Texte zur Urgeschichte

Das Ende des Homo Sapiens

„Das Vergangene ist nicht tot, 
es ist nicht einmal vergangen“
William Faulkner

In meinem Buch
Die Entstehung der Geschlechterhierarchie als unbeabsichtigte Nebenwirkung sozialer Folgen der Gebärfähigkeit und des Fellverlusts“ (2017 Verlag Zukunft und Gesellschaft) habe ich klargemacht, dass das erste Zusammenwirken von Frauen und Männern und der gegenseitige Tausch von Lebensmitteln sehr allmählich vor 2-1 Million Jahren begann und dies keinesfalls „natürlich“ oder „selbstverständlich“ war oder sogar schon die Geschlechter hierarchisch gliederte, wie die meisten Evolutionstheoretiker nach wie vor behaupten, sondern ein langwährender Paukenschlag, der dazu führte, dass eine Linie der Primaten überhaupt zu Menschen werden konnten.
Dieses allmähliche Zusammenwirken der Geschlechter bildete den Anfang der Zeit, in der das Hirn und nicht mehr der Instinkt das Handeln zu bestimmen begann. Statt wie im Tierreich mit nur körperlichen Veränderungen auf neue Gegebenheiten zu reagieren, formten die werdenden Menschen aus bestimmten Gründen durch Denken ihre sozialen Verhältnisse um. 
Wir wissen, dass die verschiedenen Arten, die sich zu Menschen entwickelten, anfingen, Steine als Werkzeuge zu benutzen, eine Fähigkeit, die wir auch bei einigen Primatenarten finden. Funde können belegen, dass es eine lange Entwicklung von primitiv behauenen Steinen zu vielseitig brauchbaren Werkzeugen bei den werdenden Menschen gab. 
Die oft den Texten beigefügten Zeichnungen in populärwissenschaftlichen Texten oder Kinderbüchern zeigen allerdings fast zu  100 % Männer bei der Werkzeugherstellung. Das führte dann im Bewusstsein aller dazu, die Werkzeugherstellung überhaupt nur mit Männern in Verbindung zu bringen. Frauen stellten ihre Werkzeuge jedoch ebenfalls selber her, was normalerweise nicht erwähnt wird. Besonders nicht in wissenschaftlichen Werken, die sogar das Wort Frau am liebsten vermeiden. Eine Rolle spielt dabei sicher auch, dass die ersten Forscherinnen auf diesem Gebiet überhaupt erst zu Anfang des 20. Jh. nachweisbar sind. (s. Patou-Mathis und die umfangreiche Literaturliste in meinem Buch, sowie spätere Besprechungen).  
Die Fähigkeit zur Herstellung von Werkzeugen bezeichnen manche Evolutionsforscher als den Beginn der menschlichen Kultur (wie z.B. Hermann Parzinger in seinem Buch: “Die Kinder des Prometheus“ 2017, Beck). Er legt Wert auf die lange Entwicklungsgeschichte dieser Produktionsweise. Allerdings gibt es bei ihm wie auch heute noch bei vielen Forschern dieser Disziplin keinerlei Überlegungen zum Geschlechterverhältnis.
Dieses Manko wird auch nicht ausgeglichen durch die vielen unkommentierten Abbildungen weiblicher Figurinen im Buch. Es wird viel über die Entwicklung der Jagd gesprochen aber kein Wort über Sammeltätigkeiten und deren Bedeutung verloren. Von den Australopicinen geht der Verfasser fast übergangslos zu den Neandertalern über, ein paar Millionen Jahre später, bei denen schon feste Sozialstrukturen, die Sprache, feste Wohnsitze, feste Essgewohnheiten, der Umgang mit Feuer und viele andere Kunstfertigkeiten nachweisbar sind.
An dieser Stelle sollte auch positiv das neue Buch von Marylène Patou-Mathis erwähnt werden: „Weibliche Unsichtbarkeit- wie alles begann“, Hanser 2021. Die Autorin kommt aus der akademischen Urgeschichtsforschung. Sie ist Forschungsdirektorin am Centre national de la recherche scientifique und gehört der Abteilung für Vorgeschichte des Museum national d’histoire naturelle an.
Sie hat sich vorgenommen, die vielen Fehler ihrer männlichen Vorgänger in der Forschung nachzuweisen und tut das kenntnisreich und umfassend über alle Epochen, ohne allerdings selber etwas zu offenen Fragen beizutragen. „Mein Ziel ist es, ihnen (den Frauen, Anm. HS) ihren rechtmäßigen Platz in der menschlichen Evolution zurückzugeben“, behauptet sie etwas vollmundig, obwohl dies seit mindestens 50 Jahren Frauen aus der Frauenbewegung auch schon erfolgreich versucht haben. Aber immerhin kommt sie aus der akademischen Welt, die bisher die sogenannten Laienforscherinnen vollkommen ignoriert hat. 

