Die analoge, schöne Nachkriegszeit 1945-1947

Geschichten von Milli

In Dresden, Königsstein, Plauen, Rudolstadt ,
Rohrsen, Holtorf, Gräfrath, Solingen und noch
anderen Orten

Von
Helke Sander

1

Vorwort

Warum fallen mir, die ich schon über 80 Jahre alt bin, so viele Geschichten aus meiner Kindheit in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein und was haben sie mit den Kindern von heute zu tun? Auf den Straßen nachmittags sind sie praktisch nie mehr zu sehen, weder als einzelne, noch in Gruppen. Als ich 8 Jahre alt war, waren andere Kinder in der Nähe eine Selbstverständlichkeit und was bedeutet das?

Für mich war diese Zeit zwischen 1945 und 1947 geradezu vergoldet. Später dachte ich, dass es wohl damit zusammenhing, dass wir zu dritt waren, meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich. Meine junge Mutter war friedlich, praktisch und durchsetzungsfähig. Sie fuhr auf einem Kohlentender nach Berlin, um ihre Eltern zu suchen, sie schlachtete ein Ferkel, damit wir zu essen hatten, sie klaubte Kartoffeln auf den Feldern als Nachernte und nörgelte nicht an uns Kindern herum. Als der Vater wieder aus der Gefangenschaft auftauchte, änderte sich alles schlagartig und die Mutter wurde gewissermaßen auf eine Stufe mit uns Kindern gestellt und hatte wie wir um alles zu bitten.

Ich frage mich heute, ob meine damaligen Erlebnisse später mit dafür verantwortlich waren, dass ich vollkommen unempfänglich für totalitäre Gruppen wurde, wie für die RAF oder die ML-Gruppen oder andere Ideologien. Dabei kannte ich eine Reihe der führenden Köpfe aller dieser Richtungen und wohnte sogar zeitweise mit ihnen zusammen.

Was mir relativ früh bewusst wurde, war die Tatsache, dass ich ein unglaubliches Glück gehabt habe, bei Kriegsende erst acht Jahre alt gewesen zu sein und nicht etwa schon fünfzehn.
Mit 15 wäre ich als Mädchen vermutlich in den Gegenden, in denen wir uns herumtrieben, vergewaltigt worden. Weil ich aber noch so klein war, wurde ich verschont. Und wäre ich ein Junge gewesen, dann wäre ich noch eingezogen worden, hätte das Vaterland mit Waffen verteidigen müssen und wäre vermutlich als Verräter erschossen oder aufgehängt worden, wäre ich weggelaufen. Und, obwohl ich mich 50 Jahre meines Lebens mit Evolution und Vorgeschichte beschäftigt habe, wo es um Millionen von Jahren geht, spielen im persönlichen Leben 5 – 7 Jahre weniger oder mehr eine entscheidende Rolle.

Ich nenne diese Geschichten: „Die analoge Nachkriegszeit“. Sie war für mich schön.
Zur gleichen Zeit gab es aber auch tausende von Waisenkindern, die in Heimen aufwuchsen, in denen ihnen die Selbständigkeit ausgetrieben wurde. Mir sind noch die Plakate vor Augen, die bis mindestens Ende der sechziger Jahre in den Berliner U-Bahnhöfen hingen, auf denen der Suchdienst vom Roten Kreuz Fotos der irgendwo aufgesammelten Kinder abgebildet hatte und nach Angehörigen fahndete. Oft hieß es auf den Bildunterschriften nur: gefunden da und da, dann und dann. Und das Foto zeigte vielleicht nur ein Kleinkind mit einer besonders gemusterten handgestrickten Mütze und eine ungefähre Altersangabe.

Warum über diese Erinnerungen kaum gesprochen wurde und wie sie später möglicherweise die eigenen politischen Haltungen bestimmten, mag auch damit zusammenhängen, dass die Bilder und Nachrichten über den so lange dauernden Vietnamkrieg, der unser Erwachsenenleben prägte, so viel schrecklicher schienen als die verblassenden oder verdrängten eigenen Erinnerungen und möglicherweise der Respekt auch viele davon abhielt, nun ihre eigenen Geschichten zum Besten zu geben.

 

2

Rudolstadt
Mai 45
Ein Ziel verfolgen

Millis Mutter hatte irgendwoher erfahren, dass in Rudolstadt vermutlich ein Cousin von ihr gelandet war und von ihm versprach sie sich Hilfe. Diese Stadt galt nun als Ziel, das sie anstrebten. Nach dem Angriff auf Dresden hatten sie schon Königsstein und Karlsbad kennengelernt. Nun waren sie dem Lager in Plauen entkommen, worüber später noch zu berichten sein wird.
Von Plauen aus ging es tagelang zu Fuß mit einem zweirädrigen Karren weiter, auf dem meistens Millis kleiner Bruder saß. Alle in der endlosen Kolonne, die in die gleiche Richtung zogen, waren braungebrannt und widerstandsfähig. Immer war schönes Wetter. Mal schliefen sie am Straßenrand, mal kamen sie in Dörfern bei Einheimischen oder in Scheunen unter.

Sie fanden Millis Onkel tatsächlich in Rudolstadt. Die Mutter fragte immer wieder Leute nach einem Arzt ohne Praxis. Das führte sie tatsächlich zu einer Villa, in der Onkel und Tante sogar zwei Zimmer bewohnten. In dem einen schliefen sie und in dem anderen behandelte er Patienten, die von ihm erfahren hatten. Und zwei-drei-Wochen wohnte Milli mit Mutter und Bruder in der sogenannten Praxis. Wenn Patienten kamen, mussten alle verschwinden.

Onkel Bruno klagte über mangelnde Hilfe. Milli sollte ihm Dinge zureichen, wenn er mit den Patienten beschäftigt war. Aus irgendeinem Grund kam das für Millis Mutter und die Ehefrau nicht infrage. Die achtjährige Milli meinte, sie wolle auch Ärztin werden und sie könne seine Sprechstundenhilfe werden. Zuerst wurde über ihren Vorschlag gelacht, dann aber versuchsweise angenommen. Milli dürfe nicht sprechen während der Behandlung, sie dürfe auch niemandem außerhalb dieser Räume etwas von ihrer oder des Onkels Tätigkeit sagen, es sei ihm verboten, hier zu praktizieren. Onkel Bruno schrubbte ihr die Hände. Die Zöpfe wurden stramm geflochten und Milli bekam ein weißes Handtuch als Schürze umgebunden. Sie arbeitete zur Zufriedenheit des Onkels und hatte keine Ekelgefühle, wenn die Leute mit eiternden Furunkeln am Nacken oder Hintern kamen, die aufgeschnitten werden mussten. Wenn diese Furunkel an intimen Stellen saßen, musste sie sich umdrehen. Milli hatte den Eindruck, alle Erwachsenen hatten damals Furunkel. Sie stand mit Pinzette und Wattebäuschchen bereit und achtete drauf, nicht zu viel Watte zu nehmen, denn der Vorrat an ärztlichen Hilfsmitteln war sehr begrenzt. Eines Tages wurde laut an die Tür gebummert, Onkel Bruno räumte hektisch seine wenigen medizinischen Geräte weg und Milli rannte nach unten, um zu öffnen Da standen ein paar Amerikaner, die barsch sagten, dass das Haus in einer Stunde geräumt sein müsse, es werde vom Militär beansprucht. Das wurde vor den Erwachsenen wiederholt und mit solchem Nachdruck, dass alle Bewohner tatsächlich mit ihren Siebensachen nach einer Stunde draußen standen. Die im Haus einquartierten Flüchtlinge waren gut dran, denn sie hatten kaum Gepäck und die eigentlichen Bewohner waren noch unerfahren und schleppten viel Unsinniges mit, was zu spöttischen Kommentaren der Erfahreneren führte. Damit endete Millis Praxis als Arzthelferin und Onkel Bruno verschwand ebenso aus ihrem Gesichtskreis.

Zu den Amerikanern entwickelte Milli ein zwiespältiges Verhältnis. Das war eine längere Geschichte, die Milli in vielen Abschnitten auch Angst gemacht hatte.
Die ersten hatte sie getroffen, nachdem sie in Karlsbad den Russen entkommen waren. Ihre Mutter hatte einen Zug entdeckt, der voller befreiter französischer, belgischer und holländischer Kriegsgefangener war. Der Waggon hinter der Lokomotive war leer und der Heizer, der ein Deutscher war, sagte Millis Mutter, dass dieser leere Wagen für das Begleitpersonal reserviert sei. Der Zug würde nach Paris fahren. Paris sei besser als Sibirien, sagte die Mutter und sie stiegen ein. Irgendwann kam ein belgischer Offizier und schmiss sie wieder raus. Millis Mutter stieg mit Sohn und Milli auf der anderen Seite wieder in den gleichen Waggon ein. Als der belgische Offizier zum dritten Mal das Abteil kontrollierte, zog er eine Pistole und sagte, er würde jetzt alle erschießen, hier hätten nur die Frauen des Personals Zutritt. Millis Mutter sagte, der Heizer sei ihr Ehemann. Sie wurde herausgeschleift und mit den Kindern vor den Heizer gebracht, wo sie ihm schon von weitem zurief, dass der Offizier nicht glaube, dass der Heizer ihr Ehemann sei.

Milli verstand nicht richtig, aber doch soviel, dass es jetzt gefährlich war und sie sagte „Papa“ und der Heizer umarmte die Frau und gab ihr einen Kuss. Daraufhin konnten sie wieder einsteigen und irgendwann fuhr der nach Paris bestimmte Zug ab und endete nach wenigen Kilometern in der Nähe von Plauen, ein schon von Amerikanern besetztes Städtchen. Die befreiten Gefangenen wurden auf Lastwagen verteilt und für einen Zwischenstop in ein Lager gebracht. Ebenso wurde Millis Mutter mit kleinem Bruder in einen der Laster nach vorne zum Fahrer gesetzt und Milli in den nächsten LKW auch neben den Fahrer. Der kleine Koffer, den die Mutter immer noch mitgeschleppt hatte, kam in den vorderen Laster zu den Insassen und wurde während der Fahrt geleert aus der geöffneten hinteren Tür herausgeschmissen und einige Kleidungsstücke ihres kleinen Bruders auch. Milli war ängstlich. Was würde mit ihnen geschehen? Würden sie vielleicht doch noch erschossen? Der amerikanische Fahrer lachte, als der Koffer flog und steckte ihr etwas flach in Stanniol Eingewickeltes zu.

Dieses Stanniol erinnerte sie an die Warnungen vor einigen Wochen, als es noch Bombenangriffe gab, dieses Zeug nur ja nicht aufzuheben oder anzufassen, wenn es ab und zu vom Himmel fiel. Es sollte vergiftet sein.
Lieber hätte sie das weiße Brot gegessen, dass der Fahrer ausgepackt hatte und selber aß.
Der Fahrer war mit ihr unzufrieden und ein bisschen wütend, das konnte sie fühlen. Er hielt sie für doof. Schließlich wickelte er unwirsch dieses gefährliche Ding aus und steckte ihr das flache Zeug in den Mund. Sie biss die Zähne zusammen, er zwang das Zeug trotzdem rein und machte Kaubewegungen. Es war eigentlich ein guter Geschmack, nach Pfefferminz, aber vermutlich würde sie die Fahrt nicht überleben. Wie konnte man etwas kauen, was kein Essen war? Das war ihr erster Kontakt zu einem Amerikaner und zu Kaugummi. Das Lager, in das sie dann eingesperrt wurden, war ein amerikanisches Lager. Die ehemaligen Gefangenen spazierten entspannt in dem großen Karree herum oder aßen und rauchten. Irgendwann kam ein Soldat und winkte Milli heran. Er führte sie zu einem Offizier in einem anderen Gebäude. Sie sah, dass es ein Offizier war an seinen Schulterklappen.
Später wusste sie nicht mehr, ob sie ihm gegenüber saß oder stehen musste. Er sprach Deutsch mit Akzent und war streng.
Woher kamen sie, wo wohnten sie, wo war ihr Vater.
Mein Vater ist auch Offizier, sagte Milli. Das war nun interessant.
– Was für einer?
– Hauptmann.
Aber wo war er?
Was er auch fragte, sie wusste es nicht, wann zuletzt gesehen, wo gesehen?
Irgendwann war das Verhör vorbei. Noch hatten sie im Lager zu bleiben, durften aber auch auf den Hof. Ein Jude, das sagte Millis Mutter, ein Jude habe einen Karren gefunden und er würde sie nachts herauslassen. Sie müssten leise sein und so geschah es auch und die lange Wanderung begann irgendwann mitten in der Nacht.

Aber nun, in Rudolstadt, stand Milli bald mit anderen Kindern an der Essensausgabe für das Militär, in der Hoffnung, dass auch was für sie abfallen würde. Manchmal kriegten sie die Reste. Ein Soldat winkte Milli herbei und sagte, sie solle ihren Arm ausstrecken und die Hand öffnen und die Augen schließen.

Das machte Milli. Der Soldat drückte seine Zigarette in Millis Handfläche aus. Sie schrie.
Ein anderer Soldat strich ihr über den Kopf und sagte in gebrochenem Deutsch zu Milli, während noch andere den Mann zu beruhigen suchten, dass ein deutscher Junge, vielleicht 15, den Kameraden und besten Freund des Soldaten vor ein paar Tagen erst aus einem Hinterhalt erschossen hätte.

 

3

Rudolstadt
Mai 45
Kinder machen

„Wollen wir ficken?“ Breitbeinig stand Klaus vor Milli und stellte ihr diese Frage. Dabei wippte ein Grashalm in seinem linken Mundwinkel. Klaus war fast einen Kopf kleiner als Milli und ein paar Monate jünger, nämlich erst siebendreiviertel, was Milli ein Überlegenheitsgefühl gab. Milli kniete im Garten des Hauses, in dem sie mit Mutter und Bruder seit ein paar Tagen in einem Zimmer wohnten oder, wie man damals sagte, einquartiert war. Milli hatte Federn gesammelt und steckte sie nun in einer langen Reihe in die Gartenerde und behauptete ihrem kleinen Bruder gegenüber, dass dann dort Hühner wüchsen. Der Garten war zugewuchert und aus den oberen Stockwerken nicht einzusehen und eben deswegen bei den im Haus wohnenden Kindern äußerst beliebt.
Milli schaute zu Klaus hoch. Er war herrisch, wie er da so stand, und sein Tonfall erinnerte sie an ihren Vater, von dem niemand wusste, wo er war, ob er noch lebte oder in Gefangenschaft war. Das waren die einzigen ihr damals bekannten Alternativen für den Verbleib von Vätern: tot oder gefangen.
Klaus ́ Frage war auch keine richtige Frage, sondern eher ein Befehl. Allerdings verstand sie nicht, was er ihr befahl, denn sie hatte das Wort, das er gebrauchte, noch nie gehört. Klaus wohnte mit mindestens fünf Geschwistern in der ersten Etage. Diese Kinder hatten zusammen so faszinierende Dinge gebaut wie zwei Baumhäuser in den großen Kastanien, die die schmale Straße hinter dem Garten säumten. Von diesen Baumhütten oder besser Brettern, kackten oder pinkelten die größeren Brüder herunter und zwar möglichst so, dass sie damit andere Leute erschreckten. Allerdings wagten sie es auch nicht, Haufen auf die Leute fallen zu lassen. Nur bei Regenwetter erlaubten sie sich manchmal diesen Scherz beim Pinkeln. Zuerst hatte Milli das nicht glauben wollen, sich aber dann durch eigenen Augenschein überzeugt. Auf dem Boden, im Radius von etwa zwei Quadratmetern, waren unter den beiden Kastanien tatsächlich kleine vertrocknete Kothaufen zu sehen, und ein bisschen davon klebte auch noch an den grünen Blättern, die an den tieferhängenden Ästen wuchsen.
Klaus ́ Schwester Hanna, die eine laute und etwas heisere Stimme hatte und ein Jahr älter war als er, hatte Milli auf das niedrigere der beiden Baumhäuser schon einmal mitgenommen. Das andere, hatte sie erklärt, sei nur für die großen Jungen, da dürfe sie, Hanna, nicht hinauf und Milli schon gar nicht. Milli hatte keinerlei Erfahrungen im Bäumeklettern, und Hanna erklärte ihr ungeduldig, wie sie die Füße setzen solle, an welcher Stelle sie sich mit beiden Armen am Ast festhalten, dann schwingen und mit den Füssen auf einer anderen Astgabel landen müsse. Milli hatte es mit Müh und Not Hanna nachgemacht und deren affenartige Geschwindigkeit bewundert. Im Baum fühlte sie das große Privileg, dabei sein zu dürfen. Von der Straße aus war das Brettergerüst, das großspurig Haus genannt wurde, nicht zu sehen, sondern völlig im dichten Blattwerk versteckt. Dort oben hatte Hanna ihr auch gezeigt, wie Mädchen im Stehen pinkeln können und Milli hatte es sofort begriffen und nachgemacht. Es war ein großartiges Gefühl, den Strahl durch die Blätter fallen zu sehen und zu hören, wie die Flüssigkeit von Blatt zu Blatt tropfte. Trotz aller Vorbehalte gegen Klaus war sie also positiv voreingenommen bei seinen Worten, denn diese Familie hatte ungewohnte Überraschungen zu bieten.
„Was ist ficken?“, wollte Milli darum wissen.
„Nicht so laut“, antwortete Klaus darauf.
Und dann sah er sie irgendwie mitleidig an. So, als sei sie sehr, sehr dumm.
Milli wiederholte ihre Frage. Klaus verdrehte die Augen, zögerte und sagte, kaum die Lippen mit dem Grashalm im Mundwinkel bewegend: „Das ist, wenn man Kinder macht.“
Milli hockte immer noch im Gras und blickte zu Klaus hoch. Kinder machen. Etwas Ähnliches machte sie ja gerade auch: Küken. Sie sah den Punkt noch nicht, auf den es beim Ficken ankommen sollte. Und warum war sie zu laut?
„Warum kann ich ficken nicht laut sagen?“
Statt einer Antwort sah Klaus zu den Fenstern hoch, sah nach rechts und sah nach links, spuckte den Grashalm aus und sagte dann: „Komm mit, ich zeigs dir.“
Milli stand bereitwillig auf und folgte Klaus in eine von Büschen zugewachsene Ecke des Gartens. In der Mitte zwischen den Büschen gab es eine kleine freie Fläche, auf der Gras und ein paar Wiesenblumen wuchsen. Das war der Geheimplatz.

