Die analoge, schöne Nachkriegszeit 1945-1947

Geschichten von Milli
In Dresden, Königsstein, Plauen, Rudolstadt ,
Rohrsen, Holtorf, Gräfrath, Solingen und noch
anderen Orten

Von
Helke Sander
(In ca. 14-tägiger Folge)

5

Königsstein
1945
Vom Tod erzählen

Milli, Jan und Anna, die lettischen Geschwister, die im gleichen Haus nach dem Dresdener Angriff untergekommen waren,
sprachen immer wieder darüber, dass sie lieber vor den Eltern sterben würden, damit es nicht so schrecklich sei, allein zu bleiben. Später in Rudolstadt und den anderen Orten, wo es Milli hin verschlagen hatte, gab es diese Gespräche nicht mehr. Sie waren entstanden, wenn sie den Tieffliegern, die noch ein-zweimal über Königsstein flogen, entkommen waren. Wenn sie kamen, warfen sich die Kinder flach in den nächsten Straßengraben und versuchten, von oben nicht gesehen zu werden, obwohl sie die Piloten in ihren Kanzeln erkennen konnten. Hinterher erzählten sie sich Gruselgeschichten über giftiges Spielzeug, das vom Himmel fallen sollte und sie ermahnten sich gegenseitig, das Stanniolpapier, das manchmal in Streifen durch die Luft flog und den Boden bedeckte, nicht anzufassen. Dennoch war die Versuchung groß, diese vom Himmel regnenden glänzenden Streifen zu berühren. Alle hatten irgendein Wissen darüber, dass es irgendwie mit der Flugabwehr zusammenhing und Kinder vergiften sollte. So wurde es ihnen jedenfalls gesagt. Und am Tag von Führers Geburtstag, am 20. April, das wusste Milli noch ganz genau, lernte sie von Anna und Jan einen neuen Abzählreim:
„Parademarsch, Parademarsch, der Führer hat ein Loch im Arsch“.
Es war klar, dass dieser Reim strikt unter ihnen bleiben würde und leise abgezählt wurde, hauptsächlich wegen des Wortes Arsch. Jeden Tag kamen bei den Kindern geradezu aus dem Nichts neue Reime dazu wie ein paar Tage später die neuesten Variationen des Deutschlandliedes:
„Deutschland, Deutschland ohne alles, ohne Butter, ohne Speck. Selbst das bisschen Marmelade nimmt uns noch –
„Der Nachbar“ oder „Klaus“ oder später „Der Russe“ oder wer auch immer – weg.“
Dann kam der Abend, an den Milli auch immer wieder dachte, als alle Hausbewohner stundenlang dem plötzlich einsetzenden entfernten Trommelfeuer aus der Dresdener Gegend zugehört hatten. Die Erwachsenen berieten leise, was zu tun sei, ob man noch wegkäme. Es sollte noch ein Zug fahren, hatte jemand gehört, weg von der näherkommenden Front. Diesen Zug wollte die Mutter mit den Kindern kriegen und sie kriegten ihn auch am nächsten Morgen und in diesem Zug gab es Tage später das Marzipanbrot, von dem Milli ihrer Freundin Kitty erzählt hatte. Am Abend standen alle, die damals in dem Haus lebten, zusammen und verabschiedeten sich voneinander. Jan und Anna und Milli auch.
Später, schon auf der Flucht zu Fuß, trafen sie jemanden aus dem Haus wieder, der ihnen sagte, dass die ganze Familie von Anna und Jan in jener Nacht gestorben sei. Die Eltern hätten den Kindern etwas gegeben und dann selbst Gift genommen. So erfüllte sich der Wunsch der Kinder, vor den Eltern zu sterben. Morgens, als Milli und Mutter und Bruder aus dem Hause gingen, lagen sie schon tot in ihrer Erdgeschosswohnung. Sie wollten den Russen nicht in die Hände fallen und hatten keine Kraft mehr, weiter zu fliehen, sagte die Mutter und dann dachte Milli an Schura, die 17-jährige Fremdarbeiterin, die im Haus bei einer Frau wohnte und die sie schon einmal nachts vor freigelassenen randalierenden Polen beschützt hatte. Schura war an diesem Abend völlig außer sich, weinte und schrie, als sie das entfernte Trommelfeuer hörte. Sie hatte vor ihren eigenen näherkommenden Landsleuten eine schreckliche Angst und wollte unbedingt von den Fortgehenden mitgenommen werden. Sie wollte nicht zurück nach Russland. Das konnten die Frauen nicht verstehen, die sie zu trösten versuchten und Schuras Befürchtungen, entweder erschossen zu werden oder nach Sibirien zu kommen, für Hysterie hielten.
Schura hatte manchmal mit den Kindern gespielt, sie war so was wie ein Star bei den Kindern und hatte eines Tages auf alle einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Sie hatte einen vereiterten Zehennagel, der sie sehr schmerzte und den die Frauen mit keinerlei Salbe oder Jod heilen konnten. Sie saß auf einem Hocker mit dem Fuß in einer Wasserschüssel und sagte, sie würde sich jetzt den Nagel herausreißen und bat um eine Zange. Alle Frauen des Hauses standen um sie herum und wollten sie davon abhalten. Aber Schura nahm die Zange, riss den Nagel heraus, begleitet vom tiefen Aufstöhnen der Umstehenden. Daraufhin ging es ihr besser.
Jetzt aber war es warm, es war schon Juni in Rudolstadt und die Gespräche über den Tod wurden vergesssen. Sie flammten kurz wieder auf, als die Russen schon da waren und einen hochrangigen toten Offizier im offenen Sarg durch die Stadt trugen, begleitet von einer wunderbar traurigen Musik. Milli und viele Einwohner standen stumm oder ergriffen an den Straßenrändern.
Manchmal, wenn sie wieder eine Frau mit rot geweinten Augen sahen, sagten sie zueinander, dass sie wohl eben erfahren habe, dass der Mann gefallen sei oder in Gefangenschaft gestorben. Ihre eigenen Väter waren auch nicht da, aber das bekümmerte die Mädchen nicht, sie kannten ihre Väter kaum.

4

Rudolstadt
Juni 45
Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen

Milli vermied aus bekannten Gründen ihre nähere Umgebung und bummelte mal mit, mal ohne kleinen Bruder in der Stadt herum, immer auch auf der Suche nach Essbarem.
Auf ihren Streifzügen traf Milli einmal auf ein Mädchen, das sie sogleich tief beeindruckte. Es musste in ihrem Alter sein, ungefähr acht, schien Milli aber an Erfahrungen um Jahre voraus. Sie zog die Aufmerksamkeit auch anderer Leute an, weil sie immer einen roten Luftballon an einer kleinen Strippe bei sich trug und in alten, hochhackigen und viel zu großen Schuhen ihrer Mutter, die vorne die Zehen sehen ließen, an jedem Nachmittag vor dem Haus, in dem sie wohnte, auf und ab flanierte, so gut ihr das in den Schuhen nur möglich war. Sie schlenkerte mit einer alten Handtasche am Handgelenk, lächelte verwegen nach rechts und links und sang dabei das Lied:

Kauf mir einen bunten Luftballon
Nimm ihn fest in deine Hand,
Stell dir vor, er fliegt mit mir davon
In ein fernes Märchenland.