Ein bearbeiteter Stein muss nicht die Lebensweise grundsätzlich verändern. Er kann ein Werkzeug für die Bearbeitung der eigenen Nahrung sein und das Sozialverhalten bleibt wie es war. Ein gutes Beispiel dafür geben die Schimpansen. Das ändert sich erst mit den körperlichen Veränderungen, die auch die werdenden Menschen durchliefen und da vor allem mit dem Fellverlust, der in meinem Buch grundsätzlich besprochen wird und auf den ich hier nur kurz eingehe, um dessen Bedeutung noch einmal zu betonen.

Man kann die Frühgeschichte nicht verstehen, wenn immer wieder das sich neuartig entwickelnde Geschlechterverhältnis übergangen, nicht erkannt und nicht benannt wird. Ich muss immer wieder auf die Sensation verweisen, dass Lebewesen, die jeweils für sich selbst die Nahrung suchten wie andere Tiere auch, irgendwann anfingen, etwas gemeinsam zu machen und dadurch ihr Sozialverhalten in langen Perioden strukturierten. Diese Umwälzung markiert den eigentlichen Beginn der Menschwerdung und machte uns zu dem, was wir heute sind. Die langwährende ausschließliche Forschung durch männliche Wissenschaftler ließ sie immer wieder übersehen, welch wesentliche Rolle die Frauen bei der Menschwerdung spielten und dass man sie auf keinen Fall für unterdrückte und Männern unterlegene Wesen halten kann. Um dies zu vernebeln, wird der frühe Anteil der Männer an der Kinderversorgung bei vielen Autoren und auch Autorinnen oft behauptet aber nicht belegt. Auch wenn werdende Menschenmänner nicht wie männliche Löwen gerne die Kinder der Löwin umbrachten, ist es doch ein weiter Weg, stattdessen Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Das war überhaupt erst nach vielen sozialen Entwicklungsschritten möglich und ist bis heute nicht voll durchgesetzt, was viele Studien belegen. Immer wieder wird außerdem stillschweigend vorausgesetzt, dass die Sexualität, von Anfang des Zusammenwirkens an, die Sozialstrukturen mitbestimmte. Das habe ich schon mehrfach widerlegt. Die Sexualität war lange kein Gegenstand der Kontrolle oder gar einbezogen in die Riten des Nahrungstauschs, die Männer und Frauen gegenseitig zur Versorgung verpflichteten. 
Heute führt diese immer noch vertretene Annahme zu einigen unhaltbaren Theorien, die gewissermaßen die Biologie aller Säuggetiere als im Prinzip zweigeschlechtliche Wesen infrage stellen. Aus der Biologie lassen sich keine Hierarchien ableiten. Die konnten erst entstehen als das soziale und kulturelle Leben weit fortgeschritten war und Männer und Frauen und andere Geschlechter auf bestimmte Charaktereigenschaften hin konditioniert wurden, was sich erst ab Neolithikum langsam entfalten konnte. Alle Säugetiere vermehren sich durch Mütter. Und Kinder bedeuteten für sie keine Last bzw. waren kein Zeichen von Unterdrückung. Transmenschen sind gewissermaßen Experimente oder Zufälle der Natur und eine Bereicherung menschlicher Möglichkeiten, die gesellschaftlich anerkannt und nicht ausgegrenzt gehören ,und das sicher auch in der Zeit der frühen Menschen waren.
(Dazu interessante Überlegungen durch Kirsten Armbrusterhttps://kirstenarmbruster.wordpress.com/2022/05/17/kirsten-armbruster-meine- stellungsnahme-zum-thema-trans-aus-sicht-der-interdisziplinaren- patriarchatskritikforschung-ipkf/)
Das Ausspielen von Biologie gegen Gender macht meiner Meinung nach keinen Sinn, wenn man die Entwicklung vom Tier zum Menschen entlang der Entwicklung der Produktionsverhältnisse folgt.

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Kleiner Exkurs

Hier möchte ich gerne einen noch ungesicherten Gedanken einbringen, für den allerdings einiges spricht: Vielleicht war ja dieser Gedankensprung, der zur Erfindung des Tragebeutels durch den beginnenden Fellverlust der Frühmenschen führte, so etwas wie eine plötzliche Mutation, die nur den einen Strang der verschiedenen damaligen Hominidenarten zum homo sapiens machte, während die anderen untergingen, weil sie sich gewissermaßen nicht über das Steineklopfen hinaus entwickelten.
Um die lange Entwicklung vom Tier weg hin zum Menschen einigermaßen verständlich zu machen, können wir auf andere Arten blicken.
Ein paar Beispiele mögen genügen: Noch die Dinosaurier legten Eier, aus denen sich der Nachwuchs entwickelte. Die Nester konnten aber von anderen entdeckt und vernichtet werden. Irgendwann entwickelten sich die Föten sicherer im Bauch der Mütter, die gleichzeitig Milchdrüsen entwickelten, um die Nachkommen zu ernähren.