In den letzten Minuten hatte Milli erfahren, dass es offenbar eine Verbindung zwischen Ficken und Kinderkriegen gab, was das Verständnis aber nicht erleichterte. Sie wusste, dass die Kinder im Bauch der Frau heranwuchsen, hatte sich aber nie gefragt, wie sie dort hineinkamen. Vielleicht hatte sie auch die Antwort vergessen. Das fiel ihr jetzt auf. Jedenfalls war es ein faszinierender Gedanke, ein Kind kriegen zu können, indem sie selber etwas tat. Bisher hatte sie geglaubt, es käme überraschend über die Frauen, ohne ihr eigenes Zutun. Was Milli allerdings bedenklich stimmte bei einem eventuellen Erfolg der Tätigkeit, die Klaus ihr zeigen wollte, war, dass ein Kind noch ein Esser mehr sein würde. Das Lebensmittelproblem war gerade das größte Problem der Familie. Sie schüttelte den Gedanken jedoch ab und dachte, sie könne sich die Sache ja mal ansehen. Für einen schwermütigen Moment kam ihr Fiedchen vor Augen, die Schildkrötenpuppe, die sie bei einem Bombenalarm nicht hatte mitnehmen dürfen, weil sie schon so viel zu tragen hatte und die dann in der allgemeinen Zerstörung jener Nacht verbrannt sein musste.
Milli war inzwischen realistisch genug, um die Belastung durch ein wirkliches Baby einschätzen zu können. Sie hatte selbst immer wenigstens ein bisschen Hunger und manchmal großen Hunger, und gestern war sie zusammen mit ihrem Bruder auf der Straße betteln gewesen, und das würde sie heute auch wieder machen. Zuerst war es eine Überwindung gewesen und sie hatte sich geschämt, aber dann ging es leicht. Sie bettelte nicht bei allen Vorübergehenden und sie tat es nicht vor der eigenen Haustür. Sie versuchte die Leute aus der Entfernung danach einzuschätzen, ob sie etwas zu geben hätten oder selber hungrig waren. Wichtig war der kleine Bruder an ihrer Hand, auf dessen Hunger sie verweisen konnte. Sie wurden dann für Kriegswaisen gehalten und Milli für die große Schwester, die für ihn verantwortlich war. Dabei war sie es, die spindeldürr war, während er ein rundes Kleinkinder- Gesichtchen und Speck am Bauch hatte. Es machte sich zudem besser, wenn sie beim Betteln humpelte. Dabei musste sie nur darauf achten, es stets mit demselben Bein zu tun, denn gestern war eine Frau vor ihr stehen geblieben und hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie mal das eine, mal das andere Bein nachzog. Jedenfalls bekamen sie hin und wieder etwas zugesteckt, jedes Mal war es Brot. Das meiste hatten sie gleich aufgegessen, den Rest stolz nach Hause gebracht. Vom Betteln hatte Milli nichts erzählt, aber sie glaubte, dass die Mutter es doch wusste und stillschweigend billigte. Denn schließlich hatte sie nichts mehr zum Kochen. Später würde Milli mit einer blechernen 2- Liter-Milchkanne mit Deckel zu einer bestimmten Stelle gehen, wo man ab und zu alte Pferde schlachtete, da würde sie nach Pferdeblut fragen und wenn sie es mit Glück bekäme, würde die Mutter daraus Blutsuppe kochen. Das hatte es schon einmal gegeben und es hatte gut geschmeckt. Und sie, Milli, hatte diese Quelle entdeckt.

Vielleicht dachte Milli nicht diese und noch mehr solcher Essensgeschichten erneut in voller Länge, aber irgendwo in ihrem Inneren gab es Warnrufe bei den von Klaus angedeuteten Konsequenzen der ihr unbekannten Tätigkeit „Ficken“, dessen Ergebnis ein Kind sein würde, das essen wollte. Immerhin ergriff sie zum ersten Mal der Gedanke, dass sie nicht nur Kind war, sondern irgendwann eine Frau sein würde und selber Kinder haben könne.
Sie hatte zwar noch nie ein anderes achtjähriges Mädchen gesehen mit einem echten eigenen Kind. Andererseits wollte sie sich diese Erfahrung keineswegs entgehen lassen, denn sie war schon tief beeindruckt von ihrer neuen Fähigkeit, im Stehen pinkeln zu können, die sie schließlich dieser Familie zu verdanken hatte.
Aber das Wort ficken war ihr ein bisschen zuwider. Es bezeichnete irgendetwas Verbotenes, sonst hätte Klaus es nicht so leise ausgesprochen. Vielleicht ist es so was wie Stehlen, dachte Milli. Aber gestohlene Kinder konnte sie sich in diesen Zeiten gar nicht vorstellen. Was sie kannte, waren gefundene und mitgenommene Kinder. Sie war ja selbst dabei gewesen, ein Kleinkind mitzunehmen, das neben seiner toten Mutter auf den mit Leichen übersäten Elbwiesen saß und schrie. Später fanden sie auch noch einen brauchbaren Kinderwagen für den Jungen. Der Junge hatte Masern und damit sofort ihren kleinen Bruder angesteckt. Später hatten sie das Kind aus den Augen verloren. Die fremde Frau, mit der sie eine Weile zusammen aus Dresden heraus wanderten, hatte gesagt, für das Kind sorgen zu wollen.

„Du musst dir die Hosen ausziehen“, sagte Klaus.
„Die Hosen ausziehen?“
„Ja.“
„Und dann?“
„Dann müssen wir uns so mit den Füßen gegeneinanderhinsetzen.“ Dabei stellte er sich breitbeinig hin, um einen Eindruck davon zu vermitteln, was Milli zu erwarten hatte. Das war nicht aufregend und ihr kam es eher unglaubwürdig vor, dass diese Haltung in einem Kind resultieren sollte.
„Also“, sagte Klaus, „traust du dich?“
Milli schaute ihn misstrauisch an und witterte plötzlich eine Gemeinheit. Aber gut. Sie zuckte mit den Achseln.
„Du zuerst“, sagte sie.
Klaus zog sich seine kurzen Hosen aus und auch die Unterhose mit den Löchern.
Milli hob ihren Rock und zog sich ihre Hose ebenfalls aus.
„Und nun?“
Klaus setzte sich mit gespreizten Beinen in das Gras und sagte Milli, sie solle dasselbe machen, sich ihm gegenübersetzen. Dann sollten sich ihre nackten Füße – sie waren in diesem Sommer immer nackt, weil es warm war und sie auch nur ein Paar Schuhe hatte, die geschont werden mussten – mit der ganzen Fußsohle berühren.
Das taten sie, wobei ihre ganze Aufmerksamkeit sich darauf konzentrierte, möglichst breitbeinig zu sitzen und dennoch mit der ganzen Fußsohle Kontakt zu haben, was dazu führte, dass sie hin und her rutschen mussten. Klaus war ein bisschen kleiner als Milli und darum musste sie ihre Beine nicht so weit spreizen wie er, weil der Kontakt sonst nicht richtig hergestellt worden wäre. Außerdem sollte sie ihren Rock hochziehen, was neuerliche Positionswechsel erforderte. Das Hemd bedeckte Klaus ́ Hintern und fiel vorne über seinen kleinen Schwanz, dem Milli aber keine weitere Aufmerksamkeit widmete, denn schließlich hatte ihr Bruder auch so was, und manchmal, wenn sie sich über ihn ärgerte und er gerade nackt war, zog sie ihn daran.
Endlich hatten sie die Position gefunden, die Klaus zum Ficken für geeignet hielt. Milli wartete gerade auf die nächsten Anweisungen, als Christian, der Junge aus dem zweiten Stock, seinen Kopf durch die Hecke steckte.
„Ich weiß ja, was ihr da macht“, sagte er.
Milli wollte sagen „wir ficken“, aber Klaus sprang auf, erinnerte sich sofort an seinen nackten Hintern und setzte sich gleich wieder hin. Mit geschlossenen Beinen zischte er Milli ein „Ruhig!“ zu und sagte Christian, er solle abhauen, er habe einen Splitter im Bein. Christian zog seinen Kopf zurück, denn Klaus war als Schläger gefürchtet. Sie hörten ihn aber kichernd im Garten herumspringen und immer wieder sagen: „Ich weiß ja, was ihr macht.“
Jedenfalls war er wieder weg und Milli wollte weitermachen. Die Hauptsache schien ihr noch zu fehlen. Bis jetzt war ficken zwar ungewohnt, aber langweilig. Doch Klaus zog sich seine Hosen an, war plötzlich sehr muffig und sagte:
„Jetzt nicht. Vielleicht morgen. Wenn niemand da ist. Und halt ja den Mund.“
Er sah Milli auf eine Weise an, als habe er sich in ihr geirrt und könne sich nicht auf sie verlassen. Er verschwand wortlos vor ihr in der Hecke. Milli zog sich ihrerseits die Hose an und steckte dann weiter Hühnerfedern in die Beete. Das zumindest war dann ein voller Erfolg, denn als ihr Bruder sie später entdeckte, juchzte er auf und wollte Hühner zum Abendbrot ernten.

Am nächsten Nachmittag war es heiß, der Garten war leer und die Erwachsenen waren alle unterwegs, wahrscheinlich um Essen zu organisieren oder zu hamstern, ein feiner Unterschied. Milli durchforschte den Garten, sie machte sich auf die Suche nach Klaus. Der spielte eine Straße weiter Fußball. Die eine Mannschaft wurde von Kindern einer Seitenstraße gebildet und Klaus ́ Mannschaft bestand aus drei weiteren Brüdern und Hanna. Klaus war der jüngste.
Milli stellte sich an den Rand, sah eine Weile zu und rief dann nach Klaus, in völliger Verkennung der Tatsache, dass Jungen nicht beim Fußball gestört werden wollen. Sie tat das mehrmals, aber Klaus beachtete sie gar nicht. Schließlich kam Hanna unwirsch angerannt und wollte wissen, was Milli von ihrem Bruder wolle.
„Wir wollen im Garten ficken“, sagte sie.
Hanna starrte Milli an, holte tief Luft und schrie dann: „Du Schwein!“
Immerhin schien sie zu wissen, wovon Milli sprach. Mit ihrer durchdringenden, etwas heiseren Stimme rief sie daraufhin den Fußballspielern zu: „Wisst Ihr, was die gesagt hat? Kommt mal alle her und hört, was das Schwein gesagt hat!“
Alle rannten zu Hanna, die mit dem Finger auf Milli zeigte und laut flüsternd Millis Wunsch an die anderen Kinder weitergab, die sofort in das Schweinegeschrei einstimmten, allen voran Klaus, der absolut überzeugend jede Beteiligung oder jedes Wissen über eine Verabredung abstritt und im Chor mit den anderen, einen Zeigefinger über den anderen streichend, Milli einkreiste und „Schweine-Milli, Schweine-Milli“ brüllte.
Milli wollte sich verteidigen, sagen, dass Klaus lüge und sie sich ehrlich verabredet hätten, aber sie sah schnell ein, dass sie sich auf der Verliererseite befand und irgendetwas Schreckliches getan haben musste. Sie rannte weg, die anderen folgten ihr unter Geschrei und rhythmischen Fingerschaben bis zur nächsten Ecke und liefen dann zu dem Ball zurück. Milli schlich ins Haus, rannte an Klaus ́ Wohnung vorbei und ging anschließend mindestens eine Woche lang nur noch dann aus dem Haus, wenn sie sicher war, dass Klaus und seine Geschwister nicht vor dem Haus spielten. Ihre Mutter wunderte sich, dass Milli gar nicht mehr auf die Straße wollte, sondern ihr sogar freiwillig half. Dabei gab es nicht viel zu helfen, denn sie hatten ja fast nichts. Ihre Betteltouren verlegte Milli ein paar Straßen weiter, wo die Geschwister nicht hingingen. Sie schämte sich und wusste auch Jahre später noch nicht, wie Ficken funktioniert.
So behielt sie lange Zeit den Glauben, dass die Voraussetzung dazu auf jeden Fall die zusammengelegten Fußsohlen zweier sich gegenübersitzender Menschen seien. Und noch viel später dachte sie, dass es gar keine schlechte Methode sei, um einen Teil des Vergnügens bei der Ausübung dieses unausstehlichen Wortes voll zur Geltung zu bringen.

 

4

Rudolstadt
Juni 45
Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen

Milli vermied aus bekannten Gründen ihre nähere Umgebung und bummelte mal mit, mal ohne kleinen Bruder in der Stadt herum, immer auch auf der Suche nach Essbarem.
Auf ihren Streifzügen traf Milli einmal auf ein Mädchen, das sie sogleich tief beeindruckte. Es musste in ihrem Alter sein, ungefähr acht, schien Milli aber an Erfahrungen um Jahre voraus. Sie zog die Aufmerksamkeit auch anderer Leute an, weil sie immer einen roten Luftballon an einer kleinen Strippe bei sich trug und in alten, hochhackigen und viel zu großen Schuhen ihrer Mutter, die vorne die Zehen sehen ließen, an jedem Nachmittag vor dem Haus, in dem sie wohnte, auf und ab flanierte, so gut ihr das in den Schuhen nur möglich war. Sie schlenkerte mit einer alten Handtasche am Handgelenk, lächelte verwegen nach rechts und links und sang dabei das Lied:

Kauf mir einen bunten Luftballon
Nimm ihn fest in deine Hand,
Stell dir vor, er fliegt mit mir davon
In ein fernes Märchenland.

Über Wolken, wo die Sonne thront
Und der blaue Himmel lacht
Bis zum Märchenschloss gleich hinter’m Mond
Wo ein Prinz dich traumhaft glücklich macht.

Das eigentlich Sensationelle an dem Mädchen war zweierlei: Sie trug keine Zöpfe wie alle anderen Mädchen, sondern in Höhe des rechten Ohrs eine bunte Schleife im kurzen, blond gelockten Haar. Noch umwerfender aber waren ihre rot lackierten Zehennägel. Auch die Fingernägel zeigten Reste von Rot. Allerdings war dort der Lack schon abgeblättert oder abgeknabbert. Milli hatte bis dahin in ihrem Leben noch nie eine Frau mit rot lackierten Nägeln von Nahem gesehen, geschweige denn ein Kind. Obwohl, in den letzten Wochen waren mehr aufgedonnerte Frauen zu sehen, als sich Milli erinnern konnte, jemals in dieser Häufung irgendwo wahrgenommen zu haben. Diese seltenen und aufregenden Exemplare waren erkennbar grell und lustig angemalt. Diese Frauen fielen aber nicht nur ihr auf, denn es gab immer ein Getuschel um sie von Erwachsenen, ob missbilligend oder neidend, war nicht ganz klar. Bisweilen wurden ihnen Worte hinterhergerufen, die Milli nicht verstand. Was sie allerdings noch wusste und früher, vielleicht vor einem halben Jahr oder einem Jahr mit eigenen Augen auf Plakaten gelesen hatte, war der Satz: Eine deutsche Frau schminkt sich nicht. Das war verbunden mit dem Bild einer jungen, blonden Frau mit Dutt im Nacken. Ihre Mutter sah so aus. Einmal hatte Milli sie mit Lippenstift gesehen, aber der war nicht richtig dick und rot aufgetragen, sondern nur ganz zart, kaum wahrnehmbar. Derartige Plakate gab es jetzt nicht mehr. Der Krieg war aus, in Rudolstadt waren die Amerikaner und die geschminkten Frauen hießen Amiliebchen.

Irgendwie wurden Kitty, das Mädchen mit dem Luftballon und Milli miteinander bekannt. Später erzählte Kitty Milli im Vertrauen, dass sie eigentlich Käte heiße und den Namen Kitty von einem Amerikaner bekommen habe, den ihre Mutter kenne.
Milli ihrerseits vertraute der neuen Freundin an, dass auch sie anders heiße, außerdem habe sie den richtigen Namen vergessen. Milli beneidete Kitty um ihren wunderbaren und anerkannten Namen und die roten Nägel und die Schleife, die so schief und unternehmungslustig am Kopf steckte. Sie wollte auch rot lackierte Nägel haben. Der Gedanke, ihre Haare auch abzuschneiden, war völlig abwegig und wurde von ihr auch nicht gedacht. Ein deutsches Mädchen trug Zöpfe. So sagte man es und las es überall. Das war so selbstverständlich wie Zähneputzen. Und obwohl niemand mehr richtig wusste, was mit Deutschland geschah, die Zöpfe waren von Zweifeln ausgenommen, jedenfalls bei allen, die sie kannte. Einzig anerkannte Alternativen zu den langen Zöpfen waren sogenannte Gretchenfrisuren oder Affenschaukeln. Pferdeschwänze oder gar offen getragene Haare gab es noch nicht. Deswegen ja war Kitty mit ihren kurzen Haaren eine solche Sensation.

Die roten Nägel wurden Milli versprochen, unter der Voraussetzung, dass sie nachmittags zu Kitty käme, um mit ihr vor dem Haus auf und ab zu spazieren. Es war nicht richtig klar, warum Kitty täglich am Nachmittag für ein paar Stunden die Wohnung oder das Zimmer, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, zu verlassen hatte. Aber so war es eben und Milli kam gerne. Eine Abendtasche hatte ihre Mutter nicht, mit der Milli hätte schlenkern können, auch keine hochhackigen Schuhe. Die waren in Dresden verbrannt. Aber Kitty war ein liebenswürdiges Mädchen, sie gab der Freundin einen Schuh ab, so dass sie nun beide, jeweils einen Fuß barfuss und den anderen in den Pumps von Kittys Mutter, Arm in Arm die Strasse auf und ab humpelten, wild nach rechts und links lächelten, mit den Augen rollten und dabei immer wieder gemeinsam das Lied mit allen Strophen sangen:

Drum kauf mir einen bunten Luftballon
Und mit etwas Phantasie
Fliegst du in das Land der Illusion
Und bist glücklich wie noch nie

Sie sangen „kauf mir“ und nicht „kauf dir“ wie es in der Originalfassung heißt, realistisch, wie beide schon waren.
Warum sie bei dem Lied mit den Augen rollen mussten, wusste Milli nicht, aber es gefiel ihr. Für den Fingernagellack musste ein geeigneter Moment abgepasst werden und außerdem musste sich Milli durch regelmäßiges Erscheinen bei Kitty erst bewähren. Manchmal machten Passanten bösartige Bemerkungen zu den Kindern oder sagten zum Beispiel, dass sie ja schon in jungen Jahren ihre Mütter nachahmen und was das wohl werden solle. Vielleicht lag es daran, dass Kitty beschloss, das Lied vom Luftballon durch ein anderes Lied abzulösen, das sie mit zunehmender Leidenschaft sangen. Es war das Lied:

„Es war einmal ein kleines Bübchen
das bettelte so nett und süß
Mamatschi schenk mir ein Pferdchen
Ein Pferdchen wär mein Paradies“

Es hatte mehrere Strophen, aus denen hervorging, dass der Wunsch des kleinen Bübchens nach einem Pferdchen nie zu seiner Zufriedenheit in Erfüllung ging. Zunächst bekam der kleine Mann ein Schimmelchen aus Marzipan, was er gar nicht wollte.
„Mamatschi, dieses Pferdchen wollt ich nicht“
Marzipan war nun aber etwas, womit Milli endlich auftrumpfen konnte, denn sie hatte schon mal Marzipan gegessen! Sie erzählte Kitty, wie eine Frau am Tag des Kriegsendes, als sie es aber noch nicht wussten und alle Erwachsenen ununterbrochen darüber redeten, was dann geschehen würde in dem überfüllten Zug und überfüllten Abteil, in dem sie damals schon ein paar Tage immerzu hin und her fuhren und in dem die Leute verabredet hatten, immer abwechselnd eine Stunde sitzen zu dürfen, wie also diese Frau nach einem allgemeinen lauten Wortwechsel über das Sitzendürfen und die Reihenfolge des Sitzendürfens plötzlich ein vielleicht fingerlanges, in Pergamentpapier eingewickeltes Marzipanbrot aus der Tasche holte und anfing, es in so viele Stückchen zu teilen, wie Leute im Abteil waren. Milli war es wichtig, Kitty die genaue Größe klar zu machen. Für jeden Mund blieb vielleicht ein daumennagelgroßes Stück übrig. Und das größte Stück, die Enden, bekamen Milli und ihr Bruder. Milli erinnerte sich, wie alle dieses Stückchen mit Sorgfalt aßen und diese Frau dann von der Zubereitung sprach und den anderen Frauen und dem einzigen alten Mann im Abteil das Rezept verriet, denn es war gar kein richtiges Marzipan, sondern Kriegsmarzipan und in der Beschreibung kam das Wort Kartoffelmehl und Mandelroma vor. Jedenfalls war die Stimmung nicht mehr gereizt, sondern freundlich, und einige Stunden lang erzählten sich die Leute, wie man aus Kartoffelschalen Knäckebrot machen könne, gingen dann über zu Vorkriegsrezepten und bekamen Glanz in die Augen. An dieses Marzipanbrot erinnerte sich Milli manchmal abends vor dem Einschlafen und sie stellte sich den Geschmack noch einmal vor und dann erinnerte sie sich unweigerlich an den wagenradgroßen runden Pflaumenkuchen, den eine Bäuerin aus dem Backofen im Hof geholt hatte, gerade als sie dort in einem langen Treck von Frauen, Kindern, Leiterwagen und zweirädrigen Karren vorbeizogen.