Über Wolken, wo die Sonne thront
Und der blaue Himmel lacht
Bis zum Märchenschloss gleich hinter’m Mond
Wo ein Prinz dich traumhaft glücklich macht.

Das eigentlich Sensationelle an dem Mädchen war zweierlei: Sie trug keine Zöpfe wie alle anderen Mädchen, sondern in Höhe des rechten Ohrs eine bunte Schleife im kurzen, blond gelockten Haar. Noch umwerfender aber waren ihre rot lackierten Zehennägel. Auch die Fingernägel zeigten Reste von Rot. Allerdings war dort der Lack schon abgeblättert oder abgeknabbert. Milli hatte bis dahin in ihrem Leben noch nie eine Frau mit rot lackierten Nägeln von Nahem gesehen, geschweige denn ein Kind. Obwohl, in den letzten Wochen waren mehr aufgedonnerte Frauen zu sehen, als sich Milli erinnern konnte, jemals in dieser Häufung irgendwo wahrgenommen zu haben. Diese seltenen und aufregenden Exemplare waren erkennbar grell und lustig angemalt. Diese Frauen fielen aber nicht nur ihr auf, denn es gab immer ein Getuschel um sie von Erwachsenen, ob missbilligend oder neidend, war nicht ganz klar. Bisweilen wurden ihnen Worte hinterhergerufen, die Milli nicht verstand. Was sie allerdings noch wusste und früher, vielleicht vor einem halben Jahr oder einem Jahr mit eigenen Augen auf Plakaten gelesen hatte, war der Satz: Eine deutsche Frau schminkt sich nicht. Das war verbunden mit dem Bild einer jungen, blonden Frau mit Dutt im Nacken. Ihre Mutter sah so aus. Einmal hatte Milli sie mit Lippenstift gesehen, aber der war nicht richtig dick und rot aufgetragen, sondern nur ganz zart, kaum wahrnehmbar. Derartige Plakate gab es jetzt nicht mehr. Der Krieg war aus, in Rudolstadt waren die Amerikaner und die geschminkten Frauen hießen Amiliebchen.

Irgendwie wurden Kitty, das Mädchen mit dem Luftballon und Milli miteinander bekannt. Später erzählte Kitty Milli im Vertrauen, dass sie eigentlich Käte heiße und den Namen Kitty von einem Amerikaner bekommen habe, den ihre Mutter kenne.
Milli ihrerseits vertraute der neuen Freundin an, dass auch sie anders heiße, außerdem habe sie den richtigen Namen vergessen. Milli beneidete Kitty um ihren wunderbaren und anerkannten Namen und die roten Nägel und die Schleife, die so schief und unternehmungslustig am Kopf steckte. Sie wollte auch rot lackierte Nägel haben. Der Gedanke, ihre Haare auch abzuschneiden, war völlig abwegig und wurde von ihr auch nicht gedacht. Ein deutsches Mädchen trug Zöpfe. So sagte man es und las es überall. Das war so selbstverständlich wie Zähneputzen. Und obwohl niemand mehr richtig wusste, was mit Deutschland geschah, die Zöpfe waren von Zweifeln ausgenommen, jedenfalls bei allen, die sie kannte. Einzig anerkannte Alternativen zu den langen Zöpfen waren sogenannte Gretchenfrisuren oder Affenschaukeln. Pferdeschwänze oder gar offen getragene Haare gab es noch nicht. Deswegen ja war Kitty mit ihren kurzen Haaren eine solche Sensation.

Die roten Nägel wurden Milli versprochen, unter der Voraussetzung, dass sie nachmittags zu Kitty käme, um mit ihr vor dem Haus auf und ab zu spazieren. Es war nicht richtig klar, warum Kitty täglich am Nachmittag für ein paar Stunden die Wohnung oder das Zimmer, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, zu verlassen hatte. Aber so war es eben und Milli kam gerne. Eine Abendtasche hatte ihre Mutter nicht, mit der Milli hätte schlenkern können, auch keine hochhackigen Schuhe. Die waren in Dresden verbrannt. Aber Kitty war ein liebenswürdiges Mädchen, sie gab der Freundin einen Schuh ab, so dass sie nun beide, jeweils einen Fuß barfuss und den anderen in den Pumps von Kittys Mutter, Arm in Arm die Strasse auf und ab humpelten, wild nach rechts und links lächelten, mit den Augen rollten und dabei immer wieder gemeinsam das Lied mit allen Strophen sangen:

Drum kauf mir einen bunten Luftballon
Und mit etwas Phantasie
Fliegst du in das Land der Illusion
Und bist glücklich wie noch nie

Sie sangen „kauf mir“ und nicht „kauf dir“ wie es in der Originalfassung heißt, realistisch, wie beide schon waren.
Warum sie bei dem Lied mit den Augen rollen mussten, wusste Milli nicht, aber es gefiel ihr. Für den Fingernagellack musste ein geeigneter Moment abgepasst werden und außerdem musste sich Milli durch regelmäßiges Erscheinen bei Kitty erst bewähren. Manchmal machten Passanten bösartige Bemerkungen zu den Kindern oder sagten zum Beispiel, dass sie ja schon in jungen Jahren ihre Mütter nachahmen und was das wohl werden solle. Vielleicht lag es daran, dass Kitty beschloss, das Lied vom Luftballon durch ein anderes Lied abzulösen, das sie mit zunehmender Leidenschaft sangen. Es war das Lied:

„Es war einmal ein kleines Bübchen
das bettelte so nett und süß
Mamatschi schenk mir ein Pferdchen
Ein Pferdchen wär mein Paradies“

