»Auch das noch« (Mehdorn, Mann meiner Träume 3)

Mehdorn, Mann meiner Träume 3

Montag, 4. Mai 2009
von Helke Sander

(Auch veröf­fent­licht auf fembio und von Peter Klei­nert auf www​.nrhz​.de)

(Der neue Mehdorn heisst Grube und muss sich seinen Namen, der schon jetzt zu Kalauern Anlass gibt, erst noch verdienen).

Dies ist die vorläufig letzte Folge.
Nicht, weil ich nicht noch endlose Geschichten auf Lager hätte wie jede Bahn­fah­rende, sondern um diesen konti­nu­ier­li­chen klein­tei­ligen Ärger, diese stän­digen unnö­tigen Konfron­ta­tionen bei Zugfahrten nicht noch auf die eigene Seele abfärben zu lassen. Darum verkneife ich mir auch die Schil­de­rung der mit der Einlö­sung der Bonus-Punkte verbun­denen Unan­nehm­lich­keiten und der auf Verwir­rung und Kapi­tu­la­tion ange­legten entspre­chenden Webseite der Bahn und beschränke mich heute auf den Haupt­bahnhof Hamburg und den Fahr­kar­ten­au­to­maten in Salzwedel.

Wer in Hamburg am Hbf mit der Bahn ankommt und weiter zum Flug­hafen will, kann seit einiger Zeit mit der S-Bahn dorthin fahren und die Bahn­fahr­karten bis dorthin lösen. Der kürzere Weg vom Bahn­steig des ankom­menden Zuges zur S-Bahn ist der Weg auf die Brücke, die der Wandel­halle gegen­über­liegt und dann von dort aus zum S-Bahnsteig hinunter. Denn an diesem hinteren Ende des langen Bahn­steigs halten die Waggons zum Flug­hafen an extra markierten Stellen und diesen Weg nennt Ihnen auch jeder vom Bahn­per­sonal oder wer sich sonst auf dem Bahnhof auskennt.

Die schon mit dem Zug ankom­menden Reisenden mit ihren Koffern und Kinder­wagen freuen sich also über die meist funk­tio­nie­rende aufwärts zur Brücke fahrende Roll­treppe, gehen ein paar Schritte zum S-Bahnsteig und dann??nun dann stehen sie da. Es gibt Treppen sogar beid­seits der Brücke und es gibt auch Roll­treppen beid­seits der Brücke. Sie können dennoch nicht mit ihren Koffern runter, denn beide Roll­treppen fahren aufwärts.

Sie stehen da also da mit zwei Koffern und einem Band­schei­ben­pro­blem.
Zwei sehr alte Leut­chen stützen sich gegen­seitig, schauen ratlos zur einen und zur anderen Roll­treppe und schüt­teln ungläubig die Köpfe. Wie sollen sie es mit ihrer schweren Tasche nach unten schaffen? Die beiden wackeln zur anderen Seite der Brücke und suchen einen Knopf an der Roll­treppe, der mögli­cher­weise das Fahr­werk in die andere Rich­tung laufen lässt. Den gibt es aber nicht.
Die Frau mit den beiden Koffern auf Rollen ? ich — geht zu der DB-Information auf der Brücke, um sie auf den vermeint­li­chen Fehler mit der Roll­treppe aufmerksam zu machen und den Ange­stellten zu bitten, eine der Roll­treppen bitte hinunter fahren zu lassen.

Der Mann an der Infor­ma­tion ist freund­lich und sagt, erstens könne er das tech­nisch nicht von seinem Platz aus und zwei­tens sei es eine Bestim­mung des Bahn-Managements, dass beide Treppen nur aufwärts fahren dürfen. Er kenne das Problem, viele Leute beschweren sich, aber es dürfe nicht geän­dert werden. Die Leute können ja auf der anderen Seite, der Seite der Wandel­halle, den Fahr­stuhl zu den Bahn­steigen benutzen. Abge­sehen davon, dass es für Unkun­dige keinen Hinweis darauf gibt, dass es auf der anderen Seite, über hundert Meter weiter, einen Fahr­stuhl gibt, müssten die Reisenden zu seiner Benut­zung mit ihren Koffern, Kinder­wagen, Rolla­toren zunächst aus dem Haupt­bahnhof heraus, um den Haupt­ein­gang und den entspre­chenden Fahr­stuhl zu finden, um dann auf dem Bahn­steig den Weg zurück­zu­legen, der sie wieder genau an die Stelle des Hinter­aus­gangs mit den nur aufwärts fahrenden Roll­treppen führt. Diese Aktion würde mindes­tens zehn Minuten in Anspruch nehmen. Ich habe meine beiden Koffer dann einzeln die Treppe hinunter zum Bahn­steig getragen und war froh, dass keine Haupt­ver­kehrs­zeit und der jeweils andere Koffer die ganze Zeit im Blick­feld war. Und auch die beiden Alten haben es irgendwie geschafft.

