah zum ersten Mal. Es war der Beginn eines vom Sozialen und nicht mehr allein vom Instinkt bestimmten Lebens. Diese Epoche ist vergleichbar mit den Umwälzungen durch die Digitalisierung heute.
Die Jahrhunderttausende nach diesen ersten Versuchen von Tausch durch „Trial and Error“ gehören zu den großen Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Erst jetzt wird es möglich, eine Geschichte der Frauen neben der bisher vorherrschenden Geschichte der Männer zu beschreiben. Die Erfindung des Tauschs ist der Ansatzpunkt, die weitere Entwicklung zu verstehen und konkrete Hinweise dafür zu finden, wie durch den Fortschritt gleichzeitig die Weichen gestellt werden, die viel später zu Hierarchien und Unterdrückung führen.
Davon ausgehend, dass jeder Mensch sich seine Nahrung selber suchen musste (bis auf die Mütter, die ihre Säuglinge und Kleinkinder versorgten) bedeutete die Erfindung von Tausch eine erste Einführung von Regeln, die der Verstand diktierte. Zum ersten Mal versuchten Menschen, einem anderen etwas zu geben, um dafür etwas zu bekommen und dies zur Grundlage für das weitere Zusammenleben zu machen.
Wieviel Misstrauen musste überwunden, wieviel Vertrauen aufgebaut werden! Es musste allmählich sogar erkannt werden, dass dieser Tausch nicht unbedingt synchron, sondern zeitlich versetzt sein konnte. Es bedeutete auch die Erkenntnis, dass Frauen und Männer unterschiedliche Körpererfahrungen zum ersten Mal in soziale Verhaltensweisen umsetzten und sie für beide profitabel machen konnten.
(Die vereinzelt beschriebenen Beobachtungen, Essen an andere Gruppenmitglieder abzugeben, die bei verschiedenen Affenarten vor allem in zoologischen Gärten hin und wieder vorkommen, sind einem plötzlichen Überfluss geschuldet und verpflichten zu nichts). Die sicher häufig misslungenen Versuche, Tausch zu praktizieren und daraus durchsetzbare Regeln zu etablieren, brauchten wiederum Jahrhunderttausende, um sich zu automatisieren und das zu bilden, was wir soziale Gemeinschaften nennen können.

Da es noch keine Hierarchien gab (die sogenannte Dominanz der Männchen hatte enge Grenzen und Sex war noch nicht Teil der sozialen Regeln), ist es begreiflich, dass heutigen Forschern immer wieder auffällt, dass isoliert lebende Stammesgesellschaften zumindest in Teilen immer noch ziemlich gleichberechtigt leben. Es gibt meines Wissens nur ein Symbol, das diese Gleichwertigkeit ausdrückt: Yin und Yang. Allerdings wurden den Frauen dennoch die Füße eingeschnürt.

Den Begriff Arbeit kann man überhaupt erst mit dem sich ebenfalls lange hinziehenden Beginn der Viehzucht verwenden.
Arbeit war nicht plötzlich da. Es entwickelte sich erst langsam ein Grund für Vorratswirtschaft.
Das Gleichgewicht zwischen Jägern und Gejagten kam an ein Ende. Die sich sprunghaft entwickelnde Intelligenz bei den Menschen und immer neue entsprechende Werkzeuge machten neue Formen der Versorgung und größere Gemeinschaften möglich und notwendig.
Wie man erkennen kann, zog die Domestizierung von Tieren unbeabsichtigt auch die Domestizierung der Frauen nach sich und beendete die bis dahin vorherrschende Gleichberechtigung zwischen Menschen, – Frauen und Männern – und zwischen Menschen und Tieren.
Diese Epoche wurde zum Ausgangspunkt sowohl großartiger Erfindungen, gesellschaftlicher Differenzierungen, kriegerischer Auseinandersetzungen, Hierarchisierungen und zum Beginn von Unterdrückung. Diese damals in Gang gesetzten Mechanismen beschleunigten sich unaufhaltsam, wurden unumkehrbar und äußerten sich in jedem Land je nach Entwicklungsstand und geographischer Lage verschieden und umfassen einige Jahrtausende des Neolithikums, in denen Gesellschaften schon sehr unterschiedlicher Entwicklungsstufen lebten. Heute kann mit Fug und Recht gesagt werden, dass der Verstand, der uns zu Menschen machte, uns eines (vermutlich nicht fernen) Tages umbringen wird.

Um diesen Prozess zu verstehen, der vor allem für Frauen fundamental neue Bedingungen schuf, werde ich noch ein paar weitere Aspekte als im oben genannten Buch den Anfängen der Viehzucht und Landwirtschaft hinzufügen.

(Was die Letztere betrifft, wird sie normalerweise im Zusammenhang mit der Viehzucht abgehandelt. Ob das allgemein so richtig ist, bleibt noch zu untersuchen.
Im Mai oder Juni 2019 wurde in einer Terra X-Sendung über Göbekli Tepe und Catal Hüyük als große Neuigkeit verkündet, dass man in den gefundenen Gefäßen Rückstände von Bier gefunden habe, was vollkommen neue Lichter auf die Entstehung der Landwirtschaft werfe. Nun hat schon der Forscher Josef H. Reichholf in seinem Buch von 2008 „Warum die Menschen sesshaft wurden“ auf diese Produktion sehr viel früher auch in asiatischen Gebieten hingewiesen.)