Es hatte mehrere Strophen, aus denen hervorging, dass der Wunsch des kleinen Bübchens nach einem Pferdchen nie zu seiner Zufriedenheit in Erfüllung ging. Zunächst bekam der kleine Mann ein Schimmelchen aus Marzipan, was er gar nicht wollte.
„Mamatschi, dieses Pferdchen wollt ich nicht“
Marzipan war nun aber etwas, womit Milli endlich auftrumpfen konnte, denn sie hatte schon mal Marzipan gegessen! Sie erzählte Kitty, wie eine Frau am Tag des Kriegsendes, als sie es aber noch nicht wussten und alle Erwachsenen ununterbrochen darüber redeten, was dann geschehen würde in dem überfüllten Zug und überfüllten Abteil, in dem sie damals schon ein paar Tage immerzu hin und her fuhren und in dem die Leute verabredet hatten, immer abwechselnd eine Stunde sitzen zu dürfen, wie also diese Frau nach einem allgemeinen lauten Wortwechsel über das Sitzendürfen und die Reihenfolge des Sitzendürfens plötzlich ein vielleicht fingerlanges, in Pergamentpapier eingewickeltes Marzipanbrot aus der Tasche holte und anfing, es in so viele Stückchen zu teilen, wie Leute im Abteil waren. Milli war es wichtig, Kitty die genaue Größe klar zu machen. Für jeden Mund blieb vielleicht ein daumennagelgroßes Stück übrig. Und das größte Stück, die Enden, bekamen Milli und ihr Bruder. Milli erinnerte sich, wie alle dieses Stückchen mit Sorgfalt aßen und diese Frau dann von der Zubereitung sprach und den anderen Frauen und dem einzigen alten Mann im Abteil das Rezept verriet, denn es war gar kein richtiges Marzipan, sondern Kriegsmarzipan und in der Beschreibung kam das Wort Kartoffelmehl und Mandelroma vor. Jedenfalls war die Stimmung nicht mehr gereizt, sondern freundlich, und einige Stunden lang erzählten sich die Leute, wie man aus Kartoffelschalen Knäckebrot machen könne, gingen dann über zu Vorkriegsrezepten und bekamen Glanz in die Augen. An dieses Marzipanbrot erinnerte sich Milli manchmal abends vor dem Einschlafen und sie stellte sich den Geschmack noch einmal vor und dann erinnerte sie sich unweigerlich an den wagenradgroßen runden Pflaumenkuchen, den eine Bäuerin aus dem Backofen im Hof geholt hatte, gerade als sie dort in einem langen Treck von Frauen, Kindern, Leiterwagen und zweirädrigen Karren vorbeizogen.

Die Mutter fragte um Wasser für die Kinder, es war Mai und heiß und Milli starrte auf den Pflaumenkuchen, der wie aus einer anderen Welt groß und rund und duftend auf den Armen der Bäuerin lag. Aber die gab davon nichts ab, sondern wies unfreundlich auf die Pumpe und sah missmutig den Berg hinunter, auf dessen Straße sich ununterbrochene kleine Trupps von Flüchtlingen herauf schleppten, die offenbar alle auf der Anhöhe ausgerechnet bei ihr Wasser trinken, aufs Klo gehen, sich waschen und was zu essen haben wollten. Milli erinnerte sich an das beleidigte Gefühl, weil sie tatsächlich nichts bekommen hatte. Es war so beschämend. Dann ging sie meist über zu einer besseren Erinnerung auf der gleichen Strecke an einem anderen Tag, an dem sie nachts mal nicht in Straßengräben oder Scheunen schliefen – wo, wie aus dem Nichts manchmal Männer auftauchten, die sich tagsüber versteckt gehalten hatten und nun ihre Frauen suchten – sondern vom Bürgermeister des Ortes in anständigen Betten bei der Bevölkerung untergebracht wurden. Mutter und Bruder schliefen irgendwo im Dorf, Milli war bei der Bürgermeisterfamilie untergebracht, die sich ihr wegen des unnachahmlichen Kartoffelsalats, den sie dort bekam, für ihr ganzes Leben einprägen sollte. Noch mit 80 Jahren versuchte Milli immer wieder, genau diesen Geschmack wieder hinzukriegen, wenn sie Kartoffelsalat machte.

Kitty war aber mit der Marzipangeschichte nicht zu beeindrucken. Sie äße ab und zu Schokolade, sagte sie, was Milli ihr nicht glaubte.
–  Heute erst, sagte Kitty, öffnete ihren Mund und hauchte Milli an.
–  Da, hinter dem Zahn ist noch so ein Gefühl von Schokolade im Rachen, ob Milli das noch sehen könne.
Aber die sah nur eine Reihe weißer Zähne und konnte keine Schokolade riechen, obwohl sie mit ihrer Nase tief in Kittys Mund steckte.

Wenn die Mädchen auf ihren Gängen mit Gesängen endlich zu der Strophe kamen, in der Mamatschi, nun tot, mit einem herrlichen Gespann reich geschmückt und schön zum Friedhof gefahren wird und dem ehemaligen Knaben, jetzt ein grosser Mann, seine Jugend einfällt und er singt: „Mamatschi, so ein Pferdchen wollt ich nicht“, weinten beide Mädchen laut, und weiter hin und hergehend, brachten sie das Lied schluchzend zu Ende.
Und viele Jahre sind vergangen
Und aus dem Jungen wurd‘ ein Mann
Da hielt, die Fenster dicht verhangen,
Vorm Haus ein prächtiges Gespann.
Vor einer Prunkkarosse stehn
Vier Pferde reich geschmückt und schön
Die trugen ihm sein armes Mütterlein
Da fiel ihm seine Jugend ein
Mamatschi schenk mir ein Pferdchen
Ein Pferdchen wär‘ mein Paradies
Mamatschi Trauerpferde wollt ich nicht

Eines Tages bekam Milli endlich einen roten kleinen Nagel an ihrer rechten Hand. Kitty hatte eine fast leere Lackflasche mit und sie konnte natürlich bestimmen, wie viele Nägel lackiert werden sollten. Aber Milli war stolz und trug die rechte Hand in Brusthöhe mit abgespreiztem kleinen Finger.
Natürlich sah die Mutter den roten Fingernagel und erfuhr die ganze Geschichte über Kitty. Die Mutter wollte nicht, dass Milli diese Besuche weiter fortsetze. Es war nicht wirklich herauszubekommen, warum das nicht sein sollte, es hatte irgendwas mit Kittys Mutter zu tun und Milli verfluchte die Erwachsenen, die es nicht nötig hatten, vernünftige Erklärungen zu geben und einfach verfügen konnten, ob Milli in diese oder jene Strasse gehen durfte. So einfach wollte sie aber nicht aufgeben und sie erinnerte ihre Mutter an den langen Amerikaner, den sie zusammen angestaunt hatten, mit dem sie stundenlang an der Saale in der Sonne gesessen hatten. Die Mutter und er hatten sich unterhalten und gelacht und die Mutter hatte richtig fröhlich ausgesehen, in einer Weise, die Milli überhaupt nicht an ihr kannte und Milli hatte aus Gänseblümchen einen Kranz geflochten und diesen Kranz dann um den Helm des Soldaten gelegt, den er zuerst auf dem Kopf hatte und später neben sich im Gras. Der Amerikaner hatte sich richtig über diesen Kranz gefreut, ihn ganz genau angeguckt, Milli dafür bewundert und ihr wahrscheinlich auch etwas zugesteckt.
Allerdings konnte sie sich daran nicht erinnern. Nur an das fröhliche Gesicht ihrer Mutter. Sie hatten in gebrochenem englischdeutsch darüber gesprochen, wie froh sie seien, dass der Krieg endlich vorbei sei. Er hatte ihr Fotos gezeigt von seiner Heimat und der Mutter mit einem langen Grashalm über den Arm gestreichelt. Beide lachten zusammen und das war etwas wirklich Neues. Sie konnte sich nicht erinnern, ihre Mutter zusammen mit dem Vater jemals lachen gehört zu haben. Sie glaubte damals ja sogar, dass Männer nie lachten und darum war dieser blonde, lange und junge Amerikaner eine Art Wundermann. Zwei – dreimal hatten sie sich an dieser Stelle getroffen, zu der sie auch weiter gingen, als die Russen schon da waren. Aber nie war der Amerikaner zu ihnen ins Zimmer gekommen, obwohl er sie besuchen wollte und Milli hatte darum auch nie draußen warten müssen.