Die Mutter fragte um Wasser für die Kinder, es war Mai und heiß und Milli starrte auf den Pflaumenkuchen, der wie aus einer anderen Welt groß und rund und duftend auf den Armen der Bäuerin lag. Aber die gab davon nichts ab, sondern wies unfreundlich auf die Pumpe und sah missmutig den Berg hinunter, auf dessen Straße sich ununterbrochene kleine Trupps von Flüchtlingen herauf schleppten, die offenbar alle auf der Anhöhe ausgerechnet bei ihr Wasser trinken, aufs Klo gehen, sich waschen und was zu essen haben wollten. Milli erinnerte sich an das beleidigte Gefühl, weil sie tatsächlich nichts bekommen hatte. Es war so beschämend. Dann ging sie meist über zu einer besseren Erinnerung auf der gleichen Strecke an einem anderen Tag, an dem sie nachts mal nicht in Straßengräben oder Scheunen schliefen – wo, wie aus dem Nichts manchmal Männer auftauchten, die sich tagsüber versteckt gehalten hatten und nun ihre Frauen suchten – sondern vom Bürgermeister des Ortes in anständigen Betten bei der Bevölkerung untergebracht wurden. Mutter und Bruder schliefen irgendwo im Dorf, Milli war bei der Bürgermeisterfamilie untergebracht, die sich ihr wegen des unnachahmlichen Kartoffelsalats, den sie dort bekam, für ihr ganzes Leben einprägen sollte. Noch mit 80 Jahren versuchte Milli immer wieder, genau diesen Geschmack wieder hinzukriegen, wenn sie Kartoffelsalat machte.

Kitty war aber mit der Marzipangeschichte nicht zu beeindrucken. Sie äße ab und zu Schokolade, sagte sie, was Milli ihr nicht glaubte.
–  Heute erst, sagte Kitty, öffnete ihren Mund und hauchte Milli an.
–  Da, hinter dem Zahn ist noch so ein Gefühl von Schokolade im Rachen, ob Milli das noch sehen könne.
Aber die sah nur eine Reihe weißer Zähne und konnte keine Schokolade riechen, obwohl sie mit ihrer Nase tief in Kittys Mund steckte.

Wenn die Mädchen auf ihren Gängen mit Gesängen endlich zu der Strophe kamen, in der Mamatschi, nun tot, mit einem herrlichen Gespann reich geschmückt und schön zum Friedhof gefahren wird und dem ehemaligen Knaben, jetzt ein grosser Mann, seine Jugend einfällt und er singt: „Mamatschi, so ein Pferdchen wollt ich nicht“, weinten beide Mädchen laut, und weiter hin und hergehend, brachten sie das Lied schluchzend zu Ende.

Und viele Jahre sind vergangen
Und aus dem Jungen wurd‘ ein Mann
Da hielt, die Fenster dicht verhangen,
Vorm Haus ein prächtiges Gespann.
Vor einer Prunkkarosse stehn
Vier Pferde reich geschmückt und schön
Die trugen ihm sein armes Mütterlein
Da fiel ihm seine Jugend ein
Mamatschi schenk mir ein Pferdchen
Ein Pferdchen wär‘ mein Paradies
Mamatschi Trauerpferde wollt ich nicht

Eines Tages bekam Milli endlich einen roten kleinen Nagel an ihrer rechten Hand. Kitty hatte eine fast leere Lackflasche mit und sie konnte natürlich bestimmen, wie viele Nägel lackiert werden sollten. Aber Milli war stolz und trug die rechte Hand in Brusthöhe mit abgespreiztem kleinen Finger.
Natürlich sah die Mutter den roten Fingernagel und erfuhr die ganze Geschichte über Kitty. Die Mutter wollte nicht, dass Milli diese Besuche weiter fortsetze. Es war nicht wirklich herauszubekommen, warum das nicht sein sollte, es hatte irgendwas mit Kittys Mutter zu tun und Milli verfluchte die Erwachsenen, die es nicht nötig hatten, vernünftige Erklärungen zu geben und einfach verfügen konnten, ob Milli in diese oder jene Strasse gehen durfte. So einfach wollte sie aber nicht aufgeben und sie erinnerte ihre Mutter an den langen Amerikaner, den sie zusammen angestaunt hatten, mit dem sie stundenlang an der Saale in der Sonne gesessen hatten. Die Mutter und er hatten sich unterhalten und gelacht und die Mutter hatte richtig fröhlich ausgesehen, in einer Weise, die Milli überhaupt nicht an ihr kannte und Milli hatte aus Gänseblümchen einen Kranz geflochten und diesen Kranz dann um den Helm des Soldaten gelegt, den er zuerst auf dem Kopf hatte und später neben sich im Gras. Der Amerikaner hatte sich richtig über diesen Kranz gefreut, ihn ganz genau angeguckt, Milli dafür bewundert und ihr wahrscheinlich auch etwas zugesteckt.
Allerdings konnte sie sich daran nicht erinnern. Nur an das fröhliche Gesicht ihrer Mutter. Sie hatten in gebrochenem englischdeutsch darüber gesprochen, wie froh sie seien, dass der Krieg endlich vorbei sei. Er hatte ihr Fotos gezeigt von seiner Heimat und der Mutter mit einem langen Grashalm über den Arm gestreichelt. Beide lachten zusammen und das war etwas wirklich Neues. Sie konnte sich nicht erinnern, ihre Mutter zusammen mit dem Vater jemals lachen gehört zu haben. Sie glaubte damals ja sogar, dass Männer nie lachten und darum war dieser blonde, lange und junge Amerikaner eine Art Wundermann. Zwei – dreimal hatten sie sich an dieser Stelle getroffen, zu der sie auch weiter gingen, als die Russen schon da waren. Aber nie war der Amerikaner zu ihnen ins Zimmer gekommen, obwohl er sie besuchen wollte und Milli hatte darum auch nie draußen warten müssen.

Die Mutter blieb aber dennoch störrisch bei ihrem Verbot. Aber ein paar Tage später, als Milli dennoch zur gewohnten Zeit in Kittys Strasse ging, stand Kitty nicht mehr da und sie sah sie auch nicht mehr wieder und Anfang Juli zogen die Amerikaner ab und die Russen marschierten ein.
Da standen Milli, Mutter und Bruder oben auf der Burg von Rudolstadt, in der vor vielen hundert Jahren eine Prinzessin Elisabeth gewohnt hatte, die den Armen Gutes getan haben sollte und deswegen früh starb. Der Rest der Geschichte ging unter, weil Mutter und Milli sich dann mehr für die Vorgänge in der Stadt interessierten, die sie von ihrem Standpunkt aus beobachten konnten. In den Fenstern erschienen nacheinander kleine rote und sich vermehrende Punkte und die Mutter sagte:
– Mein Gott, sie kommen. Die Russen kommen.
Sie stiegen die vielen kleinen Treppen in die Stadt hinunter und kamen gerade recht vor der Ausgangssperre und hatten auch noch Zeit, dem Befehl zu folgen und aus der alten Hakenkreuzfahne, die es in jedem Haus noch gab, wenn auch jetzt meist zwischen Lumpen versteckt, den weißen Kreis herauszutrennen, in dem sich das schwarze Hakenkreuz befand und die nun rote Fahne, wie es angewiesen war, aus dem Fenster zu hängen. Dann kam Musik und alle Deutschen schauten aus den Fenstern und sahen zu, wie die Russen mit ihren Panjewagen und den Pferdchen und zu Fuß singend und, wie es schien, stundenlang, in die Stadt eimarschierten.
Im Refrain ihres Liedes war etwas, was wie “Leberwurst” klang. Und bei jedem Refrain sang ihr kleiner Bruder laut “Leberwurst, Leberwurst” aus dem Fenster mit.

Später bekam Milli aus der roten Fahne einen roten Rock wie die meisten Mädchen. Alle trugen den Fahnenrock, das Fähnchen. Die geschickteren Mütter nähten den Rock so, dass das stärkere Stück Rot, das, was unter dem weißen Kreis und nicht verblichen war, irgendwie in den Rockfalten verschwand. Millis Mutter konnte nicht gut nähen und so musste Milli die beschämenden zweierlei Rots tragen.

 

5

Königsstein
1945
Vom Tod erzählen

Milli, Jan und Anna, die lettischen Geschwister, die im gleichen Haus nach dem Dresdener Angriff untergekommen waren,
sprachen immer wieder darüber, dass sie lieber vor den Eltern sterben würden, damit es nicht so schrecklich sei, allein zu bleiben. Später in Rudolstadt und den anderen Orten, wo es Milli hin verschlagen hatte, gab es diese Gespräche nicht mehr. Sie waren entstanden, wenn sie den Tieffliegern, die noch ein-zweimal über Königsstein flogen, entkommen waren. Wenn sie kamen, warfen sich die Kinder flach in den nächsten Straßengraben und versuchten, von oben nicht gesehen zu werden, obwohl sie die Piloten in ihren Kanzeln erkennen konnten. Hinterher erzählten sie sich Gruselgeschichten über giftiges Spielzeug, das vom Himmel fallen sollte und sie ermahnten sich gegenseitig, das Stanniolpapier, das manchmal in Streifen durch die Luft flog und den Boden bedeckte, nicht anzufassen. Dennoch war die Versuchung groß, diese vom Himmel regnenden glänzenden Streifen zu berühren. Alle hatten irgendein Wissen darüber, dass es irgendwie mit der Flugabwehr zusammenhing und Kinder vergiften sollte. So wurde es ihnen jedenfalls gesagt. Und am Tag von Führers Geburtstag, am 20. April, das wusste Milli noch ganz genau, lernte sie von Anna und Jan einen neuen Abzählreim:
„Parademarsch, Parademarsch, der Führer hat ein Loch im Arsch“.
Es war klar, dass dieser Reim strikt unter ihnen bleiben würde und leise abgezählt wurde, hauptsächlich wegen des Wortes Arsch. Jeden Tag kamen bei den Kindern geradezu aus dem Nichts neue Reime dazu wie ein paar Tage später die neuesten Variationen des Deutschlandliedes:
„Deutschland, Deutschland ohne alles, ohne Butter, ohne Speck. Selbst das bisschen Marmelade nimmt uns noch –
„Der Nachbar“ oder „Klaus“ oder später „Der Russe“ oder wer auch immer – weg.“
Dann kam der Abend, an den Milli auch immer wieder dachte, als alle Hausbewohner stundenlang dem plötzlich einsetzenden entfernten Trommelfeuer aus der Dresdener Gegend zugehört hatten. Die Erwachsenen berieten leise, was zu tun sei, ob man noch wegkäme. Es sollte noch ein Zug fahren, hatte jemand gehört, weg von der näherkommenden Front. Diesen Zug wollte die Mutter mit den Kindern kriegen und sie kriegten ihn auch am nächsten Morgen und in diesem Zug gab es Tage später das Marzipanbrot, von dem Milli ihrer Freundin Kitty erzählt hatte. Am Abend standen alle, die damals in dem Haus lebten, zusammen und verabschiedeten sich voneinander. Jan und Anna und Milli auch.
Später, schon auf der Flucht zu Fuß, trafen sie jemanden aus dem Haus wieder, der ihnen sagte, dass die ganze Familie von Anna und Jan in jener Nacht gestorben sei. Die Eltern hätten den Kindern etwas gegeben und dann selbst Gift genommen. So erfüllte sich der Wunsch der Kinder, vor den Eltern zu sterben. Morgens, als Milli und Mutter und Bruder aus dem Hause gingen, lagen sie schon tot in ihrer Erdgeschosswohnung. Sie wollten den Russen nicht in die Hände fallen und hatten keine Kraft mehr, weiter zu fliehen, sagte die Mutter und dann dachte Milli an Schura, die 17-jährige Fremdarbeiterin, die im Haus bei einer Frau wohnte und die sie schon einmal nachts vor freigelassenen randalierenden Polen beschützt hatte. Schura war an diesem Abend völlig außer sich, weinte und schrie, als sie das entfernte Trommelfeuer hörte. Sie hatte vor ihren eigenen näherkommenden Landsleuten eine schreckliche Angst und wollte unbedingt von den Fortgehenden mitgenommen werden. Sie wollte nicht zurück nach Russland. Das konnten die Frauen nicht verstehen, die sie zu trösten versuchten und Schuras Befürchtungen, entweder erschossen zu werden oder nach Sibirien zu kommen, für Hysterie hielten.
Schura hatte manchmal mit den Kindern gespielt, sie war so was wie ein Star bei den Kindern und hatte eines Tages auf alle einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Sie hatte einen vereiterten Zehennagel, der sie sehr schmerzte und den die Frauen mit keinerlei Salbe oder Jod heilen konnten. Sie saß auf einem Hocker mit dem Fuß in einer Wasserschüssel und sagte, sie würde sich jetzt den Nagel herausreißen und bat um eine Zange. Alle Frauen des Hauses standen um sie herum und wollten sie davon abhalten. Aber Schura nahm die Zange, riss den Nagel heraus, begleitet vom tiefen Aufstöhnen der Umstehenden. Daraufhin ging es ihr besser.
Jetzt aber war es warm, es war schon Juni in Rudolstadt und die Gespräche über den Tod wurden vergesssen. Sie flammten kurz wieder auf, als die Russen schon da waren und einen hochrangigen toten Offizier im offenen Sarg durch die Stadt trugen, begleitet von einer wunderbar traurigen Musik. Milli und viele Einwohner standen stumm oder ergriffen an den Straßenrändern.
Manchmal, wenn sie wieder eine Frau mit rot geweinten Augen sahen, sagten sie zueinander, dass sie wohl eben erfahren habe, dass der Mann gefallen sei oder in Gefangenschaft gestorben. Ihre eigenen Väter waren auch nicht da, aber das bekümmerte die Mädchen nicht, sie kannten ihre Väter kaum.

 

6

Rudolstadt
Juli 45
Vergewaltigen spielen

Der Einmarsch der Russen in Rudolstadt schuf eine schon fast vergessene Aufregung unter den Frauen. Die Aufregung und Angst strömte ihnen gewissermaßen aus allen Poren und erfüllte die Atmosphäre mit einem energievollen Kribbeln. Milli kriegte immer mal wieder Gespräche unter Flüchtlingsfrauen mit, die sich gegenseitig beruhigten, oder sachkundig und ein wenig hochmütig zu den eingeborenen Frauen von Verboten oder sicheren Verstecken sprachen. Sie sagten zum Beispiel, dass es nicht mehr so schlimm wie im Mai werden würde, denn eigentlich dürften die Russen nicht vergewaltigen und von manchen Offizieren würden die Vergewaltiger einfach erschossen, wenn sie dabei erwischt würden. Ob es so sein würde, wie beim ersten Mal oder ob das, was im Mai geschehen war, inzwischen wirklich verboten sei, blieb jedoch eine heiß diskutierte Frage.

Die einheimischen Kinder hatten keine Ahnung, was das Wort Vergewaltigung bedeutete und die Flüchtlingskinder wie Milli erklärten es ihnen, erzählten ihnen selbst erlebte und immer weiter ausgeschmückte Geschichten in endlosen Wiederholungen. Manche von ihnen waren wirklich schrecklich. Millis Beitrag war eher von der harmlosen Sorte und wurde in die aus den Geschichten folgenden Spiele einbezogen.
Was genau zwischen den Frauen und den Russen passierte und was der eigentliche Punkt bei der Vergewaltigung war, konnte sie auch nicht sagen, sie war ja nicht unmittelbar dabei gewesen. Sie wusste nur, wie die Frauen damals aus dem Zug in Karlsbad geholt worden waren, in dem sie in diesen Tagen mehr oder weniger wohnten und dass es die Frauen zum Weinen brachte. Sie wollten nicht, was mit ihnen geschah, und darum versteckten sich viele oder beschmierten ihre Gesichter mit Dreck. Allerdings half gerade diese Maßnahme gar nichts, das wusste Milli. Ihre Mutter hatte Glück, weil sie sich in dem Abteil mit Stockwerkbetten im dritten Bett oben hinter Millis kleinem Bruder versteckte und von unten nicht gesehen werden konnte und sie, Milli, bot dieses Glück einer anderen Frau, die hinter ihr oben auf der anderen Seite im oberen Bett lag. Die anderen Frauen in den unteren Betten wurden dann höflich aber rigoros mit den berühmten Worten „Frau komm“ herausgeholt. Milli erzählte dann von dem Gelächter der Männer draußen oder ihrem Gebrüll, wenn eine Frau partout nicht mit dem Schreien aufhören wollte. Dann kam in die Stille mal ein Schlag, mal ein Schuss. Die meisten Frauen waren gegen Morgen ganz still wieder da. Diese Szene spielten die Kinder immer wieder nach, indem sich die Mädchen in den vorgestellten oberen Betten mit allerlei Zweigen oder Blättern bedeckten und die Jungen die unbedeckten Mädchen unter großem Gekreisch hervorzogen oder auch die, die sich nicht gut genug versteckt hatten.