Der Beginn der Viehzucht markiert zu einem relativ späten Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte den Beginn von Arbeit und Hierarchisierung. Noch einmal zur Erinnerung:
Mit der Nutzung des natürlich entstandenen Feuers in der Zeit vor ca. 800.000 Jahren etablierten sich allmählich die ersten sozialen Verhältnisse unter den werdenden Menschengruppen.
Wie ich schon ausführlich beschrieben habe, sorgten über Jahrmillionen die werdenden Menschen für sich selber. Es gab keine Arbeit, sondern ein noch tierähnliches Leben, das sich mit der Erfindung des Tauschs vollkommen neu erfand und das Menschsein begründete. Von da an beschleunigte sich die Entwicklung in rasanter Weise, wurde schneller und schneller und schuf bald sehr unterschiedliche sozial agierende Gesellschaften, je nach ihren geographischen Bedingungen.
Aber alle diese in verschiedensten Gebieten lebenden Gemeinschaften hatten vor Beginn des Neolithikums eines gemeinsam:
Sie benutzten ihre Sinne und wunderten sich über die Fähigkeiten der Frauen, Kinder zu gebären, zu menstruieren und dies noch irgendwie mit Himmelserscheinungen zu verknüpfen. Kein Wunder, dass Frauen noch ohne irgendeine Art von Konkurrenzneid wahrgenommen werden konnten. In ganz Europa und Kleinasien und vermutlich noch vielen anderen Gegenden findet man deshalb auch immer wieder Tausende dieser sogenannten Venusfiguren aus der Vorzeit.
Die Groß-Produktion der Statuetten findet zwischen ca. 40.000 und 15.000 Jahren statt und hört mit dem einsetzenden Neolithikum allmählich auf.
Es gibt praktisch kein Volk, das seine Herkunft nicht auf eine Urmutter zurückführt. Aber im Neolithikum beginnen die Umwälzungen auf Produktionsebene, es gibt die ersten Geschlechterkämpfe um Positionen, auch an nun vielen männlichen und phallischen Bildern und Statuetten ablesbar und der erstmals auftretenden und bald zunehmenden Zahl und Bedeutung neuer männlicher Gottheiten, die Funktionen übernehmen, die vorher Frauen zugeschrieben wurden.
Die übliche Geschichtsschreibung geht auf diese Umwälzung im Geschlechterverhältnis nicht in adäquater Weise ein, bzw. nimmt sie meist nicht einmal zur Kenntnis ebenso wenig wie die Tatsache, dass jede neue Entwicklung auch eine Kehrseite hat, die die durch die Erfindungen neu entstandenen Probleme behandelt. Die immer wieder genannte, aber nebelhaft bleibende sogenannte Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen wird einem „natürlichen“ Ursprung zugeordnet, nicht weiter erklärt und zeitlich nicht markiert. Meist läuft es in der Geschichtsschreibung noch immer darauf hinaus, dass von Urzeiten her Männer als Jäger und Frauen als Sammlerinnen bezeichnet werden und recht bald in kleinfamiliären Verbänden lebten, was die sexuelle Partnerschaft schon voraussetzt. Diese Theorie kann nicht aufrechterhalten werden. Es war eben nicht selbstverständlich, dass diejenigen, die sich die „Arbeit“ teilten, auch Sexualpartner waren, bzw. sein mussten. So landet man geradezu automatisch bei heute bekannten Familienbegriffen und begründet damit den Status Quo für Frauen. Wie an anderer Stelle beschrieben, konnte es durchaus sein, dass die Tauschpartner auch Sex miteinander hatten. Daraus leitete sich aber für beide Geschlechter keinerlei Verpflichtung ab. Verpflichtung bestand lediglich in unterschiedlichen Gebräuchen bei der gegenseitigen Versorgung, begründet durch entstandene differenzierte Tätigkeiten. Beide Geschlechter machten entweder das gleiche oder entwickelten je nach dem was die Natur hergab, ihre jeweiligen Spezialitäten. Alle sammelten und jagten, wobei sich allmählich gewisse Prioritäten herausbildeten, die bei Frauen eng mit Schwangerschaft, Geburt, Kleinkindversorgung zu tun hatten und damit, dass sie sich deswegen lieber ortsgebunden verhielten, wenn das möglich war. Männer dagegen lernten mit ihren besser werdenden Jagdgeräten, den Tieren über weitere Strecken zu folgen, was zu zeitweiliger Abwesenheit von der Gruppe führen konnte.
Jedes Geschlecht sammelte und jagte also zunächst – meist Kleingetier, weil die Werkzeuge noch nicht spezialisiert genug waren für größere Beute und die werdenden Menschen auch erst ihr Fell verlieren mussten, um sie zum längeren Jagen zu befähigen. Daraus entwickelten sich bei Frauen allmählich deutlichere Kenntnisse über die Pflanzenwelt und bei Männern über die Tierwelt und, damit verbunden, eben auch die speziellen Produkte.
Lange gab es keinerlei Interesse daran, den Vater eines Kindes zu kennen. Die Frage tauchte gar nicht auf. Vaterschaft an sich war unbekannt. Das war ja der Grund für die Verehrung der Frauen. Nur sie konnten Kinder kriegen.
Ganz allmählich wurden also seit Beginn des Tauschhandels zwischen den Geschlechtern die Bedingungen geschaffen, dass sich jeweils besondere Fertigkeiten bei Frauen und Männern entwickeln und automatisieren konnten, von denen beide Geschlechter profitierten. Es ging soweit, dass nach wieder langen Zeiträumen bestimmte Frauen und Männer einander zugeordnet wurden, um sich gegenseitig mit den von ihnen erworbenen unterschiedlichen Produkten zu versorgen, was teilweise noch bis in die Gegenwart nachgewiesen werden konnte (In meinem Buch „Oh Lucy“ nannte ich den Tausch Fleisch gegen Grütze Ehe). Die Regelung, auch die Sexualität in diese Versorgungsgemeinschaft einzubeziehen kam erst viel später, in der Zeit, als Väter ihnen gehorchende Söhne brauchten, also mit der Viehzucht. Die immer wieder automatisch mitgedachte Überzeugung, dass Frauen immer auch selbstverständlich sexuell zur Verfügung der Männer standen, vernebelt bis heute die Erkenntnis der Zusammenhänge. Historiker gehen darauf normalerweise gar nicht ein, weil die Verfügbarkeit der Frauen von Anfang an mitgedacht und der „natürlichen“ Arbeitsteilung zugeschlagen wird. Das hat gewissermaßen mit blinden Flecken der früher fast ausnahmslos männlichen Forscher zu tun. Sie konnten oder können sich Frauen nur als ihnen gehörende Sexualpartner vorstellen, aber nicht als gleichberechtigte Handelspartner mit eigenen Interessen, die mit gegenseitigen Verpflichtungen aus dem Tausch ihr und der Kinder Leben sicherten.
Regeln mussten allmählich erfunden werden, um das Leben in diesen Gemeinschaften stabil zu machen. Die Menschen verloren mit jeder neuen Entwicklung einen Teil ihrer früheren Autonomie und gaben sie an die Gemeinschaft ab, anderseits genossen sie die neu erworbenen Erleichterungen – wenn sie Glück hatten.
Die neuen sozialen Verhältnisse gewannen Priorität gegenüber dem früheren instinkthaften Verhalten.
Um es noch deutlicher zu sagen:
Vor der Erfindung des Tauschs hatten die werdenden Menschen noch sehr viel mit ihren Vorfahren, den Primaten, gemeinsam. Die Differenzierung der Tätigkeiten der Geschlechter bedeutete die Trennung vom Tierreich und den eigentlichen unumkehrbaren Beginn der Menschheitsgeschichte.

Die folgenden Jahrhunderttausende waren geprägt von der sich gewissermaßen explosionsartig entwickelnden Verstandeskraft, der Fortentwicklung der ersten Regeln, was in ihren Ergebnissen auch die Umgebung beeinflusste und anfing, hier und da auch die Landschaften zu prägen. Wahrscheinlich ergaben sich erste Unterschiede in der Entwicklung der Gruppen, abhängig davon, ob die sie umgebenden Lebensverhältnisse ihre geistigen Entwicklungen förderten oder nicht und sie von der Begegnung mit anderen Gruppen profitieren konnten. Es bildeten sich auf dieser Entwicklungsstufe schon sehr unterschiedlich lebende Menschengruppen heraus. Die ständigen Beobachtungen von Sonne, Mond und Sternen, Vulkanen, Gewittern, Stürmen, Tierverhalten, Pflanzenwachstum, Menstruationserscheinungen usw. brachten im Lauf dieser Jahrhunderttausende die Menschen in ein Verhältnis zu den Himmelserscheinungen und legten die Anfänge der Verehrung von Naturereignissen und sich daraus ableitende Sitten.

Die traumhaft erinnerten Zeiten an diese Anfänge der Menschheit haben vermutlich mit den weltweit anzutreffenden Paradiesvorstelllungen zu tun. Eine ferne Zeit, in der die werdenden Menschen gleichberechtigt lebten, von Tieren ebenso Gejagte wie Jagende, ihren Verstand und Fertigkeiten entwickelnde Wesen, ohne Vorstellung von Hierarchien oder strafenden Göttern. Eine gottlose Zeit, geprägt von Naturverehrung.

Wir wissen nicht, wie lange es gedauert hat, bevor ein wilder Auerochse zu einem Wesen wurde, das sich vor einen Pflug spannen ließ. Die Angaben über die einzelnen Domestizierungen bezeichnen den Zeitpunkt, als das Ergebnis vorlag, nicht den Anfang hin auf Domestizierung.
Die Domestizierung des Wolfs zum Hund z.B. wurde in letzter Zeit von früher angenommenen ca. 20.000 Jahren von einigen Forschern inzwischen vorverlegt auf ca. 40.000 Jahre und manche vermuten sogar, dass dies schon vor 100.000 Jahren geschah.
Vermutlich war eine solche Domestizierung zunächst nicht absichtsvoll. Es ist zu vermuten, dass ein kleiner verwaister ungefährlicher Wolfswelpe bei Menschen aufwuchs und so ins Menschenrudel gehörte. Das muss immer wieder passiert sein, so dass sich daraus Beziehungen zwischen Menschen und Wolf/ Hund etablieren konnten. Möglicherweise konnten diese an Menschen gewöhnten Tiere auch schon Funktionen bei der Jagd übernehmen. Aber, wie Josef Reichholf in seinem Buch „Warum die Menschen sesshaft wurden“ schreibt, ist der Zusammenhang von Jagd und Nutzung des Wolfs durchaus nicht schlüssig. (Beziehungen zwischen weit gefährlicheren Tieren wie z.B. Frau und Löwe wie spätere Skulpturen relativ häufig zeigen, sind vielleicht schon Zeugnisse der Angeberei, bzw. Zeichen der neuen Auseinandersetzungen zwischen Frauen und Männern).

Aber diese Zeit zwischen 100.000 und 20.000 Jahren, wie sie für den Hund im Umlauf ist, geben einen Eindruck davon, wie lange so eine Domestizierung eines einzelnen Tieres dauern könnte, bevor es in die Verhältnisse integriert ist. Irgendwann vor ca. hunderttausend Jahren war für alle damals lebenden und überlebenden verschiedenen Menschenarten der Zeitpunkt gekommen, als das vorher sich in der Balance befindende Leben zwischen Tieren und Menschen sich verschob und die Entwicklung der Produktivkräfte es ermöglichte, dass im Kampf um Nahrung die Menschen mehr und mehr zu Siegern wurden. Von den Neandertalern wird vermutet, dass sie schon zur Dezimierung des Großwildes beigetragen haben. Sie konnten es. Was neu erfunden wird, wird angewandt. Schon damals hat der Fortschritt (der Waffen) die Kehrseite (die Ausrottung des Großwilds) nicht vorhergesehen oder gar geplant.
Irgendwann wird man begriffen haben, dass es einfacher ist, ein paar Schafe oder Ziegen einzuzäunen, als ihnen hinterher zu laufen. Möglich ist auch, dass Frauen sich dagegen wehrten, schwangere Tiere zu töten oder töten zu lassen und sie deshalb einzäunten. Möglicherweise aber war es auch gar nicht einfach, die paar Schafe oder Ziegen zu finden, um sie einzäunen und züchten zu können. Vielleicht lebten diese Tiere lange im Hochgebirge oder in anderen unzugänglichen Gebieten. Sonst wären sie vermutlich – weil harmloser – noch vor dem Auerochsen domestiziert worden. Der wird aber gewöhnlich als erster genannt, wenn es um die Domestizierung von Tieren geht, die zur Arbeit oder als Nahrung vorgesehen sind. Die in der Forschung dafür angesetzten Zeiten schwanken zwischen 11.000 und 9.000 Jahren. Noch in Afrika waren die Menschen hauptsächlich umgeben von Tieren, die sich bis heute nicht domestizieren lassen. Offenbar geschah dies erst, als homo sapiens Afrika verließ und Kleinasien erreichte, was mit einer Zeit vor ca. 100.000 Jahren angegeben wird. (Allerdings weisen neueste Untersuchungen darauf hin, dass dies auch schon 100.000 Jahre früher geschehen sein könnte. Berliner Zeitung 11.7.2019)