Die Mutter blieb aber dennoch störrisch bei ihrem Verbot. Aber ein paar Tage später, als Milli dennoch zur gewohnten Zeit in Kittys Strasse ging, stand Kitty nicht mehr da und sie sah sie auch nicht mehr wieder und Anfang Juli zogen die Amerikaner ab und die Russen marschierten ein.
Da standen Milli, Mutter und Bruder oben auf der Burg von Rudolstadt, in der vor vielen hundert Jahren eine Prinzessin
Elisabeth gewohnt hatte, die den Armen Gutes getan haben sollte und deswegen früh starb. Der Rest der Geschichte ging unter, weil Mutter und Milli sich dann mehr für die Vorgänge in der Stadt interessierten, die sie von ihrem Standpunkt aus beobachten konnten. In den Fenstern erschienen nacheinander kleine rote und sich vermehrende Punkte und die Mutter sagte:
– Mein Gott, sie kommen. Die Russen kommen.
Sie stiegen die vielen kleinen Treppen in die Stadt hinunter und kamen gerade recht vor der Ausgangssperre und hatten auch noch Zeit, dem Befehl zu folgen und aus der alten Hakenkreuzfahne, die es in jedem Haus noch gab, wenn auch jetzt meist zwischen Lumpen versteckt, den weißen Kreis herauszutrennen, in dem sich das schwarze Hakenkreuz befand und die nun rote Fahne, wie es angewiesen war, aus dem Fenster zu hängen. Dann kam Musik und alle Deutschen schauten aus den Fenstern und sahen zu, wie die Russen mit ihren Panjewagen und den Pferdchen und zu Fuß singend und, wie es schien, stundenlang, in die Stadt eimarschierten.
Im Refrain ihres Liedes war etwas, was wie “Leberwurst” klang. Und bei jedem Refrain sang ihr kleiner Bruder laut “Leberwurst, Leberwurst” aus dem Fenster mit.

Später bekam Milli aus der roten Fahne einen roten Rock wie die meisten Mädchen. Alle trugen den Fahnenrock, das Fähnchen. Die geschickteren Mütter nähten den Rock so, dass das stärkere Stück Rot, das, was unter dem weißen Kreis und nicht verblichen war, irgendwie in den Rockfalten verschwand. Millis Mutter konnte nicht gut nähen und so musste Milli die beschämenden zweierlei Rots tragen.

 

3

Rudolstadt
Mai 45
Kinder machen

„Wollen wir ficken?“ Breitbeinig stand Klaus vor Milli und stellte ihr diese Frage. Dabei wippte ein Grashalm in seinem linken Mundwinkel. Klaus war fast einen Kopf kleiner als Milli und ein paar Monate jünger, nämlich erst siebendreiviertel, was Milli ein Überlegenheitsgefühl gab. Milli kniete im Garten des Hauses, in dem sie mit Mutter und Bruder seit ein paar Tagen in einem Zimmer wohnten oder, wie man damals sagte, einquartiert war. Milli hatte Federn gesammelt und steckte sie nun in einer langen Reihe in die Gartenerde und behauptete ihrem kleinen Bruder gegenüber, dass dann dort Hühner wüchsen. Der Garten war zugewuchert und aus den oberen Stockwerken nicht einzusehen und eben deswegen bei den im Haus wohnenden Kindern äußerst beliebt.
Milli schaute zu Klaus hoch. Er war herrisch, wie er da so stand, und sein Tonfall erinnerte sie an ihren Vater, von dem niemand wusste, wo er war, ob er noch lebte oder in Gefangenschaft war. Das waren die einzigen ihr damals bekannten Alternativen für den Verbleib von Vätern: tot oder gefangen.
Klaus ́ Frage war auch keine richtige Frage, sondern eher ein Befehl. Allerdings verstand sie nicht, was er ihr befahl, denn sie hatte das Wort, das er gebrauchte, noch nie gehört. Klaus wohnte mit mindestens fünf Geschwistern in der ersten Etage. Diese Kinder hatten zusammen so faszinierende Dinge gebaut wie zwei Baumhäuser in den großen Kastanien, die die schmale Straße hinter dem Garten säumten. Von diesen Baumhütten oder besser Brettern, kackten oder pinkelten die größeren Brüder herunter und zwar möglichst so, dass sie damit andere Leute erschreckten. Allerdings wagten sie es auch nicht, Haufen auf die Leute fallen zu lassen. Nur bei Regenwetter erlaubten sie sich manchmal diesen Scherz beim Pinkeln. Zuerst hatte Milli das nicht glauben wollen, sich aber dann durch eigenen Augenschein überzeugt. Auf dem Boden, im Radius von etwa zwei Quadratmetern, waren unter den beiden Kastanien tatsächlich kleine vertrocknete Kothaufen zu sehen, und ein bisschen davon klebte auch noch an den grünen Blättern, die an den tieferhängenden Ästen wuchsen.
Klaus ́ Schwester Hanna, die eine laute und etwas heisere Stimme hatte und ein Jahr älter war als er, hatte Milli auf das niedrigere der beiden Baumhäuser schon einmal mitgenommen. Das andere, hatte sie erklärt, sei nur für die großen Jungen, da dürfe sie, Hanna, nicht hinauf und Milli schon gar nicht. Milli hatte keinerlei Erfahrungen im Bäumeklettern, und Hanna erklärte ihr ungeduldig, wie sie die Füße setzen solle, an welcher Stelle sie sich mit beiden Armen am Ast festhalten, dann schwingen und mit den Füssen auf einer anderen Astgabel landen müsse. Milli hatte es mit Müh und Not Hanna nachgemacht und deren affenartige Geschwindigkeit bewundert. Im Baum fühlte sie das große Privileg, dabei sein zu dürfen. Von der Straße aus war das Brettergerüst, das großspurig Haus genannt wurde, nicht zu sehen, sondern völlig im dichten Blattwerk versteckt. Dort oben hatte Hanna ihr auch gezeigt, wie Mädchen im Stehen pinkeln können und Milli hatte es sofort begriffen und nachgemacht. Es war ein großartiges Gefühl, den Strahl durch die Blätter fallen zu sehen und zu hören, wie die Flüssigkeit von Blatt zu Blatt tropfte. Trotz aller Vorbehalte gegen Klaus war sie also positiv voreingenommen bei seinen Worten, denn diese Familie hatte ungewohnte Überraschungen zu bieten.
„Was ist ficken?“, wollte Milli darum wissen.
„Nicht so laut“, antwortete Klaus darauf.
Und dann sah er sie irgendwie mitleidig an. So, als sei sie sehr, sehr dumm.
Milli wiederholte ihre Frage. Klaus verdrehte die Augen, zögerte und sagte, kaum die Lippen mit dem Grashalm im Mundwinkel bewegend: „Das ist, wenn man Kinder macht.“
Milli hockte immer noch im Gras und blickte zu Klaus hoch. Kinder machen. Etwas Ähnliches machte sie ja gerade auch: Küken. Sie sah den Punkt noch nicht, auf den es beim Ficken ankommen sollte. Und warum war sie zu laut?
„Warum kann ich ficken nicht laut sagen?“
Statt einer Antwort sah Klaus zu den Fenstern hoch, sah nach rechts und sah nach links, spuckte den Grashalm aus und sagte dann: „Komm mit, ich zeigs dir.“
Milli stand bereitwillig auf und folgte Klaus in eine von Büschen zugewachsene Ecke des Gartens. In der Mitte zwischen den Büschen gab es eine kleine freie Fläche, auf der Gras und ein paar Wiesenblumen wuchsen. Das war der Geheimplatz.