Bei anderen Arten und Millionen Jahre später, veränderte sich z.B. das Gebiss, um sich dem Nahrungsangebot anzupassen. Oder die Primaten bekamen starke Arme, um sich in den Bäumen hin und herschwingen zu können. Andere Arten entwickelten einen Greifschwanz, der ihnen beim Klettern im Geäst der Bäume Halt bot oder sie entwickelten Greifmöglichkeiten mit den Zehen, ganz zu schweigen von den im Wasser lebenden Kraken, deren Intelligenz in ihren acht Armen lokalisiert werden kann. Das heißt, die Tiere reagierten auf Veränderungen ihrer Umgebung und des Nahrungsangebots mit körperlichen Veränderungen. Sie blieben aber sich selbst versorgende Tiere. Tiere, denen dies nicht gelang, starben wahrscheinlich aus.

Auch Tiere und hier besonders die Primaten, haben vereinzelt schon Werkzeuge entwickelt, bei Schimpansen können auch Tanten und männliche Affen hier und da die Kinder schützen und mit ihnen spielen und sie können heftig bis zum Tod miteinander streiten.
Ob diese tödlich endenden Kämpfe auch schon in der Vorzeit stattfanden oder dem enger werdenden Lebensraum geschuldet sind, ist schwer herauszufinden. Ich neige eher der Ansicht zu, dass die vermutlich seltenen Treffen von Artgenossen in früherer Zeit die Neugierde aufeinander geweckt haben dürfte und nicht die Kampfeslust. Allerdings ist das Primat der Gewalt in frühen Gesellschaften auch eine beliebte These von Evolutionsforschern. Sie orientieren sich dabei gerne an der Aggressivität von Schimpansen und nicht an der Friedfertigkeit der Bonobos.

Von den überlebenden Hominiden war der homo sapiens das einzige Lebewesen, das plötzlich eine Möglichkeit entwickelte, sein Gehirn auf neue Art zu gebrauchen und sich dabei zu einer anderen Spezies entwickelte. Es entwickelte sich eine neue Art der Denkfähigkeit beim werdenden Menschen.

Im herkömmlichen Tierreich wären der Mutter vielleicht Auswüchse zum Festhalten gewachsen oder ein Beutel wie bei den Kängurus.
Aber als einziger Tierart passierte der zukünftigen Menschenmutter nichts dergleichen, sondern sie erfand mit ihrem Verstand einen Tragebehälter! Irgendwie muss sie erkannt haben, dass ein neues und ständiges Problem sie herausforderte.
Das bedeutete, vorausschauend zu denken, im Kopf eine Vorstellung über die benötigten Materialien zu suchen, um daraus die Idee von einem Netz zu entwickeln. Ein Gedanke gebar den nächsten. Und noch einmal: Vielleicht war dieser Sprung im Gehirn eine zufällige Mutation, die sich über eine einzige Primatenart weiter entwickeln konnte. Bei der sich entwickelnden Menschenart homo sapiens geschah dies in langen Zeitabschnitten, während andere Arten untergingen. Man ist durch die Vertreter der Evolutionsgeschichte gewohnt, die Urmenschen für primitiv zu halten und diese Verachtung bis hin zum Kolonialismus auszudehnen. Nichts davon ist wahr. Diese Urmenschen waren die Schöpfer der Intelligenz und jede und jeder trug dazu bei.

Wie auch immer diese neue Denkfähigkeit entstand, in der Konsequenz führte sie bei uns allmählich zur gegenseitigen praktischen Hilfe von Frauen und Männern, d.h. zum Tausch von Nahrungsmitteln, gerne Verwirrung stiftend als Ehe bezeichnet. Bei den meisten Evolutionstheoretikern wird diese neuartige Zusammenarbeit mit schwammigen Begründungen einfach als gegeben vorausgesetzt. Dafür spricht jedoch nichts, weil auch im Tierreich nicht geteilt wird und die werdenden Menschen unterschieden sich noch nicht wesentlich von ihren Primatenverwandten. Das heißt vor allem: Jede und jeder suchte selber nach Nahrung und nur für sich, mit Ausnahme der Mütter, die für die kleinen Kinder sorgten. Manchmal lassen auch Tiere etwas für andere übrig, aber das sind Ausnahmen. Das eigentliche Wunder der Frühgeschichte besteht in der neuen Fähigkeit, etwas gemeinsam zu tun.
Die rasante Entwicklung der Intelligenz bei unserer Spezies ist aber gleichzeitig mit einem anderen Phänomen untrennbar verbunden: Jede neue Erkenntnis, die zu praktischem Handeln führte, brachte zwar immer neue Möglichkeiten hervor, die das Leben verbesserten, von Anfang an aber schränkte sie auch die Selbständigkeit der Individuen ein und trug so zur Hierarchiebildung und Schlimmeren allmählich bei. Diese Seite der Entwicklung wird normalerweise nicht erwähnt. Diese spät erkannten Folgen des Denkens und der daraus abgeleiteten Praxis sind mit der Menschwerdung bis heute untrennbar verbunden.