Im „fruchtbaren Halbmond“ müssen die Menschen aus Afrika auf paradiesische Landschaften gestoßen sein, die nicht nur eine vielfältige Tierwelt, sondern auch eine fruchtbare Pflanzenwelt hervorbrachten und es offenbar erleichterten, längere Zeit dort zu verweilen. Ein Schlaraffenland wurde besiedelt. Wahrscheinlich haben die Ankömmlinge aufgrund des Überflusses dort die vorherigen Strapazen vergessen und zur neuen, wenigstens zeitweiligen Sesshaftigkeit beigetragen, die wiederum die Entfaltung der Kultur begründete. Dies führte sicher dazu, dass neu Hinzugekommene sich auch dort niederließen. Die ankommenden Gruppen waren überschaubar und sich anfangs kaum im Wege und der Vorrat reichte vermutlich eine lange Zeit bevor die Probleme begannen.
Viehzucht und Landwirtschaft und die ersten Städte haben im „fruchtbaren Halbmond“ ihren Ursprung. Grundlos baut man nichts an oder jagt wilden Tieren hinterher. (Wie ich schon im „Beginn der Geschlechterhierarchie“ beschrieben habe, war der Grund für Fortschritt immer ein Problem, das gelöst werden musste, wie die Erfindung von Tragegestellen für Kinder durch die felllos gewordenen Frauen). Es ist anzunehmen, dass der Überfluss durch die sich vermehrenden Einheimischen wie durch Zuwanderer allmählich ausblieb und möglicher Mangel am Horizont auftauchte und Anstrengungen unternommen werden mussten, um dem abzuhelfen.
Lange teilten sich vermutlich Tiere und Menschen die Gebiete, aber je mehr Gruppen hinzukamen, desto mehr Zusammenstöße sind vorstellbar. Vermutlich werden sich die freien Tiere in unzugänglichere Gebiete zurückgezogen haben. Die Menschen lernten, sie lebendig zu fangen.
Domestizierung hieß, Zäune bauen zu können, die andere Wildtiere abhielt und die Eingezäunten vor Ausbruch sicherte. Aber je mehr Tierherden es gab, desto eher sind auch Konflikte zwischen Gruppen denkbar, sei es durch Dürre, Kampf um Wasser oder durch Seuchen. Je mehr sich die Nahrung auf verfügbares Fleisch umgestellt hatte, desto abhängiger wurden die Menschen davon und desto katastrophaler wurde ein plötzlicher Mangel, weil es keinen oder nur spärlichen Ersatz gab. Konnte man viele Jahrtausende davon ausgehen, dass es wenig Grund für feindliche Auseinandersetzungen gab, weil die Gruppen klein waren und sich vermutlich auch nicht dauernd begegneten und Kämpfe eher persönlicher Natur zwischen Individuen waren, boten die veränderten Lebensverhältnisse jetzt Anlass zu tödlichen Auseinandersetzungen aus gewichtigen Gründen für die ganze Gemeinschaft. Ich bin nicht der Meinung des Evolutionsbiologen E.O.Wilson, der den Krieg praktisch schon in den Genen der werdenden Menschen angelegt sieht. (Anm.2)

Die Jahrhunderttausende vor dem Neolithikum hatten dazu beigetragen, dass Männer zuständig für größere Tiere wurden.
Sie waren nun ebenfalls hauptsächlich zuständig für die Herden und bekamen dadurch ein größeres soziales Gewicht. Um die Herden zusammen zu halten, wurden Hierarchien unter Männern gebildet. Es entstanden Unterschiede zwischen denen, die etwas zu sagen hatten und denen, die gehorchen mussten. Kurz, Arbeit und unterschiedliche Zuständigkeiten werden erfunden.
Irgendwann wird man auch festgestellt haben, dass sich die Tiere vermehrten, wenn ein Bock in der Nähe war und dies nicht taten, wenn er fehlte. Das blieb nicht ohne Folgen für das Ansehen der Frauen. Oder anders, die Männer sahen sich aufgewertet. Jahrtausende lang waren Fruchtbarkeitskulte, Skulpturen, Vulvabilder in Höhlen mit Frauen verbunden. Das änderte sich allmählich und Phalli wurden darstellenswert. In der beschriebenen Zeit, in den Jahrtausenden des Neolithikums, wurden nicht nur Naturerscheinungen als Göttergestalten symbolisch dargestellt, sondern weltweit waren es zunächst Göttinnen, die verehrt wurden, weil sie Leben schufen. Im Lauf der letzten ca.10.000 Jahre wurden sie allmählich durch männliche Götter ergänzt und schließlich von dem EINEN männlichen Gott abgelöst. Das ging nicht ohne Kämpfe ab und hierließ Spuren bis in historische Zeiten. Die Unterfamilien der Muttergöttin zeugen davon und der allmähliche Aufstieg der männlichen Götter, die Funktionen der ehemals weiblichen Gottheiten übernahmen. (Allerdings konnte bis heute auch Maria nicht verdrängt werden, obwohl sie in der Theologie keine Rolle spielt). Selbst die Geschichten über Amazonenheere oder als Gegenentwurf, der Frauenraub, zeugen noch von diesen tatsächlichen irdischen Auseinandersetzungen um Vorherrschaft, die sich einige Jahrtausende hinzogen und in den jeweiligen Gebieten spezifische Formen annahmen.
Es gibt verschiedene Thesen, die belegen wollen, dass die Zeiten des Matriarchats friedliche Zeiten waren, was meist damit begründet wird, dass Frauen als Mütter friedfertiger sind. Teilweise ist das sicher richtig, weil Frauen immer versuchen werden, ihre Kinder zu schützen und sich eher auf Kompromisse einlassen. Aber diese Friedfertigkeit hat ihre Ursachen nicht im Charakter der Frauen, sondern in der Lebensweise vor dem Neolithikum, in der dünnen Besiedlung und der praktisch unbekannten Konkurrenz. Es gab kaum Begegnungen mit anderen Gruppen und die erweckten wahrscheinlich eher Neugier als Abwehr und dadurch entstehende Konflikte. Erst die Viehzucht mit den daraus entstehenden Problemen und der wachsenden Bevölkerungszahl machte den Krieg bis heute zu einem Mittel, um die jeweils eigene Gruppe zu schützen. Daraus erwuchsen langfristig vielfältigste neue Strategien, die sich durch die neuen Produktionsverhältnisse ergeben hatten. Aber gleichzeitig verschwanden nicht die Strukturen, die über Jahrtausende herausgebildet worden waren und den hervorragenden Status der Frauen begründeten. Daher begleiteten über lange Zeit Mischformen von Frauenverehrung und Frauenverachtung die verschiedenen, den neuen Standard prägende Gesellschaften. Das Patriarchat brauchte einige Jahrtausende, um sich durchzusetzen. So gab es in der vordynastischen ägyptischen Zeit – eine Zeit, in der es schon komplizierte gesellschaftliche Strukturen gab – Königinnen und nicht Könige und – nach Doris Wolf : 5000 Jahre Patriarchat sind genug, 2019) – mussten spätere männliche Pharaonen durch ihre Schwestern legitimiert werden. Es gab auch noch in historischen Zeiten in Ägypten Heiratsverträge und Verwaltungsakte, die die Rechte der Frauen sicherstellten oder begünstigten –Regelungen, die auch heute noch nicht wieder erreicht sind.
Es ist wahrscheinlich, dass auch lange nach Ausprägung der unterschiedlichen Tätigkeiten von Männern und Frauen immer noch beide Geschlechter alles konnten und zur Not auch noch autonom überleben konnten. Die Fixierung von Frauen auf bestimmte Tätigkeiten und deren allmähliche rigorose Durchsetzung trug sicher zu den anarchischen Verhältnissen bei, die die vielen Entwicklungsschübe gerade in Kleinasien mit sich brachten.
Es gab gleichzeitig noch alles nebeneinander: verehrte Frauen und Männer, unterdrückte und versklavte Frauen und Männer, neue Hierarchien und alte Gleichberechtigung in ständiger Wandlung und Festlegung über mehrere Jahrtausende.
Die allmähliche Festlegung, dass Frauen nur für neu definierte Frauenarbeiten zuständig waren, wie z.B. in Athen, hielt sich dann weitgehend bis heute und führte z.B. in den siebziger Jahren des letzten Jh. in Köln zu einer Frauendemonstration, die dafür eintrat, dass eine bei der Lufthansa ausgebildete Pilotin auch dort angestellt wurde.