In den letzten Minuten hatte Milli erfahren, dass es offenbar eine Verbindung zwischen Ficken und Kinderkriegen gab, was das Verständnis aber nicht erleichterte. Sie wusste, dass die Kinder im Bauch der Frau heranwuchsen, hatte sich aber nie gefragt, wie sie dort hineinkamen. Vielleicht hatte sie auch die Antwort vergessen. Das fiel ihr jetzt auf. Jedenfalls war es ein faszinierender Gedanke, ein Kind kriegen zu können, indem sie selber etwas tat. Bisher hatte sie geglaubt, es käme überraschend über die Frauen, ohne ihr eigenes Zutun. Was Milli allerdings bedenklich stimmte bei einem eventuellen Erfolg der Tätigkeit, die Klaus ihr zeigen wollte, war, dass ein Kind noch ein Esser mehr sein würde. Das Lebensmittelproblem war gerade das größte Problem der Familie. Sie schüttelte den Gedanken jedoch ab und dachte, sie könne sich die Sache ja mal ansehen. Für einen schwermütigen Moment kam ihr Fiedchen vor Augen, die Schildkrötenpuppe, die sie bei einem Bombenalarm nicht hatte mitnehmen dürfen, weil sie schon so viel zu tragen hatte und die dann in der allgemeinen Zerstörung jener Nacht verbrannt sein musste.
Milli war inzwischen realistisch genug, um die Belastung durch ein wirkliches Baby einschätzen zu können. Sie hatte selbst immer wenigstens ein bisschen Hunger und manchmal großen Hunger, und gestern war sie zusammen mit ihrem Bruder auf der Straße betteln gewesen, und das würde sie heute auch wieder machen. Zuerst war es eine Überwindung gewesen und sie hatte sich geschämt, aber dann ging es leicht. Sie bettelte nicht bei allen Vorübergehenden und sie tat es nicht vor der eigenen Haustür. Sie versuchte die Leute aus der Entfernung danach einzuschätzen, ob sie etwas zu geben hätten oder selber hungrig waren. Wichtig war der kleine Bruder an ihrer Hand, auf dessen Hunger sie verweisen konnte. Sie wurden dann für Kriegswaisen gehalten und Milli für die große Schwester, die für ihn verantwortlich war. Dabei war sie es, die spindeldürr war, während er ein rundes Kleinkinder- Gesichtchen und Speck am Bauch hatte. Es machte sich zudem besser, wenn sie beim Betteln humpelte. Dabei musste sie nur darauf achten, es stets mit demselben Bein zu tun, denn gestern war eine Frau vor ihr stehen geblieben und hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie mal das eine, mal das andere Bein nachzog. Jedenfalls bekamen sie hin und wieder etwas zugesteckt, jedes Mal war es Brot. Das meiste hatten sie gleich aufgegessen, den Rest stolz nach Hause gebracht. Vom Betteln hatte Milli nichts erzählt, aber sie glaubte, dass die Mutter es doch wusste und stillschweigend billigte. Denn schließlich hatte sie nichts mehr zum Kochen. Später würde Milli mit einer blechernen 2- Liter-Milchkanne mit Deckel zu einer bestimmten Stelle gehen, wo man ab und zu alte Pferde schlachtete, da würde sie nach Pferdeblut fragen und wenn sie es mit Glück bekäme, würde die Mutter daraus Blutsuppe kochen. Das hatte es schon einmal gegeben und es hatte gut geschmeckt. Und sie, Milli, hatte diese Quelle entdeckt.

Vielleicht dachte Milli nicht diese und noch mehr solcher Essensgeschichten erneut in voller Länge, aber irgendwo in ihrem Inneren gab es Warnrufe bei den von Klaus angedeuteten Konsequenzen der ihr unbekannten Tätigkeit „Ficken“, dessen Ergebnis ein Kind sein würde, das essen wollte. Immerhin ergriff sie zum ersten Mal der Gedanke, dass sie nicht nur Kind war, sondern irgendwann eine Frau sein würde und selber Kinder haben könne.
Sie hatte zwar noch nie ein anderes achtjähriges Mädchen gesehen mit einem echten eigenen Kind. Andererseits wollte sie sich diese Erfahrung keineswegs entgehen lassen, denn sie war schon tief beeindruckt von ihrer neuen Fähigkeit, im Stehen pinkeln zu können, die sie schließlich dieser Familie zu verdanken hatte.
Aber das Wort ficken war ihr ein bisschen zuwider. Es bezeichnete irgendetwas Verbotenes, sonst hätte Klaus es nicht so leise ausgesprochen. Vielleicht ist es so was wie Stehlen, dachte Milli. Aber gestohlene Kinder konnte sie sich in diesen Zeiten gar nicht vorstellen. Was sie kannte, waren gefundene und mitgenommene Kinder. Sie war ja selbst dabei gewesen, ein Kleinkind mitzunehmen, das neben seiner toten Mutter auf den mit Leichen übersäten Elbwiesen saß und schrie. Später fanden sie auch noch einen brauchbaren Kinderwagen für den Jungen. Der Junge hatte Masern und damit sofort ihren kleinen Bruder angesteckt. Später hatten sie das Kind aus den Augen verloren. Die fremde Frau, mit der sie eine Weile zusammen aus Dresden heraus wanderten, hatte gesagt, für das Kind sorgen zu wollen.