Meistens aber rief jemand: „vergewaltigen spielen!“ Dann stoben alle auseinander oder machten irgendwelche anderen Spiele wie Hüpfen oder Seilspringen. Und wenn sie schon fast vergessen hatten, dass sie „vergewaltigen“ spielten, stürzte plötzlich eine Gruppe von Jungen herbei, rannte hinter einzelnen oder mehreren Mädchen her und jagte sie. Die Mädchen liefen dann mit großem Gekreisch weg und versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Oft gelang das nicht und dann stürzten sich die Jungen auf die Mädchen und versuchten, sie auf den Boden zu schmeißen. Die Mädchen wehrten sich, schrien und kratzten und dann wälzten sich alle auf der Erde oder auf der Straße. Wichtig war bei diesem Spiel, dass es ohne Vorankündigung geschah und es war gleichzeitig aufregend und gruselig. Es war DIE Gelegenheit, bei der Mädchen sich mal richtig prügeln konnten. Selbst die Mädchen, die eigentlich schneller waren als die Jungen, ließen sich aus diesem Grund irgendwann einfangen.

 

7

Rudolstadt
Juli 45
Küssen üben

Als die Amerikaner weg und die Russen schon da waren, fing Milli mit Christian das Küssen an. Zwischen dem, was sie mit Christian tat und dem, wovor die Frauen Angst hatten, gab es irgendeine dünne Verbindung, hinter die Milli aber nicht kam. Milli hatte keine Angst vor Christian, aber dass die Frauen Angst vor den Russen hatten, musste nicht erörtert werden, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Darüber sprach man nicht, das war eben so. Neu war, dass alle vorsichtiger wurden. Weder die Kinder noch die Frauen waren abends alleine unterwegs oder liefen in einsamen Gegenden herum, was sich tagsüber oft nicht vermeiden ließ, weil alle Leute ständig und überall was zu „besorgen“ hatten.

Diese Vorsicht galt auch für Milli und hatte Auswirkungen auf ihren Weg vom und zum Fluss.
Heute lernen Kinder, nur bei Ampeln oder Zebrastreifen über die Straßen zu gehen und nicht einfach irgendwo, wo es ihnen gerade passt. Milli aber ging zum Saale-Fluß weiter über die Bahngleise, über die immer noch Züge fuhren, weil die Strecke kaum zerstört war, und das war gefährlich.
Ein paar Tage nach dem Einmarsch der Russen sah sie sich die Saalewiesen noch einmal genau an, die zu den Treffpunkten der Kinder gehörten und suchte nach neuen eventuell notwendig werdenden Fluchtwegen, die eine mögliche Alternative zu dem dunklen und feuchten, unter der Bahnlinie hindurchführenden Tunnel bilden könnten, vor dem sie sich wirklich fürchtete. Aber eigentlich gab es nur die Gleise oder den Tunnel oder, sehr weit weg, eine Straße über die Gleise.

Und tatsächlich stellten sich ihre vorweg genommenen Überlegungen zu Fluchtwegen einmal als ausgesprochen vernünftig heraus.
Es war ein regnerischer Sommertag und Milli hatte Steinchen in die Saale geschmissen, um sich die Zeit zu verkürzen. Sie wartete auf Christian und das Küssen.

An dem Tag waren keine Russen zu sehen. Aber plötzlich tauchte hinter einem Busch einer auf und packte Milli am Ärmel. Es war ein kleiner pockennarbiger Mongole mit ziemlich krummen Beinen, der genauso aussah wie die Männer, vor denen auf den abgerissenen früheren Kriegsplakaten gewarnt wurde. Milli konnte sich losreißen und der Soldat stolperte, was ihr den entscheidenden Vorsprung gab. Allerdings konnte sie nicht auf den Bahndamm hinauflaufen, der voller Schotter lag. Sie hätte den Vorsprung dort eingebüßt. Sie musste durch den Tunnel rennen, aber zunächst mal zu dem Tunnel überhaupt hinkommen. Der Soldat hatte sich wieder aufgerappelt und keuchte immer näher an sie heran. Milli rannte um ihr Leben und betete, dass sie es durch den Tunnel schaffen möge und dass im Tunnel keine weiteren Russen sein mögen, wo sie oft pissten und kackten. Sie schaffte es durch den Tunnel, hinter ihr hallten seine schweren Schritte, und sie rannte auf das erste Haus hinter dem Tunnel zu, ein Einfamilienhäuschen mit spitzem Dach und offenem Gartentor. Sie bummerte an die Tür, der Soldat war dicht hinter ihr, eine Frau machte sofort auf, Milli fiel ihr in die Arme, die Frau verschloss mehrmals die Tür und beide schauten vorsichtig durch die Gardine auf den Mann, der noch eine Weile vor der Gartentür stehen blieb und sich dann trollte. Nach fünf Minuten sagte die Frau:
– Jetzt kannst du gehen.
Und Milli ging nach Hause, erwähnte den Vorfall aber nicht, um sich kein Verbot einzuhandeln, weiter allein auf die Wiesen zu gehen. Vorerst aber hatte sie andere Pläne, die sich um Christian drehten, der eine Etage tiefer wohnte und noch dürrer war als sie selbst.

Milli mochte ihn nicht besonders, weil er immer hustete und schwach und bleich war. Aber er war eben schon zehn und außerdem hatten sie angefangen, auf seinen Vorschlag hin, küssen zu üben, was etwas war, was Milli noch nicht kannte. Einmal hatte sie ihn nackt gesehen, als sie von ihrem Fenster aus auf den Balkon darunter schaute. Da stand dieses Gerippe mit einem Handtuch in den Händen und schaute seinerseits hinunter auf den Balkon von Klaus und Hanna, mit denen Milli nichts mehr zu tun haben wollte. Christian ekelte sie ein bisschen an. Trotz des heißen Sommers war er käseweiß. Sie erzählte aber ihrer Mutter, dass sie zusammen küssen übten und die Mutter sagte nach einer Weile, ob sie das nicht lieber auf später verschieben könnten, vielleicht mit einem anderen, denn Christian sei lungenkrank, er habe eine TB. Was eine TB war und dass Tuberkulose gefährlich war, wusste Milli, aber ob die Mutter vielleicht mit der Gefährlichkeit dieser Krankheit log, um Milli vom Küssen abzuhalten, wusste sie nicht. Jedenfalls gab es eine gewisse Parallelität zwischen dem Einmarsch der Russen und dem Plan, küssen zu üben. Der Plan entstand noch bei den Amerikanern, aber als sie ihn umsetzen wollten, waren die Russen schon da und das machte die Ausführung eben schwieriger. Es konnte nur auf den Saalewiesen stattfinden.

Es musste jedes Mal erst erkundet werden, ob die Gegend sicher war. Die Wiesen waren bald voll mit Russen, die in der Saale ihre kleinen ausdauernden Pferde tränkten und sie bisweilen ziemlich brutal mitsamt den Panje – Wagen von einem Ufer zum anderen trieben. Vielleicht fing die Küsserei aber auch bei den Amerikanern schon an, wurde durch den Einmarsch der Russen unterbrochen und setzte sich dann auf dem warmen Schotter des Bahndamms fort, mit Blick auf das Panorama der meist auf den gegenüber liegenden Wiesen lagernden Russen, die, ganz anders als die Amerikaner, kollektiv von der Umgebung Besitz ergriffen: Sie machten Feuer, brieten irgendwas, tranken ziemlich viel und sangen mehrstimmig.

Allmählich traute sich auch die Mutter wieder an den Fluss, in dem man damals noch schwimmen konnte und Milli, die das gut konnte, schwamm zwischen den Pferden, auf denen die Russen saßen, hin und her. Einmal trieben sie Milli auf einen Strudel zu, aus dem sie nach viel Gestrampel wieder herauskam, aber im allgemeinen waren sie freundlich und lachten sie an. Und weil viele Kinder und Frauen unterwegs waren, das Wetter schön und warm war und russische Offiziere immer in Sichtweite, hatte niemand mehr Angst.

Das Küssen war dann eher eine Enttäuschung. Zuerst berührten sich ihre trockenen Lippen, bis Christian sagte, man müsse sich die Zunge gegenseitig in den Mund stecken, was sie auch taten und dabei entsetzlich sabberten. Sie waren beide von dem Vorgang nicht besonders beeindruckt, deswegen dachten sie, etwas falsch zu machen und übten weiter. Sie umarmten sich später auch dabei und streichelten sich, weil Christian meinte, dass der Fehler in der mangelnden Umarmung liegen könne. Eine zeitlang, vielleicht eine Woche oder zwei, gehörte das Küssen zu Millis regelmäßigen Nachmittagsbeschäftigungen, obwohl sie gleichzeitig einen gewissen Widerwillen gegen Christian hegte.

Nachdem ihre Mutter eine goldene Uhr an einen Gastwirt verkauft hatte, der auch Russen beköstigte und vor allem mit Bier und Schnaps versorgte, konnten sie dort zur Mittagszeit ein paar Wochen lang essen.

War die Kneipe leer oder saßen dort nur ein oder zwei Russen vor Biergläsern und Schnapsflaschen und Salzfässern, aus denen sie reichlich in die Getränke schütteten – bisweilen kam auch noch Kölnisch Wasser dazu – konnten ihre Mutter, der kleine Bruder und sie am Tisch sitzen. Sie aßen immer sehr schnell, weil die Mahlzeit jederzeit unterbrochen werden konnte, wenn einer der Suffköpfe plötzlich die Anwesenheit von Deutschen nicht mehr ertrug. Das war vielleicht ein übers andere Mal der Fall. Derjenige stand dann auf, nahm die Mutter, die noch schnell den letzten Bissen in sich hineinschlang, beförderte sie mit einem Fußtritt vor die Tür, machte mit Milli das gleiche, normalerweise aber sanfter als mit der Mutter, und trug dann, wie besoffen auch immer derjenige sein mochte, mit großer Zärtlichkeit den kleinen blonden Bruder nach draußen, setzte ihn vorsichtig in den Straßengraben und steckte ihm oft noch Geld, nach ihrer Erinnerung später war es Besatzungsgeld, oder etwas zu essen zu. Manchmal machten Milli und ihre Mutter schon Wetten, ob sie diesmal wohl zu Ende essen könnten.

War die Kneipe aber schon voll, oder waren die wenigen Soldaten darin schon abgefüllt, dann gingen sie gleich nach hinten in den schmalen Gang zur Küche, wo sie nicht gesehen werden konnten und im Stehen und mit dem Teller in der Hand ihr Essen herunter schlangen, immer angetrieben von dem Wirt, der die Gaststube und sie dabei im Auge hielt, denn die Situation konnte jederzeit eskalieren. Manche Russen schmissen jedes ausgetrunkene Bierglas nach hinten an die Wand, wobei der Wirt jedes Mal fluchte, er hatte kaum mehr Gläser. Lieber waren ihm die, die immer wieder ein neues Glas verlangten und die ausgetrunkenen Gläser vor sich auf dem blanken Holztisch sammelten und kunstvoll aufbauten.

Siebzehn Gläser zählte Milli einmal, als sie ihre Mutter beim Eintritt gleich Richtung Küche zog, obwohl die Stube bis auf den einen, der vor diesen Gläsern saß, sonst noch leer war.
Als der Gegenwert der Uhr aufgegessen war und nichts mehr zum Tauschen blieb, sagte die Mutter eines Tages, dass sie versuchen würden, nachts über die Militärgrenze zu den Engländern zu gelangen. Das war gefährlich, oft wurde dabei auf die Flüchtenden geschossen oder die erwischten Frauen wurden vergewaltigt. Aber sie wollten es probieren.
Um ihre Eltern zu suchen, war die Mutter einmal in dieser Zeit auf einem Kohlentender nach Berlin gereist. Um die Kinder kümmerte sich eine Frau, Tante Helga, die Milli später im niedersächsischen Dorf Rohrsen wieder treffen sollte. Als die Mutter zurückkam, brachte sie die Nachricht mit, dass ihre Eltern lebten und sie wusste auch, an welcher Stelle sie den Übergang in die englische Zone versuchen wollten. Sie marschierten stundenlang wie es schien, nachts auf Eisenbahnschwellen, über Brücken, unter denen das Wasser floss und wenn ein Zug kam, mussten sie sich ganz schmal und lang ausgestreckt an den Bahndamm legen und all diese Märsche mussten schweigend passieren. Sie kamen zu Baracken und Kohlehalden, hinter denen sie sich Wache schiebende Russen versteckten. Einmal gab es eine brenzlige Situation, als sie fast entdeckt wurden, aber versteckt hinter einem Kohlenberg, traf sie nicht der Strahl der Taschenlampe und die Schritte und das STOIJ – „Halt“ verhallten. Vielleicht guckten die Wächter auch extra weg. 

Jahrzehnte später las sie das Buch von Marie Marcks „Marie, es brennt“, in dem sie die Geschichte ihrer Flucht an offenbar der gleichen Stelle erzählte und gezeichnet hat und Milli hatte das Gefühl, diese Frau, damals noch ganz jung, dort in der gleichen Nacht getroffen haben zu können.

Irgendwann waren sie dann zusammen mit anderen Grenzgängern in einer Baracke auf der englischen Seite und wurden nacheinander mit weißem Puder zwangsweise entlaust. Kinder, Frauen, Männer, alle mussten sich gerade vor die Person mit dem großen Trichter stellen, Milli kam sie so groß vor, wie ein Megafon, und dann wurde ihnen ein Schwall vorne in die Unterhosen und den Halsausschnitt gestäubt, sie mussten sich umdrehen und eine zweite Ladung kam in den Nacken. Manche kamen auch kahlrasiert wieder aus einer Entlausungsanlage und alle stanken entsetzlich nach diesem Pulver, das noch im weiten Umkreis die Sicht vernebelte.

Christian hatte sie nicht sagen dürfen, dass sie „wegmachten“ wie das damals hieß.
Und so blieb ihr erster Kussfreund ohne Abschied zurück und es sollte Jahre dauern, bevor sie auf diese alten Erfahrungen wieder zurückgreifen würde.

 

8

Rohrsen
Herbst 45
Butter teilen 

In einem Bauernhof hatten Milli, ihre Mutter, ihr Bruder und Tante Helga, mit der sie „über die Grenze gemacht“ hatten, ein Zimmer bekommen. Im Dorf waren englische Soldaten stationiert und Milli lernte von ihrer Mutter das englische Lied, das diese noch aus ihrer Schulzeit kannte:
Twinkle, twinkle little star, how I wonder what you are.
Dieses Lied übte Milli mit anderen Kindern ein und sie sangen es manchmal vor dem Haus, in dem die Soldaten wohnten, machten damit aber keinen besonderen Eindruck.
Woran sie sich später immer erinnerte aus dieser Zeit, war das Fahrradfahren. Sie kannte ein paar Kinder von einem großen Bauernhof, die das schon konnten. Es waren große Räder, für Kinder gab es noch keine. Milli durfte sich an einem Herrenfahrrad ausprobieren und musste ihr Bein unter der Stange durchstecken und es war schwer, das Gleichgewicht zu halten und mit vielen Stürzen verbunden.

Einmal war sie dabei, wie die Mutter der großen Familie diese zusammenrief und sagte, sie habe ein Stück Butter bekommen und würde es nun an ihre Kinder verteilen. Das halbe Pfund wurde in 10 Stücke geteilt. Butter war eine Sensation. Mit zusammengesteckten Köpfen achteten alle darauf, dass diese Portionen gerecht zerteilt an die Kinder gegeben wurden. Einige hoben das Stück auf, andere beschmierten sofort eine halbe Brothälfte damit und aßen sie. Außerdem durfte Milli dabei sein, als der Bauer in dem Haus, wo Milli wohnte, ein Kaninchen schlachtete. Ihre 28-jährige Mutter hatte irgendwo ein Ferkel organisiert, dass sie selber schlachten musste. Vielleicht half ihr auch der Bauer. Aber die Mutter verbot Milli, dabei zu sein. Dieses Ferkel wurde eingepökelt und half ihnen später über den Winter in Solingen. Noch in Rohrsen trafen sie auf den Vater, der über Umwege, Bekannte, Großeltern oder andere Leute erfahren hatte, dass seine Familie vermutlich dort gestrandet sei. Eines Nachts – es war Ausgangssperre – hörte Millis Mutter einen bestimmten Pfiff in der Nähe, der sich wiederholte, näherkam, weiter weg ertönte, wieder näherkam, ein Pfiff, der zwischen ihr und ihrem Mann früher als Erkennungszeichen gedient hatte. Und tatsächlich hatte der Vater auf diese Weise schon viele Häuser in dem Dorf angepfiffen, bis die Mutter aufstand und sich fragte, ob es wirklich wahr sein könne, ob dieser Pfiff ihr gelten könne. Milli kannte diesen Vater kaum und blieb auf Distanz.

Der Vater kam aus amerikanischer Gefangenschaft und das war das Ende der friedlichen Zeit mit Mutter und Bruder.

 

9

Solingen
1946
Der Anzugstoff

Milli war 1946 schon 9 Jahre alt. Damals wohnte sie mit Mutter, Bruder und Vater in zwei klammen und vom Schimmel befallenen Zimmern im Erdgeschoss des von der Familie so getauften „Schmidt ́schen Schlosses“, einem windschiefen, zweistöckigen Schiefernhaus in Solingen. Im Winter waren die inneren Wände vereist und selbst die Mäuse, von denen es viele im Haus gab, rutschten davon ab. Das Plumpsklo war draußen in einem Herz- Häuschen. Aber es war ein Fortschritt gegenüber der vorherigen Wohnung, in der sie nur ein zugewiesenes Zimmer bei der von ihnen so genannten Schneegans hatten. Die Frau war zänkisch, aber wahrscheinlich war es auch für sie nicht leicht, plötzlich in ihrer 3- Zimmerwohnung noch eine ganze Familie unterbringen zu müssen. Am Anfang dieser Geschichte stand Milli am Fenster und hauchte gegen die Scheibe mit den Eisblumen. Durch das so geschaffene Loch beobachtete sie einen Mann in der Nähe der Haustür, der ihre Aufmerksamkeit erregte. So eine Art Mann war etwas Neues im damaligen Deutschland, egal welcher Zone. Spontan ordnete Milli ihn am ehesten der französischen Zone zu. Er trug ein Menjou-Bärtchen, hatte stramm mit Pomade nach hinten gekämmte schwarze Haare und trug wirklich und wahrhaftig einen weißen Anzug. 1947! Im Winter! Außerdem war er nicht klapperdürr, wie alle anderen in dieser Zeit. Jedes dieser Merkmale war Grund genug, auf den Mann zu starren und sich Gedanken über ihn zu machen. Bei genauerem Hinsehen sah er übrigens nicht ganz so reich aus wie auf den ersten Blick, die Schuhe wirkten abgetreten, aber dennoch war er irgendwie exotisch und aufregend. Über seinem Arm hing ein großes, in Papier eingeschlagenes weiches Paket. Die Leute schleppten in dieser Zeit immer etwas: auf dem Rücken, in den Händen, auf den Armen. Dass der Mann das auch tat, war normal und zeichnete ihn trotz seiner extravaganten Erscheinung doch als von dieser Welt aus.