Jedenfalls muss man sich diese wahrscheinlich bescheidenen Anfänge der Viehzucht und was alles dazugehörte, als ein ständiges Learning by Doing bei zunehmend sich verfestigenden Strukturen der einzelnen Gemeinschaften vorstellen. Sie dürften jeweils ein paar hundert oder wenige tausend Menschen umfasst haben, die notgedrungen immer wieder in vielfältige Konflikte verwickelt waren. Das zeigt sich besonders in Kleinasien, wo die unterschiedlichsten Völkerschaften hin und herzogen und immer wieder Gebiete von anderen beanspruchten – bis heute.
Die Erfindungen und der Fortschritt machten die Tiere allmählich zu den ersten Untertanen der Menschen. Es dauerte sicher lange, bevor sich daraus auch ein Überlegenheitsgefühl bei den Haltern entwickelte, aber es war gewissermaßen unausweichlich. Noch zu biblischen Zeiten – ca. eineinhalb Jahrtausende v.d.Z. – war das ein nicht selbstverständliches Gefühl. Der schon männlich definierte EINE Gott musste darauf hinweisen mit dem vorher undenkbaren Gedanken: „Macht Euch die Erde untertan“.
Als dieser Gedanke Fuß fasste, war aber schon mehr geschehen. Aus der Bibel geht hervor, dass zu der Zeit, als sie verfasst wurde, Frauen ebenfalls schon domestiziert waren. Man denke hier nur an die Geschichten von Sarah, die ihre Magd zu Abraham schickte, damit sie einen Sohn gebäre.
Das alles wiederholt sich mit Rebecca und Rahel, die jeweils für ihre Männer ausgewählt werden und ebenfalls Mägde oder Nebenfrauen zu den Männern schicken, wenn sie selbst keine Söhne gebären können. (Der Lebenszweck der Frauen besteht im Alten Testament schon darin, Söhne zu gebären).
Noch erstaunlicher ist die Geschichte, die Jesaija – Lebenszeit um 700 v.d.Zt. über den Abfall vom (jüdischen) Glauben eines Israel genannten Volkes berichtet. Wenn dieser Bericht auch schon Teil der Geschichte und nicht nur der Vorgeschichte ist, wird deutlich, wie viele Stämme und Kämpfe um das Land seit Urzeiten in Kleinasien toben.
(Anm.3 Mit Genehmigung des Autors Dr. Salomon Klacko über seine Arbeit zu Jesaia habe ich einen Auszug zitiert, in dem es darum geht, wie ein Stamm namens Israel jede heiratsfähige Frau zur Tempelprostitution verpflichtet).

Wie konnte es dazu kommen?
Wann war der Zeitpunkt, als die selbstbestimmten gleichberechtigen Lebensverhältnisse umkippten und sich die für die nächsten Jahrtausende vorherrschenden Hierarchien und Herrschaftsverhältnisse zu bilden begannen? Heute sind manche dieser Verhältnisse in der Auflösung begriffen, allerdings zu einem Zeitpunkt, der die Erde schon unumkehrbar zerstört hat – eine praktisch konsequente Folge dieses ersten Gaus der Geschichte, der mit dem Beginn der Domestizierung von Tieren und Frauen anfing und gleichzeitig die ungeheuren neuen Errungenschaften ermöglichte.

Was also machten die Frauen?
Wie veränderte sich ihr Leben parallel zu den Anfängen der Viehzucht?
Wie schon beschrieben, lag die Kompetenz über das Vieh bei den Männern. Die kleinen Hühner und Gänse wurden sehr viel später domestiziert und kamen in den Bereich der Frauen. Die Notwendigkeit, die Herde sicher zusammen zu halten, erforderte differenzierte Arbeitsweisen und brachte starke Männer hervor, die ersten Herren, denen andere zuarbeiteten. Vermutlich waren es zunächst die Söhne. Sie werden ihren Vätern gegenüber in der Bibel als gehorsamspflichtig dargestellt. Insofern ist das Alte Testament DAS Dokument, das schon nach dem Sieg des Patriarchats entstanden ist. Die Wichtigkeit, eigene Söhne zu haben, definiert ab jetzt auch die Stellung der Frauen und bindet ihre Sexualität an einen bestimmten Mann.
Die Frage, wer der Vater der Kinder ist, war über Millionen Jahre kein Anlass für die werdenden Menschenfrauen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Kinder gehörten zu ihnen und nicht den potentiellen Vätern, über deren Rolle bei der Zeugung ja keinerlei Kenntnis herrschte. Darum ist auch die früher weltweit verbreitete Sitte verständlich, dass die Brüder der Mutter die männlichen Bezugspersonen für die Kinder waren.
Frauen hatten trotz aller Umbrüche lange noch ihre autonomen Bereiche und speziellen Kenntnisse. Aber ihre Stellung änderte sich durch die Erfordernisse der Viehzucht einerseits und die damit einsetzenden Unterschiede und Wertigkeiten bei den Männern. Eine große Rolle dürfte auch das zunehmende Wissen über den Anteil der Männer bei der Zeugung gespielt haben, so dass nun auch die Sexualität in die sozialen Regeln einbezogen wurde. (Wie von mir schon beschrieben, waren diese neuen Regeln durchaus differenziert wie z.B. noch bei den Spartanerinnen, die gute Ehefrauen zu sein hatten – d.h. bestimmte Aufgaben zu erledigen hatten – aber durchaus noch ein vielfältiges Liebesleben nebenbei haben konnten. Anm.4).

Die Männer brauchten für ihre neuen Arbeiten, die auf Kontinuität hin angelegt waren und von der alle profitierten, Söhne, die gehorchten und Frauen, die sie gebären konnten.
Das wird bei einzelnen Gruppen und später Völkern zu unterschiedlichen Verhaltensweisen geführt haben und bleibt ein Forschungsgebiet für die Zukunft. Ich kann hier nur die Tendenz beschreiben, in der sich die Entwicklung von ihren Anfängen her bewegte. Jedenfalls war es früher oder später um die Autonomie der Frauen geschehen. Dazu trug auch bei, dass ihr Status sich mit veränderte, wenn sie den neuen untergeordneten Männern zugeordnet waren und – sollten sie bei den Kämpfen um Wasser, Weide usw. unterlegen sein, entweder getötet oder versklavt werden konnten. Das waren alles Verhaltensweisen, die mit der Viehzucht aufkamen und damit verbundene Probleme lösen sollten.

Die Kompetenz der Frauen zeigte sich in der beginnenden Landwirtschaft. Ich vermute, dass sie erst bewusst in Angriff genommen wurde, als absehbar war, dass die Viehzucht keine Garantie für das Überleben war.
Aber von einem neu gepflanzten Baum Früchte zu erwarten, setzte eine langfristige Planung voraus. Vom Getreide konnte man sich lange nicht ernähren, die Körner waren klein und mühselig zu pflücken und noch lange keine Nahrungsgrundlage. Darum ist es leicht vorstellbar, dass ihr erster Nutzen darin bestand, aus vergorenen Körnern das berauschende Bier zu erfinden, was inzwischen als nachgewiesen gelten kann. Landwirtschaft war Knochenarbeit. Als der Pflug erfunden wurde, den der gezähmte Auerochse zog, war diese mit dem Tier verbundene Feldarbeit Männerarbeit. Frauen dürften vermutlich mehrheitlich an der Züchtung ertragreicherer Getreidearten gearbeitet haben.
Es ist auch vorstellbar, dass der Feldanbau von gezielten Überfällen verschont blieb. Sie ergaben keinen unmittelbaren Nutzen, wie bei Tierdiebstählen, obwohl es sicher vorkam, dass auch die Felder zerstört wurden. Jedenfalls begann unter diesen neuen Verhältnissen tatsächlich richtige ARBEIT und eine Arbeitsteilung, die mehr oder weniger bestimmt war durch die Männerarbeit und die Erfordernisse der Tiere. Frauen verarbeiteten sowohl die Produkte der Viehzucht weiter und sie waren zuständig für Pflanzenzüchtung und Verwertung. Sie merkten vermutlich auch lange nicht, dass die „Kommandogewalt“ mehr und mehr in Männerhände geriet, weil die Jahrtausende währende Hochachtung Frauen gegenüber nicht über Nacht verschwand.