Und erst heute sind wir vermutlich in der Lage, dieses Phänomen auch als den entscheidenden Grund für den zukünftigen Untergang unserer Art zu erkennen. Unser Verstand und die daraus abgeleiteten Taten werden uns eines Tages umbringen. Diese andere Seite der Medaille, bzw. der geistigen Entwicklung soll dieser Text hauptsächlich verständlich machen.

Dann können wir verstehen, warum wir uns heute wahrscheinlich auf einen Endpunkt hin zu bewegen, der den homo sapiens zum Aussterben bringt und wir uns einreihen in die anderen ausgestorbenen Hominiden- Arten (die zum Teil länger die Erde bevölkert haben als es uns beschieden sein wird), während die Ameisen und andere Insekten wieder die Herrschaft übernehmen. Ende Exkurs

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Körperliche Veränderungen und Konsequenzen

Die oben geschilderten körperlichen Veränderungen, wie der schon erwähnte Fellverlust bei den Frühmenschen, die längere Dauer der Schwangerschaft, Gewichtszunahme bei Föten, längere Kindheit der Neugeborenen, um nur einige Veränderungen zu nennen, stellte vor allem Frauen vor große Probleme. Die nackte Haut brachte manche Vorteile, aber Frauen auch immense Nachteile. Auf nackter Haut rutschten Säuglinge und Kleinkinder ab, sie konnten sich nicht mehr in den Haaren festkrallen.

Das schuf vollkommen neue Probleme, die nicht mehr mit einem besser behauenen Stein zu lösen waren. Das Problem des rutschenden Kindes gab es nicht nur gelegentlich, sondern tagein, tagaus. Es behinderte die Mütter grundsätzlich bei der Suche nach Nahrung.

So entstand gewissermaßen ein Zwang, in die Zukunft zu denken und genau das taten die überlebenden Frauen auf dem Weg zum homo sapiens. Nur sie hatten mit dieser Veränderung ein Problem.
Darum waren es sicher sie, die als erste eine Art Tragebeutel aus Pflanzen für die Kinder erfanden, der dann mit kleinen Veränderungen für vielfältige andere praktische Dinge benutzt werden konnte und alle anderen zur Nachahmung und weiteren Erfindungen anregte. Diese Erfindung war etwas vollkommen anderes als mit einem Stein z.B. eine Nuss aufzuklopfen oder mit einem Stock nach Termiten zu angeln. Sie setzte Vorstellungskraft voraus und das Erkennen einer neuen Herausforderung: das Aufkommen einer neuen, ständigen Behinderung bei der Nahrungssuche durch einen rutschenden Säugling oder ein Kleinkind auf nun glatter Haut. Viele der weiteren Erfindungen beruhten darauf, dieses nur Frauen betreffende Hindernis beseitigen zu wollen. „Nur Frauen“ ist nicht präzise genug: es muss richtiger heißen: Nur Mütter. Nur Mütter verspürten die Notwendigkeit, grundsätzlich etwas verändern zu müssen, um sowohl ihre eigene Existenz als auch die ihrer Kinder zu sichern und zu verbessern. Das schafften sie durch Denken und Ausprobieren.

Diese neue und ergebnisreiche Denkfähigkeit ist allerdings bis weit ins Neolithikum hinein mit keinerlei Hierarchisierung der Geschlechter verbunden. Eher entstand daraus umgekehrt eine große Wertschätzung der Frauen, wie es sich ja auch an den vielen gefundenen weiblichen Statuetten ablesen lässt. Die vielen Blutrituale in unterschiedlichen Gesellschaften, die später von Männern vollzogen wurden, sind evtl. noch Relikte aus Zeiten, als noch geglaubt wurde, dass Kinder aus dem Blut der Frauen entstehen und Männer diese Fähigkeit auch erwerben wollten.

