Der Beginn aller Schrecken ist Liebe

DER BEGINN ALLER SCHRECKEN IST LIEBE

Deutsch­land 1983. 35 mm, Farbe, 117 Minuten. Produk­tion: Provobis Gesell­schaft für Film und Fern­sehen mbH mit Helke Sander Film­pro­duk­tion und ZDF. Regie: Helke Sander. Regie­as­sis­tenz: Dörte Haak. Buch: Helke Sander, Dörte Haak. Kamera: Martin Schäfer. Assis­tenz: Martin Gress­mann. Ton: Jan van der Erden. Assis­tenz: Olaf W. Liebe­gall. Schnitt: Barbara von Weiters­hausen. Assis­tenz: Sabine Jehnert, Simone Klier. Ausstat­tung: Jürgen Rieger. Requi­site: Thomas Uhl, Claudia Ketels. Kostüme: Gudrun Zöllner. Maske: Karin Patschke. Musik: Heiner Goeb­bels. Aufnah­me­lei­tung: Manfred Lehnert, Hilde­gard West­beld. Produk­ti­ons­lei­tung: Jürgen Mohr­butter. Redak­tion: Chris­toph Holch
Darsteller: Helke Sander (Freya), Lou Castel (Trau­gott), Rebecca Pauly (Irmtraut), Katrin Seybold (Anna), Monica Bleib­treu (Gisela), Uwe Bohm (Andres), Hark Bohm (Torsten), Ulrike S. (Vera), Roswitha Soukop (Marion), Claudia von Alemann, Lars Becker, Rocco Quazell, Jenny Schlenzka, Burg­hart Klaußner, Lutz Seybold, Natias Neutert, Angela Stre­se­mann, Pasqua­lino (Lino) Pinto, Gisela Stelly, Peggy Parnass, Malte Jäger
Urauf­füh­rung: 7.3.1984, Hamburg (Filmschau)

Inhalt
„Die Auto­rinnen haben sich für Freya einen Mann ausge­dacht, den sie gerne selber hätten. Er fürchtet nicht den Staats­an­walt, wenn es um die Vertei­di­gung der Menschen­rechte geht. Er nimmt Freyas häufige Abwe­sen­heiten nicht übel. Er sorgt zweimal wöchent­lich für seine kleine Tochter, die er mit ihrer Freundin Anna hat. Und er bemüht sich außerdem, das Verhältnis zu Irmtraut, in das Freya so plötz­lich einge­bro­chen ist – was beson­ders unan­ge­nehm ist, weil sich auch die beiden Frauen lange und gut kennen – nicht durch Unof­fen­heit zu vergrö­ßern.
Welch in Glück!“
Pres­se­heft des Concorde Filmverleihs

Zwei durch beruf­liche und poli­ti­sche Arbeit verbun­dene Freun­dinnen leiden an der Angst und Unent­schie­den­heit eines Mannes, der plötz­lich ihr gemein­samer Geliebter geworden ist. Die Frauen über­schätzen sich. Die eine will Offen­heit, die andere vor allem den Mann. Darüber freut sich die dritte und vierte…

Aus Kritiken

Auf der Suche nach dem Märchen­prinzen
Hüten muss ich mich. Hüten, um nicht in höchste Euphorie zu verfallen bei der Erin­ne­rung an und Rezen­sion von Helke Sanders neuem Film Der Beginn aller Schre­cken ist Liebe. Tatsäch­lich halte ich ihn für den schönsten, witzigsten und klügsten deut­schen Film der letzten Jahre.

Thema: Eifer­sucht – wer ist da nicht kompe­tent… Grande Banale. Dass Helke Sander es geschafft hat, so einen Film dazu zu machen, dafür gehört sie geküsst und gedrückt. Dass sie außerdem noch in wunder­barster Weise den Part der Haupt­figur spielt, gibt noch einen großen Blumen­strauß dazu. (…)

Schluss­szene: Freya führt zwei gesat­telte Pferde an einem Fluss­ufer entlang. Ein Frachter schiebt sich ins Bild. Freya steigt auf ein Pferd, sitzt sehr gerade, hebt die Hand an die Stirn über die Augen, wie Buster Keaton, als er in „Toll trieben es die alten Römer” dauernd um die sieben Hügel trabt, auf der Suche nach seinem Sohn, wie ein Kind beim India­ner­spiel, wie ein matter Panto­mime, „spähen” ausdrü­ckend, und aus dem Off: „Auf dem Frachter ist Trau­gott mit seiner Freundin auf dem Weg nach Südame­rika. Vorher hat er sie seiner Mutter vorge­stellt. Er nennt sich nun Wilfried. Er will jetzt ganz neu anfangen.”

Und der Film endet mit einem Gelächter einer Frau­en­stimme aus dem Off. Ein langes, echo­endes Gelächter, bei dem ich mir manchmal nicht sicher war, ob es viel­leicht auch ein Weinen war… Als das Licht im Kino­saal anging, war ich fest entschlossen, nur Lachen gehört zu haben. Die komischsten Sachen sind ja oft zu traurig. Und umge­kehrt. Das ist das Stärkste an Helke Sanders Film und ihrer Darstel­lung. Dass ich oft vor mitlei­dender Verzweif­lung raus­rennen wollte und trotzdem wie ange­wur­zelt ob der Komik der Zustände und dem komö­di­an­ti­schen Talent Helke Sanders sitzen blieb.