Es ist erstaunlich, dass in dieser Gegend, dem fruchtbaren Halbmond, nicht nur fast gleichzeitig die Viehzucht und die Landwirtschaft entstanden, sondern auch die ersten ständig bewohnten Dörfer, die sich zu ersten Städten entwickelten und in kürzester Zeit die ersten Mythen, die die Schrift, Gottesvorstellungen, die kompliziertesten Architekturen und Tempelanlagen hervorbrachten. Immer mehr dieser frühen Wohnorte werden ausgegraben und geben immer mehr über die schon entwickelten Strukturen in der sogenannten Vorzeit preis.
Die ältesten Städtegründungen verweisen auf ein Alter von ca. 10.000 – 11.000 Jahren. Das heißt aber, dass es ein paar tausend Jahre früher auch schon Dörfer gab und Versuche, den neuen Herausforderungen mit Erfindungen zu begegnen. Einige dieser archäologischen Plätze, die relativ dicht beieinander lagen, sollen hier genannt werden:

Alaca Höyük

Besiedelt ab 6 Jt.v.d.Z.
Hacılar Höyük
Die ältesten Schichten datieren in das achte vorchristliche Jahrtausend.
Çayönü
An diesem Siedlungsplatz lässt sich die Entwicklung von den ersten Rundbauten einer frühen Ackerbaugemeinschaft aus dem 10. Jahrtausend v. Chr. zu einer großen Siedlung mit differenzierter Bebauung im 9. und 8. bis zum Anfang des 7. Jahrtausends nachvollziehen.
Çatal Hüyük, ca. 9.500 v.d.Z.
Vor 8.000 Jahren hatte Çatal Hüyük 6.000 bis 8.000 Einwohner und war die größte aus dieser Zeit bekannte Siedlung. Aus bislang unbekannten Gründen wurde sie vor 7.700 Jahren aufgegeben.
Göbekli Tepe, Derzeit werden zwei Nutzungsphasen unterschieden, von denen die erste bis in das 10. Jt. V.d. Zt. zurückreicht und bisher schon ungeheure Architekturen freigelegt hat.
Jericho
Bereits im 8. Jahrtausend v. Chr. begannen Jerichos steinzeitliche Bewohner damit, ihre Siedlung stadtähnlich auszustatten. Um die für ihre neu errichte Dauersiedlung lebenswichtige Quelle zu schützen, errichteten sie eine steinzeitliche Befestigung. Das beeindruckendste Relikt des ältesten neolithischen Jericho ist ein 13 m hoher fester Steinturm mit einem kreisförmigen Querschnitt von 10 m Durchmesser. Der Turm wurde aus mächtigen kaum bearbeiteten Felssteinen ohne Mörtel errichtet und diente als Wachturm und zur Verteidigung. Zusätzlich erhielt die Siedlung eine 3 m mächtige Steinmauer und einen vorgelagerten Verteidigungsgraben. Die steinzeitlichen Fortifikationen lassen erkennen, dass der für die Geschichte des gesamten Vorderen Orient prägende Konflikt zwischen sesshaften Vertretern von Hochkultur auf der einen und nomadisierenden Gruppen schon in frühester Zeit aufgebrochen ist und zu starken Spannungen und Konfrontationen führte.
Die frühe „Stadt“ Jericho hatte bis zu 3000 sesshafte Bewohner. (Wikipedia)
Die sumerischen Städte Eridu, Ur und Uruk gehen teilweise ebenfalls auf ein Alter von 6.000 Jahren zurück. Diese sumerischen Städte sind verbunden mit folgenden Erfindungen:
Die des Rades, der Kanalisation, künstlicher Bewässerung, geographischer Karten, von Segelschiffen, von Geld, mit Kenntnissen über das Sonnensystem und die Planeten. Wir kennen sogar schon einen Namen für ihre Hauptgöttin: Nammu.
Im Unterschied zu den noch langsam fortschreitenden Entwicklungen seit Beginn des Tauschs, sind all diese Neuerungen in wenigen Jahrtausenden entstanden. Die Entwicklung beschleunigte sich unaufhörlich – bis heute.
Interessant bei Jericho ist die Erwähnung der Befestigungsanlagen. Sie sind der praktische Beweis für die kriegerischen Auseinandersetzungen vor 10.000 Jahren. Und die Domestizierung der Tiere fällt zeitlich mehr oder weniger mit den Städtegründungen zusammen, was auf ein ausgeklügeltes Handelssystem verweist.
Auf welche Weise es möglich war, sowohl in Städten zusammen zu leben, Viehzucht und Landwirtschaft zu betreiben und großartige Tempelanlagen zu schaffen mit immer noch ziemlich einfachen Werkzeugen, verlangt zumindest eine strenge Arbeitsteilung und ein gesellschaftliches Ordnungssystem. D.h., es war die Zeit, in der das begann, was wir als Arbeit bezeichnen. Die neuen Erfindungen Landwirtschaft und Viehzucht verlangten differenzierte Tätigkeiten. In meinem Buch habe ich ausführlich beschrieben, warum plötzlich die Männertätigkeiten durch die entwickelten Jagdwerkzeuge für das Überleben der noch nomadisierenden Gruppen wichtiger wurden als noch zu Zeiten des ersten Tauschs. Sie waren nun meist in der Lage, relativ kontinuierlich für Proteine zu sorgen, während die Frauen, die aus den ebenfalls im Buch näher beschriebenen Gründen mehr Kenntnisse in der Pflanzenkunde erworben hatten, damit noch nicht richtig punkten konnten. Um aus den noch klitzkleinen Hirse-Emmer-Gerstenkörnern so etwas wie eine ausreichende Mahlzeit gewinnen zu können, oder Bäume zu pflanzen, die eines Tages Obst liefern konnten, brauchte es Jahrzehnte.
Aber alle Tätigkeiten brauchten inzwischen spezielle Fähigkeiten und allmählich auch planende Fachleute. Vieles wird sich auch vermischt haben, bevor bestimmte Tätigkeiten geschlechtsbezogene Zuständigkeiten erhielten, die sich verfestigten. Es vergingen also viele Jahrtausende bei stetiger Entwicklung, Vergrößerung und Gliederung der Gemeinschaften, in denen Frauen noch eine dominierende Rolle spielten, die aber gleichzeitig durch die neuen Produktionsmittel und die differenzierter werdenden Tätigkeiten unterminiert wurden. Ich nehme an, dass die Landwirtschaft zunächst auch Mangelwirtschaft war. Wilde Tiere zogen sich zurück, vielleicht gab es zu viele Herden oder die Tiere erkrankten an Seuchen oder es gab Wassermangel und alles zusammen bedingte kriegerische Auseinandersetzungen. Die Arbeit auf den Äckern war schwer und wahrscheinlich zunächst nicht besonders ertragreich. Außerdem wurden durch die Herdenwanderungen auch die engen verwandtschaftlichen Beziehungen der Frauen gestört und – da bei der Viehzucht die Männer das Sagen hatten, machten die Frauen allmählich eher die minder anerkannten Arbeiten und mussten den Notwendigkeiten, d.h. einem Chef, gehorchen.
Kriege entstanden, um Probleme zu lösen, die sich angestaut hatten, was praktisch erst mit dem Neolithikum einsetzen konnte. Immer wieder zeigt sich, dass jede begrüßte neue Erfindung neue Probleme schuf. Deswegen konnten sich in den vielen relativ isolierten Gruppen auch sehr viele verschiedene Lösungen entwickeln und machten die Gesellschaften unterscheidbar – was es alles nicht gegeben hatte, als die Menschen noch nomadisierend in den Tag hineinlebten. Die neuen Errungenschaften machten es nötig, die größer werdenden Gruppen immer mehr zu strukturieren, mit diversen Rechten auszustatten und Formen zu finden, die für alle das Leben in größeren Gemeinschaften möglich machten, dabei aber ein Oben und Unten und die ersten Sklaven schuf. Dies alles geschah noch in der sogenannten Vorgeschichte.

Allgemein wird bei der Evolutionsgeschichte nur über den Fortschritt gesprochen und nicht über die oft gleichzeitig damit einhergehenden Verheerungen, so dass unsere Philosophen vollkommen unbelastet von der wirklichen Entwicklung heute noch die Griechen mit dem Beginn der Zivilisation gleichsetzen können, obwohl schon damals die Tiere und die Frauen domestiziert waren und die Gesellschaften allgemein schon sehr unterschiedlich strukturiert waren bzw. sich die alten gleichberechtigen und einfacheren Zustände in der Auflösung befanden. Es hatte das schon eingesetzt, was Marx so formulierte: Die Geschichte ist eine Geschichte der Klassenkämpfe. Allerdings hatte er dabei das Wichtigste vergessen: die Frauen, bzw. einen grundlegenden Fehler bei seiner Definition der natürlichen Arbeitsteilung gemacht.