***
Schon in Kenntnis, dass es am Auto­maten häufig Probleme gibt, kaufen viele Leute lieber am Schalter, vor allem an kleinen Bahn­höfen. Für den Zug, der um 11.34 Uhr ab Salz­wedel fährt, öffnet der Schalter um 11.15 Uhr. Dann kommen natür­lich zusätz­lich auch alle die, die in zwei oder drei Wochen irgend­wohin fahren wollen und lang­wie­rige Bera­tungen für ihre Entschei­dungen brau­chen. Vor dem Schalter stauen sich also die Leute und darum braucht man für den gleich abfah­renden Zug doch häufig wieder den Auto­maten, wenn es in der Schlange nicht recht weiter­geht. Ich gebe also die entspre­chenden Nummern für Berlin ein, man muss nur mehr­mals drücken, bevor der Automat gehorcht, aufatmen, Bahn­karte 50 eingeben, aufatmen, Hin-und Rück­fahrt eingeben, aufatmen. Bisher funk­tio­niert alles. Ab Stendal brauche ich einen IC-Zuschlag. Der entspre­chende Knopf für den Zuschlag ist auch da, ich drücke ihn, aber der Automat reagiert nicht. Wieder und wieder und wieder drücken ? mit glei­chem Ergebnis. Ein freund­li­cher Jugend­li­cher deckt mit seiner Mütze das von der Sonne beschie­nene Display ab, und wir entzif­fern gemeinsam im Display die rote Schrift, die uns wissen lässt, dass dieser Automat keine Zuschläge mehr ausdruckt. Jede weiß natür­lich, dass der Kauf des IC-Zuschlags im Zug teurer ist. Inzwi­schen ist es schon 11.30 ? Gott sei Dank steht niemand hinter mir ? ich drücke also das ok und bekomme die Fahr­karte für 27,60. Am Schalter kostet sie inklu­sive des IC-Zuschlags für Hin und ?Rück­fahrt sowie dem City-Aufdruck für Berlin, der mich berech­tigt, vom Bahnhof aus und auch wieder zum Bahnhof zurück die öffent­li­chen Verkehrs­mittel zu benutzen, 33.?Euro. Mit meiner Fahr­karte muss ich also theo­re­tisch 2 x den Straf-IC-Zuschlag in der Bahn und außerdem noch extra in Berlin die BVG, zweimal je 2,10 bezahlen.

Die Schaff­nerin im Regio­nalzug braucht eine Weile, um auf ihrem Computer den Zuschlag für die Hinfahrt ausrechnen zu können. 4,90.
Für die Rück­fahrt wäre es noch einmal soviel und damit wäre die Fahr­karte um fast zehn Euro teurer als die am Schalter gelöste. Ich sage also, dass ich den Zuschlag erst im IC kaufen würde, viel­leicht geben da die Computer andere Auskünfte. Tatsäch­lich kommt der kontrol­lie­rende Schaffner nach dem Umsteigen in den IC nach längerem Herum­ge­drücke auf seinem Computer und seinem eigenen mehr­ma­ligen Kopf­schüt­teln auch zu einem anderen Ergebnis. Er druckt mir die Quit­tung aus: Zuschlag: 0 Euro. Beide halten wir das für einen Fehler, aber auf der Rück­fahrt mache ich mit einem anderen ebenso erstaunten Schaffner die gleiche Erfah­rung: 0 Euro.
Am Samstag drauf muss ich schon wieder nach Berlin. Der Fahr­kar­ten­schalter hat dann voll­ends geschlossen. Der kontrol­lie­rende Schaffner kennt das Problem, er verdreht nur die Augen, winkt ab und verlangt keinen Zuschlag. Auf der Rück­fahrt habe ich weniger Glück. Die Schaff­nerin inter­es­siert sich nicht für meine Erklä­rung, sondern verlangt 4,50 für den Zuschlag. Bald sagt sie durch den Laut­spre­cher sehr laut die Ergeb­nisse der Bundes­li­ga­spiele an und unter­bricht damit die Gespräche von mindes­tens fünf Frauen, die ich gerade im Auge habe und die sich nicht für Fußball inter­es­sieren. Als sie gleich darauf wieder meinen Platz passiert, sage ich ihr höflich, dass derar­tige Infor­ma­tionen nicht für alle Leute inter­es­sant sind. Sie anwortet pampig und in bester verspä­teter real­so­zia­lis­ti­scher Manier: ?Es wird aber trotzdem angesagt! ?

Früher erzählten sich die Leute Geschichten über die 7 Schwaben. Heute über die Deut­sche Bahn.

©Helke Sander, Mai 09

Der Mann meiner Träume


Der Mann meiner Träume

(Diese Glosse habe ich Anfang März 2009 geschrieben, also noch vor dem Rück­tritt des wohl meist gehassten Konzern­chefs Deutsch­lands. Durch ihn mussten die Bundes­bürger auf die harte Tour lernen, dass es bei einem „erfolg­rei­chen Bahn­ma­nage­ment”, das Herrn Mehdorn nach wie vor nach­ge­sagt wird, nicht etwa darum geht, das Reisen für alle ange­nehmer zu gestalten. Wer ein Auto hat, hat es aufge­geben, auf die Bahn umzu­steigen. Die Älteren erin­nern sich inzwi­schen mit Sehn­sucht an Zeiten, als pünkt­liche Züge noch an kleinsten Bahn­höfen hielten, die Preise jahre­lang stabil und bezahlbar waren sowie an Fahr­karten, die weniger als die Größe einer halben EC-Karte hatten.)