Über viele Jahrhunderttausende bestand deshalb Gleichrangigkeit zwischen den Geschlechtern und diese Gleichrangigkeit war vermutlich der Grund für spätere Fantasien über ein goldenes Zeitalter oder das Paradies.
Die neue Möglichkeit, durch Denken Verbesserungen zu bewirken, lösten die früher vom Instinkt gesteuerten Verhaltensweisen ab und machten Platz für neue soziale Regeln, die der Verstand eingab.
Ich vermute sogar, dass diese neue Denkfähigkeit zuerst ein Zusammenwirken unter Frauen auslöste und Männer etwas später (in Jahrtausenden gerechnet) dazu kamen. Schon in Affenzeiten konnten weibliche Tiere mehr miteinander kommunizieren als mit männlichen. Sie konnten sich z.B verwaister Kinder annehmen. Das neue Denken führte auch dazu, nicht nur Angst vor natürlich entstandenem Feuer zu haben (da, wo es durch Gewitter oder Vulkane überhaupt entstehen konnte), sondern auch seine Vorteile zu erkennen. Nicht vollständig verkohlte Tiere entpuppten sich als wohlschmeckende Nahrung. Asche trug zur Fruchtbarkeit des Bodens bei. Außerdem begannen sich mit zunehmender Verstandeskraft und körperlichen Veränderungen die Tätigkeiten von Männern und Frauen hier und da allmählich zu differenzieren. Zwar waren alle Geschlechter hinter der Nahrung her, die die Gegend bot. Alle sammelten und jagten – kleinere – Tiere oder fraßen Aas. Alle suchten noch selbst ihr Futter, aber Männer und Frauen folgten mehr und mehr jeweils neuen Möglichkeiten, abhängig von den jeweiligen Fertigkeiten und geographischen Gegebenheiten – die die Entwicklungen mal mehr, mal weniger begünstigten. Ohne ständig Kinder herumzutragen, konnten sich Männer schneller und weiter fortbewegen als Frauen, was zu neuen Nahrungsangeboten und Erkenntnissen führen konnte, während Frauen, bedingt durch Menstruation, Schwangerschaften und unselbständige Kinder eher die nähere Umgebung erkundeten und dadurch neue Nahrungsquellen erschlossen. Bei in Europa lebenden Männern führte das über die Jahrhunderttausende zur Ausbildung neuer Waffen (vor ca. 3-400.000 Jahren zur Entwicklung der Schöninger Speere, die die Jagd auf größere Tiere ermöglichten) und bei den Frauen durch Beobachtung der Pflanzenwelt zur Kenntnis ihrer vielfältigen Eigenschaften und später zur Landwirtschaft.

Ich habe mehrfach geschildert – im Buch und einzelnen Texten zum Thema – wie es zum ersten Tausch von Nahrungsmitteln zwischen den Geschlechtern überhaupt kommen konnte – und muss mich hier z.T. verkürzt wiederholen. Es muss sich um eine äußerst langwierige Angelegenheit gehandelt haben, die, wie schon gesagt, nicht „natürlich“ vom Himmel gefallen war und erstmal dem Selbsterhaltungstrieb der Individuen widersprach. Die noch seltenen jeweils neuen Nahrungsangebote – entdeckt durch unterschiedliche Bewegungsmuster von Männern und Frauen – ließen neue gegenseitige Begehrlichkeiten entstehen.

Von Wesen, die bisher allein ihre Nahrung suchten und höchstens bei Glück oder zufälligen reichen Funden von anderen etwas abbekamen, zu erwarten, sich darauf verlassen zu können, etwas zu tauschen, sogar zeitversetzt zu tauschen ist eine absolute Sensation und war mit Sicherheit mit viel „Trial and Error“, verbunden, mit Misstrauen, mit Betrug, mit langer Anpassungszeit und vermutlich ermöglicht durch privilegierte Gruppen, denen eine reichhaltige Umgebung das neue Verfahren erleichtern konnte oder überhaupt ermöglichte. Wir müssen immer bedenken, dass nicht jede Gruppe überlebte oder sich vermehren konnte. Diese neuen Fähigkeiten konnten auch wieder verloren gehen, wenn sich die klimatischen oder geographischen Gegebenheiten oder auch die Gruppenstärken änderten. Im Lauf der Zeit entstanden Regeln, die dazu dienten, bei Zusammenarbeit das Nahrungsaufkommen für alle sicherer zu machen. Das war aber, wie in anderen Texten schon ausführlich geschildert, nicht mit Regeln zum Sexualleben verbunden, sondern diente allein der Nahrungssicherung. Diese Regeln zum Tausch von Lebensmitteln gaben diesen Gruppen je nach Örtlichkeit ein neues festes Gefüge und das mag auch erklären, warum in indigenen Völkern oder in Dörfern bis in die Neuzeit hinein Verstöße gegen Gruppenregeln streng geahndet wurden, weil dies die Versorgung ganzer Gemeinschaften gefährden konnte.

Mit dieser Fähigkeit, den Handel zwischen Männern und Frauen zu etablieren, begann gewissermaßen die soziale Geschichte der Menschheit. Bis hierher habe ich in mehreren Variationen die Anfänge des Tauschs als Ergebnis des Denkens schon öfter beschrieben. Die erwähnte „andere Seite“ entfaltete sich erst später, als Konflikte zwischen Einzel-und Gruppeninteressen spürbar wurden.