Diese Epoche zwischen ca. 40.000 -10.000 Jahren vor der Zeit kann auch als der erste Gau der Geschichte betrachtet werden.
Vor dem Hintergrund der Bedeutung des ersten schon beschriebenen Tauschs in der Menschheitsgeschichte, in der das Geschlechterverhältnis auf eine neue, hauptsächlich von Frauen ausgehende und vom Verstand geleitete Grundlage gestellt wurde (was in der Zeit zwischen 800.000 und 400.000 Jahren v.d.Z. geschah), haben sich die Verhältnisse zum ersten Mal als unumkehrbar gezeigt. Und jede Weiterentwicklung bis heute hat zuerst lokal, dann regional und heute global die Verhältnisse verwickelter gemacht. Immer mehr Menschen leben heute in Armut und Rechtlosigkeit und trotz Frauenbewegung mit all ihren tatsächlichen Verbesserungen zumindest in der westlichen Welt, sind mehr Frauen als je zuvor patriarchalen Gesetzen unterworfen und/oder werden körperlich verstümmelt.
Auf der anderen Seite haben aber vom Augenblick an, als der Fortschritt seine verschiedenen unguten Gesichter zu zeigen begann, immer auch Menschen versucht, diese feindlichen Entwicklungen aufzuhalten und Gegenstrategien zu entwickeln, die wiederum neue Probleme schufen. Historisch verbürgt sind die Sklavenaufstände im römischen Reich.
Möglicherweise haben sich die vielfach genannten Amazonenheere auch nur bilden können, weil ihre Männer auf Kriegszügen alle getötet oder versklavt wurden und die daheimgebliebenen Frauen eigene Überlebensstrategien entwickelten, die ebenfalls Gewalt beinhalteten, sollte es stimmen, dass männliche Kinder getötet wurden, ebenso wie die zur Fortpflanzung benötigten gelegentlichen Beischläfer. So kann man sagen, dass vom Augenblick der Unterdrückung an es auch immer Versuche gab, diese aufzuheben, was immer wieder teilweise hier und da gelang, sich aber nur allzu oft ins Gegenteil verkehrte und wieder neue Maßnahmen nötig machten, deren Kehrseiten sich wiederum auch erst später zeigten.
Inzwischen ist die Menschheit an einem Punkt angekommen, der viele daran zweifeln lässt, dass die Gegenwehr wegen Klimawandel, Artensterben usw. noch eine Chance hat.
Aber diese Gegenwehr entsteht auch immer wieder neu.
Wie ich schon früher beschrieb: Der Verstand, der uns zu Menschen machte, kann uns letztlich auch fertig machen und das Feld wieder frei für Ameisen, Bienen und andere Insekten.

©Helke Sander, Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin. August 2019

Anmerkungen:

Anm.1) Vor schon 40.000 Jahren sind die ersten weiblichen Figuren und bald darauf die ersten Musikinstrumente in weit auseinanderliegenden Gebieten hergestellt worden.
Interessant, aber noch nicht weiter erforscht ist, dass diese kleinen Skulpturen meist aus hellen Knochen oder Stein hergestellt sind, was die Frage aufwirft, ob die vermutlich vor 40.000 Jahren eingewanderten schwarzen Homo sapientes diese mehr oder weniger weißen Figuren hergestellt haben oder noch die eher weißen Neandertaler. Dasselbe gilt für die ältesten bemalten Höhlen vor ca. 37.000 Jahren.
(Eine neue Studie des Kölner Sonderforschungsbereichs „Our Way to Europa“, die jetzt im Fachjournal „Plos One“ erschienen ist, kommt zu dem Schluss, dass zwischen 40.000 und 31.000 v. Chr. im Durchschnitt nur etwa 1500 Menschen (Homo sapiens. H.S) in West- und Mitteleuropa lebten).
Immer mehr Skulpturen, neu mit tierischen und männlichen Motiven finden sich ab einem Alter von vor 20.000 Jahren.
Zu der Zeit gab es auch in Mitteleuropa schon Sprachen und Begräbnisrituale, ausgefeilte Werkzeuge und sogenannte familiäre Strukturen, die die gegenseitige Versorgung schon regelhaft gestaltet hatten und evtl. auch schon die Sexualität in diese Regeln einbezogen in unendlich vielen unterschiedlichen Varianten.
Es entstand allmählich das, was tatsächlich Arbeitsteilung genannt werden kann. Es entstand Arbeit, die unterschiedliche Notwendigkeiten erfüllen musste und die Gesellschaften differenzierte.
Zurück zum fruchtbaren Halbmond, wo die menschliche Entwicklung am fortgeschrittensten war:
Diese Gegend gilt als Ursprung für die Viehzucht, die Landwirtschaft, den Städtebau, die Arbeitsteilung, die verschiedenen hierarchisch gegliederten Götterwelten, die Ursprungsmythen, die Schrift und die Anfänge von Gesellschaftsklassen und das heißt vor allem, den Anfang der zunehmenden Rechtlosigkeit von Frauen.
Wie schon erwähnt, müssen die Anfänge der Viehzucht sehr viel früher begonnen haben als um 10.000 v.d.Z., als die ersten Ergebnisse vorlangen. Ebenso ist es bei der Landwirtschaft. Die ersten Funde schon systematisch angelegter Landwirtschaft gibt es vor 23.000 Jahren aus OHALU II, einer Fundstelle im heutigen Israel, die zwischen 18.500 und 20.5000 Jahre v.d.Z. besiedelt worden sein soll. „Die Siedlung, die ganzjährig bewohnt wurde, bestand aus einer Reihe von sechs ovalen Hütten aus jeweils drei dünnen Ästen, die sich als dunkle Verfärbungen abzeichneten. Der Boden der 3 bis 5 m großen Hütten war mit Gras bedeckt.[1] Im Außenbereich lagen Feuerstellen, wo Feuersteinbearbeitung stattfand. Außerdem fand sich ein Grab sowie eine Art Müllhalde. Da die Hütten am Ende durch Feuer zerstört wurden, möglicherweise um Parasiten zu beseitigen, sind die Artefakte und Überreste ungewöhnlich gut erhalten.
Die pflanzlichen Reste zeigen das weite Spektrum von Pflanzen, die gesammelt wurden, unter anderem Wildgetreide, Eicheln und Nüsse. Ähnliches gilt für die archäozoologisch verwertbaren Überreste, von denen Hunderte bestimmt werden konnten.
1991 fand man das Grab eines Mannes, der offenbar schwer krank war und einen Arm nicht bewegen konnte. Da er lange im Dorf lebte, muss zu dieser Zeit ein erheblicher Versorgungsaufwand getrieben worden sein, da er dies offensichtlich nicht selbst bewerkstelligen konnte.“ (Wikipedia).
Anm.2:
E.O. Wilson: Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen. München 2014
(Das Wort „FRAU“ kommt in dem Buch nur einmal vor. H.S.)
Anm.3
Salomon Klaczko: Kommentar zu Jeremias ִי ְר ְמ ָיה Kapitel § 23 und zu seiner Kritik an dem damaligen Dissidentenstaat Israel — Seite von 1 von 7, Version 20.05.2019
„Eine evangelische Pfarrerin aus Berlin ließ bei mir anfragen, ob ich einige Bemerkungen zu den Anklagen des Propheten Jeremias in §23 gegen Israel kommentieren könne. Dieser Text von Jeremias ist für den unkundigen, zumal christlichen deutschen Leser der Gegenwart, komplett verwirrend. Das liegt an dem gegenwärtigen Gebrauch des Wortes Israel (a) als Gemeinschaft aller Jüdisch-Gläubigen einerseits und (b) als Namen eines Staates der Gegenwart, eines politischen Gebildes des Völkerrechts andererseits. Der Leser muss aber lernen, während der Lektüre des Kapitels §23 von Jeremias beide Begriffe zu vergessen. Israel ist bei Jeremias ein Konföderations-Staat, der den Namen Israel zwar für sich usurpiert hat, jedoch vom Glauben der Vorfahren weitgehend abgefallen ist [deswegen benutzte Jesaia, auch gelegentlich ֳמ ֶל ־ Jesaja §8.4) statt des Wortes Israel, z.B. im Falle( ש ְמ ר ון = das Wort Königreich Samaria = Schomrón
Pekach; König Israels (Jesaja §7.1) , ein Herrscher der in Personalunion König vom ֶפ ַקח ׅי ְש ָר ֶאל Konföderationsstaat Israel und gleichzeitig vom Bundesstaat Samaria war, wobei der Prophet Jesaja letztere Bezeichnung, als gleichbedeutend mit Israel bevorzugte]. Der Prophet Hosea hörte die Worte von IHVH an die abgefallenen Einwohner des Nordreiches Israel: (Hosea §1.9): „Ihr Seid ל ׄא־ ַע מי NICHT MEIN VOLK, so ל ׄא־א ה יה ל כ ם BIN ICH NICHT EUER (IHVH)“
Der Prophet Hosea ה ושע [https://de.wikipedia.org/wiki/Hosea (750–725 v. Chr.)].der einzige Prophet aus dem Nordreich- Israel, wurde mit der Tatsache konfrontiert, dass sein Land vom jüdischen Glauben abgefallen war und dass der Schöpfer persönlich diesen abtrünnigen Staat dem Untergang geweiht sieht [was auch 723 v.C. geschah; Friedrich-Samuel Rothenberg: „Geschichte Israels“ Seite 102, Brockhaus Verlag, Wuppertal. 1965]. Dieses abtrünnige Land Israel zwang „jede Frau im heiratsfähigen Alter sich in einem Baal-Tempel dem kananäischen Initiationsritus (der Tempelprostitution, der angeblich die spätere Fruchtbarkeit garantieren soll) zu unterwerfen“ [Kurt Henning und Jürgen Kuberski: Jerusalemer Bibellexikon, Hänssler Verlag, Neuhausen-Stuttgart, 1989, Seite358]. Also [Hosea §1.2-.4] „sprach IHVH durch Hosea: «gehe hin und nimm ein Hurenweib [ זנוּ ני ם = Snunim aus der Tempelprostitution] und Hurenkinder[ וַי לֵדיזנוּ נים=veialdísnunim],denn das Land läuftvo nIHVH[יהוה]weg und der Hurerei [ תזנה = Zisné ] nach». Und er ging und nahm Dschomer/ Gomer [ׄגמר ], die Tochter Diblaims, die bereits [von einem anderen Mann] schwanger war und die ihm einen Sohn gebar. Und IHVH sprach zu ihm: «Nenne ihn Jesreel [יזרעאל], so will ich die Blutschulden in Jesreel heimsuchen über das Haus Jehu und will mit dem Königreich des Hauses Israel ein Ende machen [https://www.scripture4all.org/OnlineInterlinear/OTpdf/hos1.pdf]
Anm.4
1974 Knaurs Sittengeschichte der Welt Bd.1 TB