Das also träumte ich im März 2009:
An einem nass­kalten Tag mit eisigem Wind schleppte sich ein Mann mit schwerem Koffer in der einen und Compu­ter­ta­sche in der anderen Hand die Stufen zu Gleis 5 im Bahnhof Stendal hoch. Vorher hatte er irri­tiert fest­stellen müssen, dass es auf dem relativ großen Umstei­ge­bahnhof Stendal weder einen Fahr­stuhl, noch eine Roll­treppe und auch kein Lauf­band für das Gepäck gab und er sah auch niemanden, der ihm hätte helfen können, denn das ganze Bahn­per­sonal inklu­sive der Schließ­fä­cher war vor einiger Zeit abge­baut worden. Sein Rücken schmerzte. Er war es nicht gewohnt, selber etwas zu tragen. Als er gerade oben war, knackte es im Laut­spre­cher und eine Frau­en­stimme bellte, dass der Zug voraus­sicht­lich eine Verspä­tung von 25 bis 30 Minuten haben würde. Herr Mehdorn, der war es nämlich, entschied sich nach einigem Zögern dagegen, für die Warte­zeit und zum Aufwärmen zurück ins Bahn­hofs­ge­bäude zu gehen. Dafür hätte er nämlich Koffer und Computer den ganzen Weg von Bahn­steig 5 die Treppe runter durch den Tunnel, Treppe hoch zu Bahn­steig 1 und Ausgang schleppen müssen und gegen Ende der Verspä­tung alles noch mal von vorne. Er entschied sich als klei­neres Übel zu frieren und zog seinen Schal fester. Er würde ein biss­chen hin und her laufen. Davon nahm er aller­dings Abstand, als er fünfzig Meter weiter Claudia Roth entdeckte, der das Lachen mal vergangen war und die vor Empö­rung bebte. Die Kälte, ihre rote Nase und die tränenden Augen empfand sie als persön­liche Belei­di­gung und darum drehte sie sich mit großer Geste von Herrn Mehdorn, den sie ihrer­seits erkannt hatte, weg und murmelte was von „NACHSPIEL HABEN”. Das Wegdrehen war also gleich­zeitig und gegen­seitig. Auch Herr Mehdorn wollte Frau Roth ganz und gar nicht begegnen. Dann aber sah er zu seinem Entsetzen auf seinem und auch auf den gegen­über­lie­genden Bahn­steigen — verteilt neben normalen in Geduld und warme Klei­dung gehüllte Reisende — Spit­zen­ver­treter aller Parteien von einem Bein auf das andre treten und gera­dezu ungläubig und konster­niert fest­stellen, dass sie sich wirk­lich in einer derart unwür­digen Situa­tion befanden: Auge in Auge mit der Bevöl­ke­rung und den glei­chen Unbilden ausgesetzt.

Was war geschehen? Aus irgend­einem Traum-Grund funk­tio­nierte kein Auto, viel­leicht waren die Chauf­feure im Streik oder das Benzin war ausge­gangen oder irgend­je­mand hatte allen Spit­zen­kräften Lang­sam­keit verordnet und ihnen befohlen, Realität zu schnup­pern ? da keuchte sogar die Kanz­lerin die Treppe hoch ? und verboten, sich zu wich­tigen Terminen mit Privat­autos und Privat­jets bringen zu lassen. In Norwegen hatte das mal die Regie­rungs­chefin durch­ge­setzt, die um 17.00 Uhr mit dem Regieren aufhörte und zu ihren Kindern ging und das auch von ihren Minis­tern verlangte. Die waren zunächst voll­kommen außer sich, denn sie waren es gewöhnt, ihre Unent­behr­lich­keit zu insze­nieren und glaubten selber daran. Nun mussten sie nach Hause, sich mit den Kindern befassen und den Abwasch machen. Aber der Erfolg gab der Regie­rungs­chefin Recht: Konfron­tiert mit den prak­ti­schen Problemen der Bevöl­ke­rung und ihnen selber unter­worfen, kamen ihre Mitre­genten plötz­lich in vielen Fragen auf einfache und prak­ti­sche Lösungen, ganz ohne Leib­wächter und Staats­ka­rossen.
Ich wachte irgendwie ganz befrie­digt in dem Moment auf, als die Verspä­tung um weitere 20 Minuten durch die Laut­spre­cher­an­sage verlän­gert wurde und sah gerade noch das wutver­zerrte Gesicht von Herrn Mehdorn, der nicht wusste, auf wen er schimpfen sollte.

Da hatte ich es ihm aber gegeben! Und ich fragte mich beim Aufstehen, wie so ein Mensch diese geballte viel­tau­send­fache Wuten­ergie, die täglich aus unzäh­ligen Herzen und Hirnen auf ihn eindringt und die er doch eigent­lich fühlen muss, verkraftet. Er müsste doch zumin­dest beim Rasieren sehen, wie er täglich immer häss­li­cher wurde in dieser seiner Amts­zeit und mal über die Gründe nachdenken.

Alles was nicht klappte bei der Bahn, hatte eines Tages eine Adresse: Herr Mehdorn. Selbst das, wofür er nichts konnte, wurde ihm ange­kreidet. Und ganz unbe­merkt wurde ein Wunsch bei allen meinen vielen Bahn­fahrten zum stän­digen Begleiter: Möge er doch selber tagtäg­lich und wört­lich genommen erfahren, was er unser­einem zumutet.

Heute mal ein Beispiel aus Uelzen.
Der berühmte Hundert­was­ser­bahnhof Uelzen mit seinen krummen und unebenen Kacheln auf dem Boden, gefürchtet von allen Leuten mit Gehbe­hin­de­rungen.
Ein Bahnhof, In dem sogar der Toilet­ten­be­such ein Euro kostet, da auch die Toilette als Kunst­werk besich­tigt werden kann und es durchaus passiert, das auf der Damen­toi­lette ein Mann rumlun­gert, der auf Befragen antwortet, dass er hier nur die Archi­tektur bewun­dern will.
Momente, in denen eine die Mord­lust über­fallen kann.