Reneé Zucker, in: taz Berlin, 9.Mai 1984

DER BEGINN ALLER SCHRECKEN IST LIEBE ist ein extremer Titel, eine Heraus­for­de­rung. Im Augen­blick befassen sich eigent­lich alle mit dem Beginn aller Schre­cken. Die einen behaupten, es wäre der Nach­rüs­tungs­be­schluss, die anderen, es wäre der Kommu­nismus, der saure Regen, Mangel an Voll­korn­brot. So die Autorin Dörte Haak zu dem Titel des Films, den sie zusammen mit der Regis­seurin Helke Sander geschrieben hat. Er könnte präziser nicht sein, denn er beschreibt exakt, worum es Helke Sander in ihrem dritten Spiel­film nach DIE ALLSEITIG REDUZIERTE PERSÖNLICHKEIT und DER SUBJEKTIVE FAKTOR geht: um eine Frau – Freya, gespielt von Helke Sander – die den Verdacht hat, dass es mit dem, was wir so leicht­fertig Liebe nennen, ganz andere Dinge auf sich hat. Die Freya im Film hat sich selbst zunächst eine recht einfache Aufgabe gestellt. Sie möchte die alte Frau­en­freund­schaft zu ihrer Irmtraut auch dann noch problemlos aufrecht­er­halten, als ein Mann, Trau­gott, zwischen sie tritt. Eigent­lich aber ist Freya zwischen Irmtraut und Trau­gott getreten. Heut­zu­tage unter aufge­klärten Menschen könnten solche Lapa­lien keine Rolle mehr spielen, denkt Freya.

Alle drei verrechnen sich. Dabei ist Trau­gott ein Mann, so recht nach den Bedürf­nissen eman­zi­pierter heutiger Frauen zuge­schnitten. Castel spielt ihn als freund­li­ches Kuschel­tier, der sich aller­dings auch sofort mit jedem Gericht anlegt, wenn es um die Menschen­rechte geht. Ansonsten ist Trau­gott Medi­ziner, sorgt treu und liebe­voll für seine Tochter aus einer älteren Liaison und scheint Offen­heit zu schätzen. Freya ist offen. Als Trau­gott sie plötz­lich wortlos wieder verlässt, um zu Irmtraut heim­zu­kehren, die sich auf die ange­stammten Tugenden der Weib­lich­keit besonnen hat, liest Freya zu viel Michael Kohl­haas und beharrt auf ihrem Recht zu erfahren, warum sie denn gefeuert’ worden sei, immerhin gestehe die Gesell­schaft dieses Recht auch einem Arbeit­nehmer zu. Wir merken schon – bei Freya verwirrt sich Privates mit Politischem.

Und auch darum geht es Helke Sander. Wie private Feig­heit gesell­schaft­li­chen Kata­stro­phen eine solide Basis liefert. Dass wir mit unseren Gefühlen selten auf der Höhe unseres Hirns sind, wissen wir ja. Aber was, wenn einer es versucht? Es kommt zu Hand­greif­lich­keiten, vor allem aber zu so viel Komik, wie nur entstehen kann, wenn man etwas wirk­lich ernst nimmt. Freya nimmt sich ernst. Sie will aber auch die anderen ernst nehmen. Die fühlen sich eher beläs­tigt. So beläs­tigt, dass Trau­gott sich schließ­lich in Wilfried umbe­nennt und sich nach Südame­rika einschifft – mit einer dritten Freundin. Der ange­bo­rene Flucht­in­stinkt erweist sich doch stärker als die Vernunft.

Es lässt sich auch kürzer sagen. Wer sich nicht ganz dort befindet, wo seine Gefühle gerade herum­spa­zieren, dem wird DER BEGINN ALLER SCHRECKEN IST LIEBE sehr viel Spaß machen. Wer mit seinen Gefühlen keine Probleme hat, der muss sich den Film ohnehin ansehen, damit er endlich merkt, war er bisher im Leben versäumt hat.

Bodo Fründt, in: Süddeut­sche Zeitung, 11. Mai 1984

Ausschnitt aus einer Arbeit von Ann Harris (1988):
…The asso­cia­tion between these images and the situa­tions in Sander´s story suggest a rela­ti­onship between private emotional violence and public poli­tical violence which is alluded to as well in the personal histo­ries of the characters…

Sander´s film offers a critique of the dicho­tomy of private life and public image which had allowed Trau­gott´ s mother to love his Nazi father. In a sense „The Trouble with Love“ („Der Beginn aller Schre­cken ist Liebe“) impli­cates women who play the role of passive victim as accom­plices of male violence. It is Freya´s refusal to accept this sepe­ra­tion of public and private in her own life which preci­pi­tates the dramatic conflict in the film. The character insists on an active solu­tion to her situa­tion rather than the passive response which her role as jilted lover seems to call for. Freya wants the reasons for her suffe­ring out in the open. She is more committed to forcing an honest conclu­sion to her rela­ti­onship with Trau­gott than to preser­ving the relationship.

Sander is not alone in Germany in her concern with the poli­tics of emotions. Alex­ander Kluge´s The Power of Emotions (1983) touches many of the same issues if through a very diffe­rent style of filmmaking.…

Der Film ist im Verleih vom Film­mu­seum Berlin/ Stif­tung Deut­sche Kine­ma­thek