Die Blicke von Milli am Fenster und die des Mannes begegneten sich. Er lächelte ihr zu, schaute von oben bis unten die Reihen der Fenster durch, drehte sich um, machte dasselbe mit den Häusern auf der anderen Straßenseite und ging dann entschlossen auf die Haustür zu, indem er Milli zu verstehen gab, sie zu öffnen.

Später fragte sie sich, ob er auf jeden Fall an ihrer Haustür geklopft hätte oder nur deswegen, weil er sie am Fenster gesehen hatte. Jedenfalls stand sie ihm bald an der geöffneten Tür gegenüber und sah ganz deutlich dieses schmale schwarze Bärtchen, das von Weitem wirkte wie ein Strich und erst von Nahem einzelne Härchen erkennen ließ. Er lächelte Milli an und zeigte dabei für einen Erwachsenen unwahrscheinlich weiße Zähne. Die Hosenbeine warfen über den hellen, abgetragenen Schuhen eine elegante Falte, die dadurch zustande kam, dass sich die Stoffkante an den Schuhen gewissermaßen brach. Diese Falte stürzte als Zeichen von Überfluss in Millis Welt und blieb für sie immer mit der Essenz von Eleganz verknüpft. Sie starrte auf diesen weißen Stoff, der eingeknickt auf den hellen, abgetragenen Schuhen lag, dann ging ihr Blick wieder hoch an den ziemlich kurzen, stämmigen Beinen dieses Mannes, um dessen Oberschenkel der Stoff nicht flatterte, sondern eher anlag, verweilte kurz auf dem Papierpaket, an dem sich jetzt seine dicken Finger zu schaffen machten und dann sah sie ihm in die Augen und hielt dabei die Tür fest, bereit, sie jederzeit wieder vor seiner Nase zu schließen.
Milli hatte nicht gerade Angst und ihr schossen auch keine Warnbilder in den Kopf, wie etwa die, niemals Fremde in die Wohnung zu lassen, aber sie war vorsichtig. Der Typus war ihr als „Der Feind“ vertraut mit seinem Bärtchen und dicken Schenkeln, dem Weichen, Untersetzten. Deutsche Männer sahen so nicht aus.

So einen wie den hatte sie noch nie gesehen. Sie verglich ihn mit den ersten Amerikanern vor einem Jahr, mit ihrer Schlaksigkeit, ihrem Lachen und den Geheimnissen ihrer Taschen und Paketchen, in denen alles Essbare, sei es auch noch so klein, immer extra eingepackt war. Der hier war ganz anders. Er war auf keinen Fall zackig, wie der eigene Vater, nicht sportlich, wie die Amerikaner, nicht kühl, wie die Engländer oder direkt und verständlich wie die Russen, vor denen man sich fürchten konnte, mit denen man aber auch lachen konnte. Milli hatte immerhin schon Erfahrung in allen vier Zonen. Der hier war ein typischer Fall von verweichlicht. Diese Art von Vokabular kannte sie aus ihrer Familie. Später dachte sie, dass der Mann an der Tür einer der vielen displaced persons gewesen sein musste, der DP ́s, wie sie genannt wurden, die vielfach mit Haustürgeschäften versuchten, über die Runden zu kommen.

Wer zu jener Zeit an die Tür kam, wollte etwas zu essen, hatte etwas zum Tauschen oder – seltener – eine Nachricht von entfernt wohnenden Verwandten zu bringen. Man hörte sich zumindest erstmal das Anliegen an, denn oft erfuhr man dadurch verwertbare Neuigkeiten. Das Essen bei Milli war knapp und zum Tauschen gab es auch nichts mehr. Das letzte Schmuckstück, das über eine Tante an sie gekommen war, war längst versetzt. Dafür hatten sie einen Sack gelber Erbsen bekommen und Erbsen aßen sie im Winter 46/47 jeden Tag, wie Woyzek. Sie aßen immer die Erbsen, die zwei Tage vorher aufgesetzt worden waren, und die es auch am nächsten Tag wieder geben würde, während in einem anderen Topf die neu angesetzten einweichten, weil sie so hart waren, dass es zwei Tage brauchte, bevor sie genießbar wurden. Nur sonntags gab es etwas anderes, nämlich Steckrüben und manchmal gab es Kartoffeln dazu und ein bisschen was des von der Mutter geschlachtetem eingepökelten Schweins.

Der Luxusmann an der Tür wollte nicht betteln, das wurde Milli ziemlich schnell klar. Er wollte tauschen oder verkaufen. Der ihr anerkennend zulächelnde Mann sprach sie mit einem Mischmasch aus englisch, französisch und deutsch an. Er behandelte sie höflich, wie eine Erwachsene und knotete dabei an den Bindfäden des weichen Pakets herum. Dabei kam er sehr dicht an sie heran. Was englisch ist, erkannte sie und was französisch ist, sprach sich auch herum. Millis Herz klopfte vor Aufregung, weil sie das Kauderwelsch verstand. Er fragt, ob ihre Mutter da sei.
Milli fragt daraufhin “Why?” Warum?
Ihr erster Life-Dialog in einer fremden Sprache.
Sie wollte dem Mann gerne zeigen, dass sie ein weltläufiges Mädchen war, dass sie schon viele Nationalitäten kennen gelernt hatte und darum verstehen konnte, was er sagte.
Er fragte sie wieder, ob sie allein zu Hause sei und ob er hereinkommen könne. Milli wollte den Mann noch ein bisschen allein für sich haben und antwortete ausweichend, woraufhin er ganz in den Hausflur kam und hinter sich die Tür zuziehend Milli immer näher rückte. Das war ihr nun doch unheimlich und so gab sie überstürzt zu, dass die Mutter da sei. Vielleicht glaubte er ihr nicht. Er wurde nun geschäftlich und wollte Madame, die Mutter, sehen. Vielleicht wollte er auch nur überprüfen, ob Milli ihn mit der Anwesenheit der Mutter anlog. Sie war zwar im Haus, befand sich aber vermutlich zum Wäsche aufhängen im Dachgeschoss und hatte wahrscheinlich bisher nicht bemerkt, dass Milli jemandem die Tür geöffnet hatte.
– Da wird sie mich auch nicht hören, wenn ich sie rufe, dachte Milli in plötzlicher Panik.
Was er zu verkaufen habe, fragte sie nun tapfer.
Sie sagte„What…“ und fuhr dann deutsch fort. Sie guckte möglichst neutral auf sein Paket und dachte dabei, dass sie ihre Angst nicht zeigen dürfe.
Er habe einen sehr guten Stoff, sagte der Mann. Einen Anzugstoff für den Vater. Dabei kam er wieder etwas dichter an Milli heran und fummelte am Bindfaden des Pakets.
– Habe sie noch einen Vater?
– Ja.
– Dann sie können gebrrrrauchen sehrr guten Stoff.
Er sah an sich herunter und schlenkerte mit den Beinen, so dass seine hellen Hosenbeine auf seinen Schuhen nach oben und unten wippten und der Gesamteindruck unwahrscheinlich kostbar war.

Die Haustür war längst geschlossen und beide hatten in der letzten Minute einige Meter in die Mitte des Flurs zurückgelegt. Er kam dicht an Milli heran, die ging entsprechend zurück, er folgte. Endlich schob er ein Stück Papier von seinem Paket zur Seite und Milli konnte Stoff erkennen, einen hellgrauen Anzugstoff mit einem feinen grauen Karomuster. Ihre Fantasie überschlug sich. Sie könnte dem Vater zu einem Anzug verhelfen! Aus einem Stoff, der nicht knittert, wie der Mann gerade bewies, indem er ihn in der Hand knautschte. Sie sollte es auch fühlen und der Mann nahm ihre Hand, wobei er vorher über ihren Körper strich und führte sie dann zur Qualitätskontrolle über den Stoff. Ihre Hand blieb in seiner. Der Vater hatte nichts anzuziehen, sondern nur eine mehrmals geflickte und gefärbte alte Militärhose, die immer wieder Anlass zu Gesprächen gab, mit dem immer hoffnungslosen Ergebnis, dass es unmöglich sei, Stoff zu bekommen ohne Beziehungen und ohne etwas zum Tauschen zu haben. Diesen Mann durfte sie nicht wieder gehen lassen, bevor sie nicht den Stoff hatte. So eine Gelegenheit, das wusste Milli und das wusste auch der Mann, würde nicht noch mal kommen. Er spürte ihre Gier und kam mit einer Lage Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger noch näher an sie heran. Dabei fragte er über ihre Schulter wieder nach Madame und drängte Milli gleichzeitig, den nun völlig aus dem Papier gelösten Stoff selbst am Körper zu fühlen. Er schickte sich an, den Stoff vor ihren dünnen Körper zu halten. Sein Körper, so fühlte sie, wird ihren gleich von oben bis unten berühren. Sie würde gleich in einer Ecke stehen und er würde sie erdrücken. Wieder rückte sie ab von ihm, mehr in die Mitte des Flurs und hörte erleichtert eine Bewegung von oben.

Milli drehte sich energisch um und ging vor dem Mann her in die Wohnküche, in die nun auch die Mutter kam.
Natürlich wieder mit einer Schüssel, aus der sie, wie Aschenputtel, jeden Tag Erbsen auslas. Die schwarz verfaulten wurden entsorgt. Die Mutter konnte noch etwas englisch und französisch aus ihren Mädchentagen, viel besser als Millis war ihr Englisch auch nicht, denn sie konnte der Unterhaltung ohne weiteres folgen. „Yes“ „No“ „What“ „Why“. Außerdem wusste Milli ja schon, was der Mann wollte: Einen Stoff, den er loswerden möchte, der Vater hat keine Hosen, geschweige denn einen Anzug.

Die Mutter schien unschlüssig, was Milli unbegreiflich vorkam. Sie musste doch wissen, dass diese Gelegenheit, einmal verpasst, nicht wiederkommen würde. Wahrscheinlich war der Stoff gestohlen. Das konnte sich sogar Milli denken. Der Mann spürte das Wohlwollen der Tochter, das nun, in Anwesenheit der Mutter, wieder ganz bei ihm war. Er entfaltete die Schönheit des Stoffes auch vor der Mutter. Er legte das Verpackungspapier auf den Küchentisch und warf mit einem eleganten Schwung den Stoff über Millis Schulter, so dass er vorne über ihren dünnen Körper fiel und sie fast bis zu den Schuhen bedeckte. Der Stoff roch neu, was Milli registrierte und zu dem ihr einfiel, dass sie so einen Geruch schon lange nicht mehr gerochen hatte. Der Mann pries die Vorzüge des Stoffes, seine Qualität, Farbe und Festigkeit, unterstrich das mit den Gesten der rechten Hand, in der er eine Lage des Stoffes hielt, die dadurch immer in Bewegung war und schaute dabei auf die Mutter neben der Tür. Die andere Hand lag zwischen zwei Stofflagen auf Millis Bauch, um den Stoff am Rutschen zu hindern und ein Finger seiner Hand suchte und fand zwischen den Stofflagen den Weg zu ihren Beinen. Dort blieb der Finger und stieß immer wieder ein wenig nach und tiefer, wobei der Blick des Mannes nicht von der Mutter wich und er auch nicht aufhörte zu reden, den Stoff anzupreisen und auf den außerordentlich günstigen Preis hinzuweisen.
Zwanzig Mark würde er kosten und er würde reichlich sein für eine Hose, ein Jackett, eine Weste und vielleicht würde sogar noch etwas übrig bleiben für einen Rock für Madame. Die Mutter war nun interessiert, das stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber sie hatte kein Geld. Sie hatte nie Geld vom Vater, seit er aus dem Krieg zurückgekommen war, das wusste Milli. Die Mutter fürchtete neuerdings auch, etwas falsch zu machen, wenn sie selbst entschied. Die Zeiten, als die Mutter alleine auf dem Kohlentender Abenteuer erlebte, waren vorbei. Jetzt hatte sie den Vater genauso nach allem zu fragen wie Milli. Sie bat also den Mann, am Abend wiederzukommen, sie werde in der Zwischenzeit das Geld besorgen und dann sei auch ihr Mann da. Dieses Ansinnen aber lehnte der Mann mit Nachdruck und kategorisch ab.
– Jetzt mache er das Angebot oder nie. Viele würden sich darum reißen (was stimmte),
– Sie habe die Chance jetzt und die habe sie nur jetzt und sie müsse sich sofort entscheiden.
Er kannte diesen Typ Frau und nützte ihre Unsicherheit durch Autorität aus. Dabei strich er weiter mit der rechten Hand, in dem er den Stoffzipfel hielt, über Millis Körper, was den Eindruck dauernder Bewegung schuf und gleichzeitig verbarg, dass er mit dem Finger der anderen Hand Zugang zu ihrer Möse suchte. Mit jeder Fingerbewegung wich Milli einen Schritt zurück, wobei der Mann geschmeidig folgte und ihr Zurückweichen nicht wie Flucht aussehen ließ. Dabei unterbrach er nicht eine Sekunde lang seinen Redefluss. Milli wollte den Finger loswerden aber gleichzeitig den Stoff für ihre Familie sichern. Sie zwang sich, möglichst normal auszusehen, denn sie wusste, würde sie sagen, was der Mann da machte, wäre es AUS mit dem Anzug für den Vater.

Sie führten eine Choreographie auf, die sie einmal ganz um den Küchentisch führte, ein Gang, der die ahnungslose Mutter zum Lachen brachte, weil sie es komisch fand, wie ihre Tochter, dekoriert wie eine Schaufensterpuppe aus Vorkriegstagen, rückwärts um den Tisch lief, dicht gefolgt von dem Mann, der sie immer wieder ein bisschen drehte, damit der Fall des Stoffes der Mutter auch ja nicht entging.
Jedenfalls war sie jetzt überzeugt, dass der Anzugstoff verloren wäre, würde sie noch länger mit dem Kauf warten. Sie musste sich aber das Geld von der Nachbarin im ersten Stock borgen.
– Ja, tun sie das, Madame, sagte der Menjoubärtige und versuchte, den Finger tiefer zu stecken und gleichzeitig die untere der beiden Stofflagen so über seine Hand gleiten zu lassen, dass die Hand frei wurde und er den Finger direkt, zwischen Millis Unterhose hindurch, in ihre Möse stecken konnte. Das sah Milli irgendwie kommen. Sie fühlte es kommen. Sie hoffte, dass die Nachbarin das Geld hatte und die Mutter sich nicht noch da oben festquatschten würde. Sie hoffte, bis zum Abschluss des Anzuggeschäfts durchzuhalten. Sie wollte es auf keinen Fall gefährden, denn, wie der Mann nicht müde wurde zu erklären: eine solche Gelegenheit mit einer solchen Qualität für diesen Preis käme nicht wieder.

Er hatte einfach recht, musste Milli zugeben, während sie die Richtung, rückwärts um den Küchentisch, stur beibehielt. Kaum war die Mutter nämlich weg, machte er genau das: mit einem Ruck und ohne weitere Vorsicht ließ er den Stoff über seine dicke Hand fallen und steckte den Finger direkt in ihr Höschen, was sie abzuschwächen suchte, indem sie ihre zweite und dritte Runde um den Tisch rückwärts antrat und er ihr dabei folgte. Beide wussten jetzt voneinander, was sie taten. Es war ein stummer Machtkampf. Er würde sie nicht loslassen, bevor er das Geld hatte und er wusste, dass sie den Stoff haben und stumm aushalten würde. Sie bewegten sich langsam um den Tisch, Milli rückwärts, der Mann vorwärts.
Beide horchten auf die Schritte der Mutter, die mit dem Zwanzigmarkschein in der Hand ziemlich schnell wieder in die Küche kam, für einen Moment irritiert auf den Mann und Milli schaute und sich vielleicht darüber wunderte, warum der Stoff nicht längst wieder zusammengelegt im Papier lag. Milli wand sich unter der Stoffbahn durch. Der Mann strich den Stoff glatt, besonders die Stelle, die die Ausbuchtung des Fingers hatte, aber über den anderen Lagen nicht zu sehen war und legte ihn schön zusammengefaltet wieder in das Papier.
Er nahm das Geld entgegen, überreichte mit einer eleganten Verbeugung das Stoffpaket der Mutter, wünschte Monsieur einen schönen Anzug, blinzelte Milli zu und entfernte sich.
Einige Stunden später kam die Polizei. Zwei Beamte wollten wissen, ob ein Mann, auf den die Beschreibung passte, in der Wohnung gewesen sei. Irgendjemand hatte ihn in der Nähe gesehen und meinte, auch Milli mit ihm an der Tür stehend gesehen zu haben. Mutter und Tochter reagierten ähnlich: alles abstreiten. Der Stoff war gestohlen, und wenn die Polizei erführe, dass sie ihn gekauft hätten, müssten sie den Stoff wahrscheinlich abgeben und die zwanzig Mark wären sie auch los und das Theater, das der Vater dann machen würde, wäre um ein Vielfaches schlimmer als die möglichen Konsequenzen, die es hätte, die Polizei zu belügen.
– Ja, er sei an der Tür gewesen und wollte was verkaufen, sei aber gegangen.
– Wer aufgemacht hätte?
– Milli.
– Ob er was gemacht hätte mit ihr?
– Wie gemacht?
– Naja, so, angefasst….Sie wissen schon…
– Nein.
– Nein?
– Nein.
– Ob er was gesagt hätte?
– Das habe sie nicht verstanden. Er habe verschiedene Sprachen gesprochen.

Zur Mutter sagten sie dann leise, aber Milli verstand sie doch, dass sie den Mann wegen Unzucht suchten. Er habe sich am Morgen an drei Schwestern, drei kleinen Mädchen, zwei Straßen weiter, sexuell vergangen.
– Mein Gott, sagte die Mutter. Ein Glück, dass ich zu Hause war.
Nach dem Stoff fragten sie nicht. Wahrscheinlich wussten sie nichts darüber. Sie schauten noch einmal auf Milli und verschwanden. Die Mutter erklärte Milli in groben Zügen, dass der Mann schlimme Sachen gemacht habe und wie froh sie sei, dass sie zu Hause gewesen sei. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre sie, wie ursprünglich geplant, zu einer Bekannten gegangen. Hieraus folgte die Ermahnung, keinen Fremden in die Wohnung zu lassen.

Für den Vater wurde der Anzug aus dem schönen Stoff maßgeschneidert. So einen Anzug fand man weit und breit nicht. Der Vater sah darin fantastisch aus, weil sein schwarzes Haar mit dem hellen neuen Grau kontrastierte. Auch bei ihm wippten die Aufschläge der Hosenbeine auf den alten, aber geputzten Schuhen. Die Schuhe zu wienern war Millis Aufgabe. Sie mussten solange gerieben werden, bis das alte brüchige Leder wenigstens ein wenig glänzte. Jedesmal gab es Gebrüll vom Vater und Tränen von Milli, weil sie es nicht gut genug machte. Aber immer, wenn sie ihn in dem Anzug sah, fühlte sie Stolz – noch nach Jahren. Irgendwie war das auch ihr Anzug. Es hatte sich doch gelohnt, durchzuhalten. Sie freute sich auch, wenn sie ihren nichtsahnenden Vater in diesem Anzug betrachtete, weil er nicht einmal wusste – und wenn er es wüsste, den Anzug nicht trüge – dass der Stoff, den die Mutter gekauft hatte, geklaut war.