„Du musst dir die Hosen ausziehen“, sagte Klaus.
„Die Hosen ausziehen?“
„Ja.“
„Und dann?“
„Dann müssen wir uns so mit den Füßen gegeneinanderhinsetzen.“ Dabei stellte er sich breitbeinig hin, um einen Eindruck davon zu vermitteln, was Milli zu erwarten hatte. Das war nicht aufregend und ihr kam es eher unglaubwürdig vor, dass diese Haltung in einem Kind resultieren sollte.
„Also“, sagte Klaus, „traust du dich?“
Milli schaute ihn misstrauisch an und witterte plötzlich eine Gemeinheit. Aber gut. Sie zuckte mit den Achseln.
„Du zuerst“, sagte sie.
Klaus zog sich seine kurzen Hosen aus und auch die Unterhose mit den Löchern.
Milli hob ihren Rock und zog sich ihre Hose ebenfalls aus.
„Und nun?“
Klaus setzte sich mit gespreizten Beinen in das Gras und sagte Milli, sie solle dasselbe machen, sich ihm gegenübersetzen. Dann sollten sich ihre nackten Füße – sie waren in diesem Sommer immer nackt, weil es warm war und sie auch nur ein Paar Schuhe hatte, die geschont werden mussten – mit der ganzen Fußsohle berühren.
Das taten sie, wobei ihre ganze Aufmerksamkeit sich darauf konzentrierte, möglichst breitbeinig zu sitzen und dennoch mit der ganzen Fußsohle Kontakt zu haben, was dazu führte, dass sie hin und her rutschen mussten. Klaus war ein bisschen kleiner als Milli und darum musste sie ihre Beine nicht so weit spreizen wie er, weil der Kontakt sonst nicht richtig hergestellt worden wäre. Außerdem sollte sie ihren Rock hochziehen, was neuerliche Positionswechsel erforderte. Das Hemd bedeckte Klaus ́ Hintern und fiel vorne über seinen kleinen Schwanz, dem Milli aber keine weitere Aufmerksamkeit widmete, denn schließlich hatte ihr Bruder auch so was, und manchmal, wenn sie sich über ihn ärgerte und er gerade nackt war, zog sie ihn daran.
Endlich hatten sie die Position gefunden, die Klaus zum Ficken für geeignet hielt. Milli wartete gerade auf die nächsten Anweisungen, als Christian, der Junge aus dem zweiten Stock, seinen Kopf durch die Hecke steckte.
„Ich weiß ja, was ihr da macht“, sagte er.
Milli wollte sagen „wir ficken“, aber Klaus sprang auf, erinnerte sich sofort an seinen nackten Hintern und setzte sich gleich wieder hin. Mit geschlossenen Beinen zischte er Milli ein „Ruhig!“ zu und sagte Christian, er solle abhauen, er habe einen Splitter im Bein. Christian zog seinen Kopf zurück, denn Klaus war als Schläger gefürchtet. Sie hörten ihn aber kichernd im Garten herumspringen und immer wieder sagen: „Ich weiß ja, was ihr macht.“
Jedenfalls war er wieder weg und Milli wollte weitermachen. Die Hauptsache schien ihr noch zu fehlen. Bis jetzt war ficken zwar ungewohnt, aber langweilig. Doch Klaus zog sich seine Hosen an, war plötzlich sehr muffig und sagte:
„Jetzt nicht. Vielleicht morgen. Wenn niemand da ist. Und halt ja den Mund.“
Er sah Milli auf eine Weise an, als habe er sich in ihr geirrt und könne sich nicht auf sie verlassen. Er verschwand wortlos vor ihr in der Hecke. Milli zog sich ihrerseits die Hose an und steckte dann weiter Hühnerfedern in die Beete. Das zumindest war dann ein voller Erfolg, denn als ihr Bruder sie später entdeckte, juchzte er auf und wollte Hühner zum Abendbrot ernten.

Am nächsten Nachmittag war es heiß, der Garten war leer und die Erwachsenen waren alle unterwegs, wahrscheinlich um Essen zu organisieren oder zu hamstern, ein feiner Unterschied. Milli durchforschte den Garten, sie machte sich auf die Suche nach Klaus. Der spielte eine Straße weiter Fußball. Die eine Mannschaft wurde von Kindern einer Seitenstraße gebildet und Klaus ́ Mannschaft bestand aus drei weiteren Brüdern und Hanna. Klaus war der jüngste.
Milli stellte sich an den Rand, sah eine Weile zu und rief dann nach Klaus, in völliger Verkennung der Tatsache, dass Jungen nicht beim Fußball gestört werden wollen. Sie tat das mehrmals, aber Klaus beachtete sie gar nicht. Schließlich kam Hanna unwirsch angerannt und wollte wissen, was Milli von ihrem Bruder wolle.
„Wir wollen im Garten ficken“, sagte sie.
Hanna starrte Milli an, holte tief Luft und schrie dann: „Du Schwein!“
Immerhin schien sie zu wissen, wovon Milli sprach. Mit ihrer durchdringenden, etwas heiseren Stimme rief sie daraufhin den Fußballspielern zu: „Wisst Ihr, was die gesagt hat? Kommt mal alle her und hört, was das Schwein gesagt hat!“
Alle rannten zu Hanna, die mit dem Finger auf Milli zeigte und laut flüsternd Millis Wunsch an die anderen Kinder weitergab, die sofort in das Schweinegeschrei einstimmten, allen voran Klaus, der absolut überzeugend jede Beteiligung oder jedes Wissen über eine Verabredung abstritt und im Chor mit den anderen, einen Zeigefinger über den anderen streichend, Milli einkreiste und „Schweine-Milli, Schweine-Milli“ brüllte.
Milli wollte sich verteidigen, sagen, dass Klaus lüge und sie sich ehrlich verabredet hätten, aber sie sah schnell ein, dass sie sich auf der Verliererseite befand und irgendetwas Schreckliches getan haben musste. Sie rannte weg, die anderen folgten ihr unter Geschrei und rhythmischen Fingerschaben bis zur nächsten Ecke und liefen dann zu dem Ball zurück. Milli schlich ins Haus, rannte an Klaus ́ Wohnung vorbei und ging anschließend mindestens eine Woche lang nur noch dann aus dem Haus, wenn sie sicher war, dass Klaus und seine Geschwister nicht vor dem Haus spielten. Ihre Mutter wunderte sich, dass Milli gar nicht mehr auf die Straße wollte, sondern ihr sogar freiwillig half. Dabei gab es nicht viel zu helfen, denn sie hatten ja fast nichts. Ihre Betteltouren verlegte Milli ein paar Straßen weiter, wo die Geschwister nicht hingingen. Sie schämte sich und wusste auch Jahre später noch nicht, wie Ficken funktioniert.
So behielt sie lange Zeit den Glauben, dass die Voraussetzung dazu auf jeden Fall die zusammengelegten Fußsohlen zweier sich gegenübersitzender Menschen seien. Und noch viel später dachte sie, dass es gar keine schlechte Methode sei, um einen Teil des Vergnügens bei der Ausübung dieses unausstehlichen Wortes voll zur Geltung zu bringen.