Wie ich gerade erfahren habe, gibt es ein neues Buch von James Scott zur Erfindung der Landwirtschaft und den auch von mir vertretenen verheerenden Folgen „Die Mühlen der Zivilisation“. Suhrkamp Juni 2019

© Helke Sander, 2019

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 KURZFASSUNG   (scroll down for english version)

Vor genau 50 Jahren, im Januar 1968, parallel zur Gründung des „Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“ in Berlin, fing ich an, mir Gedanken darüber zu machen, ab wann Frauen weltweit weitgehend rechtlos wurden. Diesen Verlust der Selbstbestimmung gibt es bei anderen Säugetieren nicht. Das führte mich allmählich immer tiefer in die Vorgeschichte. Mein Ausgangspunkt waren ca. 4 Millionen Jahre Menschheitsgeschichte, um diesen langen und zunächst langsamen Prozess zu begreifen. Er ging aus vom selbstbestimmten Primatenmädchen zur schon menschenähnlichen Urahnin, die gewisse neue und nur sie betreffende biologische Probleme mit ihrer Verstandeskraft löste und endete bei der Homo sapiens-Frau ohne Bürgerrechte. Dabei haben mich besonders die Gründe für den Beginn der sogenannten Arbeitsteilung interessiert. Diesen Begriff verwende ich heute nicht mehr, sondern ersetze ihn durch „Beginn der Tausch-Beziehungen zwischen Frauen und Männern“.
Dieser so selbstverständlich gewordene Begriff  Arbeitsteilung, besonders gern noch als  natürliche Arbeitsteilungbezeichnet, hat viel dazu beigetragen, die Vorgeschichte bis heute gründlich zu vernebeln. Wie es im Verlauf der Entwicklung allmählich dazu kam, dass unsere Vormenschen, die über Millionen Jahre selber dafür verantwortlich waren, ihre Nahrung zu suchen und sich gar nichts teilten, in langen Zeiträumen dazu übergehen konnten, soziale Strukturen zu entwickeln, die mit diesem Tausch einhergingen, beschreibe ich in meinem Essay. Besondere Triebfedern für die Entwicklung waren Frauen. Den länger werdenden Schwangerschaften, unfertigeren Kindern bei der Geburt, schwereren Geburten durch den aufrechten Gang, waren die werdenden Menschenfrauen hilflos ausgesetzt. Gegen das Handikap des Fellverlusts, an dem sich die Kleinkinder nicht mehr festklammern konnten und so die Mütter bei der Nahrungssuche behinderten, erfanden Frauen zweckgebundene Tragevorrichtungen, um weiterhin beide Hände frei zu haben. Außerdem entwickelten diese Frauen die schon bei Primaten vorsprachlich vorhandene Kommunikation zwischen Frauen und Kindern weiter. Männer hatten noch lange keinerlei Notwendigkeit zur Entwicklung spezieller Werkzeuge oder gegenseitiger Kommunikation.
Außerdem gehe ich gründlich auf die Sensation ein, die das Begreifen der regelmäßigen Menstruation bei den betroffenen Frauen und bei den Männern auslöste.
Auch das muss man sich als Jahrtausende währende allmähliche Erkenntnis vorstellen. Die Menstruation, die außer Tag und Nacht eine weitere Gliederung von Zeit darstellte und mit dem Erkennen der Mondphasen und Springfluten Verbindungen zwischen Frauen und dem Kosmos ermöglichte. Dies war auch der Anfang, dass den werdenden Menschen die Zwei-Geschlechtlichkeit bewusst wurde und die Fähigkeit der Frauen, zu gebären. Dies war begleitet von der Erkenntnis, dass Kinder aus dem Blut entstehen und führte zu unterschiedlichsten Gebräuchen von Männern, frauenähnlicher durch Blutrituale zu werden.
Ich verlege den Beginn der Tauschbeziehungen und das heißt den ersten Wechsel vom instinkthaften zu sozialem Verhalten ungefähr in die Zeit von 800.000 bis vor ca. 300.000 Jahren und behaupte, dass dieser Handel zunächst zwischen Frauen stattfand. Vor ca. 300.000 Jahren hatten sich aus verschiedenen, im Buch beschriebenen Gründen die Tätigkeiten von Frauen und Männern so differenziert, dass Männer mit neu erfundenen speziellen Werkzeugen – den Schöninger Speeren z.B. – größere Tiere erlegen konnten und zum ersten Mal dazu beitragen konnten, proteinreiche Nahrung zu beschaffen und sich am Tausch zu beteiligen. Das begründete vollkommen neue Eigenschaften und Gesetze (Konkurrenz, zeitversetzte Fürsorge, erste Regeln für das Sexualleben).
Diese Entwicklung weg vom instinkthaften und hin zum sozialen Verhalten hinterließ allerdings auch Spuren, die sich erst allmählich zeigten. Einerseits machte der neue Handel zwischen den Geschlechtern das Leben leichter, andererseits verloren alle Mitglieder mit jedem Entwicklungsschritt auch etwas von ihrer früheren tierischen Autonomie – was sich im Laufe der Jahrtausende potenzierte und beschleunigte.
Vom Tausch an begründet sich die sehr langsam einsetzende Vorherrschaft der Männer, deren Tätigkeiten nun neue, durchaus anerkannte und von allen geteilte, soziale unumkehrbare Regeln schufen, deren Folgen erst später erkennbar wurden. Schon nah an unserer Zeit begann die allmähliche Domestizierung der Tiere, was weitgehend schon zur Tätigkeit der Männer gehörte und das entstehen ließ, was wir heute mit Arbeit bezeichnen. Es entstanden erste Hierarchien durch die Viehzucht und das in der Vorzeit unbekannte Überlegenheitsgefühl von Menschen über Tiere nahm Gestalt an. Schon in historischer Zeit, bei den Griechen, wurden Sklaven und Frauen in diese Hierarchien einbezogen. Dennoch wird mit den „alten Griechen“ auch heute noch der Anfang der Kultur beschworen und ihre Ordnung mit Demokratie bezeichnet, obwohl Frauen und Sklaven von der Politik schon ausgeschlossen waren. Die Geschichten über die Kämpfe am Götterhimmel, aus dem die vorher dominierenden Frauen zuerst reduziert und dann zugunsten eines einzigen Gottes total verbannt wurden, spiegeln die realen irdischen Kämpfe um die Vorherrschaft.
Als Nebeneffekt meiner Untersuchungen ergab sich außerdem ein Blick auf das voraussichtliche Ende der Menschheitsgeschichte, das, wie ich zeige, schon in seinen Anfängen angelegt ist. Anders als der Autor Yuval Harari (dessen Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ ich erst nach Fertigstellung meines Buches gelesen habe), führe ich dieses Ende nicht auf „wissenschaftliche Revolutionen“, die gewissermaßen aus dem Nichts kommen, zurück, sondern begründe diese Entwicklung mit den allmählich immer deutlicher werdenden und sich von Beginn des sozialen Miteinanders anhäufenden Kehrseiten jeden Fortschritts, auf die mit immer neuen Erfindungen, Handlungen, Gesetzen reagiert werden muss, um sie unter Kontrolle zu behalten und die mit den größer werdenden Gemeinschaften immer komplexer wurden und ihrerseits wieder neue Reaktionen herausfordern. Der Verstand, der uns zu Menschen gemacht hat, wird uns eines Tages umbringen. Heute führt er nicht nur zur Meeres-Luft- und Weltraumverschmutzung, sondern auch zur Mensch-Maschine und zur Digitalisierung aller Lebensbereiche, deren Folgen noch kaum begriffen werden. Es gibt keinerlei Bruch in der Menschheitsgeschichte, sondern eine sich zunehmend beschleunigende Verwicklung.
In dem Kriminalroman von David Lagercrantz „Verschwörung“ findet das eine gute Beschreibung:
„…Was glauben Sie, wie sich ein Computer fühlt, wenn er aufwacht und merkt, dass er von primitiven Wesen wie uns gefangen gehalten und kontrolliert wird? Warum sollte er sich mit einer solchen Situation abfinden? Warum sollte er überhaupt noch Rücksicht auf uns nehmen und zulassen, dass wir in seinem Inneren wühlen, um diesen Prozess zu stoppen? Wir riskieren eine Intelligenzexplosion, die Vernor Vinge als ´technologische Singularität´ bezeichnet hat. Alles, was anschließend passiert, liegt jenseits unseres Ereignishorizonts.“ (TB Heyne S.244)
Wie andere Urgeschichtsforscher spekuliere ich auch, nur aus einer anderen Perspektive.