Der wohl von Sokrates überlieferte Spruch: „Je mehr ich weiß, desto größer wird der Umfang dessen, was ich nicht weiß“ ist nicht nur ein kluger Spruch, sondern beinhaltet auch mörderische Konsequenzen.

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Die Kehrseite des Fortschritts

Was meines Wissens nahezu durchgängig auf der Strecke bleibt bei der Betrachtung der Evolution, ist die Kehrseite jeden Fortschritts. Zwar gibt es immer wieder Schilderungen darüber, dass schon die Neandertaler zur Ausrottung vieler Großtierarten beigetragen haben oder die Wikinger zur Entwaldung großer Landstriche wie z.B. in Island, aber dies wird selten auf die allgemeine Entwicklungsgeschichte übertragen und kommt nicht als ständige Begleiterscheinung jeden neuen Fortschritts bis heute vor. Im Gegenteil: Gerade die alte Geschichte wird als immer neue Entfaltung der Genialität von Männern geschildert.

Aber: Zwangsläufig und gleichzeitig mit ihrer neuen Verstandeskraft verloren die Menschen immer mehr ihrer noch aus dem Tierreich stammenden Autonomie und wurden zum Teil eines Netzwerkes, dessen Vorteile auf der Hand lagen, die aber die frühere Selbständigkeit immer weiter einschränkten und Verstöße bestrafte.
In den Entstehungszeiten dieser meist im Dunkeln bleibenden Seiten blieben die Konsequenzen der rasanten Entwicklungen dem Verstand der Zeitgenossen sicher noch lange verborgen. Die Individuen differenzierten sich mehr und mehr. Sie lernten die verschiedenartigen Charaktereigenschaften ihrer Gruppenmitglieder kennen, schätzen oder ablehnen. Möglicherweise entstanden hier und da schon aggressive Gefühle, die sich in Gewalttätigkeiten äußern konnten oder in irgendwelchen anderen Abweichungen, die wiederum die Reaktion der anderen hervorriefen. Die immer verbindlicher werdenden Regeln des Zusammenlebens konnten nicht mehr aufgelöst werden, weil sie inzwischen die Grundstrukturen aller Gemeinschaften bildeten. Diese Regeln waren je nach Gebiet sicher unterschiedlich, hatten aber alle den gleichen Sinn: die Nahrung und später auch die Sicherheit für alle zu ermöglichen und möglichst zu garantieren.

Mit wachsendem Hirn differenzierte sich auch das Gefühlsleben. Es bildeten sich Vorlieben für einzelne Personen und sicher auch für Sexualpartner – ohne allerdings in Regeln gefasst zu werden. Das hätte auch noch keinen Sinn ergeben, da ja Vaterschaft bis weit ins Neolithikum hinein unbekannt war und Abweichungen vom Mann-Frau-Schema in sexueller Hinsicht auch aus diesem Grund nicht mit Ablehnungen bestraft werden konnten.

(Ich muss hier vielleicht einfügen, dass ich keine Wissenschaftlerin sondern Künstlerin bin und durch jahrzehntelanges eigenes Nachdenken über die Frage: „Wo hat die Frauenunterdrückung ihren Ursprung?“ zu meinen Schlüssen gekommen bin.)

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Diese Vorgeschichte im Blick, wird verständlich, wieso diese „andere“ dunkle Seite eine ständige Begleiterscheinung der Entwicklung war und weiterhin ist. Sie konnte zwar lange verborgen bleiben und hatte zunächst sicher eher lokale Konsequenzen. Aber allmählich konnten sie doch ins Bewusstsein dringen und Protestgefühle wecken. Frauen dürften irgendwann gemerkt haben, dass sie – mit Ausnahmen – nicht schwanger wurden, solange sie stillten. Das verhinderte eine Schwächung der Ernährungslage durch zu viele Kinder und trug sehr viel später dazu bei, das Mittel der Kindstötung bewußt einzusetzen in Zeiten schlechter Ernährungslage und noch viel später im Patriarchat als Recht von Vätern, die – meist – weiblichen Neugeborenen zu akzeptieren oder auch nicht. Hier möchte ich noch einmal wiederholen, dass die Mutterschaft mit Sicherheit nicht als Bürde verstanden wurde, was oft ohne echte Belege behauptet wird, um den Anteil der Männer an der Erziehung der Kinder hervorzuheben oder darin die Unterdrückung von Frauen zu vermuten.