 

2

Rudolstadt
Mai 45
Ein Ziel verfolgen

Millis Mutter hatte irgendwoher erfahren, dass in Rudolstadt vermutlich ein Cousin von ihr gelandet war und von ihm versprach sie sich Hilfe. Diese Stadt galt nun als Ziel, das sie anstrebten. Nach dem Angriff auf Dresden hatten sie schon Königsstein und Karlsbad kennengelernt. Nun waren sie dem Lager in Plauen entkommen, worüber später noch zu berichten sein wird.
Von Plauen aus ging es tagelang zu Fuß mit einem zweirädrigen Karren weiter, auf dem meistens Millis kleiner Bruder saß. Alle in der endlosen Kolonne, die in die gleiche Richtung zogen, waren braungebrannt und widerstandsfähig. Immer war schönes Wetter. Mal schliefen sie am Straßenrand, mal kamen sie in Dörfern bei Einheimischen oder in Scheunen unter.

Sie fanden Millis Onkel tatsächlich in Rudolstadt. Die Mutter fragte immer wieder Leute nach einem Arzt ohne Praxis. Das führte sie tatsächlich zu einer Villa, in der Onkel und Tante sogar zwei Zimmer bewohnten. In dem einen schliefen sie und in dem anderen behandelte er Patienten, die von ihm erfahren hatten. Und zwei-drei-Wochen wohnte Milli mit Mutter und Bruder in der sogenannten Praxis. Wenn Patienten kamen, mussten alle verschwinden.

Onkel Bruno klagte über mangelnde Hilfe. Milli sollte ihm Dinge zureichen, wenn er mit den Patienten beschäftigt war. Aus irgendeinem Grund kam das für Millis Mutter und die Ehefrau nicht infrage. Die achtjährige Milli meinte, sie wolle auch Ärztin werden und sie könne seine Sprechstundenhilfe werden. Zuerst wurde über ihren Vorschlag gelacht, dann aber versuchsweise angenommen. Milli dürfe nicht sprechen während der Behandlung, sie dürfe auch niemandem außerhalb dieser Räume etwas von ihrer oder des Onkels Tätigkeit sagen, es sei ihm verboten, hier zu praktizieren. Onkel Bruno schrubbte ihr die Hände. Die Zöpfe wurden stramm geflochten und Milli bekam ein weißes Handtuch als Schürze umgebunden. Sie arbeitete zur Zufriedenheit des Onkels und hatte keine Ekelgefühle, wenn die Leute mit eiternden Furunkeln am Nacken oder Hintern kamen, die aufgeschnitten werden mussten. Wenn diese Furunkel an intimen Stellen saßen, musste sie sich umdrehen. Milli hatte den Eindruck, alle Erwachsenen hatten damals Furunkel. Sie stand mit Pinzette und Wattebäuschchen bereit und achtete drauf, nicht zu viel Watte zu nehmen, denn der Vorrat an ärztlichen Hilfsmitteln war sehr begrenzt. Eines Tages wurde laut an die Tür gebummert, Onkel Bruno räumte hektisch seine wenigen medizinischen Geräte weg und Milli rannte nach unten, um zu öffnen Da standen ein paar Amerikaner, die barsch sagten, dass das Haus in einer Stunde geräumt sein müsse, es werde vom Militär beansprucht. Das wurde vor den Erwachsenen wiederholt und mit solchem Nachdruck, dass alle Bewohner tatsächlich mit ihren Siebensachen nach einer Stunde draußen standen. Die im Haus einquartierten Flüchtlinge waren gut dran, denn sie hatten kaum Gepäck und die eigentlichen Bewohner waren noch unerfahren und schleppten viel Unsinniges mit, was zu spöttischen Kommentaren der Erfahreneren führte. Damit endete Millis Praxis als Arzthelferin und Onkel Bruno verschwand ebenso aus ihrem Gesichtskreis.

Zu den Amerikanern entwickelte Milli ein zwiespältiges Verhältnis. Das war eine längere Geschichte, die Milli in vielen Abschnitten auch Angst gemacht hatte.
Die ersten hatte sie getroffen, nachdem sie in Karlsbad den Russen entkommen waren. Ihre Mutter hatte einen Zug entdeckt, der voller befreiter französischer, belgischer und holländischer Kriegsgefangener war. Der Waggon hinter der Lokomotive war leer und der Heizer, der ein Deutscher war, sagte Millis Mutter, dass dieser leere Wagen für das Begleitpersonal reserviert sei. Der Zug würde nach Paris fahren. Paris sei besser als Sibirien, sagte die Mutter und sie stiegen ein. Irgendwann kam ein belgischer Offizier und schmiss sie wieder raus. Millis Mutter stieg mit Sohn und Milli auf der anderen Seite wieder in den gleichen Waggon ein. Als der belgische Offizier zum dritten Mal das Abteil kontrollierte, zog er eine Pistole und sagte, er würde jetzt alle erschießen, hier hätten nur die Frauen des Personals Zutritt. Millis Mutter sagte, der Heizer sei ihr Ehemann. Sie wurde herausgeschleift und mit den Kindern vor den Heizer gebracht, wo sie ihm schon von weitem zurief, dass der Offizier nicht glaube, dass der Heizer ihr Ehemann sei.

Milli verstand nicht richtig, aber doch soviel, dass es jetzt gefährlich war und sie sagte „Papa“ und der Heizer umarmte die Frau und gab ihr einen Kuss. Daraufhin konnten sie wieder einsteigen und irgendwann fuhr der nach Paris bestimmte Zug ab und endete nach wenigen Kilometern in der Nähe von Plauen, ein schon von Amerikanern besetztes Städtchen. Die befreiten Gefangenen wurden auf Lastwagen verteilt und für einen Zwischenstop in ein Lager gebracht. Ebenso wurde Millis Mutter mit kleinem Bruder in einen der Laster nach vorne zum Fahrer gesetzt und Milli in den nächsten LKW auch neben den Fahrer. Der kleine Koffer, den die Mutter immer noch mitgeschleppt hatte, kam in den vorderen Laster zu den Insassen und wurde während der Fahrt geleert aus der geöffneten hinteren Tür herausgeschmissen und einige Kleidungsstücke ihres kleinen Bruders auch. Milli war ängstlich. Was würde mit ihnen geschehen? Würden sie vielleicht doch noch erschossen? Der amerikanische Fahrer lachte, als der Koffer flog und steckte ihr etwas flach in Stanniol Eingewickeltes zu.