 

10

Holtorf
1946
Bettgeflüster

Bis zur Mitte des Jahres 1946 verlief das erotische Leben für Milli ereignislos. Das änderte sich, als sie wegen Unterernährung für sechs Monate bei Bauern in einem niedersächsischen Dorf aufgenommen wurde. Das hatte Tante Helga arrangiert, die mit Mutter, Bruder und Milli im Mai 1945 durch Thüringen nach Rudolstadt und später über die Grenze zu den Engländern gelaufen war. Jetzt arbeitete Helga als Magd bei den Bauern, die Milli ein wenig aufpäppeln sollten.

Zwischen der neuen städtischen Magd und der Bäuerin, die Milli „Tante Sophie“ nennen sollte, aber nicht wollte – sie wollte lieber „Frau Beermann“ sagen, fügte sich dann aber -, stand es nicht zum Besten, das war Milli sofort klar. Vielleicht war es daher auch reine Schikane von der Bäuerin, die im Haus das Sagen hatte, Milli nicht nur in der gleichen Stube, sondern auch im gleichen Bett unterzubringen wie Helga, ein nicht besonders großes, hölzernes altes Bauernbett mit durchgelegenen Matratzen.

Die pure Anwesenheit von Milli vermieste nämlich Helgas und des Bauern Nächte. Auf dem Land gingen alle früh ins Bett. Immer wieder gab es Stromsperren und Kerzen waren rar. Fernsehen gab es noch nicht und Radios hatte praktisch niemand auf dem Dorf, also gingen alle ins Bett, sobald es dunkel wurde. Helga wusch sich abends gründlich und bürstete ihr blondes, halblanges Haar, das seitwärts in Rollen eingelegt oder mit einem Kamm an jeder Seite hochgesteckt war. Sie roch immer frisch, wenn sie ins Bett kroch und Milli nachdrücklich aufforderte, bald einzuschlafen. Milli kriegte aber bald mit, dass diese Ermahnung nicht aus Sorge um ihre Gesundheit geäußert wurde, sondern aus Furcht um den Verlauf des eigenen Abends von Helga. Bald klopfte es nämlich leise ans Fenster, Helga schlüpfte aus dem Bett und stülpte das Federbett so um Milli, dass sie nicht über dieses hoch getürmte Gebirge zum Fenster sehen konnte, ohne den Kopf zu heben.

In der ersten Nacht, als sich alles noch nicht eingespielt hatte und Milli noch nicht wusste, dass von ihr erwartet wurde, die Angelegenheit möglichst zu ignorieren, saß sie nur Minuten, nachdem Helga das Fenster geöffnet hatte, schon aufrecht im Bett und guckte. Helga in ihrem weißen, vorne weit aufgeknöpften Flanellnachthemd mit den Rüschen, beugte sich weit nach vorn über das niedrige Fensterbrett. Dort lag der Arm des Bauern, seine Hand war mit Helgas Hand verschränkt und selbst im Mondlicht war zu erkennen, dass auch sein Gesicht, frisch gewaschen und glänzend, schief grinsend zu Helga aufblickte.

Offenbar kniete er draußen im Garten vor dem niedrigen Fenster, was eine komische Vorstellung für Milli war. Dann setzte sich der Bauer auch auf das Fensterbrett und Helga schwang ihre Beine auf die Gartenseite und sie und er küssten sich – sie machten das viel langsamer als Milli das selber schon in Rudolstadt geübt hatte, stellte sie interessiert fest und dabei strich seine Hand über Helgas Brüste und dann auch sein Mund und er gab merkwürdig grunzende Laute von sich und Helga kicherte leise. Irgendwann öffnete der Bauer, der auch von Milli nur „Bauer“ genannt werden durfte, die Augen und starrte direkt auf Milli. Seine Hand fiel von Helgas Brust, Helga starrte wütend auf Milli, beide fluchten leise. Milli wurde in die Kissen zurück gehuscht, es gab einen kleinen geflüsterten Wortwechsel zwischen Helga und dem Bauern, das Fenster wurde geschlossen, Helga kam ins Bett und forderte Milli streng auf, endlich zu schlafen und über das, was sie gesehen hatte, Stillschweigen zu bewahren.
– Ob Milli das versprechen würde?
– Ja
– Nichts zur Bäuerin darüber, nichts zu anderen Leuten
– Versprochen.
Später, als Helga dachte, dass Milli schlief, schlich sie wieder zum Fenster und kletterte hinaus und als sie wiederkam, roch sie anders. Das war dann immer so, dass ihr Geruch sich da draußen änderte. Um aber weitere Komplikationen zu vermeiden, tat Milli in allen folgenden Nächten – und sie schlief ein halbes Jahr zusammen mit Helga im selben Bett – als schliefe sie, und meistens schlief sie auch bald ein, nachdem sie das leise Klopfen gehört hatte.

Sie ärgerte sich darüber, denn sie nahm sich jeden Abend vor, wenigstens einmal so lange wach zu bleiben, bis sie Helga nachschleichen und feststellen könne, worin dieser Geruchswandel seine Ursache habe. Aber jedes Mal schlief sie schon bei den Grübeleien darüber ein.

Diese Grübeleien führten irgendwann dazu, dass sie sich fragte, ob das, was Helga nachts da draußen – zum Glück war es Sommer – mit dem Bauern tat, das berühmte Ficken war und ob sie es nachts tat, um tagsüber dafür nicht ausgelacht oder beschämt zu werden. Tante Sophie dachte offenbar über Ähnliches nach, denn jeden Tag fragte sie Milli, ob der Bauer nachts an ihr Fenster klopfe. Sie hatte dabei eine so weinerliche Stimme und wurde nicht müde, immer wieder zu sagen, dass, bevor dieses Luder Helga zu ihnen gekommen sei, sie den besten Ehrmann der Welt gehabt habe. Sie sagte Ehrmann. Milli machte sich über den Ehrmann lustig, aber nur insgeheim, weil sie Tante Sophie mochte, die offenbar nicht wusste, dass es Ehemann heißen musste.

Es erschien ihr andererseits logisch, dass diese Geschichte irgendwas mit Ehre zu tun haben müsse. Aber sie hielt den Mund, wie sie es Helga versprochen hatte, vielleicht auch aus Furcht vor noch mehr Tränen und Verwicklungen und sagte, dass sie nichts darüber wisse. Sie sagte das auch, als sie schon anfing, sich über Helga zu ärgern, denn diese wollte sie mehr und mehr erziehen. Wahrscheinlich fühlte sie sich Millis Mutter gegenüber verantwortlich und wollte ihr eigenes schlechtes Gewissen beruhigen und Tante Sophie nicht so viel Macht über Milli einräumen. Hauptsächlich aber wollte sie wohl Milli klar machen, dass sie, Helga, am längeren Hebel sitze, um den möglichen Gedanken, dass sie umgekehrt Milli mit ihren nächtlichen Eskapaden ausgeliefert sei, sich erst gar nicht bei dem Kind festsetzen zu lassen.

Alles hing für sie davon ab, ob Milli quatschte. Einmal, als sie nachts wieder komisch riechend und mit kalten Füßen bei ihr im Bett lag und Milli zwar tat, als schliefe sie, sich aber heimlich und ausdauernd am Hintern kratzte, um die Madenwürmer, an denen sie wie die meisten Kinder damals furchtbar litt, herauszupulen, fragte Helga sie, wo sie denn ihre Hände habe.
Sie wisse, dass sie nicht schlafe und man dürfe die Hände nicht da vorne zwischen den Beinen haben, wo sie das denn gelernt habe. Milli hatte aber ihre Hände nicht vorne zwischen den Beinen, auf diesen Gedanken war sie noch nie gekommen. Sie widersprach, sagte aber nichts über die Würmer, weil ihr das peinlich war. Helga glaubte nicht, was sie über die Hände sagte, sondern nannte sie ein unanständiges Mädchen.
Vielleicht meinte sie, nun etwas gegen Milli in der Hand zu haben, um sich ihres Schweigens wegen ihrer eigenen Tätigkeiten besser zu versichern. Jedenfalls zwang sie Milli, von nun an mit den Händen über der Decke zu schlafen, was, solange sie noch neben ihr im Bett lag, schier unerträglich war, weil Milli das Jucken und Kribbeln der Würmer kaum aushalten konnte. Das führte dazu, dass sie sich unruhig im Bett hin und her warf, was Helga in ihrer Vermutung bestätigte, dass Milli verdorben sei, ihre Hände lieber da vorne haben wolle und ihre Nervosität von dem Verbot, mit den Händen über der Decke schlafen zu müssen, herrühre. Helga drohte auch, ihrer Mutter zu schreiben, was sie da nachts mit ihren Händen mache. Der Gedanke an die vielen Erklärungen, die folgen würden, die Richtigstellungen, die komplizierten Ableitungen, auch noch vor ihrem Vater, machten es sinnvoller, nicht mehr zu widersprechen und das Jucken auszuhalten. Allerdings begann sie sich dafür zu interessieren, was Helga mit dem Verbot, sich da vorne zu kratzen, gemeint haben könne und in ihren Träumen sah sie die großen hornhäutigen Füße mit den schwarzen Nägeln des Bauern an Helgas kalte Füße gepresst.

Dass Helgas nächtliche Aktivitäten wirklich etwas mit dem umstrittenen Ficken zu tun hatten, stellte sich eines Morgens als richtig heraus. Milli wurde von einer Unruhe und Aufregung wach, die sich schon sehr früh morgens im Haus ausgebreitet hatte. Sie hörte draußen entferntes Geschrei, aber auch Gelächter von fremden Leuten. Sie stand auf, um nachzusehen und sah, als sie dem Lärm nachging, zum Haus hoch, wie die vielen anderen Leute aus dem Dorf, die sich vor dem Haus eingefunden hatten. Am Schornstein hingen ein Kinderwagen und ein Klapperstorch aus Pappe, der eine Puppe im Steckkissen trug. Über Nacht war das heimlich angebracht worden und nun war es offiziell, dass der Bauer ein Verhältnis mit seiner Magd hatte.

Die Dorfbewohner diskutierten lebhaft in Platt miteinander und sahen mit grinsenden Gesichtern immer wieder hoch, während sich Tante Sophie die Tränen abwischte und immer wieder ihren früheren guten Ehrmann erwähnte. Ob dieses Werk aus Zuneigung zum Bauern oder zu Tante Sophie oder um beide zu beschämen, angebracht worden war, blieb Milli undurchsichtig. Tante Sophie weinte und jammerte den ganzen Tag leise vor sich hin und Milli hatte nun endlich Gewissheit, dass Helga und der Bauer gefickt hatten, weil sie offenbar ein Kind erwartete, was auf diese Tätigkeit zurückzuführen sein sollte.

 

11

Peinlichkeiten an verschiedenen Orten
Um 1945/ 46

Bei einer sich wiederholenden Angelegenheit guckte die inzwischen 28jährige Mutter von Milli sie verwundert an. Das war immer dann, wenn Milli sich an einem jeweils neuen Ort nach der Schule erkundigte. Die Mutter sagte dann z.B., sie wisse ja nicht, wie lange sie hierbleiben würden und vielleicht gäbe es auch noch gar keine Schule, Milli müsse sich nicht bemühen.

Aber zu ihrer großen Verwunderung wollte Milli unbedingt in die Schule gehen und versuchte immer herauszufinden, ob es irgendwo schon wieder Unterricht gab. Sie war eigentlich in der zweiten Klasse oder war es schon die dritte? Das spielte aber kaum eine Rolle, denn wenn es irgendwo überhaupt schon wieder Unterricht gab, saßen alle Kinder, die davon gehört hatten oder hingeschickt wurden, sowieso zusammen. Vielleicht, so dachte Milli später, wollte sie ein wenig Regelmäßigkeit in ihr Leben bringen, an etwas von früher her Bekanntes anknüpfen. Die Suche an jedem der verschiedenen Orte nach einer Schule war vielleicht das Pendant zu der täglichen Frage ihres kleinen Bruders: „Wo schlafen wir heute?“.

Warum sich Milli so gut an ihre verschiedenen Schulen erinnerte, waren Ereignisse, die sich zwar selten aber doch fast überall wiederholten: Nahezu in jeder Klasse machte plötzlich ein Schüler oder eine Schülerin in die Hose.

Das lag nicht nur daran, dass es nicht überall Toiletten gab. Es wurde allen erlaubt, auszutreten, wenn sie sich meldeten.
Sie gingen dann auf eine Wiese oder hinters Haus. Die meisten aber hielten die Stunden problemlos aus, weil niemand in dieser Zeit etwas trank oder gar ein Getränk mitbrachte. Dieses Unglück schien über die Betreffenden plötzlich hereinzubrechen. Wie aus dem Nichts geschah es. Unter der Bank bildete sich eine Pfütze, auf die alle erschrocken starrten. In ihrer späteren Erinnerung kam es Milli so vor, als hätten alle den Atem angehalten, froh, dass es nicht sie getroffen hatte, obwohl es ein Gefühl gab, dass es auch sie hätte treffen können. Der Spott, der folgte, hielt sich vielleicht darum in Grenzen. Vielleicht entlud sich so eine Spannung, unter der alle standen und, wie Milli in einer anderen Geschichte erfuhr, auch die Erwachsenen. Eine Katastrophe aber war es, wenn ein Kind plötzlich einen Haufen machte. Nachdrücklich erinnerte Milli sich an so einen Vorfall in Königsstein. Zuerst verbreitete sich Gestank. Er schien von einem Mädchen in der zweiten Reihe zu kommen. Die neben diesem Mädchen sitzenden Kinder rutschen von ihr weg. Es entstand Unruhe, die bis zur Lehrerin drang, die fragte, was los sei. Die Sowieso stinkt, hieß es von den Nachbarbänken.
– Musst du austreten? fragte die Lehrerin. (Gute Frage, es gab ja kein Klo) Kopfschütteln vom Mädchen.
– Komm mal her, sagte die Lehrerin.
Wieder hartnäckiges stummes Kopfschütteln. Das Mädchen ließ ihren Mantel, auf dem sie vorher gesessen hatte, über die Bank hängen. Und dann, im atemlosen Schweigen aller Kinder fiel eine Wurst nach der anderen in eine Spirale bildenden Haufen auf den Boden. Ein Haufen so groß wie Milli noch nie einen gesehen hatte.

Nun erhob sich Geschrei, wildes, hämisches, mitleidvolles, schreckliches Geschrei.
Die Lehrerin beendete die Unterrichtsstunde und schickte alle auf der Stelle nach Hause.
Übrig blieb das starr und gerade sitzende Mädchen auf der Bank, zu dem die Lehrerin ging, was Milli sah, als sie sich noch mal umdrehte. In den nächsten zwei Jahren kam es immer mal wieder vor, dass sich Kinder in den Schulen, die Milli besuchte, in die Hosen machten. Einmal noch groß.
Dann hörte das allmählich auf.

 

12

Holtorf
1946
Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt

Die Nachkriegszeit zeigte Männer von einer neuen Seite. So hätte das Milli damals natürlich nicht ausgedrückt, aber sie wusste nun, dass Männer auch schwach sein können. Das wurde nicht mit dem Kopf, aber irgendwie doch registriert und ihr Verhalten richtete sich darauf ein.
Vor einem Jahr wäre es noch völlig undenkbar gewesen, den eigenen Vater nicht als Autoritätsperson zu sehen, an dessen Hand Milli während seines Urlaubs durch die Straßen ging. Dann trug er seine Ausgehuniform, zu der manchmal ein Säbel in der Scheide mit Troddeln gehörte und sie hatte an seiner linken Hand zu gehen, weil er mit der rechten grüßen musste, wenn andere Soldaten ihm entgegenkamen. Weil er Offizier war, wurde er zumeist als erster gegrüßt, es sei denn, ein höherer Rang kam ihnen entgegen und Milli zählte laut die Erkennungszeichen aus Blechteilen und war froh, wenn sie wusste, wer wen zuerst zu grüßen hatte. Das teilte sie jeweils lautstark mit oder sie stellte ebenso laut die Frage, warum die Reihenfolge wichtig sei, wenn sie es nicht auf Anhieb erkennen konnte. Beide Äußerungen waren ihrem Vater immer und den Entgegenkommenden manchmal peinlich. Nun konnte ein Offizier seiner kleinen Tochter in der Öffentlichkeit keine runterhauen, das gehörte sich einfach nicht für ihn, zumindest nicht auf der Straße, in Uniform.
Er musste also durch einen bestimmten Ton auf sie einwirken, lautes Fragen zu unterlassen und Haltung zu zeigen. Half das nichts, musste er den entgegenkommenden höheren Offizieren, die ihn aus irgendeinem Grund ansprachen, klarmachen, dass er hier nicht ganz im Dienst, nicht ganz verantwortlich für ein perfektes Benehmen sei, dass an seiner Hand ein dummer Zivilist spaziere, auch noch ein Mädchen, das von militärischer Disziplin keine Ahnung habe. Denn manchmal blieben die anderen Offiziere stehen, unterhielten sich mit dem Vater ein Weilchen militärisch knapp, standen immer formvollendet gerade, tätschelten mit Sicherheit Milli über den Kopf und zogen ein bisschen an ihren Zöpfen, was sie hasste.
Diese in den Kriegszeiten alles bestimmende, funktionierende, aber irgendwie auch geheimnisvolle Männerwelt mit ihren komischen Ritualen, verdeckte fast völlig, dass es auch damals Männer gab, die daran gar nicht oder nicht mehr teilhatten. Milli hatte noch in Trautenau, ihrem Evakuierungsort nach den Berliner Zeiten, gelernt, dieses Männer-Netzwerk, das sich so eindrucksvoll präsentierte, für sicher, vollkommen und das einzig Wahre zu halten. Die damit verbundenen Regeln hatte sie zu übernehmen und das war es, was sie lernte, wenn sie mit ihrem Vater in der Stadt spazierte. Das war etwas ganz anderes, als mit Mutter und Kinderwagen herumzuziehen. An der Hand des Vaters repräsentierte sie etwas Großartiges: sie war nicht nur Milli, sondern ein deutsches Mädchen an der Hand eines deutschen Offiziers. Ein deutsches Mädchen war etwas Strahlendes und Schönes. Das drückte sich allerdings auf der untersten Ebene so aus, dass sie die Schuhe der Familie putzen musste, die Haare aus dem Gesicht kämmen, keine fleckigen Kleider, keine schmutzigen Fingernägel, keine rutschenden Kniestrümpfe haben durfte, Knickse vor Erwachsenen machen musste und immer aus dem Ei gepellt, gepflegt zu sein hatte. Dann würde sie diese Metamorphose in das Strahlende eines Tages erleben.