In den frühen Jahrtausenden wird sich die zunehmende Individualisierung und die daraus immer wieder entstehenden aktuellen Konflikte in den eigenen Gruppen abgespielt haben. Hier und da mochte sich vielleicht schon Herrschaftsverhalten ausgebildet haben. Je mehr das Gemeinschaftsleben durch Regeln geprägt wurde, desto mehr verdrängte oder nicht beachtete Konflikte konnten sich ansammeln und oft erst verspätete Wirkung entfalten. Waren vermutlich die ersten eher seltenen Zusammentreffen verschiedener Gruppen durch Neugierde geprägt, konnten sie später die Furcht wecken, es mit Fressfeinden zu tun zu haben. Noch viel später, als schon die ersten Viehherden erfunden waren, konnten solche Konflikte bei Zusammentreffen eskalieren. Es konnten Streitereien um den Zugang zu Wasserstellen entstehen, Tiere konnten geklaut werden. Söhne, die schon als Söhne erkannt worden waren, wurden unterschiedlich bewertet und es entstanden ungleich behandelte Konkurrenten, wie z.B. Kain und Abel, die ungleichen Brüder, über die noch die Bibel als Problem berichtet und zwar aus einer Zeit, in der sich das Patriarchat schon weitgehend durchgesetzt hatte. Auch die immer beschworene griechische Demokratie hatte schon den Ausschluss der Frauen und Sklaven zur Voraussetzung.

Diese Konflikte konnten sich nur entwickeln, weil das Hirn von homo sapiens nicht nur größer, sondern auch immer denkfähiger wurde. Damit lässt sich auch die Debatte beenden, ob es in frühen gleichberechtigten Zeiten Kriege gab oder nicht. Es gab eine Tendenz in der feministischen vorgeschichtlichen Literatur, Kriege ausschließlich mit dem Patriarchat zu verbinden und Frauen für vom Wesen her für friedlicher zu halten. Das lässt sich nicht aufrechterhalten, allein deswegen, weil Konflikte normalerweise aus realen Gründen entstanden. Die Lösung war meist ein Akt der Gewalt. Ein Kampf um die Wasserstellen wurde eben nicht von den Tieren ausgetragen, sondern von den Hirten, um ihre eigene Gruppe zu schützen. Die Besiegten konnten getötet werden, Schlaumeier erfanden etwas noch Besseres, schon früh die Sklaverei, und es dauerte nicht lange, bevor die Feindesfrauen in dieses System, das mit der Viehzucht allen ein offenbar sicheres ständiges Nahrungsangebot zur Verfügung stellte, ebenfalls in diese Art von Unterdrückung einbezogen und auf verschiedene Weise unterworfen wurden und ihre Selbständigkeit aufgeben mussten. Das war keine Folge des bösen Willens und keine Absicht, sondern Folge der Entwicklung der Produktionsverhältnisse.
Die Regeln des Zusammenlebens wurden immer komplizierter. Durch die neu entstandene Arbeitsteilung, die zunächst auch nur praktische Gründe hatte und sich auf die Fähigkeiten einzelner Personen beziehen konnte, entstanden so allmählich Hierarchien unter den Menschen. Das führte zu koordinierten und großartigen Erfindungen, zur Möglichkeit, immer größere Bevölkerungen zu ernähren, aber eben auch zu Ausbeutung und Unterdrückung. Insofern hatten Marx/ Engels recht in dem Punkt, als sie die Geschichte der Menschheit als eine der Klassenkämpfe bezeichneten. Allerdings entwickelten sie ein sehr mechanistisches Bild dieser Entwicklung und des Klassenbegriffs und eine völlig falsche Einschätzung über die Anfänge der patriarchalen Familien. Im Untergrund führten diese Ungerechtigkeiten, die zu Grundlagen der sozialen Strukturen wurden, irgendwann zu Aufständen oder zu Fluchten, die ihrerseits wieder neue Konflikte schufen und eines Tages immer ins Offene drängten. Sklaven gab es schon in den ersten Stadtstaaten, aber zu den Aufständen kam es erst Jahrtausende später unter den Römern. Diese zeitversetzten Folgen früherer Beschlüsse lassen sich bis heute verfolgen und haben sich im Lauf der Jahrtausende zu immer neuen Verwicklungen potenziert. Das lässt sich in verschiedenen Strängen ablesen, wie z.B. an der Stellung der Frauen. Die Unterwerfung weltweit begann im Neolithikum als Fortschritt mit Viehzucht und Landwirtschaft. Es dauerte bis ins 20. Jahrhundert, dass Frauen in den westlichen kapitalistischen Ländern Rechte zurückeroberten, dabei allerdings in die nicht von ihnen entwickelten Strukturen eingebunden blieben. Das ist nach wie vor ein ständiger politischer Kampf ums „Gedöns“. Auf der anderen Seite geht es Milliarden Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika heute schlechter als noch vor 50 Jahren, weil sie eine immer zahlreichere Masse oft ohne Bürgerrechte darstellen und sie zudem noch in vielen Ländern körperlich verstümmelt werden. Gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus gibt es in einigen Ländern nun Gesetze. Dennoch sterben in Deutschland mehr Frauen an gewaltsamen Tod als Menschen an Rechtsradikalismus oder Antisemitismus, was aber keine ähnliche Beachtung findet. In Deutschland geschieht ein sogenannter Femizid ungefähr an jedem 2. Tag, in der Türkei z.B. täglich, ganz zu schweigen von anderen Ländern wie z.B. Brasilien.