Neben dem Bahnhof steht ein Park­haus mit zwei Etagen: eine eben­erdig und darüber gibt es Abstell­flä­chen auf dem Dach. Das Gebäude ist unge­fähr 200 Meter lang mit Zu –und Abfahrt in der Mitte. Die drei Frauen– und zusätz­liche Behin­der­ten­park­plätze gegen­über der Einfahrt sind immer belegt, außer an den Wochen­enden. Dann ist das Park­haus aber sowieso nahezu leer und jeder Mensch, der auch dann mit der Bahn fahren will und vor allem jede Frau, sieht zu, dass sie ihr Auto möglichst nahe an den Fußgän­gerweg ganz links zum Bahn­hofs­ein­gang stellt und nicht in die für sie vorge­se­hene Mitte des Park­hauses, von der sie ja noch hundert Meter zu gehen hätte, bis sie, mögli­cher­weise mit schweren Koffern, die Treppen vom Park­haus hinunter zum Bahnhof steigen muss. Es sind nicht viele Stufen, aber immer noch so viele, dass sämt­liche bekannten Flüche einmal ausge­spro­chen werden können und Strafen für die zustän­digen Archi­tekten (Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier eine Archi­tektin am Werke war) und städ­ti­schen Geneh­mi­gungs­bü­ro­kraten erdacht werden könnten. Z.B. solche, dass die Verur­sa­cher dieser sinn­losen Gestal­tung, denen nicht einmal eine Rampe für Koffer, Roll­stuhl­fahrer oder Kinder­wagen einge­fallen ist, mindes­tens 14 Tage täglich 8 Stunden schwere Koffer vom Bahnhof ins Park­haus und zurück schleppen müssten.
Aber wer eben­erdig parken kann und sei es auch an dem anderen Ende mit einem mindes­tens 200 Meter langen Weg zum Bahnhof, ist noch gut dran. Wer auf dem Dach einen Platz zu erwischt hat, muss nun sehen, wie sie es mit Kinder­wagen, Koffern, Krücken, Rollator usw. die schmalen Treppen hinunter vom Dach ins Erdge­schoss schafft, von dem aus natür­lich noch die schon geschil­derten Stufen zum Bahnhof folgen. Tags­über ist das schon kaum zumutbar. Aber zusätz­lich beängs­ti­gend ist es bei Dunkel­heit. Da entfaltet sich erst richtig die ganze plane­ri­sche Inkom­pe­tenz. Die schmalen Treppen sind nämlich nicht frei einsehbar vom Park­haus, sondern verste­cken sich hinter einer Art Para­vent. Im Erdge­schoss liegt zwar die Treppe frei, aber unmit­telbar dahinter steht als Sicht­schutz eine Wand, hinter der sich unan­ge­nehme Zeit­ge­nossen verste­cken könnten.

Vor dem Haupt­ein­gang gibt es verschie­dene Kurz­park­plätze, haupt­säch­lich für Leute, die Reisende abholen oder Fahr­karten kaufen wollen.
Auf dieser Seite ist tatsäch­lich ein intel­li­genter Mensch auf den Gedanken gekommen, bei den Kurz­par­kern drei Park­plätze für Behin­derte relativ nah zum Haupt­ein­gang einzu­richten, in der gut gemeinten Absicht, ihnen einen langen Weg zu ersparen. Offenbar war die gleiche Person aber nicht zuständig für das Aufstellen der Park­uhren. Denn die armen Behin­derten müssen nun, wenn sie ihre Park­ge­bühr bezahlen wollen, einen weit längeren Weg zurück­legen als die Nicht ?Behin­derten: zunächst knapp hundert Meter zurück laufen oder rollen, um die Parkuhr zu bedienen und auf dem Weg zurück auch noch eine Anhöhe bewäl­tigen.
So füllt man sich schon zu Beginn einer Reise mit Wut auf. Der einzige Licht­blick sind die Leute an der noch exis­tie­renden Fahr­kar­ten­aus­gabe. Sie sind die nettesten, höflichsten, kompe­ten­testen Menschen an Schal­tern, die man sich nur vorstellen kann. Sie benehmen sich so, als wollten sie die ganze Unfä­hig­keit der Leitung aus Scham kompensieren.

HS 5.4.09

(Auch veröf­fent­licht auf der Webseite von Luise Pusch am 6.4.09 und bei www​.nhrz​.de
http://​www​.fembio​.org/​b​i​o​g​r​a​p​h​i​e​.​p​h​p​/​f​r​a​u​/​f​r​a​u​e​n​/​m​e​h​d​o​r​n​-​m​a​n​n​-​m​e​i​n​e​r​-​traeume/)

Die Entstehung der Kinderläden

Liebe Lese­rinnen und Leser.
Weil sich „1968” zum 40. mal jährt und ich zu jedem neuen Zehn-Jahrestag mit den mehr oder weniger glei­chen Fragen konfron­tiert werde,
antworte ich hiermit auf die Frage nach der Entste­hung der Kinder­läden wie folgt:

Der Anfang der Kinderladenbewegung

Zur Entste­hung der Kinder­läden sind mehrere Versionen im Umlauf. Die einen sehen sie in Frank­furt, andere in Berlin. Tatsäch­lich entstand in beiden Städten nahezu gleich­zeitig eine neue Form der Kinder­gärten, deren Initia­toren anfäng­lich nichts vonein­ander wussten. Es lagen ihnen jedoch voll­kommen unter­schied­liche Konzepte zugrunde.
In Frank­furt baute Monika Seifert 1967 einen singu­lären Kinder­garten auf, der für diese Gruppe modell­haft neue Erzie­hungs­ziele formu­lierte. Ange­sichts der Faschis­muser­fah­rungen sollten die Kinder lernen, falschen Auto­ri­täten zu wider­stehen und innere Selb­stän­dig­keit. aufzu­bauen. Darum verstand sich dieses Modell im psycho­ana­ly­ti­schen Sinn als „anti­au­to­ritär” und es muss vor dem Hinter­grund der damals übli­chen öffent­li­chen Erzie­hung gesehen werden.