© Helke Sander März 2018

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Helke Sander:
The Origins of Gender Hierarchy: A New Evolutionary Approach
 
SUMMARY
Fifty years ago, in January 1968, at the same time as the „Action Council for the Liberation of Women“ was founded in Berlin, I started to think about the point in time when women across the globe were to a great extent deprived of their natural rights. Other female mammals never seemed to have suffered such a loss of their status. This line of thinking gradually led me to delve more and more deeply into the study of prehistoric times. To understand this long-lasting, initially slow-moving process, I took as my point of departure the very beginning of human development four million years ago. It started with the self-determined primate girl, led to a female ancestor already similar to humans, who solved certain new biological problems that affected her alone using the power of her mind – and ended with the subordination of homo sapiens woman.
I was particularly interested in the reasons behind the onset of the so-called division of labor. I no longer use this term; I have substituted „the beginning of a barter trade between men and women“ for it. The terms  division of laborand  natural division of labor, which are used as a matter of course, have obfuscated – to the present day – what prehistoric times were like. For millions of years our ancestors were individually responsible for finding their own food. In my essay I describe the gradual evolutionary transition from this condition to the social structures which accompanied barter trade.
Women, in particular, drove this development. These early females, who were growing ever closer to homo sapiens, were gradually but irreversibly subjected to longer pregnancies, less fully developed offspring, and more difficult births due to their upright posture. As they evolved and lost their coats of fur, moreover, their infants could no longer cling to them while they foraged for food. As a result of this development the early females built carrying devices so that they could continue to have both hands free.  They also further developed the pre-linguistic communication that already existed among female primates and their young. The largely solitary males had, as I argue, no such need to develop special tools or reciprocal communication until much later.
I also analyze the social and cultural effects triggered by the discovery of women’s – and only women’s – regular menstrual bleeding. This insight too must be imagined as an understanding that developed slowly over millennia. Menstrual bleeding was, besides day and night, an element that structured time and drew a connection between women and the cosmos with its lunar phases and spring tides. Recognition of the importance of menstruation coincided with the evolving human species’ growing awareness of the existence of two genders and women’s child-bearing ability, along with the understanding that children grow out of this blood. In turn, a wide range of customs developed around male blood rituals which allowed men symbolically to imitate women’s mysterious powers to give birth and to bleed and not die.
I place the beginning of barter relationships, i.e., the first change from instinctive individual behavior to social behavior, in the time period between about 800,000 and 300,000 years ago. I argue that this trade was initially conducted only among women. By about 300,000 years ago the activities of men and women had become in many aspects so differentiated – for a multitude of reasons that I discuss in my book – that men were able to hunt larger animals using newly invented special tools, the Schöningen spears for example. For the first time, they were able to contribute to procuring especially protein-rich food and participate in the barter. This gave rise to fundamentally new character traits and laws (competition, taking turns in caring for children, first set of rules for sex life). This shift from instinctive towards social behavior left traces that only became visible over time. The new trade between the sexes made life easier, but at the same time with each new step in the evolution, all members of this society lost more of their earlier animal-like autonomy – a process which increased and accelerated over the course of thousands of years.
The barter trade was the origin of the predominance of men that very slowly became manifest. Their activities created new, generally accepted rules that were shared by everyone and which became socially irreversible – the impact of this would become evident only later. Closer to our times, animals were gradually domesticated. This was largely done by men and led to the emergence of what we call work today. The first hierarchies were established by raising livestock, when humans‘ feeling of superiority over animals – unknown in prehistoric times – took shape. In early historical times, in ancient Greece, slaves and women were included in these hierarchies. Even today, the „ancient Greeks“ are often invoked as the originators of Western culture, and their political order is designated as the first democracy, despite the fact that women and slaves were excluded from participation. The sagas about struggles in the realm of the gods where previously dominant goddesses were first reduced and then banned altogether in favor of one single god reflect the actual struggle for dominance on earth.
As a side effect of my studies, I came to see the probable end of human history, which, as I argue, was already laid out at its very outset. In contrast to the writer Yuval Harari (whose bestselling book „Sapiens: A Brief History of Humankind“ I read only after I had completed my book), I do not ascribe this end to „scientific revolutions“ which happen more or less out of the blue; instead I explain this development as a result of the  inevitabledownsides or negative features of any progress, aspects which  becomeevident, slowly but surely, recurring and accumulating in a process that has been ongoing since the beginning of our social co-existence. These negative aspects need to be met continuously with new inventions, actions, and laws to control them. They become ever more complex as communities grow and in turn provoke new reactions. The mind which has made us human will one day kill us. Today it leads us not only to marine, air and space pollution but also to the artificial intelligence of man-machines and the digitization of all aspects of life, the consequences of which have hardly been understood. There is no discontinuity in human history, only an increasingly accelerated complexity. A good description of this can be found in David Lagercrantz‘ crime novel „The Girl in the Spider’s Web“:
How do you think a computer would feel when it wakes up to find itself captured and controlled by primitive little creatures like us? Why would it put up with that? Why on earth should it show us any consideration, still less let us dig around in its entrails in order to shut down the process? We risk being confronted by an explosion of intelligence, a technological singularity, as Vernor Vinge put it. Everything that happens after that lies beyond our event horizon. (MacLehose Press, p. 193)
I speculate, just as other researchers of prehistoric times do, but I do so from a different perspective, that of a curious woman.

© Helke Sander March 2018
Übersetzt von Joey Horsley

German version published at Verlag Zukunft und Gesellschaft 2017
Die Entstehung der Geschlechterhierarchie
ISBN 978-3-00-055652-4, 26,90 €
E-Book ISBN 987-3-00-055689-0, 11,99 €

 
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Kritik zum Buch „Die soziale Eroberung der Erde. Eine biologische Geschichte des Menschen“ 
von E. O. Wilson  (not available in English)

  
„Ich werde darlegen, dass die Wissenschaft besonders in den letzten zwei Jahrzehnten so weit fortgeschritten ist, dass wir die Fragen, woher wir kommen und was wir sind, jetzt kohärent angehen können. Dafür brauchen wir allerdings Antworten auf zwei noch grundlegendere Fragen, die die Suche aufgeworfen hat. Erstens die Frage, warum höher entwickeltes soziales Leben überhaupt existiert und in der Geschichte des Lebens so selten ist. Und zweitens die Frage nach den Antriebskräften, die es haben aufkommen lassen.“  (S.19)
In diesem Text gehe ich hauptsächlich auf die zweite Frage nach den Antriebskräften ein und ziehe daraus einige andere Schlussfolgerungen als Wilson. Dabei scheinen die Gewichte zunächst klar verteilt:
Wilson ist ein berühmter Biologe, der Verlag nennt ihn sogar den berühmtesten Biologen unserer Zeit. Er hat die Soziobiologe begründet und ist bekannt als Forscher in Biodiversität, Evolution und Tierverhalten, besonders von Insekten und Ameisen.
Ich bin Filmregisseurin, habe nie Biologie studiert und befasse mich seit doch immerhin 50 Jahren mit der Frage, wo die Anfänge der weltweiten Unterdrückung der Frauen liegen, was mich tief in die Vorgeschichte und die Anfänge der Menschheit führte.
Nun kommt das Wort „Frau“ auf den knapp 400 Seiten über die biologische Geschichte DES MENSCHEN bei Wilson meines Wissens nur einmal im weiter unten abgedruckten Zitat vor. Das ist erstaunlich, weil doch gerade Frauen in der Evolution besondere Probleme zu bewältigen hatten, deren Lösungen ein soziales Leben nach meiner Auffassung überhaupt erst ermöglichten und für Wilsons Frage nach den Antriebskräften wesentlich ist. In meinem Buch von 2017 gehe ich genau darauf ein:  Die Entstehung der  Geschlechterhierarchie  als unbeabsichtigte Nebenwirkung sozialer Folgen der Gebärfähigkeit und des Fellverlusts.

© Helke Sander