Die Mutter zeigte ihr nicht, wie sie zu sein hatte, sondern immer nur, wie sie nicht zu sein hatte, wovon sie sich fernzuhalten hatte, was sie am besten als nicht existent auszublenden und als Wunsch zu ignorieren hatte, wie z.B. den, auch einen gelben Stern haben zu wollen, den sie eindrucksvoller fand als das eiserne Kreuz oder eins der Abzeichen, die ihr Vater an der Uniform trug und die sich dort von Urlaub zu Urlaub vermehrten. Vor allem musste man für den Stern keine Uniform tragen und er war vor allem auch für Frauen und Kinder. Das wusste sie noch aus Berlin, später sah sie die Leute mit dem Stern nicht mehr. Dieser Wunsch nach einem Stern wurde mit solchem Nachdruck abgelehnt, dass Milli nichts anderes übrigblieb, als zu lernen, die ersten ihr bekannt werdenden Anzeichen einer Gleichwertigkeit zwischen Männern, Frauen und Kindern zu ignorieren und ihre Beobachtungen für sich zu behalten.

Die vielen verwundeten Männer, die Milli inzwischen begegneten, konnten ihr Gefühl, dass Männer im Allgemeinen stark und sicher waren und alles von Wichtigkeit von ihnen bestimmt und geregelt wurde, nicht im Ernst angreifen. Zu überprüfen war das für sie nicht, denn gefahrvolle Situationen erlebte sie ja nicht mit Männern. Männer waren noch vor kurzer Zeit ferne und zunehmend seltene Wesen in allen Arten von Uniformen, die alles und nichts mit dem zu tun hatten, was ihr zwischen Morgen und Abend passierte.
Aber jetzt, im zweiten Nachkriegssommer, tauchten sie wieder auf. Millis Vater war ja auch schon wieder länger da. Zu Hause knüpfte er da an, wo er während des Krieges aufgehört hatte: er erwartete absoluten Gehorsam von Frau und Kindern und setzte das nach einigem Widerstand auch durch. Dieser eher fremde Mann, jetzt im blauen Schlosseranzug, dem sie mittags im Henkelmann das Essen in die Fabrik brachte, störte das lang eingespielte und intern meist friedliche Zusammenleben mit Mutter und Bruder durch sein ewiges Herumkommandieren, so als hätten sie ohne seine Anweisungen nicht existieren können. Milli wusste, dass die Zeiten sich geändert hatten und fühlte irgendwie, dass das Verhalten des Vaters nicht mit den Geschehnissen in Einklang war.
Dauernd heulte die Mutter, was früher nicht vorgekommen war, dauernd zuckte sie zusammen, dauernd wurde sie krank, dauernd musste sie, Milli, Rechenschaft ablegen, sei es über den Tagesablauf, ein Loch in der Kleidung, die Schulaufgaben, einfach alles.
– Soll er das doch mit seinen Soldaten machen und uns in Ruhe lassen, dachte Milli verbittert, wusste aber natürlich, dass diese Möglichkeit aus und vorbei war und sie sich irgendwie mit diesem Mann im Haus abzufinden hatten.

Jedenfalls füllten Männer wieder die Straßen, trugen normalerweise auch noch Uniformen. Aber nur, wem sie von früher her noch vertraut waren, konnte in den geflickten, gefärbten, zu großen, zu kleinen Kleidungsstücken, von denen alle Erkennungsmerkmale wie Dienstgrade, Einheit, Truppenzugehörigkeit und Orden entfernt worden waren, die adretten Uniformen von früher erkennen. Die Männer gingen auch nicht mehr stramm und gerade, sondern sogar diejenigen, die mühelos laufen konnten, schienen neuerdings zu schlurfen. Wenn sie sich grüßten, weil sie sich kannten, dann nicht mehr mit der Hand an der Mütze, obwohl ihnen das so eingeübt worden war, dass vielen immer noch die Hand zum Hut oder unbedecktem Kopf zuckte.
Vor allem aber gab es Männer auf den Straßen, die nicht nur ihre Selbstsicherheit, sondern auch Teile ihres Körpers verloren hatten. Plötzlich waren sie überall da, die Armlosen und Beinlosen, die in selbstgebauten Bollerwägelchen mit von Kinderwagen abmontierten Rädern ganz niedrig, ja, fast auf der Strasse saßen. Einmal hatte sie eine Frau gesehen, die den Torso ihres Mannes in einem richtigen normalen Kinderwagen schob und das war ein Moment, in dem alle, die eigentlich gar nicht mehr alles sehen wollten, auch Milli, stehen blieben und die Luft anhielten oder zu weinen begannen. Diese Männer hatten die überflüssigen Hosenbeine oder Ärmel um die Stümpfe geschlagen und mit Sicherheitsnadeln oder groben Stichen befestigt.
Viele bettelten um Essen und einige, die noch laufen konnten, kippten auf den Straßen immer mal wieder einfach um. Sie waren dürr und hatten hohle Augen, die plötzlich irgendwie in die Ferne blickten, dann schwankten sie und fielen vornüber und die Passanten legten sie etwas bequemer hin oder wischten ihnen das Blut ab, das vielleicht aus dem Mund stürzte oder sie blieben stehen und tauschten sich darüber aus, ob noch etwas zu machen sei. Milli hatte das öfter gesehen.
Diese Verwandlung vom Helden zu den Häufchen von Elend gab es nur bei Männern. Hin und wieder sah Milli zwar auch arm- und beinlose Frauen, die ihre Glieder meist bei Bombenangriffen abgegeben hatten, aber nie hatte sie diesen fernen Blick, dem alles entglitt, bei einer Frau gesehen. Nie war eine vor ihren Augen umgekippt.

Ein Konzentrat von all diesen neuen Gedanken schoss Milli durch den Kopf, als sie dem Mann das Holztor von dem Bauernhaus öffnete, an das er geklopft hatte. Sie kam gar nicht mehr auf den Gedanken, vor diesem Mann als Erwachsenem einen Knicks zu machen, was ihr lange selbstverständlich war und wozu sie auch immer angehalten worden war. Er stand etwas gekrümmt vor ihr, in der üblichen zusammengestoppelten Kleidung mit einer alten Militärmütze auf dem Kopf und bat um etwas zu essen. Er fragte sie, Milli, und fragte nicht nach der Bäuerin, wie es eigentlich üblich war.
Und Milli entschied, dass sie ihm etwas geben würde, denn die anderen waren bei der Feldarbeit und Milli war allein im Haus. Viele bekamen etwas von Tante Sophie, wie Milli die Bäuerin nannte, aber nicht alle.
Außerdem nahmen die Fragenden überhand. Es war immer Tante Sophie, die nach einem langen Blick auf die bittende Person entschied, ob sie etwas geben würde oder nicht. Die Verhältnisse hatten sich derart geändert, dass ein erwachsener Mann sie, das Kind, um etwas zu essen bat und es lag an ihr, das zu tun oder auch nicht!
– Ich habe Hunger, Mädchen, sagte er.
Er sagte auch nichts weiter.
Milli bat ihn zu warten, ging in die Küche und schnitt von dem Brot, dessen Scheiben so groß waren, dass sie nicht mit einer Hand von ihr zu halten waren, ein Stück ab, beschmierte es dick mit einer Streichwurst, die für die Familie eingeteilt war – und sie wusste, dass sie das später würde erklären müssen. Das Fehlen eines daumenbreiten Stücks Wurst würde sofort auffallen und es war eben auch nicht üblich, dass andere als Tante Sophie Zugang zu den Speisen hatten, die immer weggeschlossen wurden. Alle fetthaltigen Sachen wurden gerecht zugeteilt. Aber Milli kannte den Aufbewahrungsort des Schlüssels.
Milli brachte ihm das Brot. Er aß es sehr langsam und Milli sah ihm dabei zu, ohne dass sie miteinander sprachen.
Am nächsten Tag wurde auf dem Küchentisch schwarz ein Kalb geschlachtet und Milli stand draußen Schmiere und wunderte sich, dass niemand auf das verbotene Tun aufmerksam wurde, denn die Knochen, die auf dem Herd zu Seife verkocht wurden, stanken erbärmlich die ganze Dorfstrasse hinunter.
Der gleiche Mann kam wieder und Milli fragte Tante Sophie um die Erlaubnis, ihm wieder ein Brot geben zu dürfen.
–  Er hat doch gestern schon eins bekommen, sagte Tante Sophie.
–  Aber er hat heute wieder Hunger, sagte Milli.
Sie durfte ihm erneut ein Brot schmieren und am dritten Tag wurde er als Handlanger für den Bauernhof aufgenommen und bekam die Kammer neben der Küche.
Er war ein stiller Mann, der Milli manchmal scheu anlächelte und ihr einmal über den Kopf strich, was aber nicht unangenehm war wie die herablassenden Berührungen der Offiziere früher.
Er sprach fast nie, aber eines Tages sang er zum ersten Mal das melancholische Lied, das er dann jeden Tag wiederholen sollte. Vielleicht war sein Repertoire auch größer, aber dieses Lied war immer dabei und setzte sich wie eine allgegenwärtige Melodie im Haus fest.
„Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt,
Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
Ziehn die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus,
Und sie legen in weitem Bogen die Netze aus.
Nur die Sterne zeigen am Firmament
ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt.
Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt,
Hör von fern, wie es singt:
Bella, bella, bella Marie,
Bleib mir treu, ich komm zurück morgen Früh,
Bella, bella, bella Marie,
Vergiss mich nie. *)
Niemand wusste und niemand fragte danach, was “Capri” und “bella” heißen könne. Sie wurden so hingenommen, diese Wörter, und nicht mehr vergessen.
Er stand immer vor allen anderen auf und immer, jeden Morgen, wenn die anderen aufstanden, hingen sein Laken und manchmal auch der Bettbezug, frisch gewaschen auf der Leine. Tante Sophie wunderte sich darüber, es ließ sie nicht los, es war nicht normal, jeden Tag die Bettwäsche zu waschen. Außerdem wusch sie das Bettzeug alle vierzehn Tage in der Waschküche und irgendwann kam es heraus, eines Tages wurde er ertappt, und flüsternd wurde es weitergegeben: er schiss ins Bett, Nacht für Nacht.
Bettnässer waren damals keine Seltenheit, es war ein offenes Geheimnis, dass viele Kinder, besonders kleine Jungen, die schon zu groß dafür waren, nachts ins Bett pissten oder auch in der Schule, mitten im Unterricht, ihre Pfütze um sich herum mit den Schuhen wegzuwischen suchten.
Dass nun ein Erwachsener ins Bett schiss, griff Milli irgendwie ans Herz. Sie fühlte wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben bewusst Mitleid. Sie sah die stinkenden Fakten mit eigenen Augen, als sie eines Morgens sehr früh aufstand, um durch eine Ritze durch die Fensterläden vor dem Küchenfenster Tante Sophie heimlich beim Waschen zu beobachten, denn ein Gerücht unter Kindern sagte, dass Tante Sophie so große Brüste habe, dass sie sie beim Waschen über die Schultern legen könne. Milli hatte das nicht geglaubt und so wurde gewettet und diese Wette verlor sie. Sie konnte nämlich sehen, dass Tante Sophie eine Brust mit beiden Händen hochnahm, sie nach oben legte, sodass die Brustspitze gerade über die Schulter guckte und sich dann unter der Brust wusch.
Da Milli nun schon draußen war, ging sie einem Geräusch bei den Holzstößen nach und sah, wie der Mann wie bei einer Kinderwindel die Scheiße aus dem Laken schüttelte und das Laken dann in einem Bottich einweichte.
Milli blieb in einiger Entfernung stehen und sah auf den Mann und seine Scheiße. Sie wünschte sich weit weg, denn in diesem Moment entstand das Gefühl des Mitleids und das Gefühl für die Peinlichkeit, die die Situation für den Mann haben musste. Ein Mann, der ins Bett schiss.
Der Mann sah Milli an, blieb eine Weile ganz ruhig mit der Hand im Bottich stehen, ließ dann das Laken los, wischte sich die Hände trocken und setzte sich auf einen Holzstoß. Mit einer Geste bedeutete er Milli, sich auch zu setzen. Da saßen sie eine Weile still und dann sagte der Mann zu Milli:
– Das ist der Krieg, Mädchen, sagte er.

*) Das Lied war schon 1943 geschrieben worden, wurde dann aber nicht mehr gespielt, als Italien die Amerikaner ins Land ließ und als Verräter galt. Allgemein bekannt wurde es dann erst 1949 durch Rudi Schuricke

 

13

Holtorf
1947
Das schöne Gefühl

Noch einmal wurde Milli zum Dickerwerden zu den gleichen Leuten aufs Land geschickt. Dort hatten sich die Dinge geändert. Der Bauernhof war nun dreifach unterteilt: Im alten Kernteil lebte weiterhin Tante Sophie mit ihrem Sohn und dahin kam nun auch Milli.
In einem neu abgeteilten Trakt wohnte der Bauer mit seiner neuen Frau, der vorherigen Magd und Flüchtlingsfrau Helga, was das Ansehen der Flüchtlinge im Dorf allgemein nicht hob. “Die Flüchtlingsfrauen machen die Ehen kaputt” hieß es. Obwohl sie Tante Sophie gut leiden mochte und ihr lautes Seufzen Milli zu Herzen ging, ärgerten sie solche Sätze und sie brummelte etwas Unverständliches, womit sie ein gutes Wort für Helga einlegen wollte, die gar nicht mehr so frisch roch und so duftende, abends gekämmte Haare hatte wie noch vor einem Jahr. Sie war im Gegenteil bleich und hatte Rückenschmerzen und ein Kind und sie hasste das Landleben. Aber Milli war selber ein Flüchtlingsmädchen und meinte, dass es zu weit ginge, alle Schwierigkeiten auf die Flüchtlinge zu schieben.
Es gab verschiedene Flüchtlings-Kategorien, von denen die zustehende Lebensmittelmenge und andere Vorteile abhingen. Und wie sie früher in ihren verschiedenen Schulen immer die Frage beantworten musste, ob sie evangelisch oder katholisch sei und dann “evakuiert” sagte, weil ihr die beiden anderen Ausdrücke unbekannt waren, so musste sie jetzt immer angeben, ob sie A-B- oder C-Flüchtling sei. Die Flüchtlinge jedenfalls, die sich jetzt überall niederließen, meistens Frauen mit Kindern, waren nicht gut gelitten und das lag auch daran, dass sie häufig die paar Männer, die jetzt, häufig verwundet aus den diversen Lagern wieder auftauchten, den Ehefrauen wegschnappten. Außerdem lebte auf dem Hof noch eine neue dritte Gruppe in einem unattraktiven und an den Hühnerstall angefügten Vorbau. Diese dritte Partei zählte nicht wirklich. Kommentiert und beobachtet wurde von Tante Sophie nur das, was ihr früherer Mann mit der Ehebrecherin trieb.
Die anderen, Karla und ihr krebskranker Vater waren abseits einquartiert und würden irgendwann auch wieder verschwinden. Der Vater tat das schon jetzt allmählich. Er starb das ganze Frühjahr und den Sommer lang und war dann im Herbst, als Milli wieder zu ihren Eltern fuhr, endlich tot. Einmal konnte Milli durch das Fenster das gespenstisch weiße und eingefallene Gesicht des Mannes auf dem Bett sehen, der keine Haare mehr hatte. Er hob langsam und zittrig einen dürren Arm, wie zur Begrüßung, aber Milli erschrak darüber ganz furchtbar. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser uralte Mann, der schon lange nicht mehr aufstehen konnte und, wie man sagte, schreckliche Schmerzen im Magen habe, Karlas Vater sein könne.

Er sei gar nicht alt, sagte Tante Sophie, er sei nur so krank. Ob es auch eine Mutter für Karla gab, daran konnte sich Milli später nicht mehr erinnern. Sie wusste nur, dass sie möglichst nicht vor den niedrigen Fenstern spielen sollten, um den Kranken nicht durch den Krach zu stören, obwohl gleich nebenan die Hühner laut gackerten.

Das erschien Milli als Argument unlogisch, aber sie spielte auch freiwillig nicht gerne vor diesen Fenstern, aus denen immer ein entsetzlicher Gestank nach Fäulnis und Medikamenten zog. Was sie außerdem beschäftigte, war, dass Männer auch zu Hause und nicht nur im Krieg sterben konnten.
Karla versorgte den Vater. Sie war ein immer lachendes, damals etwa zehnjähriges Mädchen mit blitzenden braunen Augen und einem großen roten Mund, das, wie Milli beim Hühnerfüttern einmal feststellte, keine Unterhosen trug. Das sah sie, als Karla sich beim Eiersuchen bückte.
Karla hatte eigentlich nichts im Hühnerstall zu suchen, aber Milli sagte dazu nichts, es waren genügend Hühner da und außerdem war es ja logisch, dass sie was zum Essen brauchte. Karlas nackter Hintern brachte die beiden, die vorher kaum miteinander gespielt hatten, zusammen. Denn Milli sagte erschrocken:
– Du trägst ja keine Unterhosen!
Das schien ihr im höchsten Maße unschicklich und sie wäre nie darauf gekommen, dass so etwas überhaupt möglich sein könne. Aber Karla drehte sich mit ihren nackten Beinen selbstbewusst ganz schnell auf der Stelle, so dass ihr kurzer, weiter Rock fast waagerecht zu den Hüften stand und darunter in großer Geschwindigkeit ihr kleiner brauner Hintern und brauner Bauch sich vor ihr drehten und sagte vergnügt, sie tue das nie, es sei so ein viel schöneres Gefühl.

Das kann sie nur sagen und tun, weil ihr Vater nicht mehr aus dem Bett kommt, dachte Milli. Denn hätte der das gewusst, hätte er das nicht zugelassen, dessen war sie sicher. Aber da er nun mal keine Kontrolle mehr über die Tochter hatte, konnte die Tochter neue Erfahrungen machen und Milli war sofort entschlossen, von diesen Erfahrungen zu profitieren und ließ sich zunächst mal die Unterschiede schildern zwischen „Unterhosen tragen und nicht tragen“.