Das Berliner Konzept vom Januar 1968 ging von der Situa­tion der Frauen aus. Die Kinder­läden waren zunächst als vorüber­ge­hende Selbst­hilfe unter Frauen gedacht, um sich gegen­seitig zu entlasten. Im zweiten Schritt wollten diese Frauen die öffent­liche Erzie­hung in ihrem Sinne verän­dern. Parallel zu diesem Anliegen und aus ihm heraus entwi­ckelte sich in Berlin der „Akti­onsrat zur Befreiung der Frauen” und der Beginn der neuen deut­schen Frau­en­be­we­gung.
Der Name Kinder­laden entstand in Berlin und bezog sich auf die damals vielen leer­ste­henden und billigen Tante — Emma­läden, die wegen der neuen Super­märkte aufge­geben hatten und für die neuen Kinder­gärten genutzt wurden.
Der Bedarf war riesig, das Berliner Modell der Selbst­hilfe unge­heuer attraktiv und die Neugrün­dungen so zahl­reich — sie gingen bald in die Hunderte — dass schon nach einigen Monaten die wenigsten neu und dann schon meist unab­hängig vonein­ander entste­henden Laden-Initiativen über­haupt noch irgend­eine Ahnung von den damit verbun­denen ursprüng­li­chen Ideen hatten und unter einem Kinder­laden in jeder Stadt eben haupt­säch­lich ein Kinder­garten in Eigen­in­itia­tive verstanden wurde, in dem sich je nach Zusam­men­set­zung der Mütter und Väter auch Ideen beider Konzepte wieder finden konnten.

Akti­onsrat zur Befreiung der Frauen in Berlin ab Januar 1968
Im Dezember 1967 beschlossen zwei Frauen — Mari­anne Herzog und Helke Sander — das Problem der Frauen mit Kindern im Umfeld der Studen­ten­be­we­gung anzu­spre­chen. Diese Frauen wollten sich gerne an den allge­meinen poli­ti­schen Diskus­sionen betei­ligen, wollten effek­tiver studieren, zu den abend­li­chen Teach-Ins oder zu anderen Veran­staltu ngen gehen, aber sie kriegten das norma­ler­weise orga­ni­sa­to­risch und finan­ziell nicht zu ihrer Zufrie­den­heit gere­gelt.
Man darf nicht vergessen, dass dies eine Zeit war, in der niemals ein Mann mit Kinder­wagen auf der Strasse gesehen werden konnte, kein Mann wäre auf den Gedanken gekommen, abends auf das Kind aufzu­passen und statt dessen seine Frau zu einer Veran­stal­tung gehen zu lassen, oder sie durch irgend­eine Form der „Mithilfe” zu entlasten. Wohn­ge­mein­schaften waren erst im Entstehen, in denen dank der Frau­en­be­we­gung auch diese Probleme zur Sprache kamen.

Kinder­gär­ten­plätze gab es nur wenige, die wenigen waren nahezu unzu­gäng­lich für studen­ti­sche Mütter und sie waren viel­fach unak­zep­tabel. Gruppen mit dreissig Kindern und einer Kinder­gärt­nerin waren nicht selten. Die dama­lige öffent­liche Erzie­hung war im Allge­meinen tatsäch­lich keine gute Alter­na­tive. Die Folge waren unzu­frie­dene Kinder, Mütter und Erzie­he­rinnen, strenge Kaser­nen­hof­re­geln und oft weite Wege für die Mütter.
Aus dieser Diskus­sion am Küchen­tisch (die ich in meinem Film „der subjek­tive faktor” schil­dere) entwi­ckelte sich das erste Flug­blatt, das Anfang Januar 1968 geschrieben und von Doro­thea Ridder vor der Uni nur an Frauen verteilt wurde. Darin stand sinn­ge­mäss, dass Frauen zwar Kinder bekommen sollen, immer für sie da sein und immer für sie sorgen sollen, aber prak­tisch von der Defi­ni­ti­ons­macht über die Erzie­hungs­ziele ausge­schaltet sind Sie haben nach der Geburt der Kinder keinen Einfluss mehr darauf, was weiter mit ihnen geschieht und wozu Kinder miss­braucht werden können, weil Mütter nicht vorkommen als „gesell­schaft­li­ches Subjekt.” Mütter sollen sich „wie Mittel­stands­neger” verhalten, indem sie perma­nent zwischen der — nicht von ihnen defi­nierten — Gesell­schaft und den Bedürf­nissen der Kinder — meist zuun­gunsten der Kinder — vermit­teln müssen. Es wurden die Probleme der öffent­li­chen Erzie­hung ange­spro­chen und ein zweites Flug­blatt rich­tete sich direkt an Kinder­gärt­ne­rinnen. Darin wurde formu­liert, dass die Kinder­gärt­ne­rinnen den Beruf einmal gewählt hatten, weil sie Kinder gern haben. Die Realität erlaube es ihnen aber gar nicht, sich ange­messen mit ihnen zu befassen . Die allge­meine öffent­liche und/ oder kirch­liche Erzie­hung sei unzu­mutbar. Um dies alles zu bespre­chen und die von uns ange­dachten Lösungs­vor­schläge zur Selbst­hilfe zu disku­tieren, wurden Frauen zu einem Treffen aufgefordert.