Standen sich anfangs Frühmenschen gegenüber, die sich kannten und wechselseitig einer Sache beschuldigten, konnte das in etwas größeren Gruppen schon in extreme Gewalt ausarten. Zumindest die Betroffenen kannten die Gründe und vermutlich war der Kampf mit der Niederlage einer Partei beendet.

Später übertrug sich die Problemlage auf fremde Gruppen, die sich eine Untat vorwarfen und sich nicht mehr gegenseitig kennen mussten. Aber immer noch konnte der Grund für Auseinandersetzungen konkret benannt und wahrscheinlich auch lokalisiert werden und war allen verständlich.
Mit der Staatenbildung und größerer Bevölkerung ging dieses Wissen über die Gründe der Konflikte zunehmend verloren und heute wissen vermutlich nur noch sehr wenige Herrscher und die nicht einmal vollständig, warum und zu welchem Zweck sie Kriege anzetteln. Es gibt genügend Beispiele aus den letzten 40 Jahren. Aber die eingeführten Strukturen verpflichten die Angehörigen der jeweiligen Gesellschaften, Gewalt gegen andere, die sie nicht kennen, auszuüben.
In der globalisierten Welt umfassen die Kämpfe um Vorherrschaft alle Menschen auf allen Kontinenten. Die Beteiligten können dank der modernen Technik in einem netten Haus in Ramstein sitzen und mittels einer Drohne andere einzelne Menschen oder ganze Gruppen ohne Vorwarnung tausende Kilometer weiter auslöschen. Sie werden dafür als Angestellte einer Armee bezahlt und haben vermutlich kein Gefühl mehr dafür, dass es sich um reale Menschen handelt, die sie umbringen. Vermutlich sind ihnen diese Gefühle auch vorher abtrainiert worden. Sollte das doch jemandem auffallen und dies skandalisieren wie z.B. Julian Assange, drohen ihm 175 Jahre Gefängnis in den USA. Das sind keine Themen für Talkshows, obwohl die ins Abstrakte gewendete Gewalt real ist.
Fortschritt heißt auch Klimawandel, Artensterben, Meeresverschmutzung, Hungersnöte, Megastädte, Weltkriege und in größerem Ausmaß als jemals zuvor immer wieder Frauenunterdrückung, Vergewaltigung, Versklavung ganzer Gruppen.
Diese Folgen von einstmals neuen und begrüßten Entwicklungen lassen sich endlos fortsetzen und alle Menschen dürften selber viele Geschichten auf Lager haben, die dies belegen. Die Windkraft liefert grünen Strom, tötet aber Vögel und ästhetische Gefühle und wohin mit den anfallenden Abwrack-Kosten weiß noch keiner.
Der sehr verbreite Glaube, dass wir heute alle klüger seien als unsere Vorfahren, sollte einer Revision unterzogen werden. Von irgendeinem anderen Stern aus betrachtet, könnte unsere Gesellschaft weit primitiver wirken als in der Vorzeit: werden doch Millionen junger Männer und vielfach nun auch Frauen in den Krieg geschickt, um Leute, die sie weder kennen noch fürchten oder als Feinde begreifen, zu töten und dies entweder stumpfsinnig tun oder ideologisch verblendet sich persönlich dazu berufen fühlen. Oder, als neueste Entwicklung, die Tötungsmaschinerie von der Heimat aus, gewissermaßen in Heimarbeit erledigen können. Die Selbstständigkeit und Selbstverantwortung unserer Vorfahren haben wir alle längst aufgeben müssen in einem Jahrtausende währendem Prozess, der inzwischen die ganze Menschheit und die ganze Umwelt erfasst hat. All diese Konflikte überlagern sich, schaffen oft Abhilfen, die dann bald eine vorher nicht wahrgenommene Kehrseite zeigen, gegen die dann auch etwas unternommen werden muss: Kriege bringen sich für Frieden einsetzende Institutionen hervor, verschmutze Meere Proteste dagegen, der Klimawandel Fridays for Future usw. Und niemand weiß, wie lange das alles sich noch im Überlebensgleichgewicht halten wird. Und es gibt immer wieder Männer mit Gefolgsleuten, die alte Großreiche wieder herstellen oder neue schaffen wollen.

© Helke Sander Juli 2022

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