Dieses Stanniol erinnerte sie an die Warnungen vor einigen Wochen, als es noch Bombenangriffe gab, dieses Zeug nur ja nicht aufzuheben oder anzufassen, wenn es ab und zu vom Himmel fiel. Es sollte vergiftet sein.
Lieber hätte sie das weiße Brot gegessen, dass der Fahrer ausgepackt hatte und selber aß.
Der Fahrer war mit ihr unzufrieden und ein bisschen wütend, das konnte sie fühlen. Er hielt sie für doof. Schließlich wickelte er unwirsch dieses gefährliche Ding aus und steckte ihr das flache Zeug in den Mund. Sie biss die Zähne zusammen, er zwang das Zeug trotzdem rein und machte Kaubewegungen. Es war eigentlich ein guter Geschmack, nach Pfefferminz, aber vermutlich würde sie die Fahrt nicht überleben. Wie konnte man etwas kauen, was kein Essen war? Das war ihr erster Kontakt zu einem Amerikaner und zu Kaugummi. Das Lager, in das sie dann eingesperrt wurden, war ein amerikanisches Lager. Die ehemaligen Gefangenen spazierten entspannt in dem großen Karree herum oder aßen und rauchten. Irgendwann kam ein Soldat und winkte Milli heran. Er führte sie zu einem Offizier in einem anderen Gebäude. Sie sah, dass es ein Offizier war an seinen Schulterklappen.
Später wusste sie nicht mehr, ob sie ihm gegenüber saß oder stehen musste. Er sprach Deutsch mit Akzent und war streng.
Woher kamen sie, wo wohnten sie, wo war ihr Vater.
Mein Vater ist auch Offizier, sagte Milli. Das war nun interessant.

– Was für einer?

– Hauptmann.

Aber wo war er?
Was er auch fragte, sie wusste es nicht, Wann zuletzt gesehen, wo gesehen?
Irgendwann war das Verhör vorbei. Noch hatten sie im Lager zu bleiben, durften aber auch auf den Hof. Ein Jude, das sagte Millis Mutter, ein Jude habe einen Karren gefunden und er würde sie nachts herauslassen. Sie müssten leise sein und so geschah es auch und die lange Wanderung begann irgendwann mitten in der Nacht.

Aber nun, in Rudolstadt, stand Milli bald mit anderen Kindern an der Essensausgabe für das Militär, in der Hoffnung, dass auch was für sie abfallen würde. Manchmal kriegten sie die Reste. Ein Soldat winkte Milli herbei und sagte, sie solle ihren Arm ausstrecken und die Hand öffnen und die Augen schließen.

Das machte Milli. Der Soldat drückte seine Zigarette in Millis Handflüche aus. Sie schrie.
Ein anderer Soldat strich ihr über den Kopf und sagte in gebrochenem Deutsch zu Milli, während noch andere den Mann zu beruhigen suchten, dass ein deutscher Junge, vielleicht 15, den Kameraden und besten Freund des Soldaten vor ein paar Tagen erst aus einem Hinterhalt erschossen hätte.

 

1

Vorwort
Warum fallen mir, die ich schon über 80 Jahre alt bin, so viele
Geschichten aus meiner Kindheit in der unmittelbaren Nachkriegszeit
ein und was haben sie mit den Kindern von heute zu tun? Auf den
Straßen nachmittags sind sie praktisch nie mehr zu sehen, weder als
Einzelne, noch in Gruppen. Als ich 8 Jahre alt war, waren andere
Kinder in der Nähe eine Selbstverständlichkeit und was bedeutet das?
Für mich war diese Zeit zwischen 1945 und 1947 geradezu vergoldet.
Später dachte ich, dass es wohl damit zusammenhing, dass wir zu dritt
waren, meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich. Meine junge
Mutter war friedlich, praktisch und durchsetzungsfähig. Sie fuhr auf
einem Kohlentender nach Berlin, um ihre Eltern zu suchen, sie
schlachtete ein Ferkel, damit wir zu essen hatten, sie klaubte
Kartoffeln auf den Feldern als Nachernte und nörgelte nicht an uns
Kindern herum. Als der Vater wieder aus der Gefangenschaft
auftauchte, änderte sich alles schlagartig und die Mutter wurde
gewissermaßen auf eine Stufe mit uns Kindern gestellt und hatte wie
wir um alles zu bitten.
Ich frage mich heute, ob meine damaligen Erlebnisse später mit dafür
verantwortlich waren, dass ich vollkommen unempfänglich für
totalitäre Gruppen wurde, wie für die RAF oder die ML-Gruppen oder
andere Ideologien. Dabei kannte ich eine Reihe der führenden Köpfe
aller dieser Richtungen und wohnte sogar zeitweise mit ihnen
zusammen.
Was mir relativ früh bewusst wurde, war die Tatsache, dass ich ein
unglaubliches Glück gehabt habe, bei Kriegsende erst acht Jahre alt
gewesen zu sein und nicht etwa schon fünfzehn.
Mit fünfzehn wäre ich als Mädchen vermutlich in den Gegenden, in denen
wir uns herumtrieben, vergewaltigt worden. Weil ich aber noch so
klein war, wurde ich verschont. Und wäre ich ein Junge gewesen,
dann wäre ich noch eingezogen worden, hätte das Vaterland mit
Waffen verteidigen müssen und wäre vermutlich als Verräter
erschossen oder aufgehängt worden, wäre ich weggelaufen.
Und, obwohl ich mich 50 Jahre meines Lebens mit Evolution und
Vorgeschichte beschäftigt habe, wo es um Millionen von Jahren geht,
spielen im persönlichen Leben 5 – 7 Jahre weniger oder mehr eine
entscheidende Rolle.
Ich nenne diese Geschichten: „Die analoge Nachkriegszeit“. Sie war
für mich schön.
Zur gleichen Zeit gab es aber auch tausende von Waisenkindern, die
in Heimen aufwuchsen, in denen ihnen die Selbständigkeit
ausgetrieben wurde. Mir sind noch die Plakate vor Augen, die bis
mindestens Ende der sechziger Jahre in den Berliner U-Bahnhöfen
hingen, auf denen der Suchdienst vom Roten Kreuz Fotos der
irgendwo aufgesammelten Kinder abgebildet hatte und nach
Angehörigen fahndete. Oft hieß es auf den Bildunterschriften nur:
gefunden da und da, dann und dann. Und das Foto zeigte vielleicht nur
ein Kleinkind mit einer besonders gemusterten handgestrickten Mütze
und eine ungefähre Altersangabe.
Warum über diese Erinnerungen kaum gesprochen wurde und wie sie
später möglicherweise die eigenen politischen Haltungen bestimmten,
mag auch damit zusammenhängen, dass die Bilder und Nachrichten
über den so lange dauernden Vietnamkrieg, der unser
Erwachsenenleben prägte, so viel schrecklicher schienen als die
verblassenden oder verdrängten eigenen Erinnerungen und
möglicherweise der Respekt auch viele davon abhielt, nun ihre
eigenen Geschichten zum Besten zu geben.