Auf diesem Treffen im Januar 1968, zu dem ca. hundert Frauen und ein paar Männer kamen, wurden die ersten fünf Kinder­läden gegründet. Die Initia­to­rinnen fragten: Wer wohnt in Kreuz­berg, Char­lot­ten­burg, Neukölln usw.? Mehrere Hände hoben sich, die ersten fünf Gruppen bildeten sich. Nach ca. drei Wochen war der erste Laden bezugs­fertig. Schon beim zweiten Treffen eine Woche später im grössten Raum vom Repu­bli­ka­ni­schen Club kamen mehr Frauen, die sich an diesem Abend den Namen „Akti­onsrat zur Vorbe­rei­tung der Befreiung der Frauen” gaben. (Die „Vorbe­rei­tung” wurde schon nach dem dritten oder vierten Treffen fallen gelassen und es hiess nur noch Akti­onsrat zur Befreiung der Frauen” oder „Akti­onsrat”.

Die meisten Frauen kamen zunächst wegen der Aussicht, das Kinder­pro­blem für sich zu entschärfen, aber auch deshalb, weil sie auf Analyse drängten: Warum ist das ein Frau­en­pro­blem? Warum machen die Frauen die prak­ti­sche Arbeit, die Männer die Theo­re­ti­sche? Wie drückt sich dieses Problem in der „normalen” Politik aus? Sind wir die ersten, die sich mit solchen Fragen befassen? Wo lässt sich etwas darüber lesen? Warum sind Frauen oft so reak­tionär? Warum behin­dern sie Streiks? Gibt es Gesell­schaf­tern, in denen Frauen trotz Kindern nicht unter­drückt sind, nicht weniger Rechte haben, nicht ärmer sind als Männer, sich massen­haft an der Politik betei­ligen? Warum gefällt uns die Sowjet­union nicht trotz Gleich­be­rech­ti­gung der Frauen? usw.

In den ersten Wochen waren die Kinder­läden durchaus noch als vorüber­ge­hendes Provi­so­rium gedacht. Die Akti­ons­rats­frauen gingen nicht davon aus, sie zu einer Dauer­ein­rich­tung zu machen und dafür öffent­liche Gelder einzu­for­dern. Im Vorder­grund stand die uner­träg­liche Über­for­de­rung aller Frauen, verbunden mit Recht­lo­sig­keit auf vielen Gebieten und Unter­be­zah­lung und Auswir­kung auf die persön­li­chen sexu­ellen Verhält­nisse, was zudem einher ging mit der Über­for­de­rung der Kinder­gärt­ne­rinnen und der Verwal­tung der Kinder. Als Ziel wurde formu­liert eine ange­mes­sene öffent­liche Erzie­hung für alle Kinder und — noch etwas pauschal — Defi­ni­ti­ons­macht für Frauen. Keine Ausbil­dung der Kinder zu Kano­nen­futter und lebens­feind­li­cher Politik.

Die Streik­vor­be­rei­tungen für 1969
Das „Kinder­gärt­ne­rin­nen­flug­blatt” war ein durch­schla­gender Erfolg. Es kamen so viele Kinder­gärt­ne­rinnen in den Akti­onsrat, dass es die räum­li­chen Möglich­keiten endgültig sprengte. Darum begannen sich die Kinder­gärt­ne­rinnen bald extra zu treffen, um gemeinsam daran zu arbeiten, wie ihre beruf­liche Situa­tion zu verän­dern sei. Das beson­dere war, dass es ihnen nicht um ökono­mi­sche sondern um inhalt­liche Verbes­se­rungen ging. Noch 1968 wurde zwischen Akti­onsrat und Kinder­gärt­ne­rinnen beschlossen, auf einen Streik in Berlin hinzu­ar­beiten, der auf den 10. Juni 1969 fest­ge­legt wurde. (Die verschie­denen gezeich­neten Flug­blätter vom Akti­onsrat dazu befinden sich u.a. im Archiv für Zeit­ge­schichte München.) Im Akti­onsrat wurden diese Streik­vor­be­rei­tungen haupt­säch­lich unter dem Gesichts­punkt unter­stützt, an diesem einen Tag zum erstenmal Frau­en­macht öffent­lich zu demons­trieren. Die Flug­blätter wurden an die Frauen und die wenigen Väter vor den Kinder­ta­ges­stätten verteilt und die meisten Eltern dieser Kinder erklärten sich bereit, den Streik zu unter­stützen. Mit dem Streik sollte die Berliner Wirt­schaft für einen Tag lahm gelegt und die Aufmerk­sam­keit auf die Bedeu­tung der Frauen gerichtet werden. Die Eltern, beson­ders die Frauen, die in den Fabriken oder als Ange­stellte über­haupt nur Zugang zu Kinder­gärten hatten, würden an diesem 10. Juni 68 nicht zur Arbeit erscheinen. Diese Macht­de­mons­tra­tion der Frauen sollte uns ein Bewusst­sein der eigenen Kraft und Stärke geben. Dieser Streik sollte ein Gegen­ge­wicht bilden zu der verbrei­teten Ansicht, dass Frauen nicht „alleine” Politik machen und eigene Ziele formu­lieren können.
Aller­dings waren wir alle damals poli­tisch uner­fahren und aus Unwis­sen­heit leicht zu mani­pu­lieren.
Die Reak­tionen der Eltern waren unge­heuer positiv und das Streik­vor­haben sprach sich herum. Die Gewerk­schaften (ÖTV und Komba) schal­teten sich ein, zunächst mit dem Verspre­chen, die Kinder­gärt­ne­rinnen und ihren Streik zu unter­stützen. Die Hilfe bestand in der Über­nahme der schon geschaqf­fenen Infra­struktur. Tatsäch­lich zerstörten diese Orga­ni­sa­tionen die ganze Aktion. Sie brachten die Kinder­gärt­ne­rinnen dazu, sich zu spalten in solche, die Mitglieder der Gewerk­schaften waren und solche, die es nicht waren. Sie verlegten den Streik­termin, der seit Monaten fest stand und schliess­lich wurde nicht gemeinsam, wie ursprüng­lich geplant, sondern verteilt auf verschie­dene Bezirke und ohne nennens­wertes Pres­se­echo hier und da gestreikt. Es war ein herber Rück­schlag, sowohl für die Kinder­gärt­ne­rinnen wie für den Akti­onsrat. Dazu kam die Enttäu­schung über die „eigenen” Leute. Die Frauen im Akti­onsrat waren in der grossen Mehr­heit links bzw. Teil der Studen­ten­be­we­gung. Die Flug­blätter für den Streik wurden verschie­denen Wort­füh­rern im SDS vorge­legt und sie wurden um Unter­stüt­zung gebeten. Sie wurden dort nicht einmal disku­tiert, weil die männ­liche Linke voll­kommen auf den männ­li­chen Arbeiter fixiert war und keines­wegs begriff, was sich bei den Frauen abspielte und anbahnte. (Die soge­nannte „Toma­ten­rede” von Helke Sander im September 68, die den Ausschlag gab für die Grün­dung von Frau­en­gruppen in allen west­deut­schen Städten, hatte nicht den von den Berliner Frauen geplanten Effekt, den SDS in die laufenden Streik­vor­be­rei­tungen einzubeziehen).