Karla konnte anschaulich beschreiben, wie schön das Gefühl sei, wenn der Wind ungehindert an der Po-Ritze und an der Pi-Ritze vorbei streichen könne, vor allem, wenn sie die Beine breit machte. Sie beschrieb die Wirkungen der unterschiedlichen Windstärken. Und wie herrlich, mit gespreizten Beinen auf dem Pferd zu sitzen und das Fell, das glatt, aber gleichzeitig auch ein bisschen stachlig sei, zwischen den Beinen zu spüren.
Sattel hatten sie natürlich nicht auf dem Land und alle Kinder hatten täglich ein festes Pensum an Arbeit zu erledigen und zu den Aufgaben Millis gehörte es, einen bestimmten Gaul morgens von der Weide zu holen, hinter der Tante Sophie in den letzten Kriegstagen einen zerstückelten englischen Flieger und Teile des Flugzeugs gefunden hatte – und abends wieder nach der Feldarbeit dorthin zurück zu bringen mit einem Umweg über den Dorfweiher zur Tränke.
Um aufsteigen zu können, führte Milli das Pferd zuerst an das Milchgerüst, das so hoch war, dass sie von dort mühelos auf den breiten Pferderücken klettern konnte. Milli beschloss also, sich dieses schöne und unnachahmliche Gefühl auch zu verschaffen und zog sich zu Hause, bevor sie das Pferd vom Hof holte, die Hosen aus und versteckte sie im Bett, in dem sie in diesem Jahr allein schlief. Sie musste nun nur darauf achten, dass sie im Dorf niemandem begegnete oder von niemandem gesehen wurde, denn man ging nicht ohne Unterhosen. Sie setze sich auf das Pferd und sah zu, dass sie mit dem Hintern auf einem Rockzipfel saß, damit er nicht flatterte und begriff sofort, was Karla mit dem „schönen Gefühl“ gemeint hatte.
Es war absolut herrlich!
Das Fell unter ihr strömte Wärme aus und manchmal etwas Nässe vom Schweiß, was zu neuen Wärme -und Nässeinseln von den nackten Zehen, über die Beine und Schenkel bis zum Hintern und sogar zum Bauch führte. Sie liebte dieses Gefühl auch mit Hosen, aber ohne war es viel intensiver. Unter dem Fell bewegten sich Muskeln und einzelne Haare stachen sie ganz zart in die Ritzen zwischen den Beinen und kitzelten sie und je nach dem, wie sie sich hinsetzte und auf dem Pferd hin und herrutschte, konnte sie das Gefühl verstärken. 

Das alles erforschte sie nun beinahe täglich auf dem vielleicht einen Kilometer langen Ritt zur Weide, den sie ohne Unterhosen machte. Wenn sie morgens das Pferd wieder abholte, hatte sie die Hosen an, weil sie unmittelbar darauf in die Schule ging, es sei denn, es waren Ferien.
Aber jetzt, beim ersten Mal, musste sie noch in den Dorfweiher, in dem das Pferd mit ihr auf dem Rücken normalerweise schwamm, was immer ein wenig unheimlich war, weil es so schaukelte und ihre Beine wie nutzlose Ruder im Wasser hingen. Heute hatte sie alle Sinne „auf das Gefühl“ geschärft und wartete nun auf den Moment, in dem das Wasser leicht über den Pferderücken schwappen und zwischen Fell und Beine laufen würde, wo sich die zunächst kalten Tropfen erwärmen und Fell und Millis Hintern in einer angenehmen warmen Nässe verbinden würden.

Das Pferd beschloss heute, länger im Wasser zu bleiben und ging auch ein wenig tiefer, so dass das Wasser nun nicht mehr an seinem Rücken abperlte oder nur manchmal einen kleinen Schwall darüber schickte, sondern stehen blieb und Milli bis zum Bauchnabel mit ihrem Rock im Wasser saß. Um sich Wärme zu verschaffen, aber auch, um “das Gefühl” dabei auszuprobieren, pinkelte Milli auf den Pferderücken und fühlte, wie das heiße Wasser eine kurze Weile zwischen Fell und Schenkel haften blieb und sich dann mit dem kalten Wasser des Dorfteichs vermischte. Karla hatte recht, und nun würde auch sie, Milli, von jetzt an ohne Unterhosen gehen. Vielleicht nicht in die Schule, aber überall dahin, wo sie von Erwachsenen dabei nicht beobachtet werden konnte.

Karla und Milli dehnten “das Gefühl” aus und suchten nach Gelegenheiten, bei denen es besonders deutlich auftauchen könnte. Sie machten dunkle Andeutungen gegenüber den Jungen, dass sie ohne Hosen im Dorfweiher baden würden und die Jungen sicher nicht in der Lage seien zu entscheiden, wer wer sei, wenn sie im Wasser Handstand machen, so dass nur ihre Beine und natürlich die Hintern aus dem Wasser herausragen würden. Natürlich würden sie das heimlich machen und die Spannung stieg, weil sich noch ein drittes Mädchen der hosenlosen Unternehmung angeschlossen hatte. Natürlich wussten sie, dass die Jungen in der Dämmerung, als sie ihre Handstände im Wasser übten, im Blattwerk der Bäume verborgen saßen. Sie hörten die Rufe, mit denen die Jungen errieten, wessen Hintern sie gerade sehen könnten.

Die Mädchen tauchten unter Wasser, um ihre Standorte immer wieder heimlich zu wechseln und sie taten so, als hörten sie die Jungen nicht. Später kamen die Jungen auch selber ins Wasser, auch sie zogen sich die Hosen aus und machten Handstände und die Mädchen errieten, nachdem sie sich vorher ein paarmal im Kreis gedreht und die Augen geschlossen hatten, welche der Beine, die aus dem Wasser guckten, zu welchem Jungen gehören mochten. Es gab bald zusätzliche Schwierigkeitsgrade, weil die jeweiligen Parteien auch noch ihre Beine so verhakelten, dass möglichst ein linkes und ein rechtes Bein zu verschiedenen Personen gehörte. Noch später waren alle zusammen im Wasser und versuchten sich gegenseitig unter Wasser überall zu kitzeln. Kamen mal Erwachsene vorbei, machten sie im Stehen anständige Wasserspiele.

Bei einem anderen von Karlas Spielen war Milli zurückhaltender, weil es sie zu sehr an die Schmach erinnerte, die sie mit Klaus in Rudolstadt erlebt hatte. Denn oft verschwand Karla mit ein oder zwei Jungen auf einer abgelegenen Wiese, in deren Mitte sie „Doktor“spielten. Manchmal sah Milli von weitem zu, ließ sich aber von Karlas Rufen, doch auch zu kommen, nicht dazu bewegen, obwohl sie es gerne getan hätte. Aber das demütigende “Schweine-Milli”, dass ihr die Kinder nachgerufen hatten, als sie Klaus zum Ficken abholen wollte, saß ihr auch noch nach zwei Jahren tief in den Knochen.

Eines Tages nahm sie ihr Lehrer Bicknäse beiseite und sagte ihr, dass der Umgang mit Karla nicht gut für sie sei. Karla sei ein verdorbenes Mädchen. Milli widersprach. Sie hielt zu Karla, lieber wollte sie nicht mehr zu Lehrer Bicknäse, obwohl der ihr auch den Himmel erklärte, denn sie wollte Sternforscherin werden. Sie ging regelmäßig nachmittags für eine Stunde zu ihm und erhielt extra Unterricht, um später in der Stadtschule wieder folgen zu können. Das war noch ein Arrangement ihrer Mutter. Aber nun kam es von allen Seiten. Alle wollten verhindern, dass sie weiter mit Karla spielte. Es war eine Verschwörung. Immer musste sie irgendetwas tun oder wurde gerufen, kam sie mit ihr zusammen. Darum verlegten sie ihre Verabredungen weiter weg vom Haus und Milli wusste es einzurichten, Karla zu treffen, wenn sie z.B. mit dem Pferd und der Jauchetonne auf dem Acker unterwegs war. Sie saß dann rittlings mit gespreizten Beinen und unter sich eine alte Decke auf der Tonne, hielt das Pferd am Zügel und fuhr die Furchen auf und ab, um sie zu düngen. Obwohl es stank, liebte sie diese Arbeit.

Manchmal ließ sie das Pferd halten um mit Karla zu spielen, die dann, auf ihre gemeinsame Gegnerschaft zu den Erwachsenen anspielend, hüftwackelnd vor Milli herging und dabei den Schlenker heraushatte, im Gehen den Rock so zu bewegen, dass er für einen kurzen Moment mal zu der einen, mal zu der anderen Seite flog, und für Bruchteile von Sekunden ihr nackter Hintern zu sehen war. Darüber musste Milli dann immer lachen und sie versuchte, es nachzumachen. Sie gewann eine gewisse Fertigkeit darin, ohne Unterhosen zu gehen. Es flog erst auf, als es Herbst wurde. Aber da wurde es sowieso kalt und die verschiedenen Windstärken zwischen den Beinen waren alle eher unangenehm und Milli kam zurück in die Stadt und zu ihren Eltern, wo sich dann diese Angewohnheit verlor.

 

14

Solingen, Vereinsstraße
1947
Im Brotladen

An diesem Tag machte Milli etwas Ungeheuerliches.
Sie hatte mit anderen Kindern aus einem Tümpel den ganzen Nachmittag Kaulquappen in ein Einmachglas gefischt, um zu sehen, ob sich zu Hause daraus kleine Frösche entwickeln würden. Die sollten dann wieder ausgesetzt werden.
Auf dem Weg dahin begegneten sie einem Jungen, auch aus ihrer Schule, der demonstrativ von einer großen Schmalzstulle abbiss und zwischen den Bissen damit vor ihren Nasen herumwedelte.
Das war allerdings sensationell. Von einer Schmalzstulle konnten andere Leute nur träumen. Sowas hatten Milli und die anderen in einer entfernten Vergangenheit auch mal gegessen. Und, was vielleicht noch eindrucksvoller war: das Schmalz war auf Graubrot gestrichen. Einem richtigen Brot, das es ihres Wissens nirgendwo zu kaufen gab. Das Schmalz war nicht auf dieses gelbe klitschige Zeug gestrichen, das Maisbrot genannt wurde, einen entsetzlichen Nachgeschmack hatte und nachdem doch stundenlang anzustehen war. Alle waren froh, wenn das Anstehen wenigstens erfolgreich war und das Brot nicht ausverkauft war, solange man noch in der Schlange stand.

Die Mutter war nicht beglückt über das Glas, denn es gab schon zwei weitere auf dem Fensterbrett mit Kaulquappen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Milli wurde eingeschärft, dass es nun genug sei damit und dass sie zum Bäcker gehen solle, um ein Brot zu kaufen. Die Mutter hatte gehört, dass eine Lieferung erwartet werde. Tatsächlich war die Schlange vor dem Laden schon beträchtlich, der Laden war noch geschlossen und in den durch die Scheiben sichtbaren Regalen lag absolut nichts. Das kannten die Leute schon. Sie standen mit ihren Beuteln geduldig in der Reihe und erzählten sich von Vorkommnissen, in denen sie zwei, drei Stunden so gestanden hatten, auf das Gerücht hin und dann blieb die Lieferung aus! Milli stand eingequetscht zwischen den Erwachsenen und versuchte aufzuschnappen, ob noch was abfiel an Information für sie selbst, was sie ihrer Mutter weitergeben könne. Das Schlimmste am Schlangestehen war das Stehen und die Unbeweglichkeit und dass sie kaum Luft bekam, sich aber auch nicht rühren durfte oder konnte. In so einem Fall wurde sie angeschnauzt oder die hinter ihr Stehenden nutzten so eine kleine Lücke sofort aus, häufig noch unter dem Vorwand, sich so besser mit einer vor ihr stehenden Erwachsenen unterhalten zu können. Auf diese Weise schoben sie sich vor Milli und versuchten sie immer weiter nach hinten zu drängen. Milli erkannte darin geradezu das Muster einer Verschwörung von Erwachsenen gegen Kinder. Sie hatte noch gelernt, vor Erwachsenen einen Knicks zu machen und nicht zu sprechen, wenn diese sprachen und immer höflich zu sein, aber wie die anderen wollte auch sie ein Brot und musste darauf achten, ihren Stand zu halten. Es gab ganz einfach eine Kluft zwischen Höflichkeit und Gerechtigkeit. Irgendwann, nach Stunden, wie es Milli schien, kam tatsächlich ein Auto und ein Mann aus dem Wagen trug die quietschgelben unangenehm riechenden, feuchten, verhassten und doch notwendigen Maisbrote in Kommissbrotform in den Laden, wo sie bald die Regale füllten, während ein anderer Mann die offene Tür des Autos bewachte und die restlichen Brote von hinten nach vorne harkte.

Die Schlange rückte nun noch enger zusammen, manchmal gab es ärgerliche Wortwechsel, wenn zwei, die fast gleichzeitig gekommen waren, sich um den vorderen Platz stritten. Die zunehmende Unruhe und Aggressivität in der Reihe hatte damit zu tun, dass zwar die Regale nun gefüllt waren, aber die sich selbst taxierende Menschenschlange wusste, die Brote würden dennoch nicht für alle reichen und darum wurde immer rücksichtsloser gedrängelt, um sich noch einen Vorteil zu verschaffen.

Nach zwei Stunden war es dann soweit. Milli war im Laden. Im Regal lagen noch 3 Brote und vor ihr standen noch zwei Frauen. Milli würde das letzte Brot kriegen. Sie war glücklich.
Da schob sich eine Frau vor Milli, puffte sie zu Seite und schimpfte laut auf das ungezogene Kind, dass sich hier dauernd vorzudrängeln versuchte. Hinter ihr gab es immer noch eine lange Schlange. Offenbar warteten die Leute angesichts der leeren Regale noch auf ein Wunder. Die Verkäuferin schien verunsichert, hatte die Frau recht oder das Kind? Letztlich war es ihr wohl auch egal. Die Frau war jedenfalls im Vorteil. Erwachsene hatten manchmal irgendwas zu bieten, und sei es nur ein Tipp, wo was zu kriegen war und der war mehr wert, als einem Kind Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Irgendwie spürte Milli, dass die Sache nicht gut ausgehen würde. Ohne eigentlich zu wissen, was sie tun würde, stellte sich Milli auf die Zehenspitzen und haute der Frau eine runter. Fast gleichzeitig und mit schreckgeweiteten Augen hielt sie der Verkäuferin das Geld hin, die ihr im Gegenzug das letzte Brot reichte, fast benommen, ungläubig angesichts dessen, was sie gerade mit eigenen Augen gesehen hatte. So etwas hatte es noch nie gegeben. Ein Kind, ein Mädchen auch noch, dass eine Erwachsene schlug.

Das Getöse, der Lärm, der hinter Milli entstand, hörte sie schon nicht mehr. Sie rannte, rannte mit dem Brot nach Hause, wo die Mutter sagte: Oh, du hast es bekommen. Das hast du gut gemacht, mein Täubchen.

Sie erzählte die Geschichte nie. Aber sie blieb ein Wendepunkt in ihrem Leben. Aber welcher Wende?

 

15

Solingen
1947
Einen Soldaten retten

Nach dem harten Winter 1947 bekam die Familie ihre erste Nachkriegswohnung mit zwei Zimmern im Schmidt ́schen Schloss. Den Namen erfand Millis Vater, weil sich in dem Haus die Balken bogen und das Klo draußen angebaut war. Eines Tages fiel auch tatsächlich ein Teil der Decke im Schlafzimmer von Millis Eltern herunter und die Hausbesitzerin, die darüber wohnte, schaute aus ihrem Bett im ersten Stock auf das Bett im Erdgeschoss und fragte, ob sie noch leben. Die Eltern waren nur deswegen nicht erschlagen worden, weil Millis Mutter gerade ein Glas Wasser aus der Küche geholt hatte und der Vater wegen der Kälte Socken für die Füße suchte und deswegen das Licht brannte.
In dem Zimmer, in dem Milli mit ihrem kleinen Bruder schlief, hauchten die Kinder morgens so lange gegen die Gläser, bis ein paar Eisblumen wegtauten und sie nach draußen sehen konnten.

Im Frühjahr wurde es schön und aufregend.
Milli hatte eine Freundin gefunden, mit der zusammen sie hauptsächlich ein Trümmergrundstück erkundeten, das sehr groß war und fast einen ganzen Block umfasste. Die paar stehengebliebenen Außenwände waren einigermaßen planiert, es gab eine kleine Hügellandschaft mit Kellern, die zum Teil zugeschüttet und zum Teil noch erreichbar waren, die ersten Trümmer-Blumen hatten sich schon angesiedelt. Beide Mädchen suchten nach Dingen, die sie noch gebrauchen konnten. Ab und zu fanden sie auch was, eine Gabel, einen Krug ohne Henkel, ein Stück Kachel…

Eines Tages entdeckten sie einen noch nicht vollkommen eingetrockneten Scheißhaufen, den beide Mädchen einem Erwachsenen zuordneten.
Das setzte sie in Aufregung, weil Erwachsene dieses Trümmergrundstück nie besuchten. Jedenfalls nicht mehr.
Auch andere Kinder trieben sich da nicht herum, vielleicht, weil es ein bisschen abgelegen war.
Es traf sich außerdem, dass Milli von irgendwoher 40 Bände Karl May bekommen hatte, die sie fast alle hintereinander gelesen hatte und dadurch gelernt hatte, dass Indianer oder Trapper fähig seien, aus kleinsten Spuren Schlüsse zu ziehen.

Die beiden suchten nun gezielt das Gelände nach weiteren Haufen ab und wurden tatsächlich fündig. Es gab einen Haufen, der schon ziemlich eingetrocknet war und dann noch einen und an einem der nächsten Tage, fanden sie einen frischen Haufen!

Sie schlossen daraus, dass hier in einem der noch zugänglichen Keller jemand wohnen müsse. In die Keller waren sie bei ihren Streifzügen bisher nie eingedrungen, weil sie Angst vor Kröten und Ratten hatten und außerdem wussten sie, dass diese Keller immer noch einstürzen könnten. Jetzt wagten sie sich ein bisschen weiter in alle möglichen Öffnungen und tatsächlich sahen sie eines Tages unterhalb einer Treppe einen Schuh mit einem Bein dran und beides bewegte sich und heraus kam ein Mann, in völlig zerlumpter Soldatenuniform, dürr und faltig und unrasiert, der die Mädchen inständig bat, ihn nicht zu verpfeifen. Er sah mitleiderregend aus. Warum der Soldat sich noch zwei Jahre nach Kriegsende versteckte, fragten sich die Mädchen nicht. Sie versprachen aber, am nächsten Tag wieder zu kommen und etwas zum Essen mitzubringen.

Der Mann wurde nun das große Geheimnis zwischen Milli und ihrer Freundin. Beide sagten zu Hause tatsächlich nichts, sondern legten heimlich etwas von ihrer eigenen Ration für ihn zum Essen zurück. Das war gar nicht so einfach. Der Hungerwinter war zwar vorbei, aber üppig war es immer noch nicht. Bei Milli wurde zu den Mahlzeigen gegessen und dazwischen gab es nichts. Und es musste aufgegessen werden, obwohl darum nie gebeten werden musste. Es war selbstverständlich.

Aber irgendwie schafften es beide Mädchen am nächsten Tag mit einem Margarinebrot zu ihrer Entdeckung zu kommen. Irgendwie hatten sie es geschafft, es nicht am Tisch zu essen, obwohl sie durchaus danach verlangten. Aber die Freude des Soldaten war herzergreifend. Er nannte sie “Meine Retterinnen“. Ab und zu saßen sie gemeinsam in der Sonne, es waren friedliche, schweigsame Momente.

Das ging nun einige Wochen so. Mindestens 10 Tage! Jeden Tag brachten sie ihm etwas, was sie von ihrer eigenen Ration abgespart hatten oder irgendwo geklaut hatten und eines Tages war er weg. Sie suchten noch ein Weilchen nach ihm und riefen auch, obwohl sie nicht seinen Namen kannten.

Zuerst waren beide traurig, aber sie waren andere Unerklärlichkeiten gewöhnt und freuten sich auch wieder auf ihre größeren Portionen.

 

ENDE