Und es gab ein weiteres schwer­wie­gendes Problem, das schon im Februar 68 zum Viet­nam­kon­gress fassbar war, sich aber im Lauf der Monate sehr verschärfte.
Unmit­telbar nach den ersten Akti­ons­rats­treffen im Januar 68 und der Grün­dung der ersten Kinder­läden durch Frauen, erschienen die ersten wutschnau­benden oder belei­digten und sich zurück gesetzt fühlenden Väter im Akti­onsrat. Sie be-schwerten sich darüber, dass ihre Frauen es gewagt hatten, selb­ständig und ohne sie, die Väter zu fragen, mit IHREN Kindern eine Aktion zu starten, die immerhin auch sie etwas anginge. Die meisten Frauen hörten das zum erstenmal, denn nirgendwo war es üblich, auch nicht in linken Kreisen, dass sich die Väter konkret um die Kinder kümmerten. Konkret: weder wickelten sie, kauften ein, wuschen Windeln, setzten aufs Töpf­chen, gingen spazieren, zum Arzt, kochten das Essen usw. oder mussten fragen, wenn sie abends weggingen.
Es entstand eine viel­fältig diffe­ren­zierte und dyna­mi­sche Gemen­ge­lage zwischen den Geschlech­tern, in denen Väter und Mütter sowohl gemein­same wie stark ausein­an­der­drif­tende Anschau­ungen vertraten.
Unter dem Strich waren die Frauen meist froh, dass die Männer plötz­lich auch ein Inter­esse an ihrer Lebens­wirk­lich­keit entwi­ckelten und meist auch bereit waren, an den neuen Kinder­läden mit zu arbeiten. Aller­dings hatten sie nicht damit gerechnet, wie schnell ihnen die Initia­tive wieder aus der Hand genommen würde. Während die Diskus­sionen im Akti­onsrat, in dem es ja nicht nur Mütter gab, noch darum gingen, in welcher Form in jeder Gesell­schaft die Frau­en­un­ter­drü­ckung mit der Kinder­frage zusam­men­hing und stra­te­gi­sche Alter­na­tiven ange­dacht wurden, über­nahmen schon still­schwei­gend die Väter die Führung und grün­deten schon zum Viet­nam­kon­gress im Februar 68 den „Zentralrat der anti­au­to­ri­tären Kinder­läden”. Frauen spielten in der Argu­men­ta­tion dann keine Rolle mehr, sondern der Zentralrat machte sich inhalt­lich die anti­fa­schis­ti­schen Ziele zu eigen, die im Kinder­garten in Frank­furt z.T. schon formu­liert worden waren, bzw. kamen selber drauf. Die Akti­ons­rats­frauen standen diesen Zielen auch aufge­schlossen gegen­über, sie fanden die Behand­lung nur verkürzt und das „Anti­au­to­ri­täre” als Ideo­logie stand bei ihnen nicht im Vordergrund.

Exkurs
Inter­es­sant ist, dass ich (H.S.) zwischen 1967 und 70 in einer Wohn­ge­mein­schaft zusammen mit Thomas Mitscher­lich wohnte, dem Bruder von Monika Seifert aus Frank­furt, die dort ihren psycho­ana­ly­ti­schen Kinder­garten gegründet hatte. Davon erfuhr ich aber erst sehr viel später, sicher aber noch 1968. Das zeigt zwei­erlei: Die Kommu­ni­ka­tion über Dinge, die Frauen wichtig waren, verlief kaum über Männer. Natür­lich wusste Thomas von meinen Akti­vi­täten Ich sprach ja immer davon. Aber das war lange Zeit für die Männer auf gut sozi­al­de­mo­kra­tisch „Gedöns”. Irgend­wann wurde von ihm nebenbei erwähnt, dass seine Schwester auch „so was” mache.
„Sowas” war irgendwas mit Kindern. Aller­dings machte die Schwester so was ganz anders. Der Schwester ging es biogra­fisch nicht darum, mit dem Kinder­garten auch eigene Probleme als Frau lösen zu müssen, selber Zeit für sich zu schinden, sondern sie befasste sich beruf­lich mit Erzie­hungs­fragen und hatte persön­lich einen anderen mate­ri­ellen Hinter­grund als die jungen studie­renden Frauen mit Kindern in Berlin, In Berlin ging es um ein neues poli­ti­sches Konzept, das Frauen als poli­ti­sches Subjekt entwi­ckelt hatten. In Frank­furt ging es zunächst um eine inhalt­liche Neube­stim­mung vorhan­dener Kinder­gärten, ohne dass dies verbunden gewesen wäre mit Forde­rungen nach einer neuen öffent­li­chen Erzie­hung für alle und mit Frauenemanzipation.

Die Entwick­lung
Hatten Frauen mit den Kinder­läden ange­fangen, um Zeit für sich durch gegen­sei­tige Hilfe zu bekommen, wurde nun durch die Über­nahme der Männer im „Zentralrat” daraus ein „poli­ti­sches Projekt” mit unun­ter­bro­chenen prak­ti­schen Tätig­keiten wie theo­re­ti­schen Diskus­sionen und psycho­ana­ly­ti­schen Sitzungen unter­schied­lichster Inten­sität. Der Effekt für die Frauen war meist, dass sie nach kurzer Zeit noch mehr Arbeit hatten als vorher. Vorher wollten sie ein paar Stunden Frei­heit und ihr Kind gut unter­ge­bracht wissen und sich in dieser Zeit mit den von ihnen selbst gewählten Themen befassen. Nun waren die Frauen im Netz der Kinder­gar­ten­dis­kus­sion gefangen. Hier ist natür­lich zu bedenken, dass bei der Viel­zahl der Neugrün­dungen das von einem Laden zum anderen mehr oder weniger befrie­di­gend und mehr oder weniger ideo­lo­gisch ablief. Hier lässt sich nichts über einen Kamm scheren, auch wenn der „Akti­onsrat” bald in den Läden des „Zentral­rats” Haus­verbot bekam mit dem Argu­ment, „man sei schon bei der Eman­zi­pa­tion des Menschen”.
Nahezu alle Kinder­läden aber wurden nun als Dauer­ein­rich­tungen geplant und forderten und bekamen öffent­liche Gelder. Das schwächte ande­rer­seits die Ziele des Akti­ons­rats und der Erzie­he­rinnen, nach einer Verbes­se­rung der vorhan­denen Kindergärten.

Schnell wurden die Kinder­läden berühmt und einige auch berüch­tigt, was dann medial auf das ganze Konzept ausge­dehnt wurde.
An den Veröf­fent­li­chungen über diese Einrich­tungen lässt sich leicht ablesen, dass die Kinder­la­den­er­zie­hung zu einer fast voll­ständig männ­lich beherrschten Domäne geworden war.

Exkurs 2
Die Kinder­frage blieb ein Thema der Frau­en­be­we­gung. Aller­dings nicht in ihrer Haupt­strö­mung seit 1971. Sie war das zentrale Thema verschie­dener Gruppen, u.a. Frau­en­forum München, „Brot und Rosen” Berlin u.a.
1975 zum „Jahr der Frau” wurde in einer öffent­li­chen Veran­stal­tung der Bundes­re­gie­rung in Bonn von Helke Sander, als Vertre­terin der Gruppe „Brot und Rosen” und einziger Vertre­terin der neuen Frau­en­be­we­gung der Einsatz von „Regierungs-Arbeitsgruppen” gefor­dert, die ein Konzept erar­beiten sollten, wie alle Kinder unab­hängig von ihrer Herkunft mate­riell unter­stützt werden können. Dazu gab es einige Vorschläge. Darauf wurde nie eingegangen.

Anmer­kungen
Filme von Helke Sander zu dem Thema:
„Brecht die Macht der Mani­pu­la­teure„
„der subjek­tive faktor„
„Mitten im Male­stream — Rich­tungs­streits in der neuen Frauenbewegung”

Alle Filme auch auf DVD, zu beziehen über video@neuevisionen.de

Erzie­hung zum Untertan” Film von Susanne Beyeler Erst­sen­dung 20.2.70 WDR
Gerhard Bott: Verschie­dene Filme über anti­au­to­ri­täre Erzie­hung im NDR, aller­dings ohne Bezug auf den Aktionsrat.

Mate­ria­lien zu den ange­spro­chenen Fragen gibt es verstreut in einzelnen Archiven. Zu nennen wäre das FFBIZ in Berlin, das Frau­en­ar­chiv in Köln. Dort liegt zumin­dest ein grosser Karton mit Unter­lagen aus der Zeit vom Akti­onsrat und „Brot und Rosen”, der wiederum über das aufge­ge­bene Frank­furter Archiv an das Emma-Archiv über­geben wurde, wo der Karton nach einem on-dit „vor sich hing­am­meln” soll.
SDS-Archiv und Studen­ten­be­we­gung in der FU Berlin
Die Reste der Unter­lagen AKTONSRAT und BROT UND ROSEN, die ich noch aus dieser Zeit habe, liegen alle im Institut für Zeit­ge­schichte München. Dort befinden sich auch diverse Unter­lagen der Kindergärtnerinnen-Arbeitskreise, Proto­kolle aus Kinder­läden u.a.

© Helke Sander Januar 2008